Kriegsgefangen

Part 13

Chapter 133,524 wordsPublic domain

Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben zwei Seiten.

Er nickte wieder.

Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.

Er griente.

Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky, #die# Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen können, #die# sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.

Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.

Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »≈Entrez!≈« Ein preußischer Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte unverzüglich.

Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in ≈medias res≈ und erklärte mir: »≈Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.≈« Ich verneigte mich. »Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch schreiben, noch thun zu wollen.«

Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »≈ni dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France≈« und fragte dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »≈contre≈« gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »≈#contre# la France≈« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm so wohl kleideten.

Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.

»Rasumofsky, ich bin frei.«

Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«

Rasumofsky, Sie wissen »≈la paix est prochaine≈«. (So schloß jede Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben. Dafür bin ich Hausherr.

Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.

Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen. Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie 5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.

Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts entgegen stehen würde!

Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.

Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation hervorgerufen haben würde.

2. Der letzte Sonntag.

.... wie der Nebelwind Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt. Faust.

Noch am Sonnabend Abend war mir mitgetheilt worden, daß der Dienstag als Abreisetag genehmigt worden sei; gleichzeitig erfuhr ich, daß, bei Ausstellung meiner Liberations-Ordre, Gambetta lediglich dem Andringen #Cremieux’# (des Justizministers) nachgegeben habe. Ich erkannte in dem allem leicht die Zusammenhänge mit der Heimath und wußte genau, wohin ich den #eigentlichsten# Dank für meine Befreiung zu richten hatte. Heitern Sinnes erwacht’ ich am andern Morgen. In Traum und Gedanken übersprang ich die Meilen und die Schwierigkeiten, die noch zwischen Le Château d’Oléron und der Königgrätzer Straße lagen.

Es war der letzte Sonntag. Der Himmel blau, die Luft weich und warm (wir waren #doch# südlich, trotz Rasumofsky), so trat ich wieder auf den Rempart hinaus und begann, im Auf- und Abschreiten, die weißen Steinchen, die mir, wie der Leser sich erinnert, als Mark- und Rechenpfennige dienten, in meine Tasche sinken zu lassen, als die gewöhnliche Sonntagsmorgen-Musik mich in meinem Spaziergang und meinen Betrachtungen störte. Ich hätte sie #heute# weggewünscht und wenn mich an den Sonntagen vorher die Cachucha, die George Brown-Arie aus der Weißen Dame, und einige Piècen aus dem Trovatore, die gerade während der Kirchzeit gespielt wurden, nur etwas sonderbar berührt hatten, so berührten sie mich heute unangenehm. Die große Trommel, der Triangel und das Zusammenschlagen der Becken, das den Castagnettenschlag ersetzen sollte, wollten mir heut nicht passen. Sonntag früh 9 Uhr, wo wir gewohnt sind, die Glocken zu hören! Meine Stimmung kam hinzu.

Die Franzosen denken anders darüber, über dies, wie über manches andere.

Ich kehrte bald in mein Zimmer zurück, kramte, arrangirte und überlegte, als es klopfte und gleich darauf ein kleiner Herr eintrat, der mich Anfangs in Zweifel darüber ließ, ob ich ihn für einen kleinstädtischen Doktor oder einen großstädtischen Küster nehmen sollte. Er entpuppte sich aber bald als ≈Monsieur le prédicateur Masson≈, reformirter Geistlicher zu Saint-Pierre auf der Insel Oléron. Ich kann wohl sagen, daß mir diese Begegnung, nachdem ich so viele Wochen lang immer im Verkehr mit katholischen Geistlichen gewesen war, ein besonderes Interesse einflößte. Parallelen mußten sich mir aufdrängen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er that es, aber sehr unvollkommen.

Den Predigerton habe ich niemals so in Blüthe gesehen, als bei diesem kleinen Manne. Er war unfähig, ein Wort einfach und natürlich zu sprechen. Alles war Rede, feierliche Ansprache, wie wenn die Bürgermeister an den Wagenschlag eines reisenden Prinzen treten. Dieser Eindruck wuchs dadurch, daß er sich, so oft die Reihe des Sprechens an ihn kam, von seinem Stuhl erhob, um #stehend# und mit berufsmäßigen Handbewegungen seine Rede zu halten. Man kann sagen, er taufte und traute beständig.

