Königliche Hoheit: Roman

Part 7

Chapter 73,241 wordsPublic domain

Klaus Heinrich bemerkte mit Einverständnis, daß in sachlicher Beziehung die Ansprüche, die man an ihn stellte, sich rasch verminderten. Schulrat Dröges faltiger Zeigefinger haftete nicht mehr an den Zeilen, er hatte das seine getan; und während der Unterrichtsstunden sowohl wie bei Korrektur der schriftlichen Arbeiten nahm Professor Kürtchen ausgiebig Gelegenheit, seinen Takt zu erweisen. Ganz kurze Zeit nach Begründung des Internates bat er eines Tages -- es war nach dem Gabelfrühstück in dem hochfenstrigen Speisesaal zu ebener Erde -- Klaus Heinrich zu sich hinauf in sein Studierzimmer und äußerte wörtlich: »Es ist gegen das allgemeine Interesse, daß Großherzogliche Hoheit während unserer gemeinsamen wissenschaftlichen Übungen zur Beantwortung von Fragen herangezogen werden, die Ihnen im Augenblick unwillkommen sind. Andererseits ist es wünschenswert, daß Großherzogliche Hoheit sich stets durch Handerheben zur Antwort melden. Ich bitte Großherzogliche Hoheit daher, zu meiner Orientierung, bei unwillkommenen Fragen den Arm in ganzer Länge auszustrecken, bei solchen aber, zu deren Lösung aufgefordert zu werden Ihnen angenehm wäre, ihn nur halbwegs und im rechten Winkel zu erheben.« Was Doktor Überbein betraf, so erfüllte er den Schulsaal mit einer schallenden Gesprächigkeit, deren Frohsinn das Gegenständliche unter sich ließ, ohne es aus den Augen zu lassen. Er hatte mit Klaus Heinrich keinerlei Vereinbarung getroffen, sondern befragte ihn, wann es ihm einfiel, mit freier Freundlichkeit, ohne daß eine Verlegenheit daraus entstand. Und Klaus Heinrichs wenig sachdienliche Antworten schienen Doktor Überbein zu entzücken, ihn zu einer heiteren Begeisterung hinzureißen. »Ohoho!« rief er und legte lachend den Kopf hintüber ... »O Klaus Heinrich! O Prinzenblut! O Eure Ahnungslosigkeit! Des Lebens rauhe Problematik fand Sie unvorbereitet! Nun denn, mir umgetriebenem Manne steht es an, sie zu entwirren.« Und er gab selbst die Antwort; rief keinen anderen mehr auf, wenn Klaus Heinrich falsch geantwortet hatte. -- Die Unterrichtsweise der übrigen Lehrer trug einen anspruchslos vortragenden Charakter. Und Turnlehrer Zotte hatte von hoher Stelle die Weisung, die körperlichen Exerzitien mit aller Rücksicht auf Klaus Heinrichs linke Hand zu leiten -- so zwar, daß nicht einmal des Prinzen eigene oder der anderen Knaben Aufmerksamkeit unnötigerweise auf den kleinen Fehler gelenkt werde. Die Leibesübungen beschränkten sich also auf Laufspiele, und in der Reitstunde, die gleichfalls Herr Zotte erteilte, war alle Verwegenheit ausgeschlossen.

