Part 8
Einigemal im Jahr fuhr die »Fasanerie« in die Residenz, um den Aufführungen klassischer Opern und Dramen im großherzoglichen Hoftheater beizuwohnen; besonders Klaus Heinrichs Geburtstag wurde mit solchem Theaterbesuch begangen. Er saß dann in ruhiger Haltung auf seinem geschweiften Armstuhl an der Plüschbrüstung einer rot ausgeschlagenen Proszeniums-Hofloge, deren Dach auf den Köpfen zweier weiblicher Skulpturen mit gekreuzten Händen und leeren, strengen Gesichtern ruhte, und sah seinen Kollegen, den Prinzen, zu, deren Schicksal sich auf der Bühne erfüllte, während er zugleich den Operngläsern standhielt, die sich von Zeit zu Zeit, auch während des Spiels, aus dem Publikum auf ihn richteten. Professor Kürtchen saß zu seiner Linken und Doktor Überbein mit den »Fasanen« in einer Nebenloge. Einst hörte man so die »Zauberflöte«, und auf dem Heimweg nach Station »Fasanerie«, in dem Abteil erster Klasse, brachte Doktor Überbein das ganze Konvikt zum Lachen, indem er nachahmte, wie Sänger sprechen, wenn ihre Rolle sie nötigt, in den Prosadialog überzugehen. »Er ist ein Prinz!« sagte er salbungsvoll und entgegnete sich selbst in einem ziehenden und singenden Pastorenton: »Er ist mehr als das; er ist ein Mensch!« Selbst Professor Kürtchen amüsierte sich so sehr, daß er meckerte. Aber am nächsten Tage, gelegentlich einer Privatrepetition in Klaus Heinrichs Bücherzimmer mit dem runden Mahagonitisch, der geweißten Decke und dem griechischen Torso auf dem Kachelofen, wiederholte Doktor Überbein seine Parodie und sagte dann: »Großer Gott, das war einmal neu zu seiner Zeit, war eine Botschaft, eine verblüffende Wahrheit!... Es gibt Paradoxe, die so lange auf dem Kopfe gestanden haben, daß man sie auf die Füße stellen muß, um wieder etwas leidlich Verwegenes daraus zu machen. ›Er ist ein Mensch ... Er ist mehr als das‹ -- das ist nachgerade kühner, es ist schöner, es ist sogar wahrer ... Das Umgekehrte ist bloße Humanität; aber ich bin von Herzen nicht sehr für Humanität, ich rede mit dem größten Vergnügen wegwerfend davon. Man muß in irgendeinem Sinne zu denen gehören, von welchen das Volk spricht: ›Es sind schließlich auch Menschen‹ -- oder man ist langweilig wie ein Hilfslehrer. Ich kann den allgemeinen, gemütlichen Ausgleich von Konflikten und Distanzen nicht aufrichtig wünschen, Gott helfe mir, so bin ich veranlagt, und die Figur des _principe uomo_ ist mir, deutlich gesagt, ein Greuel. Ich hoffe nicht, daß sie Ihnen sonderlich zusagt, Klaus Heinrich?... Sehen Sie, es hat zu allen Zeiten Fürsten und Außerordentliche gegeben, die ihr Dasein der Ausnahme mit Leichtigkeit führten, einfältig unbewußt ihrer Würde oder sie derb verleugnend und fähig, mit den Bürgern in Hemdärmeln Kegel zu schieben, ohne eine qualvolle Verzerrung ihres Innersten zu erfahren. Aber sie sind wenig beträchtlich, wie zuletzt alles unbeträchtlich ist, was des Geistes ermangelt. Denn der Geist, Klaus Heinrich, der Geist ist der Hofmeister, der unerbittlich auf Würde dringt, ja die Würde erst eigentlich schafft, er ist der Erzfeind und vornehme Gegner aller humanen Gemütlichkeit. ›Mehr als das?‹ Nein! Repräsentieren, für viele stehen, indem man sich darstellt, der erhöhte und zuchtvolle Ausdruck einer Menge sein -- Repräsentieren ist selbstverständlich mehr und höher als Einfachsein, Klaus Heinrich --, darum nennt man Sie Hoheit ...«