Seine erste Ansprache, nach erfolgter Vorstellung, ging dahin, daß sein Freund und Amtsbruder »≈Monsieur Delmas, Pasteur et Président du Consistoire≈« ihm eine historische Studie »≈L’Église Réformée de la Rochelle≈« übersandt habe, zugleich mit der Bitte, dieselbe einem »≈historien prussien≈«, der sich zur Zeit als Kriegsgefangener auf Oléron befinde, überreichen zu wollen. Nach sorglicher Durchforschung aller 1000 Gefangenen war, unter Anwendung des Indicien- oder Wahrscheinlichkeits-Beweises, der Verdacht des »Historikers« an mir, als an einem schon früher literarisch Betroffenen, haften geblieben und da stand ich denn nun, den #einen# Geistlichen vor mir, den #andern# (seinem besseren Theile nach) in Händen haltend und fühlte zugleich, nicht ohne eine gewisse Verwirrung, den Schatten eines Lorbers auf meiner Stirn. In Besançon zum »≈officier supérieur≈«, in Oléron zum »≈historien prussien≈« kreirt, gewann ich erst Fassung wieder in dem Gedanken, daß die #Fremde# ihren Mann erkennt und der Heimath (die nie recht ’ran will) die großen Fingerzeige giebt.

Ich that einen Blick auf den Titel des ziemlich umfangreichen Buches, versicherte Mr. Masson in aller Wahrheit, daß ich ein Interesse nähme an der Geschichte des Hugenottenthums in der Vendée und bat ihn, seinem Amtsbruder in La Rochelle meinen besten Dank für die mir erwiesene Ehre auszusprechen. Wir gingen dann zu einem Gespräch über die Insel Oléron über, über die kirchlichen Zustände, über das Verhältniß von Katholiken und Protestanten, der Zahl wie der gegenseitigen Stimmung nach. Er gab mir über alles Aufschluß, aber doch in einer gewissen aufgeregten Zerstreutheit, wie man sie bei Personen zu beobachten pflegt, die zwischen Braten und Compott eine Tischrede zu halten haben. Sie memoriren beständig, werden durch die harmloseste Frage ihres Nachbars wie auf einer gedanklichen Unthat ertappt und geben oft Antworten, darin sich Worte aus der zu haltenden Rede räthselvoll eingesprenkelt finden. Dies war auch die Situation von Mr. Masson. Er brach denn auch schließlich durch die immer drückender werdende Zwangsunterhaltung hindurch, erhob sich, trat, seinen Cylinderhut in der Hand, drei Schritt zurück und begann mit gesteigerter Feierlichkeit:

≈Monsieur il n’est pas vraisemblable, que nous nous reverrons ici, que nous nous reverrons dans ce monde. Mais nous avons une patrie, grande et éternelle, où n’existe pas de guerre, où la haine, l’animosité ont cessé, où les peuples demeurent en paix par notre Sauveur Jésus Christ, par lui, qui est la lumière, l’amour, et la grâce. Voilà où nous nous reverrons. ...... Monsieur, je vous demande pardon ...... Monsieur, je suis fâché de vous avoir dérangé ..... Monsieur, j’ai l’honneur .....≈ Während dieser Sätze hatte er seinen Rückzug angetreten, ohne sich umzudrehen, immer Auge in Auge. Unter beständigen Verbeugungen begleitete ich ihn bis an die Treppe; hier schieden wir.

Es fiel mir wie eine Last von der Brust. Die letzten Minuten hatten mich einen schweren Kampf gekostet. Bis zu den Worten: »≈voilà, où nous nous reverrons≈« war ich ihm ernsthaft und aufmerksam gefolgt, als mir aber plötzlich klar wurde: er predigt, er #citirt# vielleicht, erfaßte mich das Komische der Situation mit solcher Gewalt, daß ich nur noch mit Niederkämpfung meines Krampfes beschäftigt, von allem Weiteren nichts anderes als einzelne Worte hörte. Niemals hab’ ich das Mißliche der pastoralen Redeweise #so# empfunden wie hier.

