Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 10
Kein Herbst wollte kommen, so glühte die Sonne dieses Jahres in den September, in den Oktober hinein. Der Wasserstand des Rheines senkte sich bis auf die Riffe und Bänke im Strombett, und die Schiffer schauten so sehnsüchtig nach dem westlichen Himmel, als wollten sie die Wolken mit den Augen heranziehen und zur Entladung bringen. Auf den Menschen des Ruhrorter Hafengebietes lagerte ein Druck. Die geschäftlichen Sorgen sprangen über Nacht in den Tag und zerrten an den Nerven der eisenfesten Männer.
Öfter als bisher mußte Kornelius Vanderwelt auf seine mittäglichen Entspannungsfahrten Verzicht leisten, um die Stunden zu nützen, das Rad im Schwung zu halten, um Frachtenkähne ausfindig zu machen, die durch leichtere Bauart und geringeren Tiefgang die Flachwasser zu überwinden vermochten, um in langwierigen Darlegungen die Verfrachter zu bestimmen, dem drängenden Bedarf bei dem geringen Angebot und der erhöhten Verlustgefahr der Schiffer durch emporschnellende Frachtsätze Abfluß zu schaffen. Die großen Kahneigner fluchten, denn die Kleinschiffer, die ›Partikuliers‹, schöpften den Rahm von der Milch, wurden breitspurig im Gefühl ihrer Unersetzlichkeit und bereiteten durch ihre hochgeschraubten Forderungen selbst ihrem Freund und Gönner Vanderwelt Stunden des heiligen Zornes.
»Dat geht reihum, Herr Vanderwelt. Un wer den Breilöffel glücklich in die Finger kriegt, muß sorgen, dat er sich den Bauch gründlich vollschlägt.«
Das war eine Beweisführung, die in Kornelius Vanderwelts Anschauungsart ein lachendes Echo fand, und er half den Blinden und Lahmen zum Hochzeitsmahl.
Der heißeste Tag des Oktobers kam, und die Sonne brannte wie im August. Die Schulen hatten Spätherbstferien angetreten, und die Vanderweltskinder nutzten sie aus bei Freundesfamilien in Rotterdam. Fräulein Bilsenbach war im herbstlichen Hausputz unsichtbar geworden und Angela Freydag übrig geblieben, schlaff und schwerblütig durch die Ungewöhnlichkeit der Witterung.
»Heute hol' ich sie. Es mag biegen oder brechen,« sagte Kornelius Vanderwelt. Und in der Mittagsstunde holte er sie. Auf die Landstraße hinaus, auf der sie vor Jahr und Tag den Fahrer angerufen und den Führer gefunden hatte. In den Wald, in dem die grüngoldenen Märchenwunder purpurrote Gewänder übergestreift hatten.
Sie gingen wie sonst, einer in den anderen versenkt. Doch Angela Freydags Gang war heute schwerer und langsamer.
»Was ist Ihnen, Engel?«
»Ich weiß es nicht.«
»Zeigen Sie mal Ihre Augen her. Darin wetterleuchtet es ja. Sitzt die Wölfin wieder drin und möchte anspringen? Weshalb?«
»Weil Sie mich so hungrig machen.«
»Ich -- Sie? Auf was denn, Mädchen?«
»Auf was --? Ach -- auf was -- --?«
Brausend bogen sich die Wipfel. Ein Sturmstoß pfiff gellend hindurch, daß sich die Wanderer gegen ihn stemmen und sich aneinander halten mußten. Am Himmel trieb eine Wolke heran, lastete ungefüge über dem Wald, erdrückte das Licht und verdunkelte Weg und Steg.
Der wetterkundige Mann schreckte auf. Seine Augen waren auf Wind und Wolke gerichtet.
»Ein Unwetter, Engel! Das ist Sommers Ende! Aber herrlich wird er Abschied nehmen. Geben Sie acht.«
Grell fuhr ihnen ein Blitz in die Augen. Sein Widerschein tauchte den tiefschwarzen Himmel in aufschreiende Lohe. Krachend fuhr der Donnerschlag hinterdrein. Und die Wolke zerbarst wie ein zerschmettertes Glas, und Wasserwogen rauschten nieder, überstürzten sich, rissen das Geäst in Fetzen, zerpeitschten, was ihnen im Wege war.
