Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Part 10

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In dem aus dem Jahre 812 datierenden Verzeichnis der auf den Gütern Karls des Großen zu haltenden Obstbäume figurieren neben den ~pomarii~, den Apfelbäumen, auch die ~pirarii~, von denen ebenfalls mehrere Sorten erwähnt werden, so süßere, frühreife und spätreife. Und der im Jahre 849 verstorbene fränkische Mönch Walahfrid Strabo, ein großer Gartenfreund, der es trotz seiner edlen Abkunft nicht verschmähte, durch tüchtiges Zugreifen, wie er selbst sagt, sich die Hände schwielig zu machen und zu bräunen, hat in einem lateinischen Gedichte „über die Pflege der Gärten“ beschrieben, wie er in seinem Garten im Juli Pfirsiche und im August Feigen, Pflaumen, Nüsse und große volemische Birnen pflücke, von denen eine die ganze Hand ausfüllt. Zu den von den Römern übernommenen Birnensorten sind dann durch die Bemühungen der Klöster und später auch der Laien zahlreiche neue hinzugekommen. So zählt Valerius Cordus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mehr als 50 in Mitteldeutschland kultivierte Sorten auf, die sich inzwischen, besonders durch die Bemühungen belgischer Obstzüchter, ganz wesentlich vermehrt haben.

Vom Obstbau der alten Kulturvölker haben wir nur eine geringe Kenntnis, da ihre Schriftsteller von solch allgemein bekannten Dingen keine Aufzeichnungen hinterließen. In Ägypten und Babylonien hat das Kernobst keinerlei Rolle gespielt, wohl aber in dem durch seine Höhenlage kühleren Persien, in welchem Lande schon zu den Zeiten des älteren Kyros (um 550 v. Chr.) die Straßen, welche von der Hauptstadt nach den Provinzen führten, mit Obstbäumen als nützlichen Schattenspendern bepflanzt waren. Schon damals hatten die persischen Großkönige die Gepflogenheit, bei feierlichen Anlässen Obstbäume mit eigener Hand zu pflanzen, -- beides Sitten, die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben.

Schon sehr frühe drang der Obstbau aus Vorderasien über Kleinasien zu den Griechen und später zu den Römern, die sich seiner mit Liebe annahmen. Schon bei Homer finden wir die zwischen den Krautgärten gelegenen Obstgärten der Vornehmen erwähnt, die in der Regel von älteren Familienangehörigen besorgt wurden. So finden wir in der Odyssee die Obhut der Obstbäume vorzugsweise Greisen anvertraut, die niedergebückt im Garten pflanzten, gruben und beschnitten. So hat sich auch der greise Laertes, Odysseus Vater, in seine Gärten zurückgezogen, und sein Genosse hierin war der gealterte Sklave Dolios, den einst Penelope von ihres Vaters Hause in dasjenige ihres Gatten Odysseus mit hinübergebracht hatte.

Der Baumgarten des Altertums war wie der Rebberg durch eine Mauer, einen Graben oder einen Zaun, später auch durch eine lebende Hecke als Privateigentum abgegrenzt. Wer nun diese Grenze nicht respektierte, machte sich eines frevelhaften Einbruchs in fremdes Eigentum schuldig. Wie schwer solche Vergehen bisweilen geahndet wurden, beweist uns die von dem griechischen Geschichtsschreiber Apollodoros berichtete Episode des Herrschers von Kalydon auf Kreta Oineus (d. h. Winzer), der seinen eigenen Sohn Toxeus (d. h. den Schützen) tötete, weil dieser es frevelhaft gewagt hatte, den Graben, der seinen Weinberg umschloß, zu überspringen.

Nach der Schilderung in der Odyssee trug Laertes bei seinen Arbeiten im Obstgarten zum Schutz seiner Beine vor Beschädigungen durch die Dornen ein Paar alter Beinschienen aus Leder und dazu einen geflickten Rock. Der Garten war von einer Dornenhecke umgeben und enthielt wohlgepflegte Apfel-, Birn-, Feigen- und Ölbäume. Ein hoher Birnbaum fiel besonders auf; unter ihm stand Odysseus nach seiner Heimkehr, eine Weile mit der Rührung kämpfend, da er seinen Vater in der Ferne beobachtet. Und als er sich ihm zu erkennen gibt, erinnert er ihn an die Zeit der Kindheit, als er ihm einst 13 Birnbäume, 10 Äpfelbäume, 40 Feigenbäume und 50 Weinstöcke zu eigener Nutznießung schenkte.