So räsonnierte Doktor Überbein, laut, herzlich und wortgewandt, und was er sagte, beeinflußte Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr als gut war. Der Prinz war damals fünfzehn, sechzehn Jahre alt und also recht wohl fähig, solcherlei Ideen -- wenn auch nicht wirklich aufzufassen, doch nach ihrem Wesensgehalt gleichsam aufzusaugen. Das Entscheidende war, daß Doktor Überbeins Lehren und Expektorationen durch seine Persönlichkeit so ungemein unterstützt wurden. Wenn Schulrat Dröge, der sich gegen die Lakaien verneigte, Klaus Heinrich an seinen »hohen Beruf« gemahnt hatte, so war das nicht mehr als eine übernommene Redensart gewesen, mit dem Zweck, seinen sachlichen Forderungen Nachdruck zu verleihen, und eigentlich ohne inneren Sinn. Aber wenn Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt war, wie er sagte, und ein grünliches Gesicht hatte, weil er ehemals Hunger gelitten, wenn dieser Mann, der ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen, Einblicke getan und sich in jeder Weise den Wind hatte um die Nase wehen lassen, wenn er, der sich nicht nur nicht vor den Lakaien verbeugte, sondern sie gelegentlich sogar mit schallender Stimme anschrie, und der Klaus Heinrich selbst am dritten Tage, ohne um Erlaubnis zu fragen, ganz unumwunden bei Vornamen genannt hatte -- wenn er mit einem väterlichen Lächeln erklärte, daß Klaus Heinrich »auf der Menschheit Höhen wandle« (diese Wendung gebrauchte er gern), so war das etwas Freies und neu Empfundenes, was sozusagen Widerklang in der Tiefe hatte. Lauschte Klaus Heinrich den lauten und aufgeräumten Erzählungen des Doktors von seinem Leben, von »des Lebens schmallippigem Antlitz«, so war ihm zumute wie ehemals, wenn er mit Ditlind, seiner Schwester, gestöbert hatte; und daß der, welcher so zu erzählen wußte, daß dieser »umgetriebene Mann«, wie er sich selber nannte, sich nicht fremd und fromm gegen ihn verhielt wie die anderen, sondern ihn, unbeschadet einer freien und freudigen Huldigung, als Kameraden im Schicksal und in der Strammheit behandelte, das erwärmte Klaus Heinrichs Herz zu unaussprechlicher Dankbarkeit und machte den Zauber aus, der ihn dem Hilfslehrer auf immer verband ...
Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroßherzog, befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Süden) ward der Prinz gemeinsam mit den fünf »Fasanen« in der Hofkirche eingesegnet -- der »Eilbote« brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen. Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem Bibelmotiv, das wiederum der Großherzog ausgewählt hatte, und Klaus Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er von militärischen Angelegenheiten auch nicht das geringste verstand ... Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schloß »Fasanerie« zurück, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzöglinge ohne Veränderung fortzuführen.
Erst ein Jahr später verließ er sein altmodisch schlichtes Schülerzimmer mit dem Torso auf dem Kachelofen -- das Konvikt löste sich auf, und während die fünf adeligen Genossen ins Kadettenkorps übertraten, nahm Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung gemäß, die Herr von Knobelsdorff mit dem Großherzog getroffen hatte, ein Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das war eine wohlerwogene und populäre Maßregel, die aber in sachlicher Hinsicht nicht vieles änderte. Professor Kürtchen war auf seinen Posten an der öffentlichen Lehranstalt zurückgekehrt, er unterrichtete Klaus Heinrich nach wie vor in mehreren Fächern und war in der Klasse noch eifriger als im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch erwies sich, daß er von jener Übereinkunft, welche die beiden Arten des Prinzen, sich zur Antwort zu melden, betraf, die übrigen Lehrer in Kenntnis gesetzt hatte. Doktor Überbein angehend, der gleichfalls an das Gymnasium zurückgekehrt war, so war er in seiner ungewöhnlichen Laufbahn noch nicht so weit vorgerückt, um in der obersten Klasse zu unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja inständigen Wunsch, den er dem Großherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem Dienstwege, durch den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet hatte, war der Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der häuslichen Studien bestellt worden, kam täglich aufs Schloß, schrie die Lakaien an und hatte auch jetzt Gelegenheit, mit seinen burschikosen und schwärmerischen Reden auf den Prinzen zu wirken.
Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einfluß zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten, mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und entfernter blieben als sein Verhältnis zu den Fünfen auf Schloß »Fasanerie«, und wenn so der populäre Zweck dieses Jahres verfehlt wurde. Die Pausen, die zur Sommers- und Winterszeit von allen Schülern auf dem geräumigen, mit Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden, boten Gelegenheit zur Pflege der Kameradschaft. Allein diese Pausen, der großen Menge zur Erholung bestimmt, brachten für Klaus Heinrich erst die eigentliche, seinem Leben eigentümliche Anstrengung mit sich. Er war selbstverständlich, wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem Schulhof der Gegenstand allgemeinen Schauens -- nichts Leichtes für ihn, in Ansehung der Tatsache, daß hier die Umgebung ihm jede äußere Erhöhung und Stütze versagte und er sich auf demselben Pflaster mit denen zu bewegen hatte, die einig gegen ihn waren, um zu schauen. Die kleinen Jungen, voll kindlicher Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in selbstvergessenen Stellungen und gafften, indes die größeren mit erweiterten Augen um ihn schweiften und von der Seite oder von unten blickten ... Das ließ im Laufe der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch dann -- mochte nun wer immer schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die Menge -- auch später wollte die Kameradschaft so rechte Fortschritte nicht machen. Man sah den Prinzen zur Rechten des Direktors oder des Lehrers, welcher die Aufsicht führte, gefolgt und umstrichen von Neugierigen, auf dem Hofe hin und her spazieren. Man sah ihn auch wohl am Standort seiner Klasse mit seinen Mitschülern plaudern. Ein liebenswürdiger Anblick! Er lehnte dort halb sitzend an dem schrägen Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Füße gekreuzt, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, die fünfzehn Insassen der Oberprima in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur fünfzehn dieses Jahr, denn die letzten Versetzungen waren unter dem Gesichtspunkte vorgenommen worden, daß keine Elemente in die Selekta vorrückten, die ihrer Herkunft oder Persönlichkeit nach ungeeignet waren, mit Klaus Heinrich ein Jahr lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war Vorschrift. Klaus Heinrich sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus dem Halbkreise hervor ihm nahe getreten war und ihm unter kurzen, kleinen Verbeugungen antwortete. Beide lächelten; man lächelte stets, wenn man mit Klaus Heinrich sprach. Er fragte zum Beispiel: »Hast du den deutschen Aufsatz für nächsten Dienstag schon fertig?«
»Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schluß noch nicht.«
»Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß noch gar nicht, was ich schreiben soll.«
»Oh, Sie werden ... du wirst schon wissen!«
»Nein, es ist schwer. -- Du hast ja eine Eins in der arithmetischen Klassenarbeit?«
»Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glück gehabt.«
»Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!«
Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich wandte sich an einen anderen Mitschüler, und der erste trat schnell zurück. Jedem war fühlbar, daß es sich bei alldem nicht um den Aufsatz noch um die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gespräch als Vorgang und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurücktreten, die glückliche Abwicklung einer zarten, kühlen und über die Dinge erhabenen Angelegenheit. Vielleicht rührte von diesem Bewußtsein das Lächeln auf den Gesichtern her.
Zuweilen, wenn er den losen Halbkreis vor sich hatte, sagte Klaus Heinrich etwas wie: »Professor Nicolovius sieht fast wie ein Uhu aus.«
Dann war der Jubel groß unter den Kameraden. Sie spannten ab auf dies Zeichen, sie schlugen über die Stränge, sie machten »Ho, ho, ho!« im Chor ihrer soeben männlich gewordenen Stimmen, und einer erklärte bei solcher Gelegenheit, Klaus Heinrich sei ein »famoses Haus«. Aber Klaus Heinrich sagte nicht oft solche Dinge, sagte sie nur dann, wenn er das Lächeln auf den Gesichtern erlahmen und schal werden, einen Überdruß, ja, eine Ungeduld sich der Mienen bemächtigen sah, sagte sie zur Erfrischung und blickte halb neugierig, halb erschrocken in den kurzen Übermut, den er damit entfesselte.
