Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter

Part 3

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Bewußt nahm diese Aufgabe der »Kultivierung«, d. h. der Romanisierung _Karl_ d. Gr., der als Ostfranke weit mehr als einst die romanisierten Merowinger seine eigene Zurückgebliebenheit empfand, trotz aller Vorliebe für das germanische Volkstum in Angriff. Die von ihm geförderte Bildungsbewegung, die man nicht ganz treffend als karolingische Renaissance bezeichnet – denn noch war die Antike eine von selbst wirkende Kraft, und es handelt sich um ein letztes Zeichen dieser unmittelbaren Wirkung –, ist insofern besonders geartet, als Karl durch die Verbindung mit Italien wieder auf die reineren Elemente der Antike zurückging. Besser als in Gallien, wo allerdings die Kirche die Reste der verfallenden römischen Bildung rettete, hatte sich diese bei den Angelsachsen gehalten; auf sie, die überhaupt auf die Franken einen bedeutenden kulturellen Einfluß übten, d. h. auf Alkuin stützte sich auch Karl. Aber es war doch eine rein auf der Person des großen Herrschers beruhende, durchaus höfische Bewegung. Und der wichtigste Faktor dieser karolingischen Kulturpolitik war doch die mächtiger gewordene orthodoxe Kirche, die schon Pipin viel zu verdanken hatte und die von Karl äußerlich und innerlich gestärkt, freilich selbst in rein kirchlichen Fragen noch völlig beherrscht wurde. Seine wesentlich formalen Bildungsbestrebungen (Neubelebung des Lateinischen) waren auch durchaus von christlichem Geiste erfüllt und sollten namentlich den Geistlichen zugute kommen. Eben diese christliche Zielsetzung aller Bildungspflege entstammte vor allem dem Geiste Alkuins. Die Kirche sah andererseits, was auch für die spätere Aufnahme des Kaisertums durch die Ottonen, überhaupt für das ganze Mittelalter bestimmend wurde, im fränkischen Reich ihre Stütze, wie ja gerade das Papsttum erst durch die Verbindung mit den »nordischen Barbaren« groß geworden ist, und zugleich das berufene Organ für die Durchführung ihrer Ideen. Karl sah wieder im Christentum das gegebene Mittel, seine Völker zu höherer Gesittung und Bildung zu bringen; seine Schulbestrebungen gehen nur auf christliche Unterweisung aus. Und wenn Karl, dessen »Renaissance«streben später rasch vergessen wurde, gerade durch seinen persönlichen Eifer die kulturelle Betätigung der Kirche förderte, stärkte, ja diese Betätigung ihr als selbstverständliche Aufgabe ein für allemal einprägte, überhaupt die eigenartige Verquickung des Christlichen mit dem Weltlichen im Mittelalter begründete, so kam die Zeit, wo alle höhere Kultivierung und damit eben die Romanisierung allein von der Kirche ausging. Selbst die auf romanische Vorbilder zurückgehende Hebung der wirtschaftlichen Kultur, für die Karl eifrig tätig gewesen war, wenn auch seine vielgerühmten Musterwirtschaftsordnungen im ganzen nur für Westfranken in Betracht kommen, wurde nun wesentlich Sache der Kirche, insbesondere der Klöster, die z. B. von den Agilulfingern in Bayern geradezu wegen der Rodung und Kolonisierung des Wildlandes gefördert wurden. So war es auch mit den romanischen Überlieferungen der äußeren Zivilisation, z. B. mit dem Steinbau. Wesentlich von der Kirche und dem Hofe des Herrschers gerettet, beeinflußten sie zunächst nur die Herrenschicht. Dem Volke blieben diese Dinge noch lange fremd, gingen auch nur sehr langsam auf weitere Kreise über, zu allerletzt die geistigen Kulturgüter. Die spätere Übertragung dieser wie der wirtschaftlichen römischen Kulturgüter sollte, vor allem durch das Klosterwesen, das Werk der Kirche sein, die durch ihren internationalen Charakter, durch ihre römische Spitze ja auch fortwährend innige Berührungen mit dem französischen und italienischen Klerus und so mit den besser erhaltenen antiken Überlieferungen der romanischen Länder hatte, im übrigen aber auf das Volk als Inbegriff alles Höheren einen überwältigenden Einfluß üben mußte.