Die alten Römer nannten ihre Obstgärten nach den vorzugsweise darin kultivierten Apfelbäumen ~pomarium~, während sie den Lustgarten ~hortus~, den Blumengarten ~floralium~ und den Küchengarten mit den Gemüsen ~hortus pinguis~ oder ~rusticus~, d. h. den fetten oder ländlichen Garten nannten. In den großen Obstgärten der Reichen waren zugleich Magazine zum Aufbewahren von Obst, wie auch daran sich anschließende bescheidene Wohnungen für die Gärtnerdienst tuenden Sklaven vorhanden. Sonst wissen wir sehr wenig von ihnen, nur so viel, daß in ihnen, wie wir bald sehen werden, schon eine ganze Menge aus dem Osten importierter Fruchtbäume gediehen.

Im Mittelalter waren, wie gesagt, die Klöster die Träger und Überlieferer der altrömischen Kultur und ihrer Erzeugnisse. Sie haben sich ein besonderes Verdienst um die Erhaltung und Ausbreitung der von den Römern eingeführten Nutzpflanzen, besonders der aus dem Süden importierten Obstbäume erworben. Selbstverständlich waren die Klostergärten ebenso eingefriedigt wie diejenigen der Bauern. In einem Weistum vom Jahre 1500 wird sogar vorgeschrieben, daß der aus senkrechten Stöcken mit dazwischen geflochtenen Ruten oder schräg aufgerichteten Brettern, von denen immer mehrere durch einen senkrechten Pfahl gehalten wurden, hergestellte Zaun mannshoch sein solle. Was dann noch an Hühnern und sonstigem Geflügel hinübersteige, das dürfe der Bauer totschlagen. Nach den uns erhaltenen Zeichnungen aber ist seine Höhe für gewöhnlich nicht mehr als 1 m gewesen.

In diesen Gärten wurde nicht sehr streng zwischen Gemüse- und Obstgarten unterschieden. Oftmals wird erwähnt, daß Bäume im Kohlgarten gestanden haben. War ein besonderer Baum- oder Obstgarten vorhanden, so waren darin nur wenige Sorten vertreten, und zwar meist Äpfel und Birnen, seltener Steinobst oder gar Nüsse. Noch der römische Geschichtsschreiber Tacitus (54-117 n. Chr.) hielt in seiner ethnographischen Schilderung Germaniens dieses Land für schon zu kalt zum Obstbau, nur für Getreidebau geeignet. Die Einwohner desselben, so schrieb er, nährten sich von ganz einfachen Speisen wie wilden Äpfeln und Beeren, frischem Wildbret und saurer Milch.

Diese Lebensweise hat sich im Laufe des Mittelalters, als auch Germanien das Erbe der altrömischen Kultur antrat, gründlich geändert. Deutschland war nicht zu rauh für die Obstzucht; die Obstbäume gediehen vielmehr ganz gut, soweit sie das gegenüber den Mittelmeerländern viel rauhere Klima ertrugen. Und den Anstoß zu diesem Wechsel legten die Römer selbst durch ihre Kolonisation, die die Schätze an wertvollen Nutzpflanzen, die ihr Land durch den Import aus dem Morgenlande aufwies, über den eisumgürteten Grenzwall der Alpen hinüber in die durch ihren Reichtum an Wäldern und Sümpfen ausgezeichneten und dadurch für die Römer zunächst nur abschreckenden Länder des Nordens brachten. Auch Italien selbst war einst ein solch armes Waldland gewesen, als es von den Italikern besiedelt wurde. Und als es durch Rodung und nachfolgenden Ackerbau schon einigermaßen kultiviert war, erschien es den älteren Griechen als ein Land, das im Vergleich schon mit ihrem eigenen und noch viel mehr mit dem an Kultur viel weiter fortgeschrittenen Orient einen nordischen, primitiven Charakter trug und dessen Produktion in noch ziemlich später Zeit vorwiegend in Holz, Vieh und Getreide bestand. Noch der im Jahre 286 v. Chr. in Athen verstorbene Schüler des Aristoteles, Theophrastos von der Insel Lesbos, der Begründer der antiken Pflanzenkunde, der eine uns noch erhaltene „Naturgeschichte der Gewächse“ schrieb, rechnet Italien zu den wenigen Ländern am Mittelmeer, wo noch Schiffsbauholz vorkommt. Und als der prunkliebende König Hieron II. von Syrakus, der im Jahre 269 v. Chr. nach einem entscheidenden Siege über die sogenannten Mamertiner in seiner Vaterstadt zur Herrschaft gelangte, die er als tüchtiger Regent und Bundesgenosse der Römer bis zu seinem Tode im Jahre 215 ausübte, sich ein riesiges Getreideschiff baute, so fand sich nach dem Berichte des um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebenden griechischen Grammatikers Athenaios aus Naukratis in Ägypten nur im brettischen Gebirge in Italien ein Baum, der als Hauptmast dienen konnte. Es war dies im heutigen, aus Laricio-Kiefern bestehenden Nilawalde, der aber damals auch mit Eichen oder Buchen untermischt gewesen sein muß, da ein Sauhirt, der seine Herde zur Eichel- oder Bucheckernmast in den Wald trieb, der Auffinder dieser damals schon bemerkenswerten Rarität war.