Man spricht davon, daß unser modernes Empfinden den Katholicismus überwunden habe, er sei durchaus #mittelalterlich#. Es mag sein. Aber, was unser modernes Empfinden gewiß #auch# überwunden hat, das sind solche öden Redensarten. Jeder kann sie machen, wie jeder einen Baum zeichnen oder ein Sonett zusammenstellen kann. Man lockt damit keinen Hund mehr vom Ofen. Man muß diese Dinge schärfer anzufassen wissen.

#Wir# sind wenigstens auf dem Wege dazu; was ich aber in Frankreich vom #Protestantismus gesehen habe, machte einen unendlich tristen Eindruck #auf mich. In Lyon gab mir der ≈gardien-chef≈ (Protestant) ein #Gebetbuch in die Hand, ich glaube in Genf und Toulouse edirt, das #Gebete auf ein paar hundert Tage und Situationen enthielt, jedes eine #halbe bis anderthalb Seiten lang, also an und für sich nicht zu lang #und in dieser Beziehung hinnehmbar. Ich las zehn oder zwölf und ich #darf sagen, ich habe nie dürreres Reisig in Händen gehabt.

Keine Spur wahren Lebens, alles fromme Phrase. Die #fromme# Phrase aber ist die schlimmste.

3. Der letzte Abend.

Wünsche, Frohsinn, Freunde, Gäste, Lichter wie zum Weihnachtsfeste.

* * *

Er hatte Tressen an dem Hut Und einen Klunker dran. M. Claudius.

So kam der letzte Abend heran. Er hatte eine besonders festliche Erscheinung. Bei Vertheilung meiner Wirthschaftsgegenstände hatte sich nämlich ein ungeahnter Reichthum an Stearinlichten ergeben und da Rasumofsky, dem natürlich Alles zufiel, hochherzig erklärte, zu Gunsten einer Illumination auf diesen Erbschaftstheil verzichten zu wollen, so hatte sich, unter Heranschleppung aller möglichen Blaker und Leuchter, die überhaupt aufzutreiben waren, eine feenhafte Beleuchtung bei mir vorbereitet. Selbst in der anstoßenden Kammer, in zwei Sandhaufen gestellt, brannten zwei Lichter. Es sah aus wie Weihnachten. Der Christbaum fehlte, aber sein festlicher Glanz war ausgegossen.

Licht giebt Heiterkeit. Ich ordnete meine paar Habseligkeiten, die mich in die Heimath zurückbegleiten sollten, setzte mich an den Schreibtisch, um ein paar Abschiedsbriefe zu couvertiren, und sprang dann wieder auf, um in meiner Lichter-Allee spazieren zu gehen. Ich bin ein schlechter Sänger und Pfeifer; aber ich glaube, ich versuchte mich als beides.

Meine gute Laune hatte noch einen besonderen Grund; es war nämlich unmöglich, auf Rasumofsky zu blicken, ohne von jenem Empfindungskontrast berührt zu werden, der vielleicht die Wurzel alles Humors ist. Von den drei Cardinal-Eigenschaften meines Burschen, um derentwillen ich ihn überhaupt engagirt hatte, hatte ich bisher nur #zwei# kennen gelernt, den Polen und den schwarzen Husaren; heute, zum Abschied, hatte er, mir zur Liebe, auch die #dritte# seiner Qualitäten hervorgesucht: den Schneider. Das rechte Bein über dem linken Knie, so saß er da, von Lichtern umstrahlt, vom Kaminfeuer beschienen und nähte mir, aus blauem Futterkattun, einen Reisesack. Er that es gern, weil er das Bedürfniß hatte, mir seine Liebe zu bezeigen; aber es war ein Opfer, das er mir brachte. Alle Augenblick kam Besuch; man lächelte, und ich sah, wie er sich ärgerte. Endlich half er sich auf die beste Weise. Er stülpte seine Mütze mit dem Todtenkopf keck auf die linke Seite und sah jeden Eintretenden so herausfordernd an, daß der Spott verschwand, noch eh’ dieser Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln. Mir persönlich gönnte er das herzlichste Lachen und stimmte selber mit ein.

