Kultur-Kuriosa, Erster Band

Part 11

Chapter 113,585 wordsPublic domain

Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin, einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch: „Die Frau Kurzbachin Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau, wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so +versuchen Sie’s+. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu +lachen+: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, +so hättet ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten+, daß wir heute Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir die Antwort, +sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen sollt+; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)

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Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, +einen die Faust mit ausgestreckten Daumen unter den Hintern zu stellen+. Ich bat ihn, um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde; da hat er mich mit Frieden gelassen.“[182]

Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.

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Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen. Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte, würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen; er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: +cela ne fait rien, pissés et écoutés nous+, also blieben sie so lange bei ihm.“[183]

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Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir aux maisons du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et par consequent le chagrin +d’aller chier dehors+, ce qui me fache, parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand mon cul ne porte sur rien. Item +tout le monde nous voit chier+; il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184].

Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart: „.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous trouvez, +Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées, vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte d’autruy+ sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne sont que pour le chieur...“

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Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den +Dauphin: „Er hatte gern, daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte+, aber es ging +gar modest+, denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu; ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu entretenieren“[185].

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Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt, verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen, „in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und das befremdenste Schauspiel sich darstellte. +Ein Mädchen+, schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette, +in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall+ zeigte sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit wird auch nicht harmloser durch die +Gegenwart des sechzehnjährigen Kronprinzen+, nachmaligen Friedrich des Großen[186]!

Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist es so wie früher geblieben.

Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König Alexander von Serbien gegebenen +Hofballe+ ein +Korsett+ gefunden!

In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.

Neunter Abschnitt

Medizinisches

Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der Heilkunde.

Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die +Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt+. Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt[187].

Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück. Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie. Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die +Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen+[188].

Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere +Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte, mit Einschluß des Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs steht!+

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Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke, er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber. Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was man spricht[189].“

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Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt- oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit ihnen die Lust zur Rückkehr verging[190].

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Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt bewog ihn dazu, sich den +Leib aufschneiden zu lassen+, um das überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser Prozedur[191].

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Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. +Da setzte der Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug dreimal mit dem Hammer darauf+, und so wurde das kranke Glied entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!

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Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen Verdauungsstörungen litt, nahm er -- natürlich auf ärztliche Anordnung -- eine Dosis von 17½ +Gramm Aloe+, an der er auch starb. Ein Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.

Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis, ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.

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Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr, als er beim Genuß von Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen, Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser Kur die Besinnung und -- ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.

Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen gestürzt, würgten sie hinunter und -- blieben gesund oder doch jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die Ärzte -- unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa Stümper, sondern die ersten +Koryphäen+ ihrer Zeit zu denken haben -- ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose Leibschmerzen angewandt.

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Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich, der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt an den Füßen aufgehängt. so daß die Brust auf einem Kissen auf dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten. Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.

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Im ganzen Mittelalter ist die +Ehe mit Wahnsinnigen+ aus politischen Gründen an der Tagesordnung.

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Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund, ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin, zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter so völlig außer acht gelassen, daß man +gar kein Bedenken trug, schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen+.

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Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet, weil dort kein Arzt sei.

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Die +Leichenöffnung+ wurde vom Papst noch anfangs des 14. Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch bereits unter Karl IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II. im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden, sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden seziert[192]. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden waren[193].

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Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende Beschreibung zur Bereitung der +Mumienlatwerge+: „Man soll den todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften 24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter, es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der Kunst heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie heilen sollte[194].

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Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein +Publikum+(!) an einer deutschen Universität, das im Lektionskatalog angekündigt war: „+De variis concubitus modis+“. Also sogar in die intimsten Winkel von Amors Reich drang die Wissenschaft ein, sicherlich nicht, ohne zahlreiche und begeisterte Jünger zu finden. Über dieselbe Materie gab es bei den Griechen verschiedene Schriften unter den Namen der Astyanassa, der Cyrene, Elephantis und Philänis, +lauter Damen+! Bekannt sind Ovids Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771 ff.[195] und ein indisches Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit und gründlicher Erschöpfung des Themas seinesgleichen sucht, ist das Kamasutram des Vatsyayana, das Richard Schmidt aus dem Sanskrit übersetzte.

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In den Jahren von 1727-1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein, +auf ihren Bauch zu schlagen+, und beruhigten sich nicht eher, als bis 10-12 +Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatten+. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten. Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere Frauen, sondern +stets Männer+ zur Hilfe riefen, und zwar junge und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam vor, daß sie -- natürlich in ihrer Muttersprache -- mit lauter Stimme riefen: Da liberos, alioquin moriar!

Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen[196].

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Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.

Bei den Geißelungen unterschied man zwei „+Disziplinen+“, die „+obere+“ und die „+untere+“, letztere fand besonders bei den Frauen den meisten Beifall.

Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten Einfall, eine andere zu +beißen+. Dieser gefiel der Spaß, und sie biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis nach Rom[197]!

Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege sein eigenes Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.

In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an, und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch -- wie ja nicht anders zu erwarten -- den +Teufel+ aus den Nonnen auszutreiben[198].

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Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.

Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende Leidenschaft: die der +dogmatischen Spitzfindigkeiten+. Es ist die Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199].

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Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber Spaniens für die +Poesie+ ergriffen. Das ganze Volk war von der Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber eine glänzende Laufbahn zu erschließen.

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Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte, eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem +Kinderkreuzzuge+ des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.

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Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857-1862; im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und im Jahre 1888 in Nilsiac in Finnland. Tanzseuchen grassierten im Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar und 1868-73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada, die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.

Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“ in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne, wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter, rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich, man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung erreicht ihren Höhepunkt.

Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200].

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Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,.. daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine +gewöhnliche Erscheinung ist, einen simplen Bauern+ 2000-3000 L. St. +auf diese Weise anlegen zu sehen+. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß +Bauern ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen+.

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Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559 im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte. Man kaufte und verkaufte +Tulpen auf Zeit+ und Entrichtung der Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen, wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637 plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202].