Von ungeheuren, unwirtlichen Wäldern auf der italischen Halbinsel hören wir auch durch die römische Überlieferung. Den ciminischen Wald beim heutigen Viterbo nördlich von Rom beschreibt der römische Geschichtsschreiber Livius (59 v. bis 17 n. Chr.) unter dem Jahre 308 v. Chr., also nach der Zeit Alexanders des Großen, als so schrecklich, wie nur die später von den Römern betretenen Wälder Germaniens. Von einem ähnlichen Grauen vor diesem entsetzlichen Waldgebiete muß auch der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber Florus erfaßt gewesen sein, der wie Livius eine Geschichte Roms von der Gründung der Stadt bis zu Kaiser Augustus schrieb. Er berichtet, daß damals der Prätor C. Manlius zu Anfang des von 218-201 v. Chr. dauernden zweiten punischen Krieges zum Entsatze des von den Bojern, einem teils in Oberitalien, teils zwischen Alpen und Donau seßhaften keltischen Volksstamme, bedrängten Mutina (dem heutigen Modena) herbeirückte, sein Heer in den unwegsamen Wäldern fast aufgerieben wurde. Noch schlimmer erging es nach demselben Autor dem Prätor L. Postumius in dem litanischen Wald, aus welchem von seinem ganzen Heere nur wenige Mann den Ausweg fanden.

Und dieses Waldland Italien, das ursprünglich außer Haselnüssen, Holzäpfeln, Schlehen, Holzbirnen, Eicheln, Bucheckern und Waldbeeren keinerlei eßbare Früchte trug, schildert uns der im Jahre 116 v. Chr. geborene und 27 v. Chr. verstorbene bedeutendste Gelehrte Roms, Marcus Terentius Varro, es sei dermaßen mit aus dem Morgenlande eingeführten Fruchtbäumen besät, daß es wie ein großer Obstgarten erscheine! Edle Äpfel und Birnen, Quitten und Mandeln, Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Feigen, Granaten, Oliven, Maulbeeren, Kastanien, Walnüsse, Pistazien wurden zur römischen Kaiserzeit in Menge auf jener einst aller eßbaren edleren Früchte mangelnden Halbinsel gezogen.