Anselm Schickedanz war es nicht gewesen, der ihn ein »famoses Haus« genannt hatte, und doch hatte Klaus Heinrich gerade seinetwegen den Vergleich zwischen Professor Nicolovius und einem Uhu gezogen. Anselm Schickedanz hatte zwar ebenfalls gelacht über diesen freien Scherz, aber nicht eigentlich im beifälligen Sinne, sondern mit einer Betonung, welche ausdrückte: »Du lieber Gott!« Er war ein Brauner mit schmalen Hüften, der auf der ganzen Schule im Ruf eines verfluchten Kerles stand. Der Ton war vorzüglich dieses Jahr in der obersten Gymnasialklasse. Die Verpflichtung, die für alle darin lag, den Klassendienst zusammen mit Klaus Heinrich zu tun, war den jungen Leuten von verschiedenen Seiten hinlänglich zum Bewußtsein gebracht worden, und Klaus Heinrich war nicht derjenige, der sie veranlaßt hätte, diese Verpflichtung außer acht zu lassen. Aber daß Anselm Schickedanz ein verfluchter Kerl sei, das war ihm dennoch wiederholt zu Ohren gekommen, und wenn Klaus Heinrich ihn ansah, so war er mit einer Art Freudigkeit bereit, es aufs Hörensagen zu glauben, obgleich es ihm dunkel und verschlossen war, wie jener zu seinem Ruhm gelangt sein mochte. Unterderhand erkundigte er sich mehrmals, klopfte an wie von ungefähr und suchte bei einem oder dem anderen etwas über Schickedanzens Verfluchtheit in Erfahrung zu bringen. Er erfuhr nichts Bestimmtes. Aber die Antworten, gehässige und lobpreisende, erfüllten ihn mit der Ahnung einer tollen Liebenswürdigkeit, einer unerlaubt herrlichen Menschlichkeit, die hier für aller Augen vorhanden sei, außer für seine -- und diese Ahnung war wie ein Schmerz. Jemand sagte in Hinsicht auf Anselm Schickedanz geradezu und verfiel unversehens in die verbotene Anrede: »Ja, Hoheit, den sollten Sie sehen, wenn Sie nicht dabei sind!«
Nie würde Klaus Heinrich ihn sehen, wenn er nicht dabei war, nie ihm nahe kommen, niemals ihn kennenlernen. Er betrachtete ihn verstohlen, wenn jener mit den anderen im Halbkreise vor ihm stand, lächelnd und zusammengenommen wie alle. Man nahm sich zusammen Klaus Heinrich gegenüber, sein eigenes Wesen war schuld daran, er wußte es wohl, und nie würde er sehen, wie Schickedanz war, sich benahm, wenn er sich behaglich gehen ließ. Das war wie Eifersucht, war wie ein leise brennendes Bedauern ...
In diese Zeit fiel ein peinliches, ja anstößiges Vorkommnis, wovon dem großherzoglichen Paare nichts bekannt wurde, weil Doktor Überbein reinen Mund darüber hielt, und worüber auch sonst in der Residenz fast nichts verlautbarte, weil alle, die daran teil und schuld gehabt, offenbar aus einer Art Schamgefühl, später Stillschweigen darüber beobachteten. Gemeint sind die Ungehörigkeiten, die sich gelegentlich der Anwesenheit des Prinzen Klaus Heinrich bei dem diesjährigen Bürgerball ereigneten, und an denen hauptsächlich ein Fräulein Unschlitt, Tochter des vermögenden Seifensieders, beteiligt war.
Der Bürgerball war eine stehende Veranstaltung im gesellschaftlichen Leben der Hauptstadt, eine offizielle und dabei zwanglose Festlichkeit, die, von der Stadt gegeben, jeden Winter im Gasthof »Zum Bürgergarten«, einem großen, noch kürzlich erweiterten und erneuerten Etablissement in der südlichen Vorstadt, abgehalten wurde und den bürgerlichen Kreisen Gelegenheit bot, mit dem Hofe gesellige Fühlung zu gewinnen. Man wußte, daß Johann Albrecht III. dieser zivilen und wenig starren Veranstaltung, zu der er im schwarzen Leibrock erschien, um die Polonäse mit der Frau Bürgermeisterin zu eröffnen, niemals Geschmack abgewonnen hatte, und daß er sich möglichst früh davon zurückzuziehen pflegte. Desto angenehmer berührte es, daß sein zweiter Sohn, obwohl noch nicht verpflichtet dazu, schon dieses Jahr auf dem Balle erschien -- und zwar, wie man erfuhr, auf sein eigenes dringliches Verlangen. Der Prinz hatte, so hörte man, Exzellenz von Knobelsdorff zum Übermittler seines sehnsüchtigen Wunsches an die Großherzogin gemacht, und diese wieder hatte ihm bei ihrem Gemahl die Erlaubnis erwirkt ...