Klaus Heinrichs Verhältnis zu den fünf Kameraden war nicht innig zu nennen, es wollte zu eigentlicher Vertrautheit nicht gedeihen. Er stand für sich, war niemals einer von ihnen, ging schlechterdings in ihrer Anzahl nicht auf. Sie waren fünf, und er war einer; der Prinz, die Fünfe und die Lehrer, das war die Anstalt. -- Mehreres stand einer unbefangenen Freundschaft entgegen. Die Fünf waren Klaus Heinrichs wegen da, sie waren zur Gefährtschaft mit ihm befohlen, sie wurden in der Stunde nicht mehr gefragt, wenn er falsch geantwortet hatte, sie hatten sich bei Ritt und Spiel seiner Körperbeschaffenheit anzupassen. Sie fanden sich auf den Vorzug der Lebensgemeinschaft mit ihm bis zum Überdruß hingewiesen. Ein paar von ihnen, die jungen von Gumplach, von Platow und von Wehrzahn, minderbegüterte Landjunker, standen die ganze Zeit unter dem Einfluß des beglückten Stolzes, den ihre Eltern an den Tag gelegt hatten, als die Einladung des Hausministeriums ihnen zugegangen war, der Glückwünsche, die man ihnen von allen Seiten dargebracht hatte. Graf Prenzlau andererseits, jener Dicke, Rothaarige, Sommersprossige mit der atemlosen Sprechweise und dem Vornamen Bogumil, war ein Sproß der reichsten und adligsten Grundbesitzerfamilie des Landes, verwöhnt und voll Selbstgefühl. Er wußte genau, daß die Seinen die Aufforderung des Barons von Knobelsdorff nicht wohl hatten ausschlagen können, daß sie ihnen aber durchaus keine Himmelsgnade bedeutet hatte, und daß er, Graf Bogumil, auf den Gütern seines Vaters weit besser und standesgemäßer hätte leben können als auf Schloß »Fasanerie«. Er fand die Reitpferde schlecht, den Landauer schäbig, den Gig in der Bauart veraltet; er murrte heimlich über das Essen. Dagobert Graf Trümmerhauff, ein windhundähnlicher und feiner Knabe, dessen Rede ein Säuseln war, hielt zu ihm in allen Stücken.

Sie hatten ein Wort miteinander, das voll von dem Ausdruck ihres mäkligen und aristokratischen Wesens war, und das sie mit einer schneidenden Kehlstimme gern und häufig verwandten: »Schweinerei«. Es war eine Schweinerei, sich lose Kragen ans Hemd zu knüpfen. Es war eine Schweinerei, im gewöhnlichen Sakko-Anzug Lawn-Tennis zu spielen. Aber Klaus Heinrich fühlte sich nicht zur Pflege dieses Wortes geboren. Er hatte bisher überhaupt nicht gewußt, daß es Hemden mit angenähten Kragen gab, und daß man so viele Anzüge auf einmal besitzen könne wie Bogumil Prenzlau. Er hätte gern »Schweinerei« gesagt, aber ihm fiel ein, daß er zur selben Stunde gestopfte Strümpfe trug. Er fand sich unelegant neben Prenzlau und plump im Vergleich mit Trümmerhauff. Trümmerhauff war edel wie ein Tier. Er hatte eine lange, spitze Nase mit messerscharfem Rücken und weiten, vibrierenden, dünnwandigen Nüstern, bläuliche Adern an seinen zarten Schläfen und winzige Ohren ohne Läppchen. Aus seinen weiten farbigen Manschetten, die mit goldenen Kettenknöpfen geschlossen waren, kamen erlesene Damenhände mit gewölbten Nägeln hervor, und das Gelenk der einen war mit einem goldenen Armband geschmückt. Er säuselte mit halbgeschlossenen Augen ... Nein, es war klar, daß Klaus Heinrich mit Trümmerhauff an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. Wohl möglich, daß Albrecht es besser verstanden hätte, mit den Fasanen »Schweinerei« zu sagen. Er seinerseits war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert ... Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fünfen.

Er schloß dennoch eine Freundschaft auf Schloß »Fasanerie«, und es war die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer. Raoul Überbein war kein schöner Mann. Er hatte einen roten Bart und eine grünlich-weiße Gesichtsfarbe zu wasserblauen Augen, spärliches rotes Haar und überaus häßliche, abstehende und nach oben spitz zulaufende Ohren. Aber seine Hände waren klein und zart. Er benutzte ausschließlich weiße Krawatten, was seiner Erscheinung etwas Festliches verlieh, obgleich seine Garderobe dürftig war. Er trug im Freien einen Lodenmantel und beim Reiten -- denn Doktor Überbein ritt, und zwar vortrefflich -- einen strapazierten Gehrock, dessen Schöße er mit Sicherheitsnadeln umlegte, enge, geknöpfte Hosen und einen neuen Hut.