Die Vermittler dieser Umwandlung, von deren Reichtum in der Folge ganz Europa bis auf unsere Tage solch großen Nutzen zog, bildeten Sklaven und Freigelassene aus Syrien, Kilikien und den verschiedenen Ländern Kleinasiens. Nach den glücklich durchgeführten asiatischen Kriegen, die eine Fülle Kriegsgefangener auf den römischen Markt brachten, wimmelte Italien von ihnen lange vor dem großen römischen Sittenmaler Juvenalis (47-130 n. Chr.), der sich in einer Satire beklagt, es sei so weit gekommen, daß der syrische Fluß Orontes sich in den Tiber ergieße. Er meint damit: Rom und seine Umgebung sei dermaßen von Syriern überschwemmt, daß man sich an den Orontes versetzt glauben könne. Diese syrischen Sklaven waren durch Arbeitsamkeit, Ausdauer und Ergebenheit gegen ihre Herren ausgezeichnet. Schon der römische Komödiendichter Plautus (254-184 v. Chr.) nennt sie das allergeduldigste Geschlecht der Menschen. Dem Kriegshandwerke abgeneigt, waren sie als Träger einer überaus alten Kultur aufs beste vertraut mit dem Aufziehen und Pflegen von Pflanzen, besonders Obstbäumen, die sie durch sachkundige Beschneidung und Düngung zu ergiebigster Fruchtbildung veranlaßten. Aufs beste verstanden sie sich auf das Veredeln, dessen Methoden uns schon von altgriechischen Autoren eingehend geschildert werden, von den späteren römischen Schriftstellern über Obstbau nicht zu reden, die sich sehr eingehend über diese Materie aussprechen. Sagt doch bereits der ältere Plinius (23-79 n. Chr.): „In der Veredelung der Bäume haben die Menschen schon längst das Höchste erreicht“, bemerkt aber dazu, daß man eine Sünde begehen würde, alles auf gut Glück durcheinander veredeln zu wollen; „denn Dornsträucher (~spina~) darf man nicht pfropfen, weil sich sonst die Blitze nicht leicht sühnen lassen und jeder Blitzschlag mit zwei-, drei- oder vierfacher Gewalt einschlägt, wenn man zwei-, drei- oder vierfach veredelt hat.“ An einer anderen Stelle meint derselbe Plinius: „Auf die Veredelung (~inserere~, d. h. einsäen) mag wohl die Natur selbst den Menschen aufmerksam gemacht haben, indem durch Vögel oder Winde öfter Samen auf Bäume gebracht werden und auf diesen gedeihen. So habe ich z. B. einen Kirschbaum auf einer Weide, eine Platane auf einem Lorbeer, einen Lorbeer auf einem Kirschbaum und allerlei der Art gesehen. Auch Kerne, die von Dohlen als Vorrat in Ritzen alter Mauern gesteckt werden, geben Veranlassung zu dergleichen Erscheinungen.“ -- Das +Okulieren+ (~inoculatio~) besteht darin, daß man von einem Baume ein Auge mit etwas Rinde abschneidet und in einen anderen Baum einsetzt, von dem man ein eben solches Stück Rinde weggeschnitten hat, Vergil (70-19 v. Chr.) lehrt auch, in dem Knoten, auf dem eine Knospe sitzt, ein Loch zu machen und eine fremde Knospe in dieses zu setzen. Beim +Pfropfen+ (~insitio~) schneidet man den Stamm mit der Säge durch, glättet die Wunde mit der Hippe (dem gekrümmten Rebmesser), schiebt das Pfropfreis zwischen Holz und Rinde, wie es von altersher geschieht, oder spaltet den Stamm und setzt die Reiser in den Spalt. Nach Cato (234-149 v. Chr.) soll man die Wunde „mit einer Mischung von Ton, Kreide, Sand und Kuhmist verstreichen.“

Ein ungenannter Grieche der klassischen Zeit schreibt in den Geoponika, einer ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen aus guten alten griechischen Schriften über Land- und Gartenwirtschaft: „Es sind drei Arten der +Veredelung+ (~enkentrismós~ von ~kéntron~ Gerte, Reis, also zu deutsch Reiseinfügung) im Gebrauch. Veredelt man so, daß man den Stamm durchschneidet, von der Wunde aus einen Keil zwischen Rinde und Holz treibt und in die so entstandene Höhlung das Reis (~énthema~) einfügt, so nennt man dieses Verfahren ~emphyllismós~ (von ~phýllon~ Blatt). Spaltet man aber den Stamm, nachdem er quer durchschnitten ist, in der Mitte und setzt das Reis in den Spalt ein, so heißt dieses Verfahren insbesondere ~enkentrismós~.

