Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte
Part 14
Der Mandelbaum, der in bezug auf Kälte noch empfindlicher ist als der Pfirsichbaum, scheint also auch in der Karolingerzeit nur ausnahmsweise und wohl nur in einigen besonders warmen Landesteilen gezogen worden zu sein. Obwohl er gegenwärtig am Oberrhein und in der Rheinpfalz recht gut gedeiht und seine Früchte reift, so pflegen wir doch auch heute noch die Mandel zu den Südfrüchten zu zählen. Ähnlich war es im Mittelalter. Die Mandeln, welche damals in Deutschland konsumiert und zu medizinischen Zwecken verwendet wurden, stammten wohl größtenteils, wie heute noch, aus Italien. Die Bewohner Nordfrankreichs dagegen scheinen ihren Bedarf an Mandeln außer aus den südlichen Teilen des eigenen Landes namentlich aus Spanien bezogen zu haben, wie die Geschichte des altfranzösischen Namens ~almande~ vermuten läßt.
Die nahe Verwandtschaft zwischen Mandel und Pfirsich spricht sich auch darin aus, daß beide sehr leicht gekreuzt werden können und auch dann noch reichlich Früchte tragen. Wie der Pfirsich seine rosenroten, treibt auch die Mandel ihre weißen Blüten vor der Entfaltung der Blätter, damit diese um so ausgiebiger von den Bienen befruchtet werden. Wie in den Mittelmeerländern wird auch im Süden der Vereinigten Staaten, besonders in Kalifornien, die Mandelkultur manchenorts im großen getrieben.
In den lichten Wäldern Transkaukasiens und Armeniens ist die wegen ihrer süßen, saftigen Trauben so geschätzte +Weinrebe+ (~Vitis vinifera~) zu Hause, wo sie heute noch wild, wenn auch mit kleinen und wenig schmackhaften, etwas herben Früchten gefunden wird. Als Schlingpflanze rankt sie sich wie bei uns die Waldrebe von Baum zu Baum und klettert in die Wipfelregion ans Licht empor. Hier ist sie wohl zuerst durch Kulturauslese veredelt und zur Kulturpflanze mit großen, süßen Früchten gemacht worden. Doch ist Westasien nicht die ausschließliche Heimat dieser Waldliane. Ihr Vorkommen reicht von hier ostwärts bis in das gemäßigte Mittelasien hinein und westwärts über ganz Südeuropa und einen Teil Mitteleuropas. Doch wurde sie hier nirgends kultiviert, sondern, wie Funde aus Südfrankreich, der Schweiz und Norditalien beweisen, wurden ihre Früchte schon zur Steinzeit gelegentlich vom Menschen gesammelt und gegessen, wo wir dann zur Seltenheit einmal ihre harten Samen unter dem Speiseabfall seiner Niederlassungen finden. Immerhin sind manche Angaben über das Wildvorkommen der Rebe in Süd- und Mitteleuropa mit Vorsicht aufzunehmen, da diese Kulturpflanze in den Weinbau treibenden Ländern leicht verwildert und dann als dort heimisch angesehen wird. So ist es sehr zweifelhaft, ob die in Baden und im Elsaß gefundenen angeblich wilden Reben wirklich ursprünglich wild wachsend oder nicht bloß seit der Einführung des Weinstocks in diesen Gegenden verwildert sind, was immerhin das wahrscheinlichste sein dürfte, da sonst wilde Reben in Deutschland außerhalb der Weinbauregion noch nicht nachgewiesen werden konnten.
Der heute über die ganze Welt ausgedehnte Rebbau hat seinen Ursprung in den Ländern südlich des Kaukasus und des Kaspisees genommen, wo die wilde Rebe ganz besonders üppig gedeiht und den Menschen geradezu zu ihrer Domestikation auffordert. Von Armenien kam er im 4. vorchristlichen Jahrtausend nach Babylonien, Syrien und Palästina und läßt sich von der 5. Dynastie, d. h. seit 2700 v. Chr. an auch in Ägypten nachweisen. Über Kleinasien und Griechenland wanderte er dann, wie wir später bei der Besprechung des Weinbaus eingehender sehen werden, nach Italien und von da nördlich der Alpen zu den gallischen und rätischen Stämmen und zuletzt zu den Germanen.