Fußnoten:

[2] Im übrigen sei auf mein Büchlein: »Germanische Kultur in der Urzeit«, 3. Aufl., verwiesen.

[3] Es sei auf das in dieser Sammlung (Nr. 112) erschienene treffliche Bändchen von H. Dragendorff, Westdeutschland zur Römerzeit, verwiesen.

[4] Vgl. dazu _Steinhausen_, Geschichte der deutschen Kultur I², S. 87.

[5] Vgl. _Steinhausen_, Gesch. d. d. Kultur I², S. 84.

[6] Das ist ein wichtiger Vorgang. Bis dahin hängen das skandinavische und das südliche Germanentum noch eng zusammen.

Zweites Kapitel.

Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung der Herrenschicht.

(Ländlich-kriegerische Kultur.)

In dem großen fränkischen Reiche war der einstige Gegensatz zwischen »Römern« und fränkischen Barbaren zu einem kulturellen Gegensatz des überwiegend romanischen, kultivierteren Westens (Neustriens) zu dem rückständigeren germanischen Austrasien, dem nun die innerdeutschen Stämme angegliedert waren, geworden. Nationale Gefühle spielten dabei noch nicht mit. Die Germanen selbst empfanden zwar ganz dumpf eine gewisse Verwandtschaft, aber der Franke sah den Sachsen doch keineswegs als Glied eines gemeinsamen Gesamtvolkes an, und die Angliederung und Christianisierung der Sachsen vollzog sich so blutig und grausam, wie später etwa die Sachsen gegen die Slawen vorgingen. Man empfand nur den Gegensatz zwischen Christen und Heiden. Das nationale Moment war auch nicht für die Abtrennung des ostfränkischen, später deutschen Reiches entscheidend: aber es war doch nicht bedeutungslos, daß in ihm sprach- und stammverwandte Völker, wenn auch nur äußerlich, vereinigt und im wesentlichen von den Romanen geschieden waren. Freilich bestand auch ein Sprachgegensatz der Franken zu den Sachsen, die ebenso wie die Friesen und Niederfranken die sogenannte Lautverschiebung nicht mitgemacht hatten, also der für die Zukunft so wichtige Sprach-(überhaupt Kultur)gegensatz zwischen Ober- und Niederdeutschen, aber er wurde doch weniger empfunden als der nun deutlich werdende Sprachunterschied von den Romanen, der bei der Eidesleistung zu Straßburg 842 schon beachtet wurde. Karl der Kahle schwor in ~teudisca lingua~. Von der Volkssprache her kam man denn auch zu der Bezeichnung der »Deutschen«. Das Wort, zuerst 786 vorkommend, bezeichnet zunächst nur den Gegensatz zur lateinischen Sprache. Es bezeichnet die »_volkstümliche_« (~thiudisc~) Mundart, zunächst auch nur die des betreffenden Stammes. Als Gesamtname wird »~Teutisci~«, das Walahfrid Strabo schon 840 für deutschsprechende Leute anwendet, zuerst bei den Romanen, so 845 in einer Trienter Urkunde, gebraucht. Erst im 10. Jahrhundert beginnen die Deutschen in ihrer Gesamtheit sich selbst als »Deutsche« (~Teutonici~) zu bezeichnen.