In beiden Fällen der Veredelung muß man rasch zu Werke gehen, damit weder die Wunde des Stammes, noch das Reis austrocknet. Die Reiser, welche man einsetzt, müssen zweijährig sein und die Dicke eines kleinen Fingers haben und sich in zwei oder drei Enden teilen; die einjährigen wachsen zwar leicht an, sind aber unfruchtbar. (Im Mittelalter dagegen verwendete man gleich heute, wie beifolgender alter Holzschnitt zeigt, stets einjährige Edelreiser, die natürlich vollkommen fruchtbar sind. Man schneidet sie im Winter, in der Zeit der Knospenruhe, ab und bewahrt sie meist in feuchtem Sand, damit sie nicht zu stark eintrocknen, und pfropft damit beim Trieb im Frühjahr.) Die Reiser werden zehn oder mehr Tage vor der Veredelung von ihrem Baume geschnitten und in einem gut zugedeckten Topfe aufbewahrt, damit sie nicht zu sehr eintrocknen. Die Knospen müssen an ihnen noch geschlossen sein, an dem zu veredelnden Baume aber eben aufbrechen wollen, wenn man die Reiser einsetzt, und eben deswegen müssen die Reiser schon vorher abgeschnitten sein. Es zeigt auch die Erfahrung, daß sie weit leichter anwachsen, wenn sie nicht mehr frisch sind. Der Grund dieser Erscheinung ist darin zu suchen, daß sie in ganz frischem Zustande, weil voll Saft, auch dicker sind; würde man sie so einsetzen, so würden sie in der ersten Zeit, ehe sie anwachsen, noch schwinden, wodurch Ritze entstehen würden, in welche die Luft eindringen kann. -- Werden Reiser in die Ferne verschickt, so tut man sie in einen Topf, dessen Boden mit feuchtem Ton bedeckt ist. Man steckt sie in den Ton, schließt den Topf und verstreicht gut alle Fugen am Deckel.“

Die Technik des Pfropfens war bei den alten Griechen und Römern zu einer in der Jetztzeit kaum wieder erreichten Virtuosität ausgebildet. Man glaubte damals, soweit man sich nicht durch abergläubische Erwägungen, von denen Plinius eine erwähnt, bestimmen ließ, jedes beliebige Reis auf jeden beliebigen Baum pfropfen zu können, und erreichte damit auch in der Tat Erstaunliches. So will derselbe Plinius einen Baum gesehen haben, der an seinen verschiedenen Ästen mehrere Äpfel- und Birnensorten, Granaten, Feigen, Weintrauben, Oliven und Nüsse zugleich trug; doch soll er nicht lange gelebt haben. Schon beim römischen Dichter Vergilius Maro (70-19 v. Chr.) trägt die Platane Äpfel, die Esche Birnen, der Erdbeerbaum Nüsse und die Ulme Eicheln, und bei Palladius, um 380 n. Chr., ist in seinem Buche über den Landbau kein Baum, von dem nicht ausgesagt würde, er könne die und die fremden Früchte zu tragen gezwungen werden.

Über diese Virtuosität, die Natur zu vergewaltigen und zu mißbrauchen, wie er sich ausdrückt, entsetzte sich zwar mancher, wie der biedere Plinius, als über einen den Zorn der Götter wachrufenden Frevel. So aberwitzig auch solche Künsteleien erscheinen mochten, so hatten sie doch das Gute, die Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit der einst in Italien fremden, nun aber durch die regen Verbindungen mit dem an Fruchtbaumsorten so reichen Orient hier eingebürgerten Früchte immer weiter zu steigern. Wenn die römischen Aristokraten nach Ablauf ihres Jahres aus Syrien oder einer anderen der an der Ostgrenze des Reiches gelegenen Provinzen heimkehrten und manche angenehme Frucht, die dort auf ihre Tafel gekommen war, nach Italien und auf ihre Villen zu versetzen wünschten, so hatten sie in ihren syrischen, kleinasiatischen und persischen Sklaven außerordentlich erfahrene und geschickte Gärtner, die ihnen beim Großziehen und Veredeln der mitgebrachten Pflanzenschätze behilflich waren und zur Belohnung dafür die goldene Freiheit oder wenigstens eine gnädige, milde Behandlung erwarten durften.