»Engel! Arme um meinen Hals! Festhalten! Ist das nicht schön?«
»Schön! schön! schön!«
»Engel! was ist mit Ihnen? Sie zerfließen mir unter den Händen!«
»Wohl ist mir! Ach, so wohl!«
Er sprach kein Wort mehr. Er fühlte ihre Haut unter seinen Händen, ihre kühle, nackte, regenzerpeitschte Haut. Von Wolkenbruchgewalten hinweggefegt wie Spinngeweb war das schleierdünne Oberkleid, und ein wilder Jubel von Urvätern her sprang in sein Blut und lachte in seinen Augen über die schlohweiße Seemannsbeute.
Und jäh wie das Wetter gekommen war, vertobte es und schwieg.
Angela Freydags wirre Augen starrten auf die Nacktheit der Schultern, der Mädchenbrust. Sie suchten das Kleid und fanden nur Fetzen. Ihre Hände lösten sich von seinem Halse, hoben sich nach dem Haupte, griffen in die Flechten und rissen das regennasse Haar herunter, um es über die Brüste zu schlagen.
»Laß das! Laß das! Ich rühr' dich nicht an!«
»Oh -- -- --!«
Ganz hell und hoch kam der Ton. Wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher.
»Ich rühr dich nicht an ... Aber in mich hineintrinken will ich das, in mich hineintrinken, daß es mir für Zeit und Ewigkeit gehört. -- -- -- Jetzt kannst du mir in dieser und jener Welt nicht mehr verloren gehen.«
Ganz aufrecht hielt sie sich, den Kopf im Nacken. Und schloß erst die Augen, als sie das aufsteigende Blut in den Schläfen fühlte.
»Ich danke dir,« sagte er. Und hastig zog er seinen Rock aus, warf ihn über ihre Schultern und knöpfte ihn über ihrer Brust und unter ihrem Halse zusammen.
»Und wenn's nur ein Waldmensch wäre, der nach deiner weißen Schönheit schielte. Mit einem Ziegelstein schlüge ich den Menschen tot, und wenn ich bis Australien ihm nach müßte.«
Da hob sie die Arme hoch, und wieder kam der ganz hohe und helle Ton aus ihrer Kehle wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher, und sie warf die Arme um seinen Nacken, riß seinen Kopf an sich und preßte ihre Lippen auf seinen Mund, atemlos.
»Du -- du -- du --! Ach, du -- -- --!«
Und er wußte nichts zu erwidern, als das gleiche: »Du -- du --! Ach, deine Lippen -- -- --!«
Ihre Wangen brannten, und ihr Leib schreckte vor Frost. Er umfing sie fester und lief mit ihr, um sie zu erwärmen, vor dem Winde durch den Wald, bis sie den Wagen erreichten. Und während der Wagen die Landstraße dahinbrauste, lag ihr Kopf an seiner Brust, und das Auge des einen suchte im Antlitz des anderen.
»Dein Mund, dein Mund, Engel ... wie der rote Spalt eines Granatapfels.«
»Deine Augen, deine Augen, du ... so glühend sind sie und so zärtlich sind sie, und ich muß sie lieben.«
»Dein Leib, Engel, und deine Seele, Engel ... Marmorschale und Myrrhenduft, und ich muß beides lieben.«
Und der eine langte nach dem anderen, daß die Lippen sich küßten -- sich küßten -- --
So aufrecht wie immer war sie aus dem Wagen gestiegen, hatte sie ihr Zimmer aufgesucht. Als Kornelius Vanderwelt am Abend nach Fräulein Freydag fragte, hörte er, daß sie sich frühzeitig zu Bett begeben habe. Er schritt die Treppen hinauf, pochte leise an ihre Zimmertür und rief: »Gute Nacht!« -- Und wie ein Echo kam ihm »Gute Nacht!« zurück.
Früher als sonst suchte er am Morgen sein Geschäftshaus auf. Er wollte den Nachmittag für sich gewinnen. Und kehrte heim und fand Angela Freydag nicht mehr in seinem Hause.
