Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter
Part 1
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Wissenschaft und Bildung
Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens
Im Umfange von 150–180 Seiten
Geh. 1 M. · In Leinenband 1.25 M.
Die Sammlung bringt aus der Feder unserer berufensten Gelehrten in anregender Darstellung und systematischer Vollständigkeit die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung aus allen Wissensgebieten. :: :: :: ::
Sie will den Leser schnell und mühelos, ohne Fachkenntnisse vorauszusetzen, in das Verständnis aktueller wissenschaftlicher Fragen einführen, ihn in ständiger Fühlung mit den Fortschritten der Wissenschaft halten und ihm so ermöglichen, seinen Bildungskreis zu erweitern, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen, sowie neue Anregungen für die berufliche Tätigkeit zu gewinnen. Die Sammlung »_Wissenschaft und Bildung_« will nicht nur dem Laien eine belehrende und unterhaltende Lektüre, dem Fachmann eine bequeme Zusammenfassung, sondern auch dem Gelehrten ein geeignetes Orientierungsmittel sein, der gern zu einer gemeinverständlichen Darstellung greift, um sich in Kürze über ein seiner Forschung ferner liegendes Gebiet zu unterrichten. Der weitere Ausbau der Sammlung wird planmäßig durchgeführt. Abbildungen werden den in sich abgeschlossenen und einzeln käuflichen Bändchen nach Bedarf in sorgfältiger Auswahl beigegeben.
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Über die bisher erschienen Bändchen vergleiche den Anhang.
Wissenschaft und Bildung
Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens
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Kulturgeschichte der Deutschen
im Mittelalter
Von
Prof. ~Dr.~ Georg Steinhausen
Bibliotheksdirektor in Cassel
Zweite neubearbeitete Auflage.
1916
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
Alle Rechte vorbehalten.
Altenburg Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
_Einleitung_: Kultur und Volkstum 1
_Erstes Kapitel_: Zusammenstoß und erste Auseinandersetzung urdeutschen Wesens mit der Weltkultur 3
_Zweites Kapitel_: Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung der Herrenschicht (Ländlich-kriegerische Kultur) 21
_Drittes Kapitel_: Die stärkere Durchdringung deutschen Lebens mit der antik-kirchlichen Kultur unter zunehmender Beeinflussung durch die Romanen: Aristokratisches Zeitalter 58
_Viertes Kapitel_: Ausbildung einer allgemeineren Laienkultur volkstümlichen Charakters: Bürgerlich-demokratisches Zeitalter 113
Einleitung.
Kultur und Volkstum.
Eine nationale Kulturgeschichte muß vor anderen Gesichtspunkten das Verhältnis von Kultur und Volkstum in den Vordergrund stellen. Kaum einem Volke ist es beschieden gewesen, eine Kultur ganz aus sich heraus zu entwickeln, am wenigsten aber den Völkern, die auf jugendlich-barbarischer Entwicklungsstufe in den Bann der antiken, d. h. der orientalisch-griechisch-römischen Weltkultur gerieten. Je zäher und kräftiger das Volkstum, je ausgeprägter seine Eigenart ist, um so schwieriger wird die Auseinandersetzung mit einer siegreichen fremden, überragenden Kultur. Insbesondere ist das deutsche Volk schwerer und später als andere Völker zu einem solchen Ausgleich und damit zu einer einheitlichen höheren Kultur gelangt. Die Entwicklung des Volkstums, dessen Wurzeln zu einem guten Teile in den natürlichen Bedingungen des Bodens und des Klimas liegen, dem aber weiter durch langdauernde wirtschaftliche und soziale Verhältnisse frühzeitlichen Lebens ein Stempel für spätere Zeiten aufgedrückt wird, ist mit jenem natürlichen Grundstock und den in frühester Zeit erworbenen Zügen nicht abgeschlossen. Das Volkstum wird auch durch die äußere Geschichte, durch die äußere politische Zusammenfassung selbst ganz verschiedener Völkerteile, durch die Gemeinsamkeit der Geschicke ebenso wie der