Part 6
So gingen sie und stöberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine Treppe höher und verfolgten den Gang, bis die Gewölbe begannen und sie also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des Gewalttätigen und Heinrichs des Bußfertigen stammte, wie Klaus Heinrich wußte und erklärte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus Heinrich pfiff dort mehrere Töne schnell nacheinander, weil die ersten noch hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Händen und Füßen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren Türen mündete, und kamen in das Zimmer mit der hölzernen Decke, wo sich mehrere seltsame Gegenstände befanden. Es gab dort einige täppisch große, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlössern, die wohl zu schlecht fürs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel außer Dienst mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen Löwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rückenlehne, die eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes, käfigartiges und gräßlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr beschäftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und furchtbar zu denken, wie hinter dem großen und widrig bissigen Tier die Klapptür niedergefallen war ... Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als sie sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und ihre Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie beide ab, aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hände waren ebenfalls grau. Und plötzlich sahen sie, daß die Dämmerung vorgeschritten war. Sie mußten rasch umkehren, Ditlinde bestand ängstlich darauf; es war zu spät geworden, noch weiter vorzudringen.
»Das ist unendlich schade«, sagte Klaus Heinrich. »Wer weiß, was wir noch entdeckt hätten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stöbern bekommen, Ditlinde!« Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten sich, die Wendeltreppe wieder zurückzulegen, durchquerten den Pfeilersaal und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in Hand den Heimweg aufzunehmen.
So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schüttelte den Kopf, denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, daß sie die Richtung verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenköpfen war hier vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen, tiefer gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock. Sie gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht den Saal mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und hatten sich jedenfalls gründlich verlaufen.
Sie gingen ein Stückchen zurück, aber ihre Unruhe litt den Rückschritt nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem einmal eingeschlagenen Weg aufs Geratewohl zu beharren. Sie gingen in dumpfer, eingeschlossener Luft, und große, ungestört ausgearbeitete Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr Ausbleiben bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Großherzog Meldung machen; sie würden niemals den Weg finden, vergessen werden und Hungers sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien auch Ratten ... Klaus Heinrich tröstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und plötzlich -- sie hatten eben ein Knie des Wandelganges zurückgelassen -- plötzlich geschah etwas. Sie schraken zusammen.
Was sie hörten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch, bald zögernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen begleitet, das ihnen das Blut erstarren ließ. Ditlind machte Miene, davonzulaufen vor Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht frei, und sie standen mit weiten Augen und ließen kommen, was kam.
Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig betrachtet, war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen von Körperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen Gehrock von altfränkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals und eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krücke seines knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmäßig auf die Fliesen stieß. Sein spärlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwärts in verklebten Strähnen über seinen Schädel gestrichen. Er hatte bogenförmige, schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weißen Bart, der ihm wuchs wie dem Großherzog, schwere Oberlider und blaue, wässrige Augen mit Säcken aus welker Haut darunter; er hatte die landesüblichen Wangenknochen, und die Falten seines geröteten Gesichtes waren wie Risse. Ganz nahe herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen, denn er stellte sich gegen die Außenwand des Ganges, machte gleichsam Front und fing an, eine Anzahl Verbeugungen auszuführen, dergestalt, daß er seinen ganzen Körper von den Fußballen an mehrmals kurz und ruckhaft nach vorn fallen ließ, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab und seinen Zylinderhut, die Öffnung nach oben, vor sich hielt. Klaus Heinrich gedachte mit einer Kopfneigung an ihm vorüberzugehen, aber betroffen blieb er dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.
»Um Vergebung!« stieß er tief und plötzlich hervor und fuhr dann gemächlicher fort: »Suche ausdrücklich um Vergebung nach bei den jungen Herrschaften! Aber würden die jungen Herrschaften es wohl für ungut nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir gefälligst den nächsten Weg nach dem nächsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht gerade das Albrechtstor zu sein -- gar nicht mal nötig, daß es das Albrechtstor ist. Aber irgendein Ausgang aus dem Schloß, wenn ich so frei sein darf, das Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten ...«
Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, weit hinten, so daß sie fast schon im Rücken saß, und sah zu Boden. Man hatte einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog die Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in dieser fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht hätte seinen kleinen Mund gemacht, hätte mit seiner kurzen, gerundeten Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wäre schweigend weitergegangen -- soviel war sicher. Aber warum stöberte man, wenn man an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekränkt vorübergehen wollte? Und der Mann war rechtschaffen und führte sicher nichts Böses im Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen aufzuschlagen. Er sagte einfach: »Gehen Sie mit uns, das ist das beste. Ich will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen müssen, damit Sie zu einem Ausgang kommen.« Und sie gingen.