Der Ausgangspunkt war also wieder ein kultureller, der Gegensatz der Volkssprache zur lateinischen Kultursprache, des Volkstums zur höheren Kultur. Wie diese Volkssprache sich nicht besiegen läßt, so ist es mit dem ganzen Leben. Das romanische, internationale Kulturelement ist dem deutschen Volke eingefügt; man empfindet seine Übermacht und läßt es in seinem höheren Bereich wirken: aber ebenso bleibt man, für die Aufnahme jener Kultur in weiterem Maße noch gar nicht reif, in Wesen und Art durchaus bei der _eigenen Kultur_ und entwickelt diese, meist nur äußerlich (und zwar besonders im Westen) romanisch beeinflußt, langsam weiter. So wenig gestört und so eigenartig germanisch verlief diese Entwicklung nicht wie im skandinavischen Norden, wo trotz der später auch dahin gelangten christlichen und antiken Einflüsse Poesie und Mythologie eine Welt großartig-gewaltiger Eigenart widerspiegeln. Auf der anderen Seite schloß die Bodenständigkeit der deutschen Stämme ein Erliegen gegenüber der höheren Kultur wie bei den in das römische Reich eingedrungenen Germanen aus. In der Hauptsache müssen wir also für die nun sich kräftig entwickelnden deutschen Stämme von einer _eigenen Kultur_ reden. Die später so bezeichnende Bildungskluft freilich bestand schon. Ein Teil des Volkes, damals der Klerus, lebte in einer ganz anderen Kulturwelt als der andere, so wenig seine Glieder sich von ihrem eigentlichen Volkstum völlig freimachen konnten. Viele Elemente der romanischen Lebensverfeinerung gingen sodann immer stärker auf die Herrenschicht, die sich dadurch wieder in einen Gegensatz zu der unteren Schicht setzte, über; an der höheren Bildung aber nahm auch diese Herrenschicht, abgesehen von ihren weiblichen Gliedern, die meist im Kloster erzogen wurden, nicht teil, dachte und fühlte vielmehr im wesentlichen wie das Volk. So entwickelte sich in der großen Masse der Laien bis etwa zu den Kreuzzügen im wesentlichen alles aus dem Alten heraus, wenn auch der Pfahl im Fleisch saß und der geistige, sittliche, künstlerische, wirtschaftliche Einfluß des Klerus langsam auf eine Erziehung zu höherer Kultur hinwirkte. Freilich war der großen Masse des Volkes gegenüber der Frühzeit vieles genommen. Von einer Mitwirkung im öffentlichen Leben war nicht mehr die Rede; Könige und Herren, gestützt auf die Geistlichen, waren allein ausschlaggebend. Die große Masse beschränkte sich auf ein _bäuerliches_ Dasein, das sich im Rahmen der Markgenossenschaft abspielte. Die Landwirtschaft war auch die Grundlage des Lebens der Herren, freilich mit einem starken Einschlag kriegerischer Interessen. Mit den rasch fest gewordenen Sitzen hatte nach der Völkerwanderung, der letzten großen Störung organischer Fortentwicklung, ein langes _Zeitalter des Ausbaus_ der deutschen Stammesgebiete begonnen, vom 6. Jahrhundert bis zum 13. reichend und vor allem durch gewaltige _Rodungen_ charakterisiert, durch die Erschließung immer neuen Kulturlandes für die immer zunehmende Bevölkerung. Man rodete in der Sucht nach Neuland auch auf solchen Gebieten, die sich zum Ausbau nicht eigneten und daher später wieder zu Wüstungen wurden. Allmählich hielten sich Wildland und Kulturland etwa die Wage, aber die Waldmasse bleibt lange noch stark und schreckend genug. Im übrigen litt der Wald auch unter rücksichtslosester Nutzung (Weide, Holzverbrauch usw.) Von der Bruchlandschaft der Flußtäler blieb das Kulturland noch ziemlich lange fern. Das Gesamtergebnis war aber eine außerordentliche Vermehrung dieses Kulturlandes.

Zunächst hatte nun das junge »deutsche« Leben noch große äußere Fährnisse zu bestehen. Das ostfränkische Reich bedrohten die Normanneneinfälle, weniger freilich als das westfränkische, weiter das Vorfluten der Slawen, die zerstörenden Ungarneinfälle, die vor allem in Bayern auch die Bevölkerung stark mitnahmen. Dazu kam die dauernde Schwächung der Reichsgewalt durch die einst von Karl d. Gr. unterdrückten, jetzt neuerstandenen Stammesherzogtümer. Aus dem Chaos rettete Reich und Volk eigentlich erst die Übertragung der Königswürde an den Sachsenherzog Heinrich. Gerade dadurch wurde der deutsche Charakter von Staat und Kultur erst recht befestigt; von einem ostfränkischen Reich ist nicht mehr die Rede, so sehr auch Hof, Kanzlei und Verwaltung an die fränkische Grundlage anknüpften.