kulturellen Verhältnisse in seiner Entwicklung infolge der Neubildung gewisser Wesenszüge, der Änderung oder des Schwindens anderer bestimmt[1]. Werden auf der einen Seite die fremden Elemente höherer Kultur durch das Volkstum aufgenommen und verarbeitet, und bewirkt die Verbindung beider Faktoren wie das Sichdurchsetzen des Volkstums das Entstehen einer eigenen nationalen Kultur, so wird wieder das Volkstum durch die angeeignete Kultur beeinflußt. Aber der Verlauf der Auseinandersetzung wird eben mit dem größeren oder geringeren ursprünglichen Abstand der beiden Faktoren, mit der größeren oder geringeren Anpassungsfähigkeit des Volkes, mit der größeren oder geringeren Neigung, seine Eigenart zu bewahren, ein sehr verschiedener. Er kann überaus wechselvoll und mannigfaltig, im einzelnen vielfach besonders charakteristisch werden. Und das ist bei der Kulturentwicklung der Deutschen der Fall. Man versteht diese nicht, wenn man nicht als bestimmende Faktoren die nationale Eigenart, das bodenständige Volkstum mit seinen Anlagen, Trieben und alten Lebens- und Kulturüberlieferungen einerseits und die sich auf alle Weise durchsetzende Weltkultur, deren Eindringen auch wieder durch einen jener zähkonservativen Art entgegengesetzten Trieb der Deutschen zu höherer Kultur, durch einen überaus bezeichnenden Lerneifer gefördert wird, andererseits ansieht. Wie das Verhältnis beider Faktoren den Gang der Kulturentwicklung und seine größere oder geringere Schnelligkeit bestimmt, wie aber aus diesem Verhältnis gerade auch die deutsche Kultur der einzelnen Zeiten selbst als Ergebnis hervorgeht, das ist ein Hauptgesichtspunkt der nachfolgenden Darstellung, die durchaus nicht etwa einen Auszug aus meiner großen »Geschichte der Deutschen Kultur« darstellt. Gerade die Geschichte der deutschen Kultur im Mittelalter ist von jenem Gesichtspunkt aus besonders merkwürdig. Am Schluß des Mittelalters war dann ein Ausgleich beider Faktoren bis zu einem gewissen Grade erreicht. Aber mit dem Einbruch neuer Wellen der höheren Kultur ergab sich ein neues Aus- und Nebeneinander, bis das bewußte Streben nach höherer und feinerer Kultivierung den Sieg davontrug und zu einer Kulturblüte führte, die dem lange kulturell abhängigen Deutschland die Führung im Reigen der Völker gab. Das wird uns später in einer Darstellung der Geschichte deutscher Kultur in der Neuzeit beschäftigen.
Fußnote:
[1] Vgl. die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Kultur und Volkstum im »Archiv für Kulturgeschichte« Bd. VIII, Heft 2.
Erstes Kapitel.
Zusammenstoß und erste Auseinandersetzung urdeutschen Wesens mit der Weltkultur.
Das Gebiet des heutigen Deutschen Reiches ist bekanntlich keineswegs von jeher von germanischen Menschen bewohnt gewesen. Den Hauptteil des Westens, den Süden und den Südosten hatten vielmehr, von den Germanen durch die Gebirge Mitteldeutschlands geschieden, lange die Kelten inne. Den Osten scheinen andererseits Letten und Slawen bewohnt zu haben, aber sehr frühzeitig zurückgedrängt zu sein. Die ersten Sitze der Germanen selbst sucht man, nicht ganz ohne Widerspruch einzelner, in den Gebieten der westlichen Ostsee und auch der östlichen Nordsee. Mächtige Bewegungen der Germanen, hervorgerufen u. a. durch die Übervölkerung infolge der Beschränktheit des Kulturlandes, sind also auf dem Boden unseres Vaterlandes bis kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung vor sich gegangen, und auch später zeigt sich deutlich eine außerordentliche kriegerische Beweglichkeit der Stämme, bis zur Völkerwanderungszeit eine zweite, noch gewaltigere Durcheinanderrüttelung und Wanderung einsetzt. Erst nach dieser Zeit, deren Endergebnis im Verhältnis zu den heute deutschen Gebieten auch ein gewaltiger Verlust im Osten durch das Vordringen der Slawen war, beginnt eine zusammenhängende Entwicklung des späteren »Deutschlands«.