Alle Ausdrücke dieser Völker, die auf den Weinbau Bezug haben, sind dem Lateinischen entnommen von ~vindemia~ (franz. ~vendange~) Wingert oder Weinlese bis ~mustum~ (franz. ~moût~) Most und ~vinum~ (franz. ~vin~) Wein.
Sehr zahlreich sind die Anweisungen der antiken Ackerbauschriftsteller über die beste Art des Rebbaus. Schon der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebende griechische Dichter Hesiod singt: „Wenn der Frühling beginnt und die Schwalbe kommen will, dann mache dich ans Beschneiden der Weinstöcke (~oínē~),“ und „wenn der Orion und der Sirius bis zur Mitte des Himmels steigen, dann ist die Zeit da, in der du die Trauben abschneiden und nach Hause bringen mußt.“ Varro und Columella berichten eingehend über die Anlage des Weingartens (~vinea~) und die Behandlung der Rebe (~vitis~). Letzterer meint: „Die Zahl der verschiedenen Weinsorten ist so zahllos wie die Sandkörner der libyschen Wüste; denn jede Gegend und fast jeder kleine Ort hat seine besonderen Sorten und für diese besondere Namen. Manche haben auch ihren Namen geändert, indem sie anderswohin versetzt wurden; manche haben in ihrer neuen Heimat ihre Eigentümlichkeit verloren, so daß sie der Ursorte gar nicht mehr ähnlich sind. Ganz richtig haben schon Cato und nach ihm Celsus gesagt, man solle nur Weinsorten pflanzen, die in gutem Rufe stehen, und solle sie nur in dem Falle behalten, daß sie sich als gut bewähren. Für einen recht günstigen Standort müssen wir recht edle Sorten wählen, für einen ungünstigen aber solche, die große Mengen von Trauben zu geben pflegen.“
Wie von jeher die Orientalen, so waren auch die alten Griechen und Römer große Liebhaber der Traube, die von ihnen als die edelste der Früchte gepriesen wurde. Um solche möglichst lange essen zu können, wurde sie frisch oder gedörrt und auf die mannigfaltigste Weise konserviert aufbewahrt. Verschiedene solche Verfahren beschreibt Columella. Von seinen zahlreichen Angaben über die Aufbewahrung von Trauben wollen wir hier einige anführen: „Um Trauben (~uva~) ein Jahr lang frisch zu erhalten, verpicht man ihren Stiel sogleich, wenn man sie vom Stocke geschnitten hat. Dann füllt man ein neues irdenes Gefäß mit recht trockener Spreu, die man durch Sieben vom Staube gereinigt hat, und legt die Trauben darauf. Alsdann bedeckt man das Gefäß mit einem andern, verpicht die Fuge mit Lehm, der mit Spreu vermischt ist, stellt das Gefäß auf ein recht trockenes Gestell und bedeckt es mit trockener Spreu. Eine andere Art, Trauben frisch zu erhalten, ist folgende: In einen großen Tonkrug (~dolium~) wird eingedickter Most gegossen, über diesen werden Stöcke in die Quere eingeklemmt, die jedoch den Most nicht berühren dürfen. Auf diese Stöcke werden neue irdene Schüsseln gesetzt und in diese die Trauben so gelegt, daß sie einander nicht berühren. Dann werden die Deckel auf die Schüsseln gelegt und verstrichen. Nächstdem setzt man neue Stöcke über den Schüsseln ein und auf diese neue Schüsseln, und fährt so fort, bis das ganze Faß voll ist. Endlich setzt man den Deckel auf, der gut gepicht und inwendig tüchtig mit eingedicktem Most bestrichen wird, worauf man die Fugen noch mit Asche verklebt. Andere tun eingedickten Most in das Tongefäß, stemmen Stöcke hinein, hängen die Trauben an die Stöcke, so daß sie den Most nicht berühren, legen den Deckel auf und verstreichen ihn. Andere legen Trauben schichtweise in Gerstenkleie, oder Sägemehl