»Danke!« sagte der Mann. »Danke aufrichtig für alle Freundlichkeit! Hätte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, daß ich eines Tages noch mal mit den jungen Herrschaften im Alten Schloß herumspazieren würde. Aber so geht es, und nach all meinem Ärger ... denn ich hab' mich geärgert, mächtig geärgert, das bleibt wahr und bestehen ... nach all meinem Ärger hab' ich nun doch noch diese Ehre und dieses Vergnügen.«
Klaus Heinrich wünschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel Ärger gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte taktmäßig dabei seinen Regenschirm auf die Fliesen): »Und ich hab' die jungen Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bißchen dunkel ist hier in den Gängen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar Würmer zu Haus, will sagen, meine sind Würmer, meine ... und der Junge heißt auch Klaus Heinrich.«
»Gerade wie ich?« sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergnügen ... »Das ist ein hübscher Zufall!«
»Nö, Zufall? Nach =Ihnen=!« sagte der Mann. »Das ist denn doch wohl kein Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heißt, denn er ist ein paar Monat jünger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land, die auch so heißen, alle nach Ihnen. Nö, Zufall kann man doch das wohl nicht nennen ...«
Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.
»Ja, gleich erkannt«, sagte der Mann. »Und hab' mir gedacht: Gottlob, dacht' ich, und das nenn' ich Glück im Unglück, und die werden dir aus der Falle helfen, worein du alter Tölpel getappt bist, und kannst wohl lachen, dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die Kujone auf den Leim geführt haben und der's so gut nicht getroffen hat ...«
Kujone? dachte Klaus Heinrich ... Und auf den Leim? Er blickte starr geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn an ... Er sagte ganz leise: »Man hat Sie ... auf den Leim geführt?«
»An der Nase!« sagte der Veteran. »An der Nase haben sie mich geführt, die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu wissen, daß es eine große Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein ... Ja, Gott soll mich bewahren!« rief er plötzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die Stirn. »Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal präsentiert und bekanntgegeben? -- Hinnerke!« sagte er. »Schuhmachermeister Hinnerke, Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet!« Und er wies mit dem Zeigefinger seiner großen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die Medaille an seiner Brust. »Die Sache ist so, daß Königliche Hoheit, der Herr Papa, die Gnade gehabt hat, ein Paar Stiefel bei mir zu bestellen, Schaftstiefel, Reitstiefel, mit Sporenkäppchen und in Lackleder von prima Qualität. Die mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit aller Akkuratesse, und heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst selbst gehen, sag' ich zu mir ... ich hab' einen Jungen, der austrägt, aber ich sage zu mir: Sollst selbst gehen, es ist für den Herrn Großherzog. Und zieh' mich denn an und nehm' meine Stiefel und gehe aufs Schloß. ›Schön!‹ sagen gleich unten die Lakaien und wollen sie mir abnehmen. ›Nein!‹ sag' ich, denn ich trau' ihnen nicht. Ich hab' meine Aufträge und meinen Hoftitel für mein Renommee, will ich den Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien bezahle. Aber die Bursche sind verwöhnt mit Trinkgeldern von den Lieferanten und wollen bloß was von mir für die Besorgung. ›Nein,‹ sag' ich, denn ich bin nicht für Durchstecherei und schleichendes Wesen, ›ich will sie persönlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Großherzog selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.‹ Sie giften sich, aber sie sagen: ›Dann müssen Sie da hinaufgehen!‹ Und ich gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen ›Schön!‹ und wollen die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie sagen: ›Er trinkt Kaffee‹, aber ich bin fest und sage, dann will ich warten, bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt vorbei in seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich denn, und ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und er sagt ›Schön!‹ und sagt noch eigens: ›Hübsch sind sie!‹ und nickt mir zu und trägt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verlaß, und nu will ich gehen. ›Hö!‹ ruft einer. ›Herr Hinnerke! Sie gehen ja falsch!‹ ›Verdammt!‹ sag' ich und kehre um und gehe nach der andern Seite. Aber das war das Dümmste, was ich tun konnte, denn sie hatten mich in den April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich gehe ein Stück und treffe wieder so einen und frage ihn nach dem Albrechtstor. Aber er merkt gleich, was los ist und sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Treppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder hinunter, dann schneiden Sie ein großes Stück ab!‹ Und ich habe Vertrauen zu seiner Freundschaft und tue, wie er sagt und verbiestere mich mehr und mehr und komme aus aller Kontenanz. Da merke ich, daß es nicht meine Schuld ist, sondern die von den Spitzbuben, und mir fällt ein, daß ich gehört habe, daß sie das oft so machen mit Lieferanten, die ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie herumirren, daß sie schwitzen. Und der Ärger macht mich blind und dumm, und komme in Gegenden, wo keine Seele mehr atmet und weiß nicht ein und nicht aus und graule mich ordentlich. Und schließlich treff' ich die jungen Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln!« schloß Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken.