Worin bestand der Zauber, den er auf Klaus Heinrich ausübte? Dieser Zauber war mehrfach zusammengesetzt. Man lebte noch nicht lange miteinander, als unter den »Fasanen« das Gerücht in Umlauf kam, der Hilfslehrer habe vor Jahr und Tag mit genauer Not ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen und befinde sich im Besitz der Rettungsmedaille. Das war ein Eindruck. Später erfuhr man noch mehr aus Doktor Überbeins Leben, und auch Klaus Heinrich erfuhr davon. Es hieß, er sei dunkler Herkunft, sei vaterlos. Seine Mutter sei eine Schauspielerin gewesen, die ihn gegen Entgelt von armen Leuten an Kindes Statt habe annehmen lassen, und ehemals habe er Hunger gelitten, woher die grünliche Färbung seines Gesichtes rühre. Das waren Dinge, die sich der Einsicht, ja dem Nachdenken verschlossen, wilde, unzugängliche Dinge, auf welche übrigens Doktor Überbein zuweilen selber anspielte, zum Beispiel, wenn die adeligen Knaben, denen sein dunkler Ursprung im Sinne saß, sich etwa anmaßend und unziemlich gegen ihn betrugen. »Nesthäkchen und Muttersöhnchen!« sagte er dann in lautem Unmut. »Ich lasse mir lange genug den Wind um die Nase wehen, um Bescheidenheit von euch Herrchen verlangen zu dürfen!« -- Auch dies, daß Doktor Überbein sich den Wind hatte um die Nase wehen lassen, verfehlte nicht seine Wirkung auf Klaus Heinrich. Aber das eigentlich Reizvolle an des Doktors Person war die Art seines direkten Verhaltens gegen Klaus Heinrich, der Ton, in dem er vom ersten Tage an mit ihm verkehrte, und der ihn von allen anderen Menschen strikt unterschied. Er wußte nichts von der steifen Verschlossenheit der Lakaien, von Madames bleichem Entsetzen, von Schulrat Dröges sachlichen Verbeugungen oder von Professor Kürtchens selbstgefälliger Rücksichtnahme; er wußte gar nichts von dem fremden, frommen und dennoch zudringlichen Wesen, mit dem die Leute draußen auf Klaus Heinrich blickten. Während der ersten Tage nach Zusammentritt des Konviktes verhielt er sich schweigsam, beschränkte sich auf Beobachtung. Dann aber näherte er sich dem Prinzen mit einem lächelnden und lauten Freimut, einer frischen, väterlichen Kameradschaftlichkeit, wie Klaus Heinrich sie niemals gekannt hatte. Sie verstörte ihn anfangs, er blickte erschreckt in des Doktors grünliches Gesicht. Aber diese Verwirrung wirkte auf jenen nicht zurück, schüchterte ihn keineswegs ein; sie bestärkte ihn in seiner herzlich schwadronierenden Unbefangenheit, und nicht lange, so war Klaus Heinrich erwärmt und gewonnen. Denn in Doktor Überbeins Art lag nichts Gemeines, nichts Niederreißendes, nicht einmal etwas Absichtliches und Erzieherisches. Es lag darin die Überlegenheit eines Mannes, der sich den Wind hatte um die Nase wehen lassen, und zugleich eine zarte und freie Huldigung für Klaus Heinrichs anderes Sein und Wesen; Liebe und Anerkennung lag darin, nebst dem fröhlichen Antrag eines Bündnisses zwischen ihren beiden Wesensarten. Er nannte ihn ein paarmal »Hoheit«, dann einfach »Prinz«, dann ganz einfach »Klaus Heinrich«. Und dabei blieb es.