Das Fest nahm äußerlich durchaus den hergebrachten Verlauf. Die höchsten Herrschaften, Prinzessin Katharina in gefärbtem Seidenkleid und Kapotthütchen, begleitet von ihren rotköpfigen Kindern, Prinz Lambert nebst seiner hübschen Gemahlin, zuletzt Johann Albrecht und Dorothea mit dem Prinzen Klaus Heinrich fuhren am »Bürgergarten« vor, im Vestibüle begrüßt von Stadtverordneten, an deren Fräcken langbebänderte Rosetten hafteten. Mehrere Minister, Adjutanten in Zivil, zahlreiche Herren und Damen des Hofes, die Spitzen der Gesellschaft, auch Gutsbesitzer aus der Umgegend waren zugegen. Im großen, weißen Hauptsaal nahm das großherzogliche Paar zunächst eine Reihe von Vorstellungen entgegen und eröffnete dann zu den Klängen der Musik, die droben auf der geschweiften Empore einsetzte, Johann Albrecht mit der Bürgermeisterin, Dorothea mit dem Bürgermeister, im Umzuge den Ball. Hierauf, während die Polonäse sich in Rundtanz auflöste, das Vergnügen um sich griff, die Wangen sich erhitzten, erregte Beziehungen, süße, schmachtende, schmerzliche, überall in dem warmen Menschendunst des Festes sich herstellten, standen die höchsten Herrschaften, wie höchste Herrschaften bei solchen Gelegenheiten zu stehen pflegen: ausgeschlossen und gnädig lächelnd an der oberen Schmalseite des Saales unterhalb der Empore. Von Zeit zu Zeit zog Johann Albrecht einen Herrn von Ansehen, Dorothea eine Dame ins Gespräch. Die Angeredeten traten rasch und gesammelt herzu und zurück, sie hielten Abstand in halber Verbeugung und mit schiefem Kopfe, nickten, schüttelten, lachten in dieser Haltung zu den Fragen und Bemerkungen, die an sie ergingen, -- antworteten eifervoll, ganz an den Augenblick hingegeben, mit jähen und zuvorkommenden Übergängen von inniger Heiterkeit zu tiefstem Ernst, mit einer Leidenschaftlichkeit des Wesens, die zweifellos ihrem Alltag fremd war, und offenbar in einem gesteigerten Zustande. Neugierige, noch hochatmend vom Tanze, standen im Halbkreise umher und schauten diesen sachlich wesenlosen Unterredungen mit einem sonderbar angestrengten Gesichtsausdruck zu, der dadurch zustande kam, daß sie mit emporgezogenen Brauen lächelten.
Viel Aufmerksamkeit war auf Klaus Heinrich gerichtet. Er hielt sich, zusammen mit zwei rotköpfigen Vettern, die schon dem Heere angehörten, heut aber ebenfalls das Bürgerkleid trugen, ein wenig im Rücken seiner Eltern, auf einem Beine ruhend, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestützt, dem Publikum sein rechtes Halbprofil zugewandt. Ein Reporter des »Eilboten«, der zum Feste abgeordnet war, machte sich in einem Winkel Notizen über ihn. Man sah, wie der Prinz mit der weiß behandschuhten Rechten seinen Lehrer grüßte, den Doktor Überbein, der mit seinem roten Bart und seinem grünlichen Gesicht das Spalier der Zuschauer entlang kam, und wie er ihm sogar ein großes Stück in den Saal entgegenging. Der Doktor, große Emailleknöpfe im Vorhemd, verbeugte sich zunächst, als Klaus Heinrich ihm die Hand reichte, begann aber dann sofort, in seiner freien und väterlichen Art auf ihn einzureden. Der Prinz schien abzuwehren, mit einem unruhigen Lachen übrigens. Aber dann verstand eine ganze Anzahl Personen, daß Doktor Überbein ausrief: »Nein, Unsinn, Klaus Heinrich -- wozu haben Sie es gelernt?! Wozu hat Madame aus der Schweiz es Ihnen im zartesten Alter beigebracht?! Ich begreife nicht, warum Sie zu Balle gehen, wenn Sie nicht tanzen wollen?! Eins, zwei, drei, nun wird Bekanntschaft gemacht!« Und unter fortwährenden Witzreden stellte er dem Prinzen vier, fünf junge Mädchen vor, die er ohne weiteres aufgriff und an der Hand herbeiführte. Sie tauchten und stiegen wieder empor, eine nach der andern, in der schleifenden Wellenbewegung des Hofknickses, setzten die Zähne auf die Unterlippe und gaben sich Mühe. Klaus Heinrich stand mit zusammengezogenen Absätzen. Er sagte: »Ich freue mich ... Ich freue mich sehr ...«
Zu einer sagte er sogar: »Es ist ein lustiger Ball, nicht wahr, gnädiges Fräulein?«
»Ja, Großherzogliche Hoheit, wir haben viel Spaß --«, antwortete sie mit hoher, zwitschernder Stimme. Sie war ein hochgewachsenes, wenn auch etwas knochiges Bürgermädchen, in weißen Mull gekleidet, mit einer blonden, gewellten, unterpolsterten Scheitelfrisur über dem schönen Gesicht, einer goldenen Kette um den entblößten Hals, an dem die Schlüsselbeine stark hervortraten, und großen, weißen Händen in Halbhandschuhen. Sie fügte hinzu: »Jetzt kommt die Quadrille. Wollen Großherzogliche Hoheit nicht mittanzen?«
»Ich weiß nicht ...« sagte er. »Ich weiß wirklich nicht ...«
Er sah sich um. Wirklich kam geometrische Ordnung in das Getriebe des Saales. Linien zogen sich, Karrees bildeten sich, man trat an, man rief nach einem Gegenüber. Noch schwieg die Musik.