»Haben Sie vergessen, Herr Vanderwelt, daß Fräulein Freydag abreisen mußte? Fräulein Freydag sagte, Sie wüßten es schon.«
Er nickte dem alten Fräulein zu, ging in sein Zimmer und nahm vom Arbeitstisch ihren Abschiedsbrief.
»Lieber, liebster Mann, ich gehe. Bliebe ich, so würde ich in wilder Hingabe zerbrechen, denn so liebe ich Dich. Und Du würdest ärmer an mir werden statt reicher. Ich aber will an Deiner Seite schreiten können im gleichen Schritt und Tritt, ebenbürtig Dir als Genossin Deiner Liebe und Deiner Kämpfe. Laß mich draußen durch meine Kunst ~ich selbst~ werden, und dann laß mich wiederkommen als Starke zum Starken. ~Deine~ Angela.«
Eine Stunde darauf senkte Kornelius Vanderwelt den Brief in Angela Freydags Reisetasche und verschloß beides.
5
Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Im Frühling woben die Wälder grüne Schleier von Wipfel zu Wipfel und Blumenranken in die Teppiche der Wiesen. Im Sommer tanzten die Sonnengluten auf feurigen Schuhen über den Ährenfeldern. Im Herbst lief der Wind durch die Stoppeln, kletterte von Baumgeäst zu Baumgeäst und fegte das welke Laub. Und im Winter fiel Tage und Nächte der Schnee, klirrte der Frost in Luft und Gewässer, wandelte sich Eis und Schnee in Schmutz und Wüstenei, bis wieder die Reihe an den Frühling kam und das ewige Spiel von neuem begann.
Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Und wenn die Menschen wähnten, den Lenzwind wie ein seliges Lächeln deuten zu müssen und die Winterstürme der Tag- und Nachtgleiche wie ein drohendes Fratzengesicht, Kornelius Vanderwelt hatte weder Deutung für das eine noch für das andere und ließ die Sonne scheinen wie sie wollte und mußte und die Stürme über die Wasser brausen wie sie sollten und mochten. Der Wechsel der Jahreszeiten war für ihn zum Einerlei geworden, ihre Zauberkünstlerüberraschungen nicht wert, den Puls des Blutes um einen Schlag zu steigern, und selbst die großen Lebensfragen der Arbeit schieden mit ihren Spannungen allmählich für ihn aus, weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit wurde, daß der Rhein zu Zeiten hohes und zu anderen Zeiten niederes Wasser führte.
Nicht, daß Kornelius Vanderwelt in Arbeitskraft und Arbeitsleistung nachgelassen hätte. Er griff an, kämpfte im zähen Kampfe und siegte wie bisher. Aber er tat es aus der Gewohnheit heraus, seiner Kämpfernatur zum alten Rechte zu verhelfen, nicht, weil ihm die Siegerfreude die Adern zum Springen bringen wollte. Die Freude war aus Kornelius Vanderwelts Leben und Streben hinausgewichen.
War sie an dem Tage gegangen, an dem Angela Freydag ging?
Oft grübelte er dem Gedanken nach, oft mitten in der Arbeit, wenn es sich um einen großen Schlag und um schnelle Entschlüsse handelte, oft in der lastenden Feierabendstille, wenn er in seinem Musikzimmer saß, den Kopf auf die Hände gestützt und die Arme auf den Deckel des verstummten Flügels.
War sie die einzige in seinem Leben gewesen oder eine Ziffer in einer Zahl?
Dann gebot er den Gesichten und lud die Frauen vor seinen geschlossenen Blick, die er geliebt hatte für die Dauer heißer Stunden oder die Dauer noch heißerer Jahre. Schemen flatterten vor ihm auf und zerflatterten. Körperlichkeiten, die sich in nichts anderem zu erfüllen gehabt hatten, als den heißen Stunden Fleisch und Blut zu geben und mit ihnen zu vergehen. Die eigene, leidenschaftlich bewegte und erregte Frau wuchs vor seinen Augen auf, die ihm die Kinder geboren hatte und doch nur ihn beschenken wollte bei Tag und bei Nacht. Aufstöhnend wühlten seine Gedanken in ihrer Schönheit und griffen in nichts.
Weshalb? Weshalb? War die Vergänglichkeit schneller oder die Liebe --?