Sie hielten die Tete, der Doktor auf seinem breiten Schecken links von Klaus Heinrich auf seinem gutgesinnten Fuchs, wenn die »Fasanen« spazieren ritten -- trabten im Schnee oder Blätterfall, durch Frühjahrsschmelze oder Sommersbrüten den Waldessaum entlang, über Land, durch die Dörfer, und Doktor Überbein erzählte von seinem Leben. Raoul Überbein, wie das klang, nicht wahr? Geschmackvoll war wesentlich anders! Ja, Überbein war der Name seiner Adoptiveltern gewesen, armer, alternder Leutchen aus der unteren Bankbeamtensphäre, und er führte ihn nach Recht und Spruch. Aber daß er Raoul genannt werde, darin hatte die einzige Bestimmung und Vorschrift seiner Frau Mutter bestanden, als sie die Abfindungssumme nebst seiner fatalen kleinen Person den Leutchen eingehändigt hatte -- eine sentimentale Bestimmung offenbar, eine Bestimmung der Pietät. Sehr möglich wenigstens, daß sein rechter und eigentlicher Vater Raoul geheißen hatte, und hoffentlich hatte sein Nachname in schönem Einklang damit gestanden. Übrigens war es eine ziemlich leichtsinnige Handlungsweise seiner Pflegeeltern gewesen, ein Kind anzunehmen, denn »ein gewisser« Schmalhans war Küchenmeister gewesen bei Überbeins, und wahrscheinlich hatten sie nur aus einer dringenden Notlage nach der Abfindungssumme gegriffen. Nur die dürftigste Schulausbildung war dem Knaben zuteil geworden, aber er hatte sich die Freiheit genommen, zu zeigen, wer er war, hatte sich ein bißchen hervorgetan, und da er gern Lehrer werden wollte, so waren ihm aus einem öffentlichen Fonds die Mittel zur Seminarausbildung bewilligt worden. Nun, er hatte das Seminar absolviert, nicht ohne Auszeichnung übrigens, denn es war ihm drauf angekommen, und dann hatte man ihn als Volksschullehrer angestellt, mit einem kolossalen Gehalt, wovon er noch hie und da aus Erkenntlichkeit seine ehrlichen Pflegeeltern unterstützt hatte, bis sie beinahe gleichzeitig gestorben waren. Wohl ihnen! Da hatte er gestanden, allein in der Welt, ein Malheur von Geburt und arm wie ein Spatz und von Gott begabt mit einer grünlichen Fratze nebst Hundsohren, um sich einzuschmeicheln. Freundliche Bedingungen, nicht wahr? Aber solche Bedingungen, das waren die guten Bedingungen -- ein für allemal, so verhielt es sich. Eine elende Jugend, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, ein ausschließliches und strenges Auf-die-Leistung-Gestelltsein -- man setzte kein Fett an dabei, man ward innerlich sehnig, man kannte kein Behagen und überflügelte diesen und jenen. Welche Begünstigung der Fähigkeiten, wenn man kalt und klar auf sie angewiesen war! Welch Vorteil vor denen, die »es nicht nötig«, in dem Grade »nicht nötig hatten«! Vor den Leuten, die sich des Morgens eine Zigarre anzündeten ... Zu jener Zeit, am Krankenbett eines seiner ungewaschenen kleinen Schüler, in einer Stube, wo es nicht gerade nach Frühlingsblüten roch, hatte Raoul Überbein die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht -- etliche Jahre älter als er, aber in ähnlicher Lage und ebenfalls ein Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war. Klaus Heinrich kannte ihn -- doch man konnte sagen, daß er ihn bei intimer Gelegenheit kennengelernt hatte. Sammet war sein Name, _medicinae doctor_; er war durch Zufall auf der Grimmburg zugegen gewesen, als Klaus Heinrich geboren wurde, und hatte sich ein paar Jahre danach in der Hauptstadt als Kinderarzt aufgetan. Nun, das war Überbeins Freund, war es heute noch, und damals hatten sie manches gute Gespräch über Schicksal und Strammheit miteinander gehabt. Verdammt noch mal, sie hatten sich den Wind um die Nase wehen lassen, einer wie der andere. Überbein angehend, so dachte er mit ernster Freude an die Zeit zurück, da er Volksschullehrer gewesen war. Seine Tätigkeit hatte sich nicht ganz und gar auf das Klassenzimmer beschränkt, er hatte sich den Spaß gemacht, sich auch persönlich und menschlich ein bißchen um seine kleinen Strolche zu kümmern, ihnen in ihr Heim, ihr zuweilen nicht sehr idyllisches Familienleben nachzugehen, und dabei verfehlte man nicht, allerlei Einblicke zu tun. Wahrhaftig, wenn er vordem des Lebens schmallippiges Antlitz noch nicht gekannt hatte, so hatte er damals Gelegenheit gehabt, hineinzusehen. Übrigens hatte er nicht aufgehört, für sich selbst zu arbeiten, hatte fetten Bürgerkindern Privatstunden erteilt und sich den Leibgurt enger gezogen, um sich Bücher kaufen zu können -- hatte die langen, stillen und freien Nächte benutzt, um zu studieren. Und eines Tages hatte er mit außerordentlicher Genehmigung die Staatsprüfung abgelegt, hatte nebenbei promoviert und war zur Lateinschule übergegangen. Eigentlich hatte es ihm leid getan, seine kleinen Strolche zu verlassen; aber so war sein Weg gewesen. Und dann hatte es sich gefügt, daß man ihn zum Hilfslehrer auf Schloß »Fasanerie« erkoren hatte, wiewohl er doch ein Malheur von Geburt war ...