Diese Heiterkeit indeß, die in so Vielem um mich her ihre Nahrung fand, sollte noch auf eine harte Probe gestellt werden; ja es wurde zehn Minuten lang so dunkel vor meinen Augen, als ob die Lichter um mich her mit ziemlich langer Schnuppe gebrannt hätten. Der Leser urtheile selbst.

Unter den Vielen, die kamen und gingen, befand sich auch unser Kölner Freund mit dem Klapphut und der 25er Achselklappe. Er kam abermals »dienstlich«, und zwar diesmal, um mir im Auftrage des Kommandanten meinen »#Reisepaß#« zu überreichen. Ich dankte, so weit das meine große Ueberraschung zuließ.

Ich hatte nämlich geglaubt, auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, nun auch meine Rückreise antreten zu können, und mußte mich jetzt von der alten Wahrheit überzeugen, daß Freiheit theuer ist und ein beständiges Daransetzen von Gut und Blut erwartet. Nicht in Gensdarmenbegleitung (langweilig aber #sicher#) sollte ich mich auf den Rückweg machen, sondern in völliger Freiheit, #mir selber überlassen#. Das klang sehr gut, war aber in Wahrheit eine heillose Sache, die dadurch nicht besser wurde, daß mir ein Umweg, der die Meilenzahl gerade verdoppelte, als Reiseroute vorgeschrieben war. Hier saß ich am #Atlantischen# Ocean; bis zum #Mittelländischen# Meer (Cette) mußte ich hinunter, um dann wieder, an der Rhône hin, bis Lyon und Genf aufwärts zu steigen! Dieser Umweg war nicht angenehm; aber er kam nicht in Betracht neben der andern Erwägung, daß ich diese Reise durch bis zum Fanatismus aufgestachelte Provinzen antreten mußte; #allein#, mit keinem andern Schutz als einem ≈feuille de route≈ in der Tasche. Alle Städte, die ich zu passiren hatte, hingen nur lose noch am Faden der Ordnung; was konnte einem rothrepublikanischen Arbeiterhaufen, wie sie in Bordeaux, Toulouse, Lyon an der Tagesordnung waren, was konnte ihnen mein, mit Kritzelhand undeutlich geschriebener Reisepaß bedeuten? »≈A la lanterne≈«! Ich hatte das Gefühl, durch meine Befreiungsordre auf einen Vulkan gestellt zu sein. Dies Gefühl war so stark, daß ich einen Augenblick die große Cortez-Arie »ich bleibe hier« sehr ernsthaft in Erwägung zog. Dann schämt’ ich mich wieder dieses Kleinmuths. Rasumofsky, an den ich appellirte, faßte sein Endurtheil in die Worte zusammen: »i, sie werden ja wohl nich«. Er meinte die Franzosen.

Manchem mögen diese Bedenken, wie ich sie hier ausgesprochen habe, als Zeichen einer besonderen Aengstlichkeit erscheinen. Ich darf aber versichern, die Situation war #wirklich# heikel. Nur wer als Gefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, hat ein Urtheil darüber. Scham und Hoffnung gaben endlich den Ausschlag. Zudem trug mein Paß den Namen #Gambettas#. Dies war #etwas#. Der einzige Name, der selbst der rothen Populace einigermaßen imponirte. Wenigstens #damals# noch.

Es liegt in meiner Natur, angesichts aller Dinge, über die ich #ausnahmsweise# nicht gleich hinweg kann, sorglich zu balanciren und #nur zögernd zu einem Entschluß zu kommen; #ist# dieser Entschluß aber einmal gefaßt, so spring’ ich auch sofort wieder mit beiden Füßen in die alte Sorglosigkeit hinein und vertraue lachend und heiter meinem guten Stern.

So that ich auch hier. Es wurde mir erleichtert durch einen Besuch, der mit der Entscheidung, die ich faßte, fast zusammentraf.