Jenes Übergewicht der Stammesherzöge hängt mit der Bedeutung der Stämme überhaupt zusammen. Die neue deutsche Volkskultur ist zunächst _Stammeskultur_. Politisch ist weder von einem Nationalbewußtsein noch von einem Einheitsstaat die Rede. Franken und Sachsen, einst gleichsam zwei feindliche Völker, sind nur äußerlich vereinigt. »Das Reich der Sachsen und Franken« hieß jetzt das Reich. So haben auch die fremden Völker des öfteren die mittelalterlichen Deutschen je nach dem Stamm bezeichnet, der ihnen gegenübertrat, als Alemannen (Allemands), als Sachsen (so im Norden), als Schwaben. Der Unterschied der Stämme beruhte zum Teil auf der schon hervorgehobenen Verschiedenheit des Kulturgrades. Im ganzen glichen sie sich freilich in jener einfachen ländlichen Haltung. Überall hatte sich nun der Eigenbesitz des einzelnen völlig durchgesetzt; es herrschte Naturalwirtschaft, und von irgendwie bedeutendem Handel und Verkehr ist noch keine Rede. Aber je weiter nach Westen und auch nach Süden, um so weiter war man. Vom Westen her kamen vor allem, wie schon erwähnt, Obstkultur und Weinbau, von Westen her schritt der Steinbau fort, von dort kamen allerlei Fortschritte und Verfeinerungen des Lebens sowie die von der Kirche gepflegten Elemente geistiger Bildung und künstlerischen Schaffens, kamen die Formen der staatlichen Verwaltung.