So erzählte Doktor Überbein, und Klaus Heinrich wurde von Freundschaft erfüllt, während er ihm zuhörte. Er teilte seine Geringschätzung derer, die »es nicht nötig hatten« und sich des Morgens eine Zigarre anzündeten, Furcht und Freude bewegten ihn bei dem, was Überbein in seiner lustig bramarbasierenden Art über den »Wind«, die »Einblicke« und über des Lebens schmallippiges Antlitz verlauten ließ, und mit einer persönlichen Teilnahme verfolgte er seine glücklose und tapfere Laufbahn von der Abfindungssumme bis zur Anstellung als Gymnasiallehrer. Ihm war, als sei er auf irgendeine allgemeine Weise befähigt, sich an einem Gespräch über Schicksal und Strammheit zu beteiligen. Er fühlte eine Weichheit, das Erlebnis seiner eigenen fünfzehn Jahre geriet in Bewegung, ein Drang nach eigener Mitteilung und Hingabe kam ihn an, und er versuchte, auch seinerseits von sich zu erzählen. Aber das Merkwürdige war, daß Doktor Überbein dem Einhalt tat, sich solcher Absicht aufs entschiedenste widersetzte. »Nein, nein, Klaus Heinrich,« sagte er, »halt und Punktum. Nur keine Unmittelbarkeiten, wenn ich bitten darf! Nicht, als ob ich nicht wüßte, daß Sie mir allerlei zu erzählen hätten ... Ich habe es gewußt, als ich Ihnen einen halben Tag lang zugeschaut hatte. Aber Sie mißverstehen mich völlig, wenn Sie glauben, daß ich Sie dazu verleiten möchte, an meinem Halse zu weinen. Erstens würden Sie es über kurz oder lang bereuen. Aber zweitens kommen Ihnen die Freuden des traulichen Geständnisses überhaupt nicht zu ... Sehen Sie, ich darf schwatzen. Was bin ich? Ein Hilfslehrer. Kein ganz alltäglicher meinetwegen, aber doch nichts darüber hinaus. Ein sehr bestimmbares Einzelwesen. Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger ... Sagen wir: ein Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine sinnbildliche Existenz, Klaus Heinrich, und damit eine formale Existenz. Aber Form und Unmittelbarkeit -- wissen Sie noch nicht, daß sich das ausschließt? Es schließt sich aus. Sie haben kein Recht auf unmittelbare Vertraulichkeit, und wenn Sie's versuchten damit, so würden Sie selber erfahren, daß sie Ihnen nicht taugt, würden sie als unzulänglich und abgeschmackt erfinden. Ich muß Sie zur Haltung ermahnen, Klaus Heinrich ...«

Klaus Heinrich salutierte lächelnd mit der Reitpeitsche. Und lächelnd ritten sie weiter.

Ein andermal sagte Doktor Überbein beiläufig: »Die Popularität ist keine sehr gründliche, aber eine großartige und umfassende Art der Vertraulichkeit.« Mehr sagte er nicht hierüber.