So hat der Orient, dem wir die Gewinnung der meisten Fruchtsorten, die Kaprifikation der Feige, die Füllung der Rosen, Violen und anderer Blumen und die Hochzuchten zahlreicher Gemüsearten verdanken, durch seine infolge Kriegsunglückes in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten nach dem Herrenlande Italien verbrachten gartenkundigen Einwohner diese ihre neue Heimat aufs weitgehendste mit neuen gärtnerischen Zuchtprodukten befruchtet. Und aus Italien brachten die Römer die ihnen zu Hause liebgewordenen Fruchtarten in ihre nördlichen und westlichen Provinzen, die sie damit beschenkten, indem sie dieselben dort anpflanzten und heimisch werden ließen. So war es mit den verschiedenen Äpfel- und Birnensorten, wie noch mit so mancher anderen Fruchtart, mit der wir uns im folgenden zu beschäftigen haben, der Fall.

Welchen Fortschritt die Kultur dieser beiden so wichtigen Fruchtbäume im Altertum gemacht hat, lehrt uns folgende von F. Unger aufgestellte Zusammenstellung, die wir allerdings nicht belegen. So kannten

Theophrast (um 300 v. Chr.) von Äpfeln 2, Birnen 3 Sorten, Cato d. ältere (um 160 v. Chr.) „ „ 7, „ 6 „ Plinius d. ältere (um 70 n. Chr.) „ „ 36, „ 41 „ Palladius (um 380 n. Chr.) „ „ 37, „ 56 „

Diese sind dann in der Folge um mehr als das Dreißigfache vermehrt worden, so daß man gegenwärtig von jeder Art über 1500 Spielarten zählt, die sich durch Größe, Gestalt, Farbe, Konsistenz, Geschmack und Zeit der Reife oft außerordentlich voneinander unterscheiden.

Zu den durch die Vermittlung der Römer dem Europa nördlich der Alpen verschafften Obstbäumen des Orients gehört auch die mit den Äpfeln nahe verwandte +Quitte+ (~Cydonia vulgaris~), die heute noch in den Wäldern des nördlichen Persien beim Kaspischen Meer, südlich vom Kaukasus in Armenien und Kleinasien wildwachsend mit kleinen, unscheinbaren, gelben Früchten gefunden wird. In ihrer Heimat ist sie schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend von einem uns unbekannten Volke in Pflege genommen und zu einer großfrüchtigen Kultursorte umgewandelt worden. Dem babylonisch-ägyptischen Kulturkreise blieb auch dieser Obstbaum fremd, schon weil er als die Kühle liebender Gebirgsbaum die anhaltende Wärme der Niederungen nicht ertrug. Schon zu Beginn des letzten christlichen Jahrtausends muß er westwärts gewandert und in Kleinasien gepflanzt worden sein. Seine früheste urkundliche Erwähnung findet er bei dem aus Lydien gebürtigen griechischen Dichter Alkman ums Jahr 650 v. Chr. Dann nennt ihn ums Jahr 600 v. Chr. der griechische Dichter Stesichoros aus Sizilien in seinem Stücke Helena und 50 Jahre später der durch Schillers Ballade uns allen wohlbekannte Dichter Ibykos aus Rhegion in Unteritalien. Also war diese Frucht und der sie hervorbringende Baum schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert den Griechen allgemein bekannt. Sie bezeichneten ihn als ~mḗlon kydṓnion~, d. h. kydonischen Apfel (woher der noch heute geltende botanische Gattungsname ~Cydonia~ herrührt), weil sie ihn zunächst aus dem Gebiete der Kydonen an der Nordwestküste Kretas bezogen. Dahin war er einst von der karischen Südküste Kleinasiens als ein der Liebesgöttin heiliger Fruchtbaum gelangt. Als dann die Griechen den Fruchtbaum in Pflege nahmen, weihten sie seine von ihnen meist nur als „goldene Äpfel“ bezeichneten Früchte gleichfalls ihrer Liebesgöttin Aphrodite und benutzten sie als Geschenk bei Liebesspielen und als bräutliche Gabe. Bei der Hochzeit trug die Griechin der alten Zeit die der Liebesgöttin geweihte Quitte als Unterpfand einer glücklichen Ehe in der Hand und brachte sie ihrem Gatten als Zeichen dafür, daß sie sich nunmehr dem Dienste der Aphrodite weihe, ins Haus, eine Sitte, die der berühmte, zu den sieben Weisen gerechnete Gesetzgeber der Athener, Solon (639 bis 559 v. Chr.), zum offiziellen Hochzeitsritus erhob und die sich in Attika im Laufe der Jahrhunderte durch allen Wechsel der Zeiten bis auf den heutigen Tag erhielt.