Dieses wichtige westliche Vermittlungsgebiet, das neben der materiellen namentlich auch seine geistlich-geistige Kultur dauernd an das Innere Deutschland weitergab, war jetzt in dem künstlich entstandenen Herzogtum _Lothringen_, das ja zum Teil mehr westfränkischen Charakters war, begriffen; Cöln, Aachen, Trier, Metz gehörten dazu. Dagegen stellte das neugegründete jetzige Herzogtum _Franken_ mit den Hauptorten Mainz, Frankfurt, Worms, Speier sowie Würzburg im Osten nur einen Teil des fränkischen Gebiets dar und war schon mehr von der unmittelbaren Berührung mit dem romanischen Westen abgedrängt. Allmählich machten sich nun aber auch stärkere Beziehungen zu dem italienischen Süden bei den ohnehin z. T. auf altem Römerboden sitzenden Schwaben (Alemannen) und Bayern (s. S. 17) geltend. Freilich traten die Schwaben zunächst vor den _Bayern_, die ja schon im ostfränkischen Reich auch eine kräftigere politische Rolle gespielt hatten, zurück. Wichtiger als jener, die spätere Handelsgröße des Südens langsam vorbereitende Verkehr über die Alpen waren aber in dieser Zeit die Beziehungen der Bayern nach Südosten. Die Donau verband sie mit der überragenden Handels- und Kulturstätte Byzanz, und Regensburg gewann besondere Bedeutung. Das Wesentliche war aber natürlich auch in Bayern die ländliche Haltung, und der Stand des Ackerbaus und der Viehzucht wird schon in einer Quelle des 8. Jahrhunderts sehr gerühmt. Die wirtschaftliche Kultur machte auch durch zahlreiche frühzeitige Klostergründungen Fortschritte. Gerade in Bayern bildete sich auch ziemlich früh die große Grundherrschaft aus, während bei den Alemannen die Siedelungen vollfreier Bauern weit länger vorherrschen. Immerhin sind es neben den noch zu nennenden Sachsen gerade die Bayern, die ihre volkstümliche Eigenart am meisten bewahren, trotzdem sie z. T. früh von der römischen Kultur beeinflußt sind. Aus Sachsen und Bayern stammt, wie Vogt hervorgehoben hat, unser Besitz an deutscher Alliterationsdichtung, bei Sachsen und Bayern-Österreichern lebt in der mittelhochdeutschen Zeit die alte nationale Epik wieder auf. Es ist daher auch nicht wunderbar, daß den Westdeutschen wie die Sachsen, so auch die Bayern später als rückständig galten. Selbst ein Bayer, Wolfram von Eschenbach, hat ironisch den »Preis« (»Lob«) der Bayern einmal auch den »Wâleisen« zuerteilt: »die sind toerscher (noch einfältiger) denne beiersch her.« In unserem Zeitalter lebten auch große Teile namentlich der nördlichen Bayern in sehr einfachen Verhältnissen. Dasselbe gilt von den _Schwaben_ im Schwarzwald und anderswo, während im Bodenseegebiet und im Westen (Straßburg) wie auch im Osten (Augsburg) sich alte Kulturstätten befanden. Erst viel später sollten die Schwaben in politischer wie in kultureller Beziehung eine Zeitlang an die Spitze der Stämme treten. Ziemlich primitiv waren sodann die Zustände der mitteldeutschen Stämme der _Hessen_ und der _Thüringer_, von denen jene, mit diesen zum Teil gemischt und am wenigsten von den Stürmen der Völkerwanderung berührt, einen Teil des fränkischen Herzogtums bildeten, diese aber jetzt zu dem sächsischen, dem größten und eigenständigsten aller, gehörten. Die _Sachsen_ hatten immerhin trotz ihrer zähkonservativen Art, mit der sie die früheren Zustände bis ins 9. Jahrhundert bewahrten, einige Fortschritte gemacht. In fränkischer Zeit hatten sie auch äußerlich in ihrer weiten Leinentracht mit dem langwallenden Haar noch der Frühzeit nahegestanden, hatten ohne Könige unter einer alten Führeraristokratie ziemlich zersplittert und nur durch den Kult zusammengehalten gelebt, treu der alten Sitte und trotz der (nur äußeren) Christianisierung treu dem alten Glauben an Wotan und Donar und Saxnot, überaus stolz und unbändig. Römerreste, Städte und Castelle, gab es im Lande nicht. Ihre großen Fluchtburgen waren besonders eigenartig ausgebildet. Der Ackerbau hatte seit germanischer Zeit nicht allzugroße Fortschritte gemacht, die Viehzucht war noch vielfach bevorzugt. Vom Meer waren sie, seit Karl d. Gr. ganze Stämme aus ihren Küstensitzen fortgeführt hatte, fast ganz abgedrängt. Das Herzogtum, das sich bei ihnen über jene Aristokratie erhoben hatte, war durchaus bodenständig und kraftvoll. Aber es war ein besonders begabter Stamm, und als die Berührung mit der fränkischen Kultur lebhafter wurde, vor allem jedoch, als die deutsche Königswürde an die Sachsenherzöge überging, da erblühte in diesen sächsischen Landen eine nicht zu verachtende Kultur, die indes weit mehr als die des Westens durchaus jenen eigenständigen Charakter, freilich auch eine gewisse Spröde und Herbheit bewahrte. Ja, diese sächsische Frühkultur wurde nun vielfach maßgebend für den jetzt feindlich gesinnten germanischen Norden; vor allem aber trat sie, wie die bayerische in der südlichen Ostmark, den Slawen überlegen entgegen und beeinflußte sie. Weitaus am rückständigsten von den deutschen Stämmen waren die _Friesen_, die jetzt fast die ganze Küste der Nordsee besetzt hatten und zum Teil in ihrem alten kühnen Seefahrer- und Strandräuberleben aufgingen – schon im 9. Jahrhundert waren sie zu gut gebauten, hochbordigen Segelschiffen (Koggen) ohne Rudereinrichtung gekommen –, die aber auch als Bauern ihre Unabhängigkeit und Freiheit gegenüber der im Binnenlande immer auffälligeren Herabdrückung der Freien durch die Grundherrschaft tapfer aufrechterhielten. Es war ein rohes und trotziges Volk, das sich um die Kirche nicht viel und immer weniger auch um das Reich kümmerte. Die Friesen standen noch viel später in bösem Rufe. Der westliche Teil hatte sich freilich früh über das rein ländliche Dasein erhoben. Diese Friesen verhandelten die selbsthergestellten groben und die feineren englischen Tuche weit in die Lande, trieben daneben auch früh sonstigen Handel, z. B. Weinhandel. Vermittler mit England, aber auch mit Skandinavien, gingen sie ihrerseits den Rhein hinauf und sonst in die aufkommenden westdeutschen Städte, wo es zum Teil besondere Friesenviertel gab.

Es sind nun nicht nur die kulturellen Unterschiede, die die wichtige Verschiedenheit der einzelnen Stämme ausmachen: es ist auch eine besondere Art und Veranlagung, die aus langem Zusammenleben anfangs nur äußerlich vereinigter Gruppen entsteht, aber auch an Himmel und Boden gebunden und aus dem Urgrund des Volkstums entsprungen ist (vgl. S. 1). Die Verschiedenheit der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse (Viehzucht, Besitzformen), weiter der Landschaft, des Bodens, der Stammesart, auch z. T. römische Beeinflussung bringen dann die Mannigfaltigkeit der später zäh festgehaltenen Haustypen hervor, die hier nicht im einzelnen besprochen werden können und deren Ausbildung etwa in unser Zeitalter (10./11. Jahrh.) fällt. Sie sind gewissermaßen das äußere Hauptmerkmal der gerade damals so wichtigen Stammesunterschiede, obwohl die Benennung der Haustypen nach Stämmen mit gutem Recht angefochten wird und die Hausformen durchaus nicht ausschließlich an einen bestimmten Stamm gebunden sind.