Kornelius Vanderwelt hob den Kopf. Er öffnete weit und starr die geschlossenen Augen.
Liebe ...?
Hatte ihn ein Ton gerufen, ein ganz hoher und heller, irgendwoher --?
Er erhob sich und ging dem Tone nach, bis seine Stirn gegen das Fenster stieß. Er merkte es nicht. Seine Augen suchten in der Ferne, sein Gehör verfeinerte sich, alle seine Sinne waren angespannt.
Liebe ...? Ist Liebe ein Wühlen in der Schönheit und Leidenschaft, ein Jauchzen im Besitz, ein Verschenken und Wiederverschenken von einem zum anderen? Narrheit, Knabennarrheit! Was ist es denn? Was denn? Die Liebe -- ach, ich bin es selbst! Ich selbst bin die Liebe! Und was ~Du~ mir bringst, Geliebte, ist ein Teil von ~mir~, gehört zu mir, wie das eine Auge zum anderen, die eine Hand zur anderen gehört. Wie kann ich mir schenken lassen, was mein ist, wie kann ich dir schenken wollen, was dein ist? Ich bin das eine Auge und du bist das andere. Ich bin der eine Blutstropfen und du bist der andere, und zusammen sind wir der eine und einzige Blutstrom unseres Lebens. Verbluten muß, wer dem anderen nicht gibt, was ihm zum Atmen und Leben gebührt. Denn du bist ein Teil meiner Kraft, wie ich ein Teil der deinen bin. Zwillingsblütler sind wir am Zweigeschlechterbaum und müßten verdorren, wenn wir nicht mehr aus derselben Wurzel trinken. Angela! Angela Freydag! Du wie ich! Denn nur vereint sind wir ein Mann oder ein Weib. Sind wir wir selbst -- durch den Drang unserer Liebe, die den einen gleich dem anderen befruchtet.
Angela. Angela Freydag. Du warst nicht die einzige Frau in meinem Leben und doch keine Ziffer in der Zahl. Du warst ~ich~, der Teil von mir, den ich lieben muß wie das göttlichste Geheimnis. Wie ich dich sprechen höre, aus Fernen heraus: »Und du bist ich, seit Gott den Menschen schuf und Mann und Frau aus einem Gebilde. Du, Geliebtester, bist Angela Freydag, und ich, deine Geliebteste, bin Kornelius Vanderwelt.«
Angela! So schreit mein Blut nach meinem eigenen Blute, wenn es nach ~dir~ schreit. -- --
Nur noch ein Einerlei waren für Kornelius Vanderwelt die Jahre, die auf und nieder tauchten. Geschäft, Schifferbörse, Erziehung der Kinder wurde von ihm nach des Tages Gebot und Bedarf geregelt und gemeistert. Die Söhne durchliefen die Schule, bestanden die Reifeprüfung leichthin. Im Korpsleben Bonns fühlte sich der stolze Justus Vanderwelt, der Student der Rechte, wohler als in den geschäftlich abgesteckten Grenzen Ruhrorts. Auf der Handelshochschule zu Köln wurden dem zu früh gereiften Thomas Vanderwelt genug der Einblicke ins Leben, um seiner Zweifelsucht den Schein der Weltweisheit zu verleihen.
Und nun war auch Juliane Vanderwelt, sechzehnjährig, in eine Erziehungsanstalt der französischen Schweiz abgereist, mit der festen Vorberechnung, dort Dame und nichts als Dame zu werden.
Es war einsam geworden in dem lebhaften Vanderwelthaus, und alles Laute hatte sich in Stille verkehrt.
Das alte Fräulein Bilsenbach ging wie ein Geist durch die Räume, immer bemüht, jedes Geräusch, selbst das Geräusch ihres eigenen Schrittes von dem ernstgewordenen Hausherrn fernzuhalten und nicht den geringsten Grund zu einer Rüge aufkommen zu lassen. So lieb diese Vorsorge Kornelius Vanderwelt im Anfang war, so stark rissen die altjüngferlichen Übertreibungen auf die Dauer an seinen Nerven. Wenn er, aufschauend, ihren schwarzen Schatten durch das Zimmer huschen sah, die Hand bittend erhoben, sie nicht zu bemerken, wenn er im Nebenzimmer das Wispern und Flüstern vernahm, mit dem sie den Hausangestellten ihre Anordnungen erteilte, so mußte er krampfhaft an sich halten, um nicht mit einem Matrosenfluche hineinzuwettern, nur um diese lawendelduftende Krankenhausluft zu säubern und aufzufrischen.