Klaus Heinrich erkundigte sich bei seinen Vettern. Ja, sie nahmen teil am Lancier, sie hielten ihre glücklichen Partnerinnen schon an den Händen.
Man sah, wie Klaus Heinrich von hinten an den roten Damastsessel seiner Mutter herantrat und lebhafte, gedämpfte Worte an sie richtete -- sah, wie sie mit herrlicher Nackenwendung die Frage an ihren Gatten weitergab und wie der Großherzog nickte. Und dann erregte es einiges Lächeln, mit welchem jugendlichen Ungestüm der Prinz davonstürzte, um den Beginn des Reigens nicht zu versäumen.
Der Referent des »Eilboten«, das Notizbuch in der einen und das Krayon in der anderen Hand, spähte aus seinem Winkel mit seitwärts geneigtem Oberkörper durch den Saal, um festzustellen, wen der Prinz engagieren werde. Es war die Blonde, Hochgewachsene, mit den Schlüsselbeinen und den großen, weißen Händen, Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders. Sie stand noch an der Stelle, wo Klaus Heinrich sie verlassen hatte.
»Sind Sie noch da?« sagte er atemlos ... »Darf ich Sie auffordern? Kommen Sie!«
Die Karrees waren komplett. Sie irrten ein Weilchen umher und fanden keine Unterkunft. Ein Herr mit bebänderter Rosette eilte herbei, ergriff ein Paar junger Leute bei den Schultern und veranlaßte sie, ihren Platz unter dem Kronleuchter zu räumen, damit seine Großherzogliche Hoheit mit Fräulein Unschlitt antreten könne. Die Musik hatte gezögert, nun setzte sie ein, das Schreiten und Komplimentieren begann, und Klaus Heinrich drehte sich mit den andern.
Die Türen zu den Nebenräumen standen geöffnet. In einem von ihnen sah man das Büfett mit Blumenvasen, Punschterrinen und Schüsseln voll bunter Brötchen. Der Tanz zog sich bis dort hinein; zwei Vierecke machten ihre Pas im Büfettzimmer. In den anderen waren weiß gedeckte Tische aufgeschlagen, die noch leer standen.
Klaus Heinrich schritt vorwärts und rückwärts, er lächelte im Angesichte, streckte seine Hand aus und empfing Hände, empfing immer wieder die große weiße Hand seiner Partnerin, legte seinen rechten Arm um die weiche Mulltaille des Mädchens und drehte sich mit ihr auf dem Fleck, indem er die linke Hand, die ebenfalls einen kleinen Handschuh trug, in die Hüfte stemmte. Man sprach und lachte im Drehen und Schreiten. Er beging Fehler, erinnerte sich nicht, brachte Verwirrung in die Figuren und stand ratlos, wohin er gehöre. »Sie müssen mich zurechtweisen!« sagte er im Gewirr. »Ich störe ja alles! Geben Sie mir nur Rippenstöße!« Und man faßte allmählich Mut und wies ihn zurecht, kommandierte ihn lachend dahin und dorthin, legte sogar Hand an und schob ihn ein wenig, wenn es nötig war. Das schöne Mädchen mit den Schlüsselbeinen übernahm es hauptsächlich, ihn zu schieben.