Diese Stammesunterschiede, namentlich bezüglich der größeren oder geringeren Annäherung an romanisch-fränkische Traditionen, sind nun immer im Auge zu behalten, wenn jetzt im _allgemeinen_ dargelegt werden soll, daß trotz der erwähnten Einflüsse das nun erblühende _deutsche Kulturleben_ – gerade die äußere Zusammenfassung ergibt, abgesehen von dem überhaupt Gemeinsamen, auch wieder Annäherung und Ausgleich – eine _große Eigenart_ bewahrte. Die _Art der Menschen_ zunächst, die auch physisch noch im wesentlichen den germanischen Typus zeigten, hatte noch immer viel Ursprüngliches, Triebhaftes. Die alte _individualistische Unbändigkeit_ ward freilich mehr und mehr für die Herrenschicht bezeichnend, von deren Unbotmäßigkeit und gegenseitigem ewigen Hader die Geschichte genug Belege gibt. Und mochte es ähnlich in kleinen Kreisen gelegentlich zugehen, so war für die niederen Schichten doch jene Herabdrückung der kleinen Freien ebenso ein beschränkendes Moment wie die Gebundenheit durch den genossenschaftlichen Charakter nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des sozialen Lebens. Gewalttätige Übergriffe der Herrenschicht gegen die Niederen wurden immer häufiger. Freilich hatte die Gewalttat unter diesen natürlich auch ihre Stätte, und selbst den Herren gegenüber fehlte trotziger Widerstand und Rachedurst nicht. Die Freien trugen alle noch Waffen, auch sonst die besseren Abhängigen, und nur der ganz Niedere mußte sich schon waffenlos ducken. Blutige Szenen waren nirgend selten, namentlich durch die alte Trunksucht hervorgerufen. Auch die Geistlichen verleugneten vielfach solche Züge nicht. Der rohe Barbar, bei dem die natürlichen Leidenschaften zum offenen Ausdruck kommen, ist noch vollkommen erkennbar, im Westen freilich weniger. Der Lothringer urteilte über den Sachsen schon nach Art der Romanen. Wie man sich etwa im geschlechtlichen Leben unbefangen und naturwüchsig gab, so herrschte auch sonst kräftige Derbheit. Ein rauher, fast brutaler Zug ging durch das Dasein. Auf Menschenleben legte man wie früher keinen besonderen Wert, auch auf das eigene nicht. Den persönlichen Feind schlug einer nieder, wo er ihn traf. Man griff noch immer leicht zur Selbsthilfe, kannte auch kaum ein Billigkeitsgefühl. Die unsicheren Zeiten des ostfränkischen Reiches hatten ferner eine starke Neigung zu gewalttätigen Räubereien, namentlich bei den Herren, hervorgerufen. Auch niedere Räuber fuhren zahlreich umher. Hier griff die unter den Sachsen erstarkte Königsgewalt, von der man vor allem eine gesicherte Rechtspflege erwartete, schärfer durch, namentlich unter Otto d. Gr. und Heinrich II., der streng strafte. In den Strafen war man noch grausam wie in der Urzeit, ebenso im Behandeln der Kriegsgefangenen, die man zuweilen erst folterte und dann hinmordete. Solche Wildheit war naturgemäß mit der alten Kampfesfreude eng verbunden, und unbändige Tapferkeit war ein Zug, den die anderen Völker, vor allem die sich überlegen dünkenden Italiener, den Deutschen als hervorstechendsten zugestanden. Nach dem nunmehrigen christlichen Schutzpatron der Kämpfer, dem heiligen Michael, dessen Namen die Mannen im alten Schlachtgesang, ähnlich wie im germanischen Barditus, brüllten, benannte man die Deutschen selbst. Von sonstigen barbarischen Zügen mag die alte, häufig belegte Treulosigkeit hervorgehoben werden, die neben sympathischen Eigenschaften, Treuherzigkeit und Gutmütigkeit, durchaus einherging. Selbstverständlich ist, den noch immer primitiven Verhältnissen entsprechend, die Gastlichkeit, die in weitgehendem Maße nunmehr vor allem auch von den Klöstern geübt wurde.