von Pappeln oder Tannen, oder Gipsmehl. Mein Onkel Marcus Columella (zu Gades in Spanien) tat die Trauben in große Tonkrüge, die in- und auswendig stark gepicht waren; sie durften einander nicht berühren und von jeder war der Stiel in siedendes Pech getaucht. War der Deckel aufgelegt und die Fuge mit Gips verstrichen, so wurde auch der Gips noch tüchtig gepicht, so daß durchaus keine Feuchtigkeit eindringen konnte. Nun wurden die Krüge in Quell- oder Brunnenwasser gestellt und so mit einem Gewichte beschwert, daß sie ganz unter der Oberfläche blieben. Auf solche Weise halten sich die Trauben vortrefflich, müssen aber, wenn sie herausgenommen sind, gleich gegessen werden, weil sie sonst sauer werden. Als allgemeine Regel muß noch die aufgestellt werden, daß man Äpfel und Trauben nicht an demselben Orte aufbewahren darf, ja daß der Geruch der Äpfel nicht einmal aus einiger Entfernung die Trauben erreichen darf, denn er verdirbt sie.“
Häufig wurden auch Traubenbeeren und ganze Trauben an der Sonne getrocknet (~uva passa~) und dann in Töpfen aufbewahrt. Vielfache Verwendung fand in der griechischen und römischen Küche auch der durch Kochen eingedickte Traubenmost (~defrutum~), wie auch der aus sauer gewordenem Wein hergestellte Essig (~acetum~).
Alle diese Produkte hat schon vorher der Orient gekannt und benützt. So sind von der Traube gelöste, getrocknete Weinbeeren seit der Zeit der Pyramidenerbauer, d. h. seit dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends, häufig als Wegzehrung den Toten mitgegeben worden und finden sich teilweise so gut in den altägyptischen Gräbern erhalten, daß sich der Zucker darin noch nachweisen läßt.
Wie die Rebenkultur heute in Mitteleuropa betrieben wird, ist genugsam bekannt, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge hier zu bemerken, daß der Weinstock einer sorgfältigen Pflege bedarf, viel Sonne und einen kalkreichen, steinigen, d. h. viel Wärme verschluckenden Boden verlangt. Aber wenn auch alle diese Bedingungen erfüllt sind, ist die Rebe, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur dann wirklich ertragreich und liefert wertvolle Trauben, wenn sie richtig geschnitten wird. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge, die meist mit drei Augen, d. h. Knospen zur Verwendung gelangen. Das unterste derselben wird in die Erde gesteckt; die beiden andern treiben aus und geben je nach der Kraft des Triebes mehr oder weniger lange Schosse, die man im Herbst zurückschneidet, und zwar den oberen so, daß 8-9 Augen bleiben, die anderen aber viel weiter zurück, so daß nur zwei Augen bleiben. Jenes Reis ist das Tragholz für das nächste Jahr; denn die an ihm befindlichen Augen entwickeln Triebe, welche nach dem 4. oder 5. Blatte Blüten erzeugen. Man läßt an diesen Trieben nur eine bestimmte Zahl Blätter stehen, nach dem 2. oder 3. oberhalb der letzten Blütentraube bricht man den Schoß ab, um nicht unnütz Nährstoffe nach dem fernerhin nicht weiter brauchbaren Triebe gelangen zu lassen. Hat das Tragholz, der sogenannte Schenkel, abgetragen, so schneidet man dasselbe mit dem hakenförmig gekrümmten Rebmesser ab, das die Römer der Kaiserzeit in Gallien und in den von den Legionären aus Gallien und Hispanien am linken Rheinufer gepflanzten Rebbergen schon in gleicher Weise besaßen wie wir heute noch, die wir ja einst die ganze Rebkultur mit allen Geräten und diesbezüglichen Bezeichnungen von jenen übernahmen.