Eine Kulturgeschichte der _Deutschen_ kann erst mit dem Abschluß der Völkerwanderung oder eigentlich erst mit der Herausbildung eines »deutschen« Volkes in Staat und Kultur einsetzen. Die einst germanischen Gebiete im Osten können überhaupt erst seit ihrer späteren Kolonisierung in Betracht kommen; denn an die einstige Siedelung der Ostgermanen kann die spätere deutsche Kulturgeschichte nirgends anknüpfen. Im Westen und Süden waren freilich die früher keltischen Gebiete bis zum Rhein und über den Main hinaus bei dem Zusammenstoß mit den ein weiteres Vordringen zunächst verhindernden Römern schon mehr oder weniger lange von Germanen besetzt, die ziemlich frühe den Niederrhein, gegen die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. auch den Mittelrhein überschritten, später nach Böhmen und Ungarn drangen. Vor allem ist ferner das »alte Volksland« zwischen Weser und Elbe seit alters germanisch gewesen. Auch hier hat aber die Völkerwanderung, die nur wenige Stämme, wie die Friesen, nicht mitgemacht haben, störend eingegriffen. Immerhin haben wir im ganzen in diesem Gebiet eine ununterbrochene Entwicklungslinie, und so mögen einige kurze Bemerkungen über die germanischen Zustände vorangeschickt werden[2]. Für unsere Betrachtung müssen freilich gerade die kulturell fortgeschrittensten Germanen im Westen und Südwesten, die zu dem römischen Besetzungsgebiet gehörten oder mit ihm in kultureller Berührung standen, ausscheiden. Einerseits handelt es sich hier nur zum Teil um germanische, viel mehr um keltische Bevölkerung, andererseits fielen diese Gebiete in der Völkerwanderungszeit der Zerstörung anheim, und nur ganz mittelbar wirkten die einstigen entwickelteren Zustände des römischen Germaniens in ihren Resten später nach.
Die _Anschauungen über die Kultur der Germanen_, wie sie gang und gäbe sind, leiden meist an _zwei Grundfehlern_. Man mißt ihr einerseits eine _viel zu große Eigenart_ bei, und man _unterschätzt_ doch andererseits wieder _die bereits erreichte Höhe_. Viele angeblich eigenartige Züge der Germanen sind den meisten Völkern auf niedriger Stufe gemein. Der Erscheinung der großen, aus unzureichendem Kulturland erwachsenen Wanderungen, die schon Thukydides für die Urzeit vieler Völker bezeichnend gefunden hat, entspricht der rücksichtslose Eroberungsgeist solcher Zeiten. Die natürliche, aber auch durch wirtschaftliche Gründe bedingte Raublust zeitigt Viehraub wie Frauenraub. Aus dem letzteren entspringen überall die Fehden des beleidigten Stammes oder der Sippe, und ebenso tritt überall bei den damals leicht vorkommenden Totschlägen die Sippe des Getöteten als Rächerin an der Sippe des Mörders auf (Blutrache). Aus dem kriegerisch-räuberischen Zug ergibt sich auch die überall verbreitete Sklavenhaltung. Ursprünglich verfielen diese erbeuteten Menschen dem Tode, was aber mit sakralen Gedanken zusammentraf: das feindliche Leben wird den Göttern geopfert. Menschenopfer sind auch für die Germanen nicht zu leugnen. Menschenleben, fremde wie eigenes, spielen auf dieser Stufe überhaupt keine Rolle, daher die Todesverachtung des Kriegers, die Tötung von Greisen, das Aussetzen von Kindern, die Grausamkeit des Vaters gegen ein zu strafendes Kind, die blutige Härte des primitiven Strafrechts. Auch gewisse innere, seelische Zeugnisse der ungebändigten Naturkraft sind Gemeingut der primitiven Völker, so der Mangel an Selbstbeherrschung (im Trunk – die Trinkfreude hat bei den Germanen freilich besondere Ausgestaltung erfahren –, im Spiel), weiter die Unbeständigkeit, das Fallen von einem Extrem ins andere, aus »wilder Bewegtheit« in »starre Ruhe«, in die vielberufene »Trägheit«. Dem entspricht überhaupt eine große Wankelmütigkeit, ein rasches Aufflammen im