Die Lichter waren schon halb niedergebrannt; Rasumofsky that seine letzten Stiche und schickte sich eben an, eine Zuckerhut-Strippe (als Schnurre) durch den Reisesack zu ziehen, als es abermals klopfte. Herein trat ein großer schöner Mann in der Uniform eines Zuaven-Tambour-Majors. Langer blauer Rock, blanke Knöpfe, mächtige rothe Epauletten, auf der Brust drei Orden, der schwarze Vollbart sappeurartig herniederhängend und auf seiner Oberfläche in zwei Strehnen geflochten, die, nicht viel dicker wie ein Uhrschnur, auf dem mächtigen dunklen Bart-Untergrunde lagen. Es war der Cantinier. Man denke sich mein Erstaunen. Die Schönheit dieses wirklich pompösen Mannes wurde nur noch von dem Komischen seiner Erscheinung übertroffen.

Er blieb drei Schritte vor mir stehn, verbeugte sich, legte seine linke Hand auf die Brust und begann feierlich: »Mein Herr. Die Verhältnisse haben es mir versagt, auf mehrere Schreiben, die ich die Ehre hatte von Ihnen zu empfangen, schriftlich zu erwidern. Es ist mir Bedürfniß, persönlich Ihre Nachsicht dafür zu erbitten. Zugleich spreche ich Ihnen in meinem und meiner Dame Namen mein aufrichtiges Bedauern darüber aus, Sie so früh aus unserer Mitte scheiden zu sehn. #Sie# werden anders darüber empfinden, aber genehmigen Sie die Versicherung, daß Sie ein Gegenstand unsres besonderen Respektes waren.«

Hier schwieg er, verneigte sich wieder und wartete ersichtlich auf meine Antwort. Ich ging also auch los. »Monsieur le Cantinier, es gereicht mir zu einer ganz besonderen Ehre, daß ich noch Gelegenheit finde, Sie in dieser prächtigen Erscheinung vor mir zu sehn. Sie sind ein schöner Mann; verzeihen Sie die Unumwundenheit meiner Ausdrucksweise (er verneigte sich), aber wenn es etwas giebt, das im Stande ist, Ihrer Persönlichkeit Vorschub zu leisten, so ist es #diese# Uniform. Ich sehe zu meiner besonderen Freude, Sie sind #dekorirt#. Darf ich fragen .....«

Er wartete das Weitere nicht ab, sondern interpretirte jetzt mit immer lebhafter werdender Stimme: ≈c’est pour la Crimée, — c’est≈ ≈pour le Mexique, — et la troisième, celle-ci, est une »décoration spéciale« pour mes productions sur le cornet à piston.≈

Ich drückte ihm nochmals meine Freude aus, einen alten Soldaten zu sehn, der wahrscheinlich in drei Welttheilen gefochten habe (er nickte zustimmend), und glaubte nun, nach so vielen Auseinandersetzungen, das Ende der Feierlichkeit gekommen, als er plötzlich einen Schritt näher an mich heran trat und mit bewegter Stimme sagte: ≈Monsieur, je ne crains pas de vous offenser, si je vous prie .....≈

Ich warf unwillkürlich den Oberkörper zurück.

≈Monsieur≈, fuhr er fort, ≈permettez, que je vous embrasse≈.

In solchen Momenten ist ein muthiges Hinein ins Unvermeidliche immer das Beste. Nur Initiative kann vor größerem Unheil bewahren. Ich warf mich also auf ihn, drückte die drei Medaillen an meine Brust und schob erst meine linke, dann meine rechte Backe an den beiden Flanken seines mächtigen Hauptes vorbei.

Dann ließ ich los. »Rasumofsky, Licht!« Dieser packte den nächsten Leuchter, riß die Thür auf und beschleunigte dadurch den Rückzug.

Als er heraus war, sagt’ ich mir: ≈Mr. #Masson#, encore une fois!≈ Nur unterm Vergrößerungsglas und — mit rothen Epauletten!

4. Abschied.

Hin jagt der Kiel; .... Und jene Insel voll Erinnerungen Sinkt in des Meers, sinkt in des Herzens Tiefe. B. v. Lepel.

Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff. Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke, zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb mißgestimmt unsrem Treiben zu.

Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm. Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie deuteten leise an: Du hast gut reden.