Während das Tragholz im Sommer seine Früchte an den Seitentrieben zeitigte, entwickelte der oben erwähnte, kurz auf zwei Knospen zurückgeschnittene „Zapfen“ aus demselben wieder zwei lange Triebe, die man bis zum Herbste auswachsen läßt. Sie können eine sehr beträchtliche Länge erreichen und bringen Blätter und in den Achseln derselben Knospen hervor. Von ihnen treiben in demselben Jahre alle, ausgenommen die obersten, in Form von schwachen Zweigen aus, die „Geize“ genannt werden. Da diese im ersten Jahre überhaupt nicht zum Blühen kommen, und auch im zweiten Jahre, wenn sie zu Tragholz werden, auch nur schwächlich blühen würden, schneidet sie der Weinbauer weg, läßt ihnen aber meist 2-3 Blätter. Diesen letzteren kommt nämlich eine doppelte Bedeutung zu. Es entsteht nämlich neben dem Geize eine zweite Knospe, die sich als eine Achselknospe aus dem untersten Schuppenblatte äußerst kräftig entwickelt und einerseits zu ihrer Ernährung der beiden Blätter des bei ihr stehenden Geizes bedarf, andererseits aber auch leicht zum Austreiben käme, wenn man den Geiz bis zum Grunde entfernen würde.
Im Herbst wird nun wieder an den beiden Schossen des Zapfens der Schnitt in der Weise ausgeführt, daß der obere mit 8-10 Augen zum Schenkel wird und im nächsten Jahre das Tragholz liefert; die untere wird dagegen abermals zum Zapfen. An den in den Treibhäusern gezogenen Reben schneidet man das Tragholz viel weiter zurück, so daß an dem bis zu 15 Jahren tragfähigen Haupttrieb seitlich knorrige Stümpfe stehen bleiben, aus denen dann eine neue Tragrebe gezogen wird. Hier läßt man meist auch nur zwei Trauben zur Ausbildung gelangen. Durch Auspflücken der zu reichlichen Beerenanlagen bringt man es dahin, daß die bleibenden zuweilen eine ganz außergewöhnliche Größe erreichen. So hat man in England durch die sorgfältigste Pflege und reichliche Düngung Trauben von über 7,5 kg Schwere mit pflaumengroßen Früchten gezogen, die jedenfalls diejenigen, die die Kundschafter der Juden aus dem Lande Kanaan brachten, noch weit übertreffen.
Noch jetzt ist jenes den Israeliten bei ihrem Zuge durch die Wüste gelobte Land, Palästina, ein vorzügliches Weinland, wo die Kultur der Rebe heute noch wohl in derselben Weise wie vor 4000 Jahren betrieben wird. Die Weinberge sind meist auf hügeligem Gelände angelegt, weil die terrassenförmig aufsteigenden Hänge dem Weinbau günstig sind und dieses Terrain sich weniger für Getreidebau eignet. Doch ist auch viel flaches Gebiet mit Reben bepflanzt und zahlreiche Namen von Ortschaften, die heute keinen Rebbau mehr haben, weisen darauf hin, daß dies früher, vor der dem Wein feindseligen muhammedanischen Invasion noch der Fall war. Zum Schutze gegen Menschen und Tiere, unter welch letzteren besonders die Füchse zu nennen sind, die sich bei der Traubenreife als ungebetene Gäste zum Schmause einstellen, werden die Weinberge im Orient mit 1-2 m hohen trockenen Steinmauern, die noch mit Dornen bewehrt sein können, oder mit lebenden Hecken von dem aus Amerika eingewanderten Feigenkaktus umgeben. Mitten darin baut man aus losen, unbehauenen Steinen einen 5-6 m hohen Turm, der oben eine von Laubwerk oder Matten beschattete Hütte trägt, wo der Weinbauer bei der Traubenreife sein Lager aufschlägt, um den Weinberg, den er von hier aus gut zu übersehen vermag, Tag und Nacht zu überwachen. Da diese Hütten häufig erneuert werden müssen, so erscheinen sie schon einem Hiob (27, 18) als Bild der Vergänglichkeit.