Zorn, eine schnelle Beruhigung. Groß ist sodann die Übereinstimmung auf religiösem Gebiet (Ahnenkult, Seelenglaube, die Abwehr der Seelengeister durch Zaubersegen bei Krankheit usw., die Verehrung von Bäumen, Hainen, Bergen, Gewässern, die aus dem Seelenglauben sich ergebenden Totenbräuche, die Gräberbeigaben, die Totenopfer und Totenschmäuse, das Weissagungswesen [Befragen der beschworenen Seelen], die Gewinnung der höheren Gewalten durch Opfer, die Verbindung von Festen [Tänzen] und Schmäusen [Gelagen] mit den Opfern). Gewisse sittliche Züge entspringen ebenfalls allgemein den primitiveren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, so die Gastfreundschaft. Auch die germanische Achtung vor der inneren Überlegenheit der Frauen, die immerhin als eigenartig gelten darf, ist doch nicht ganz ohne Parallelen bei den klassischen Völkern (Frauen bei Homer). Andererseits ist bei vielen primitiven Völkern und so auch bei den Germanen die Frau die Hauptträgerin der Arbeit. Überall gilt auch die selbstherrliche Macht des Hausvaters, der Frau und Kinder in einer bei den Germanen schon etwas gemilderten Rechtlosigkeit unterstehen. Die Vielweiberei der Naturvölker bestätigt Tacitus für die germanischen Vornehmen. Deren Hauptmachtmittel, die keltisch-germanische Gefolgschaft, findet sich in wenigstens vergleichbarer Form bei den Griechen (die ἑταῖροι der Großen). Feste Formen haben die staatlichen Verhältnisse bei allen Völkern auf dieser Stufe noch nicht angenommen. Herrscher mit bestimmten Rechten sind die »Könige« der Germanen nicht: die versammelte Masse der Freien ist souverän. Noch äußert auch, wie überall, der Verband der Sippe, der auch Kriegs- und Wirtschaftsverband ist und im Rechtsleben als ausschlaggebender Faktor an Stelle des Einzelnen tritt, seine große Bedeutung, wenn auch bei den Germanen bereits die Anfänge locker-staatlichen Lebens diese Bedeutung einschränken. Auch für die wirtschaftlichen Verhältnisse, die vielumstrittenen Agrarzustände der Germanen vor allem, ließen sich, je nach dem Standpunkt, bei anderen Völkern genug Parallelen finden. So vor allem bezüglich des Gemeineigentums am Boden.
Die _wirtschaftliche Kulturstufe_ der Germanen darf man im übrigen nicht zu niedrig _einschätzen_. Heute ist man über eine verhältnismäßige _Höhe des Ackerbaus_ bei den Germanen im ganzen einig. Sein hohes Alter ist ebenso nachweisbar wie eine sehr frühe Seßhaftigkeit der Germanen. Die dem entgegenstehende, nicht zu leugnende Beweglichkeit, die man als Beweis für nomadische Zustände angesehen hat – auch wegen des anscheinenden Übergewichts der Viehzucht –, meint man heute, wie schon Waitz, als Begleiterscheinung jenes kriegerischen Vorwärtsdringens auffassen zu sollen, wie man ja auch in der Völkerwanderung wieder zu halbnomadischen Zuständen kam. »Den jährlichen Wechsel der Feldmarken und Wohnsitze innerhalb der Sippen eines Gaus zur Zeit Cäsars« muß man dann mit Hoops als »einen kriegerischen Ausnahmezustand« ansehen.
Der wirtschaftlichen Kulturstufe entsprechen eine nicht mehr ganz primitive _Lebenshaltung_ (Woll-, Leinen- und Pelzkleidung, Block- und Fachwerkhäuser, mannigfacher Hausrat, vor allem aus Holz) und eine neben der hauswirtschaftlichen Erzeugung etwas entwickeltere _gewerbliche Tätigkeit_ (Böttcherei, Schnitzerei, bessere Töpferei, Schmiedekunst, in Friesland Weberei). Eine gewisse künstlerische Betätigung zeigt die altnationale Holzschnitzerei und Holzbemalung. Dem Holzschnitzwerk sind auch manche Formen, wie der Kerbschnitt, in der Metalltechnik nachgeahmt: vielleicht ist das dem antiken Stilgefühl so entgegengesetzte Flecht- und Verschlingungswerk, das später noch für den Völkerwanderungsstil als charakteristisch gilt, gleichen Ursprungs.