»Himmel und Hölle, Fräulein Bilsenbach, ist ein Totes im Hause?«
»Gott möge uns vor dem Unglück bewahren, Herr Vanderwelt. Wie kommen Sie nur auf so Schreckliches?«
»Oder halten Sie mich für einen Geisteskranken oder einen Kindischgewordenen?«
»Weshalb -- weshalb denn nur, Herr Vanderwelt? --«
»Weshalb? Weil Sie alles Leben um mich herum zum Schweigen bringen, weil Sie jedem Ding um mich herum einen Trauerflor anhängen, weil -- ja, das soll doch der leibhaftige Teufel holen -- weil Sie zittern und beben, wenn ich Sie anspreche.«
»Sie sprechen mich ja nicht an, Herr Vanderwelt, Sie schreien mich ja an --«
»Oh! Oh! das nennen Sie schreien? Ich wollt', Sie schrien ebenso, damit diese gottverdammte Filzsohlengeräuschlosigkeit endlich mal wieder einem herzhaften Krach Platz machte. Ach du liebes Elend, nun schwimmen wir mal wieder in Tränen.«
Das alte Fräulein schluchzte in ihr Taschentuch.
»Ich -- ich tu hier mein Bestes und ich will ja gar keinen Dank, wenn -- wenn Sie nur das Fluchen unterlassen wollten, Herr Vanderwelt.«
»Das Fluchen?« Kornelius Vanderwelt lachte auf wie in seinen frohesten Tagen. »Ach, Sie liebe Unschuld glauben, ich wollte den lieben Gott damit ärgern? Wie ein kleiner Junge hinter dem Herrn Lehrer, der ihm die Hosen vollgehauen hat, ›Fottenhäuer‹ herruft?«
»Herr Vanderwelt -- ich bin eine Dame!«
»Entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein Bilsenbach, aber auf Hochdeutsch können selbst Sie das nicht sagen. Na, nun lachen Sie schon. Doch, doch, ich hab's gesehen. Und um auf das Fluchen zurückzukommen -- ja wie soll ich das Ihrem zarten Hausfrauensinn beschreiben? Das ist wie ein großes Reinemachen. All der Dreck des Lebens, der sich in einem eingenistet hat und nicht durch Gebet und gute Worte herauszubringen ist, der wird durch ein paar Kraftflüche hinausgeschleudert wie der Lavadreck aus einem Vulkan, und das geläuterte Feuer hat wieder die Oberhand und bereitet den schönsten Gottesgedanken die Wohnung.«
Dann ging das alte Fräulein leise mit dem Kopfe schüttelnd und lautlos wie ein Geist aus dem Zimmer.
In diesem Dunstkreise atme ich, dachte Kornelius Vanderwelt, und er ging wie ein gefangenes Tier im Zwinger ruhelos im Raume auf und ab, auf und ab.
Es war keine Mißachtung der ängstlichen Sorgerin, die in ihm aufkam, es war nur die Abwehr ihrer kleinen Welt, die ihn vorzeitig in Schlafrock und Pantoffeln einlullen wollte, und aus der Abwehr ihrer kleinen Welt wurde eine Abneigung gegen die lautlose Persönlichkeit, die demütig zum Gesangbuch griff, statt einmal, einmal nur zornwütig die Arme gen Himmel zu strecken und hineinzurufen: Auch ich bin ein Gotteskind, ein Erbe, und kein hündischer Sklave!
Und allmählich empfand er die Abneigung fast körperlich.
Das machte ihm den Aufenthalt im Hause mehr und mehr zur Qual, und wenn er die spärlichen Briefe der heranwachsenden Kinder gelesen hatte, wenn die Antworten, streng nach der Eigenart des Einzelnen, verfaßt und abgesandt waren, nahm er Hut und Mantel und durchwanderte das immer mächtiger um sich greifende Hafengebiet, bis er in später Nacht in die Gasse einbog, in der wie ein Eckpfeiler die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ heraussprang.