In den Weinbergen Palästinas werden nicht nur Reben, sondern auch andere Fruchtträger, wie Feigen-, Aprikosen-, Pfirsich- Apfel-, Birn-, Mandel-, Quitten- und Granatbäume gepflanzt, deren Früchte verführerisch locken. Da bleibt dem Fellachen, d. h. Bauern, bei der diebischen Natur seiner Volksgenossen nichts anderes übrig, als diese Schätze sorgfältig zu bewachen; denn was er nicht hütet, erntet er auch nicht. Schon die unreifen Trauben und Früchte überhaupt liebt der Morgenländer wie unsere Kinder sehr, indem er sie entweder roh oder mit Essig und reichlich Olivenöl angemacht als Salat ißt. So zieht der Winzer bei der Fruchtreife mit Sack und Pack in die Weinbergshütte hinaus, um hier mit seiner Familie so lange zu hausen -- das Kleinvieh bringt er in den kühlen Nächten im dunkeln Raum des Wachtturmes unter dem Turmabschluß, wo er Wache hält, unter --, bis alles aufgegessen oder verkauft ist.
Bei der Neuanlage eines Rebbergs werden die Stecklinge als etwa 1,3 m lange Ruten gewöhnlich Ende Februar in 50 cm tiefe und 20 cm breite Gruben in 2-4 m allseitiger Entfernung versenkt. Eine solche Neupflanzung trägt dann im dritten Jahre die ersten Trauben. In manchen Gegenden, besonders in der Ebene, läßt man die Reben am Boden liegen, in andern zieht man sie aufrecht an Fruchtbäumen irgend welcher Art oder an Pfählen in die Höhe. Schon im Februar wird der Rebberg, nachdem die Erde durch mehrmaligen Regenfall genügend erweicht ist, mit dem schon von den Vorfahren vor einigen tausend Jahren gebrauchten primitiven hölzernen Hakenpflug gepflügt oder, wo dieser nicht hinkommen kann, mit der Hacke gelockert und die Reben bis auf wenige kurze Ruten mit kräftigen Augen beschnitten. Im Laufe des Frühjahrs wird das Land noch zwei- bis dreimal zur Beseitigung des Unkrauts und zur Auflockerung des Bodens gepflügt oder behackt. Nach vollendeter Traubenblüte entwickelt sich dann üppiges Laubwerk und es treiben bis 3 m lange Schößlinge, deren Spitzen nach Bedarf entfernt werden.
Die Trauben, die in der Ebene schon im Juni, im Gebirge erst im Juli zu reifen beginnen, erlangen nach ihrer Reife eine Länge von zwei Spannen und ein Gewicht von 1,5 kg mit großen, feinhäutigen, saftigen Beeren. Sie werden, weil den Einwohnern als rechtgläubigen Muhammedanern der Genuß des Weines verboten ist, entweder an Ort und Stelle gegessen oder auf den nächsten Markt zum Verkaufe gebracht, wo sie nicht mehr als höchstens 8 Pfennige das Kilogramm kosten. Mancherorts wird der Überschuß zu Rosinen, Traubenhonig und Traubenkuchen verarbeitet, um als solche in den Handel gebracht zu werden; die Beeren mancher nichtreifender Sorten dagegen werden zur Herstellung einer süßen Limonade, wie sie sonst aus Zitronensaft bereitet wird, verwendet.
Die zu Rosinen bestimmten Trauben werden korbweise in ein Gefäß mit geklärtem Laugenwasser, dem etwas Öl beigegeben ist, getaucht und auf einem geebneten Dörrplatz im Weinberg oder auf Matten ausgebreitet 10-15 Tage lang zum Dörren der Sonnenhitze ausgesetzt. Die Benetzung mit Lauge und Öl hat den Zweck, daß die Rosinen schön weich und von der Sonne nicht allzusehr verbrannt werden, sie zugleich auch einen gewissen Glanz erhalten. Zuletzt werden sie von den Stielen abgelesen und nach der Größe sortiert.