Vom _geistigen_ Leben der Germanen ist nicht allzu viel zu sagen. In die Frühzeit darf man nicht allzu viel hineindeuten, am wenigsten auf Grund der viel späteren Blüte des nordischen Geisteslebens mit seiner gewaltigen Vorstellungswelt. Die Formenfülle der Sprache, deren Klang den Römern naturgemäß höchst barbarisch und rauh erschien, ist nichts eigenartiges. Auch die poetisch-sakrale Pflege der Sprache in rhythmischer Form bei feierlichen Akten ist primitiven Völkern gemeinsam (mit Tanz, d. h. feierlichem Schreiten im Kreise verbundene sakrale Chorgesänge). Aus den Totenklagen durch einzelne Vorsänger entwickelten sich episch-balladenartige Gesänge einzelner. Episch eingeleitet wurden auch wohl die Zaubersprüche, die Beschwörungen, episch gefärbt war auch die sonstige Spruch-, vor allem die Rätseldichtung, deren uralte Übung jedenfalls auf kein niederes geistiges Leben hindeutet. Eigenartig ist vor allem die rhythmische _Form_ der poetischen Rede bei den Germanen gewesen, die Alliteration, die wir mit Sicherheit für eine sehr frühe Zeit annehmen dürfen.
Trotz der betonten starken Gleichförmigkeit der Menschen und ihrer Einrichtungen auf primitiven Stufen haben sich uns für die Germanen überhaupt _manche eigenartigen Züge_ ergeben. Auch was über den späteren deutschen Menschen im allgemeinen gesagt werden kann, darf vielfach schon auf Züge aus germanischer Zeit zurückgreifen, insbesondere muß der Individualismus, wenn auch nur eine rohe und unausgeglichene Form desselben, bereits für die Germanen hervorgehoben werden. Für diesen individualistischen Zug seien noch einige Belege hinzugefügt. Cäsar (~D. b. g. IV~, 1) schon hat ihn besonders betont; er spricht von der »Ungebundenheit des Lebens, da sie, von Kindheit an an keine Pflicht oder Zucht gewöhnt, nichts gegen ihren Willen tun«. Und Tacitus (Ann. XIII, 54) fügt, als er von zwei Häuptlingen spricht, die die Friesen »regierten«, ironisch hinzu: »soweit Germanen überhaupt regiert werden.« Ein andermal (~Hist. IV~, 76) heißt es bei ihm: »Die Germanen lassen sich nichts befehlen noch sich regieren, sondern tun alles miteinander rein nach ihrem Belieben.« Stärker kann der neben der Innerlichkeit wichtigste Zug der späteren Deutschen nicht gut betont werden.
Es kamen die Zeiten der näheren _Berührung mit den Römern_, die Zeiten des friedlichen Eindringens der Germanen in das Heer und schließlich den Beamtenstaat der Römer, weiter die Ansiedelung germanischer Stammesteile in dem entvölkerten Römerreich, endlich der kriegerische Ansturm gegen dasselbe und dessen Zertrümmerung während der sogenannten Völkerwanderung, deren Anstoß aus dem fernen Osten kam. Für die Entwicklung der späteren deutschen Kultur ist es nun von größter Bedeutung, _wie weit die Innergermanen_ – nur um diese handelt es sich für uns – _in diesen Jahrhunderten von der römischen, d. h. der Weltkultur bereits beeinflußt wurden_.