Das erste Mal wartete er, bis sich der letzte Gast getrollt hatte und der Matthes den Riegel vorschieben wollte.
»Gut Freund,« murmelte er und ging an dem Erstaunten vorüber in die Kneipstube.
Der Wirt kam eilig hinter ihm hergelaufen, wischte mit der Mütze den Tisch sauber, stemmte sich mit den Fäusten auf die Tischkante und starrte ungläubig auf den Gast.
»Der Herr Kornelius Vanderwelt? Wahr un wahrhaftig der Herr Kornelius Vanderwelt?«
»Soll ich Ihnen vielleicht meine Handschrift über das Maul schreiben, Matthes? Dies Haus gehört bis zum letzten Sparren mir, und ich darf wohl auch des Nachts eine Besichtigung vornehmen.«
Der Matthes, immer noch von der Überraschung bewältigt, schielte ihn in aufkommender Unruhe an.
»Geht es um die Zinsen, Herr Vanderwelt? Sie kriegen sie. Sie kriegen sie auf Ehr' un Gewissen.«
»Ihr ›Ehr' und Gewissen‹ will ich nicht geschenkt haben. Grog will ich, und morgen am Tage laß ich Sie durch den Gerichtsvollzieher auspfänden, wenn es nicht unverschnittener Rum von Jamaika ist.«
Der Matthes stand stramm wie ein berichterstattender Matrose.
»Frisch geschmuggelt vom holländischen Kahn ›+Ora et labora+‹. Gott soll mich verdammen, wenn Sie den unverfälschten Jamaika nich beim ersten Schluck herausschmecken.«
»Lieber Matthes, machen Sie doch nicht die langen Redensarten.«
Da holte Matthes die kurzbauchige und langhalsige Flasche, wies den unverletzten Siegellack vor und entkorkte sie mit einem schnalzenden Knall. Fragend blickte er auf seinen Gast.
»Ne, mein Junge, ans Schnapssaufen bin ich doch noch nicht gekommen. Kochendes Wasser her. Meinetwegen zwei Gläser statt einem. Wäre ja möglich, daß Sie mittrinken möchten. Schon gut.«
Der kupferne Wasserkessel summelte und surrte auf dem Tisch und stieß den Dampf aus dem gebogenen Hals. Die Groggläser warteten neben der geschmuggelten Flasche aus Jamaika. Und der Matthes schob seine Vierschrötigkeit geräuschlos zwischen den Stühlen und Tischen einher, schloß die Türen, dichtete die Fensterläden und kehrte zu seinem Gast zurück, um den Grog zu mischen.
»Lassen Sie das meine Sorge sein, Matthes. Ich bin der Gastgeber und messe nicht nach Fingerhüten.«
Es wurde ein steifer Grog, den Kornelius Vanderwelt mischte, und der Matthes saß breitbeinig am Tische und tat Bescheid. Ein einsames Licht leuchtete über dem Ecktisch, an dem die Männer hockten.
»Wie geht es Ihrer Frau? Liegt sie schon in den Federn?«
»Der Frau geht's gut. Einer Frau geht's beim Matthes immer gut, wenn sie Order pariert.«
»Begierig, Mann, was Sie darunter verstehen.«
»Nix mehr un nix weniger, als wat ich gesagt hab'. Wenn ich der Herr bin, hat sich die Frau danach zu richten.«
»Verdammt bequem für den Mann. Meinen Sie nicht auch?«
»Frauensleut haben immer Raupen im Kopp. Die müssen 'raus. Reinweg.«
Kornelius Vanderwelt tat einen langen, durstigen Zug. Und sprach weiter, um das Gespräch im Gang zu halten.