Der Traubenhonig wird in der Weise gewonnen, daß der ausgepreßte Traubensaft mit einer weichen Kalksteinmasse vermischt, umgerührt und über Nacht stehen gelassen wird. Dabei verbindet sich die Weinsäure mit dem Kalk zu einer unlöslichen Verbindung und wird bei diesem Vorgange zugleich der aus Pektin bestehende, die Lösung trübende Pflanzenschleim niedergeschlagen. Der so durch den Kalk geklärte und in seiner Herbe gemilderte Saft wird dann abgeschöpft und bis zu Sirupdicke eingekocht. 100 Teile Trauben geben etwas mehr als 20 Teile Traubenhonig, der sehr gern als Zukost zum Brot verspeist wird und pro Kilogramm nur 20-30 Pfennige kostet.
Die Traubenkuchen werden teilweise ähnlich wie der Traubenhonig bereitet. Den durch den kohlensauren Kalk der Kalksteinmasse abgeklärte und von der Säure befreite Traubensaft läßt man etwas einkochen und rührt Mehl oder Gries und hernach Pinien- oder Kiefernsamen hinein. Der so entstandene dicke Brei wird auf Tücher gestrichen, an der Sonne getrocknet, um als dünne Fladen abgenommen und verspeist zu werden. 1 kg kostet in Palästina etwa 1.50 bis 1.80 Mark.
Auch die christlichen Araber produzieren wenig Wein, um so mehr aber die in Palästina niedergelassenen Europäer, besonders die als höchst wertvolle Erwerbung des Landes daselbst ihre Kolonien gründenden Templer, die meist aus dem Schwabenlande stammen und das solide deutsche Bauerntum nach dem Morgenlande verpflanzten. Der Palästinawein ist ein sehr kräftiges Getränk von etwas herbem Geschmack. Weinkeltern (vom lat. ~calcatura~), wie sie die Kanaaniter und Israeliten hatten und wie man sie noch in manchen Weinbergen sieht, werden nicht mehr benutzt. Es waren dies zwei in Felsen gehauene Becken, von denen das größere, in welchem die Trauben mit den Füßen ausgetreten wurden, etwa 4 m auf jeder Seite mißt. Dasselbe wurde gelegentlich auch zum Ausdreschen von Getreide benützt. Sein flacher Boden neigt nach einer Ecke, wo eine Rinne es mit dem kleineren, tiefer liegenden Becken zur Aufnahme des Mostes (aus dem lateinischen ~mustum~) verbindet. Von da aus wurde dieser in mit nach innen gekehrtem Fell gebildete und mit Harz oder Pech verstrichene Schläuche aus Tierhaut gefaßt, oder man goß ihn, wie die christlichen Araber noch immer tun, in irdene Gefäße und leerte ihn nach der Gärung mit Zurücklassung der Hefe in andere Gefäße. Der Araber, der alles Süße liebt, zeigt eine Vorliebe für süßen und starken Wein, den er aus Trauben keltert, die 14 Tage lang schön ausgebreitet in der Sonne lagen. Der daraus gepreßte Saft ist süß, zugleich aber stark berauschend. Wenn die Araber Weinmost lange aufbewahren wollen, so pflegen sie ihn zu kochen und dann erst in Tonkrüge zu füllen, in die oben am Halse etwas Olivenöl als Verschluß hinzugefügt wird. Das Weinbereitungsgeschäft vollzieht sich im Morgenlande noch rascher als im Abendlande, da die zerdrückten Trauben schon nach 6-12 Stunden in Gärung übergehen und also nicht lange stehen bleiben dürfen.