Hierbei ist zunächst festzustellen, daß südliche Einwirkungen durch den Handel schon lange vorher bestanden. In der Bronzezeit kamen die Bronze und das Gold nach Norden wie der begehrte Bernstein in das südliche Europa auf alten, häufig durch reiche Depotfunde feststellbaren Handelswegen, die, meist Flußläufen folgend, über Land Europa durchquerten. Viel südliches vermittelten auch die Kelten. Jetzt soll es sich aber um unmittelbare römische Einflüsse handeln. Da sind einmal die Jahrhunderte schärfer als bisher auseinanderzuhalten. Es ist ferner wohl zu beachten, ob es sich um Übernahme rein äußerlicher, durch den Handel eingeführter Dinge oder um innere, wirklich kulturelle Beeinflussung handelt. In der Tat waren die _Einwirkungen anfänglich_ recht _gering_, die Beeinflussung des eigentlichen Germaniens rein äußerlich. Die frühen Römerzüge in das Innere blieben ohne Nachwirkung. Folgenreicher war die germanische Reisläuferei: mancher Söldner mochte allerlei Römisches später in die Heimat bringen. Das wichtigste bleibt aber der _Handel_. Der Handelsverkehr zwischen Römern und Germanen scheint sich früh besonders auf den Menschen-(Sklaven-)handel erstreckt zu haben; für Menschen wurde Wein eingeführt. Natürlich haben die römischen, uns auch durch Cäsar und Tacitus bezeugten Händler, die kühn sogar weit nach Norden drangen – selbst in Skandinavien kannte man römisches Geld –, bald auch andere Dinge gebracht, wie die Funde zeigen, vor allem Metallgeräte und -gefäße, Schmucksachen, Waffen, vielleicht auch Pfeffer.
Eben die _Funde_ helfen uns besser über die Einzelheiten des römischen Einfuhrgutes unterrichten als die Lehnwörter, auf die man sich sonst stützt. Von den Funden zeigen zunächst die Münzen, daß stärkerer römischer Handel vor Nero nur bis an die Ems drang und nach dem eigentlichen Innergermanien erst gegen Ausgang des 2. Jahrhunderts einsetzt. An eingeführten römischen oder provinzialrömischen Gegenständen kommen in Betracht: Bronzegefäße (italische [kapuanische Bronzeeimer und Kasserollen], später gallische, besonders vom Niederrhein stammend), Gläser, Tongefäße (~Terra sigillata~), daneben seltener und meist erst später Gürtelschnallen, Fibeln u. dergl., möglicherweise auch Trinkhornbeschläge, die aber ebenso wie die Hängezierate unter römischem Einfluß in Germanien selbst hergestellt sein können. Daß derlei im germanischen Norden und auch im inneren Deutschland begehrt wurde, bestätigt wieder, was bereits über die nicht zu unterschätzende Lebenshaltung und Kulturstufe der Germanen gesagt wurde. Die Gefäße scheinen übrigens durchweg mit dem Weinhandel zusammenzuhängen. Was wir sonst von Entlehnungen wissen, betrifft die _römischen_ Besetzungs- und _Grenzgebiete_ an Rhein und Donau, von denen sie erst viel später durch Vermittlung des fränkischen Staates und der Kirche ins Innere drangen. Dahin gehören die römisch gearteten Bezeichnungen der Wochentage (zum Teil nur Übersetzungen) und die Übernahme der römischen Zeitrechnung; die Germanen zählten sonst nach Nächten (noch im 16. Jahrhundert Briefschlußformel: Hiermit viel guter Nächt) und hatten das Mondjahr. Dahin gehört alles, was mit der Weinkultur, mit der feineren Obst- und Gemüsekultur, der Kochkunst, auch schon mit dem Steinbau zusammenhängt; dahin die Reihe der Münz- und Gewichtsbezeichnungen u. a. In jenen Gegenden wird aber infolge der innigen Berührung auch eine starke, freilich nicht zu übertreibende und im eigentlichen Sinne wesentlich nur für die westlichsten, wirklichen Grenzgebiete (Moselland) geltende[3] Romanisierung des ganzen Lebens bis zu einem gewissen Grade behauptet werden können, und das Fundmaterial soll sogar zeigen, daß gerade die wenigen germanischen Stämme dieser Gebiete derselben viel geringeren Widerstand entgegensetzten als die keltischen. Wie der Saterdag (Saturntag, engl. ~saturday~) nur in niederrheinischen Landen vorkommt, so ist dieses den Römern (Plinius) am besten bekannte Gebiet auch sonst eine Hauptstätte römischen Einflusses, wie sich diesem ja schon früh die Ubier oder, wie sie sich lieber nennen hörten, die Agrippinenser gern hingaben. Im übrigen verfielen hier aber diesem Einfluß weniger Germanen als Kelten; von ihnen kam durch Händler manches Römische auch zu den Friesen und weiter zu den übrigen Küstengermanen, viel mehr als zu den anscheinend allem Römischen und Keltischen mehr abgeneigten Germanen am rechten Ufer des Niederrheins.