»Was sind denn das für Raupen, Matthes? Ihre Frau ist doch die Unterwürfigkeit in Person.«
»Unterwürfig? Eine Frauensperson un unterwürfig? Die möcht' ich sehen. Alles Anstellerei, solange sie spürt, dat sie sich unterm Daumen befindet. Aber lockern Sie den nur mal für ein paar Sekunden, un sie sind hinten un vorne betrogen. Et hat noch kein Frauenzimmer mit Moral im Leib gegeben, solang die Welt steht.«
»Drehen Sie bei, Matthes. Ihre Frau ist die Tugend selbst.«
»En alt Weib hat leicht tugendhaft sein. Dat heißt, ich hätt' ihr auch in jüngeren Jahren nix anderes anraten mögen. So sind wir nu doch nich. Aber ich brauch' nur mal, wat selten vorkommt, en Mittagsschlaf zu halten, un schon schickt sie der verloren gegangenen Tochter un -- un deren Krott die Postpakete nach Düsseldorf.«
»Wenn Sie doch wissen, Matthes, daß Ihre Tochter in Düsseldorf wohnt, ist sie doch nicht verloren gegangen.«
»Dat is gut, Herr Vanderwelt. Nich verloren gegangen? Wo sie doch dat Kind ohne Vatersnamen hat?«
»Matthes, soweit mir erinnerlich, war Ihr Mädel auch schon auf der Welt, bevor Sie Hochzeit hielten.«
»Aber sie wurde gehalten, die Hochzeit!« ereiferte sich der Mann. »Un wenn sie nich pünktlicher gehalten wurde, so trifft mich daran keine Schuld, denn ich konnt' doch in den südamerikanischen Gewässern nich wissen, dat et mit der Annemarie in Ruhrort so eilig geworden war. Anständiger Kerl, der man is.«
»Matthes, Ihre Tochter hat auch geglaubt, daß der andere ein anständiger Kerl wär'. Das ist gehauen wie gestochen, und wenn der Liebhaber ein Lump war und das Mädel mit dem Kind im Unglück sitzen ließ, so gibt Ihnen das weiß Gott nicht die Berechtigung, den Tugendengel vorzuspielen.«
»Dat is meine Sache, Herr Vanderwelt. Ich kehr' vor meiner eigenen Tür.«
»Prost, Matthes. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon öfters kehren geholfen hab'. Lassen Sie mich doch, zum Kuckuck, meinen Satz aussprechen. Es ist gewiß nicht schön, daß Ihr Mädel in die Patsche geraten ist. Aber die Eltern vergessen so gern, wie es war, als sie selber drin saßen und jeden für einen Engel Gottes hielten, der ihnen nur den kleinen Finger hinstreckte. Matthes, wenn wir für alles zur Verantwortung gezogen würden, was wir im Leben angestellt haben! Vielleicht kriegt jeder mal die Rechnung. Vielleicht. Jedenfalls können wir sie erst als ›bezahlt‹ beiseite legen, wenn ein Guthaben als Deckung vorhanden war.«
»Ein Guthaben ...« knurrte der Mann. »Is wohl zu hoch für meinen Verstand.«
»Sie verstehen mich ganz gut. Wenn alle Gerechten, die auf Stelzen gehen, Farbe bekennen müßten, gäb' es auf der Welt kaum eine einzige klare Farbe mehr. Also beizeiten heran an das Klärungsverfahren. Und nicht die Nase gerümpft über die, die Unglück hatten, wo die anderen Glück hatten, sondern aufgeholfen. Natürlich bleibt ein Unterschied zwischen einem Unglück und einer Ferkelei.«
Der Matthes erhob sich und guckte in den Wasserkessel.
»Befehlen der Herr Vanderwelt noch eine neue Auflage?«
Kornelius Vanderwelt mischte den zweiten Grog. Er hob sein Glas prüfend gegen das Licht.
»Wir wollen einmal auf Ihre Enkelin anstoßen, Matthes. Wird jetzt schon ein Schulmädel sein. Na, dies Wurm wenigstens kann doch nichts und wieder nichts zu seiner Notlage. Also: auf Großvaterfreuden.«
Der Mann trank widerwillig. Das Glas klappte hart auf die Tischplatte zurück.
»Wenn et Ihnen genehm is, Herr Vanderwelt, sprechen wir jetzt mal von anderen Sachen. Et gibt soviel schönere auf der Welt, sogar in Ruhrort. Da wär' zum Beispiel der Hafen.«
»Matthes, der Hafen wird eine Pracht. Und der neue Kanal wird bis zum Nordseehafen Emden geführt. Der Warenumschlag ist ohnegleichen auf der Welt und noch unbeschränkt in der Entwicklungsmöglichkeit.«