Weitere aus Asien zu uns gelangte Fruchtbäume sind die mit den Ulmen-, Nessel- und Feigengewächsen verwandten +Maulbeerbäume+. Lange vor dem aus Ostasien stammenden weißen ist der westasiatische +schwarze Maulbeerbaum+ (~Morus nigra~) ins Mittelmeergebiet und von da aus nach Mitteleuropa eingeführt worden. Seine ursprüngliche Heimat deckt sich mit derjenigen der Kulturrebe und erstreckt sich vom Gebirgsland von Armenien bis gegen Persien. Er erschien zu Ende des 6. vorchristlichen Jahrhunderts in Griechenland und von da ein Jahrhundert später auch in Italien. Schon der Dichter Aeschylos, der im Jahre 456 v. Chr. in Sizilien starb, spricht in zweien seiner Tragödien von ~môra~ (~plur~. von ~môron~), die später auf Maulbeeren bezogen wurden, aber im gewöhnlichen Sprachgebrauch Brombeeren heißen. Im Volksgebrauch sind nämlich die Maulbeeren wegen ihrer Gestalt und Färbung zunächst als Brombeeren bezeichnet worden. Dem diese Früchte tragenden Baum aber gaben die Griechen, weil er völlig verschieden von der Brombeerstaude war, den Namen ~sykáminos~. Dies war aber eigentlich ihre Bezeichnung für die +Sykomore+ oder den +Maulbeerfeigenbaum+ (~Ficus sycomorus~), der ursprünglich in Ägypten zu Hause war, aber früh in Westasien von Palästina, Syrien und Cypern bis nach Karien und die Insel Rhodos angepflanzt wurde. Die Griechen lernten ihn dort auf ihren Handelsfahrten kennen und bildeten aus dem syrischen Namen der Früchte ~schikmim~, einem Pluralis, mit Anlehnung an die griechische Bezeichnung für Feige ~sýkos~ ihr ~sykáminos~ als Namen für den Baum.
Als nun der Maulbeerbaum bei seinem Vordringen nach Westen zu den Griechen der kleinasiatischen Küste gelangte, nannten sie ihn wegen der Ähnlichkeit der Blätter und seiner ganzen Gestalt mit der Sykomore eben auch ~sykáminos~. Nicht nur in der Naturgeschichte der Pflanzen des Theophrastos (390-286 v. Chr.), sondern noch bei späteren Schriftstellern werden beide Bäume mit demselben Worte bezeichnet. Der zur Zeit Cäsars und Augustus lebende griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien unterschied zuerst die beiden Fruchtbäume, indem er erklärte, es gebe zwei Arten ~sykáminos~: die eine trage brombeer-, die andere feigenähnliche Früchte. Zum Unterschiede von der eigentlichen Brombeere (~môron~) nannte man die Früchte der brombeerfrüchtigen ~sykáminos sykómōron~. So entstand der jüngere Name des Maulbeerbaums ~sykómoros~, welcher bald als vollkommen gleichbedeutend mit ~sykáminos~ gebraucht und auch auf den ägyptischen ~sykáminos~, den Maulbeerfeigenbaum, ausgedehnt ward, der davon heute noch Sykomore heißt. Das gemeine Volk aber blieb bei der Bezeichnung ~môron~ (Brombeere) für Maulbeere und unter diesem Namen kam die Frucht von den Griechen Unteritaliens zu den Römern, die den Namen um so williger annahmen, als ~morum~ auch bei ihnen die von den Griechen übernommene Benennung der Brombeere war. Später drang auch das Wort ~sycomorus~ ein, das für Maulbeere und Brombeere gleicherweise gebraucht wurde; da unterschied man die Maulbeere als Baumbrombeere von der gewöhnlichen oder Waldbrombeere. Auch im Lateinischen des Mittelalters hieß der Baum ~morus~ und die Frucht ~morum~ (~plur. mora~). Unter diesem Namen wird er im ~Capitulare de villis~ und in den beiden Garteninventaren Karls des Großen aus dem Jahre 812 und im Entwurf zum St. Galler Klostergarten aus dem Jahre 820 unter den anzupflanzenden Obstbäumen angeführt.