Zuweilen im Sommer, in der großen Unterrichtspause am Vormittag, saßen sie miteinander in dem leeren Wirtsgarten -- promenierten in irgendwelchem Gespräch über das Wiesenland, auf dem die »Fasanen« sich tummelten, und improvisierten einen Aufenthalt mit Limonade in Herrn Stavenüters Anwesen. Herr Stavenüter wischte freudig den rohen Tisch und brachte persönlich die Limonade. Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen. »Reine Ware!« sagte Herr Stavenüter. »Das Bekömmlichste von allem. Kein Gesudel, Großherzogliche Hoheit und Sie, Herr Doktor, sondern gezuckerte Natursäfte und mit dem besten Gewissen zu empfehlen!« Dann hieß er seine Kinder singen, dem Besuch zu Ehren. Sie waren zu dritt, zwei Mädchen und ein Knabe, und konnten dreistimmig singen. Sie standen in einiger Entfernung unter dem grünen Blätterdach der Kastanienbäume und sangen Volkslieder, indem sie sich mit den Fingern schneuzten. Einmal sangen sie ein Lied mit dem Anfang: »Menschen, Menschen sind wir alle«, und Doktor Überbein gab durch Zwischenbemerkungen sein Mißfallen an dieser Nummer des Programms zu erkennen. »Ein faules Lied«, sagte er und beugte sich seitwärts zu Klaus Heinrich. »So recht ein ordinäres Lied. Ein bequemes Lied, Klaus Heinrich, es muß Ihnen nicht sehr zusagen.« Später, als die Kinder nicht mehr sangen, kam er nochmals auf dieses Lied zurück und bezeichnete es geradezu als »schlampig«. »Wir sind alle, alle Menschen,« wiederholte er -- »Gott erbarme sich, ja, zweifelsohne. Aber vielleicht darf man demgegenüber daran erinnern, daß die Bemerkenswerteren unter uns immerhin die sein mögen, die Veranlassung geben, diese Wahrheit besonders zu betonen ... Sehen Sie,« sagte er, indem er sich zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und seinen roten Bart von unten, von der Kehle aus streichelte, »sehen Sie, Klaus Heinrich, ein Mann von etwelchem geistigen Bedürfnis wird sich nicht enthalten können, in dieser platten Welt das Außerordentliche zu suchen und es zu lieben, wo und wie es irgend erscheint -- er muß sich ärgern an solchem schlampigen Lied, an solcher schafsgemütlichen Wegleugnung des Sonderfalles, des hohen und des elenden und desjenigen, der beides zugleich ist ... Rede ich fürs Haus? Unsinn! Ich bin nur ein Hilfslehrer. Aber Gott mag wissen, was mir im Blute spukt -- ich finde keine Genugtuung darin, zu betonen, daß wir im Grunde alle nur Hilfslehrer sind. Ich liebe das Ungewöhnliche in jeder Gestalt und in jedem Sinne, ich liebe die mit der Würde der Ausnahme im Herzen, die Gezeichneten, die als Fremdlinge Kenntlichen, all die, bei deren Anblick das Volk dumme Gesichter macht -- ich wünsche ihnen die Liebe zu ihrem Schicksal, und ich wünsche nicht, daß sie sich's mit der liederlichen und lauwarmen Wahrheit bequem machen, die wir da eben dreistimmig zu hören bekommen haben ... Warum bin ich Ihr Lehrer geworden, Klaus Heinrich? Ich bin ein Zigeuner, ein strebsamer meinetwegen, aber doch ein geborener Zigeuner. Meine Vorbestimmtheit zum Fürstenknecht ist nicht sonderlich einleuchtend. Warum bin ich mit aufrichtigem Vergnügen dem Rufe gefolgt, als er an mich erging, in Ansehung meiner Strebsamkeit, und obwohl ich doch ein Malheur von Geburt bin? Weil ich in Ihrer Daseinsform, Klaus Heinrich, die sichtbarste, ausdrücklichste, bestgehütete Form des Außerordentlichen auf Erden sehe. Ich bin Ihr Lehrer geworden, weil ich Ihr Schicksal in Ihnen lebendig erhalten möchte. Abgeschlossenheit, Etikette, Verpflichtung, Strammheit, Haltung, Form -- wer darin lebt, sollte kein Recht auf Verachtung haben? Er sollte sich auf Menschlichkeit und Gemütlichkeit verweisen lassen? Nein, kommen Sie, wir wollen gehen, Klaus Heinrich, wenn es Ihnen angenehm ist. Es sind taktlose Bälge, diese kleinen Stavenüters.« -- Klaus Heinrich lachte; er schenkte den Kindern ein wenig von seinem Taschengeld, und sie gingen.

»Ja, ja,« sagte Doktor Überbein auf einem gemeinschaftlichen Waldspaziergang zu Klaus Heinrich -- es hatte sich einiger Abstand zwischen ihnen und den fünf »Fasanen« hergestellt --, »heutzutage muß das Verehrungsbedürfnis des Geistes sich bescheiden. Wo ist Größe? Ja, prosit! Aber von aller eigentlichen Größe und Sendung abgesehen, so gibt es immer noch das, was ich Hoheit nenne, erlesene und schwermütig isolierte Lebensformen, denen man sich gefälligst mit der zartesten Teilnahme zu nahen hat. Übrigens ist die Größe stark, sie trägt Kanonenstiefel, sie hat die Ritterdienste des Geistes nicht nötig. Aber die Hoheit ist rührend -- sie ist, hol' mich der Teufel, das Rührendste, was es auf Erden gibt.«