Klaus Heinrich preßte Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, daß er ganz und gar vergaß, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein »hoher Beruf« ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie unverschönt und am Alltag waren! Die Lakaien ... Er schwieg, er fand kein einziges Wort.
»Da schweigen sie nun,« sagte der Schuster, »die jungen Herrschaften!« Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. »Ich hätte es ihnen wohl gar nicht erzählen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes zu erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder,« sagte er, legte den Kopf auf die Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, »daß es nicht schaden kann, daß es ihnen gar nicht schaden kann für künftig und späterhin ...«
»Die Lakaien ...« sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf ... »Die sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen ...«
»Schlimm?« sagte der Schuster. »Nichtswürdig sind sie. Das ist das Wort für sie. Wissen Sie, wozu sie fähig sind? Sie halten die Waren zurück, wenn sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurück, wenn der Lieferant sie in aller Pünktlichkeit zur bestimmten Zeit übersendet, und geben sie mit großer Verspätung ab, damit den Lieferanten die Schuld trifft und er dasteht als pflichtvergessen in den Augen der höchsten Herrschaften, und ihm die Aufträge entzogen werden. Das tun sie ohne Skrupeln, und es ist ganz bekannt in der Stadt ...«
»Ja, das ist arg!« sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er war. »Sie tun wohl noch mehr?« sagte er ... »Ich glaube bestimmt, daß sie noch mehr tun in dieser Art.«
»Und ob!« sagte der Mann und lachte. »Nein, die lassen es nicht fehlen, will ich den jungen Herrschaften sagen, die betätigen sich in mancher Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spaß mit dem Türenöffnen ... Das machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa, unserm gnädigsten Großherzog, und nehmen Sie an, daß er ein Neuling ist und noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und Hitze, denn es ist ja natürlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der Königlichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lächeln über ihn, weil sie hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er weiß nicht, wie ihm geschieht, und vergißt denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld zu geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt seinen Namen, und die Lakaien machen die Flügeltür auf und lassen ihn in das Zimmer hinein, wo der Herr Großherzog warten. Da steht denn der Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr Großherzog in seiner Güte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und geht nach rückwärts und denkt, die Flügeltür soll hinter ihm aufgehen, wie man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag' ich den jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil sie kein Trinkgeld bekommen haben, und rühren keinen Finger da draußen. Aber er darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er dem Herrn Großherzog seinen Rücken nicht zeigen darf, das wäre ein großer Verstoß und eine Beleidigung für den hohen Herrn. Und sucht denn hinter sich mit der Hand nach dem Türgriff und findet ihn nicht und kriegt das Zappeln und springt an der Tür herum, und hat er schließlich durch Gottes Erbarmen den Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er versteht sich nich drauf und fingert und renkt sich den Arm aus und rackert sich ab und verneigt sich zwischendurch aus Verzweiflung, bis der gnädigste Herr ihn womöglich zuletzt mit eigener Hand hinauslassen muß. Ja, das ist das mit dem Türöffnen! Aber das ist noch gar nichts, und nun will ich den jungen Herrschaften ...«
Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt, hatten Treppen zurückgelegt und befanden sich im Erdgeschoß, unweit des Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Großherzogin, kam ihnen entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war ausgesandt, Ihre Großherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schüttelte schon von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen trichterförmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte, der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstieß, versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.
Es blieb kaum Zeit zu Dank und Abschied, so rasch wußte Eiermann den Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter schlimmen Ankündigungen geleitete er Ihre Großherzoglichen Hoheiten in deren Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.
Man blickte zu Gott empor und schlug die Hände zusammen bezüglich ihres Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste geschah: Man »sah sie traurig an«. Aber Klaus Heinrich brachte nur das Notdürftigste an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien ... »Du Reiner, du Feiner«, lächelten sie, denn sie nahmen Geld und ließen die Lieferanten auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die Waren zurück, damit den Lieferanten die Schuld träfe, und öffneten nicht die Flügeltür, so daß der Audienzhabende zappeln mußte. Das war im Schloß, und wie mochte es draußen sein? Draußen unter den Leuten, die so fromm und fremd auf ihn schauten, wenn er grüßend vorüberfuhr?... Aber wie unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte er ihn Großherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und seine Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und warum war es gleichwohl so seltsam süß, das von den Lakaien zu hören? Warum schlug sein Herz mit solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und frechen Dingen es berührte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?
Doktor Überbein
Klaus Heinrich verlebte drei Knabenjahre gemeinsam mit Altersgenossen aus dem Hof- und Landadel der Monarchie in einem Internat, einer Art erlauchten Konvikts, das Hausminister von Knobelsdorff seinethalben auf Jagdschloß »Fasanerie« begründet und eingerichtet hatte.
Seit hundert Jahren im Kronbesitz, gab Schloß »Fasanerie« dem ersten Aufenthaltspunkt einer von der Residenz gen Nordwesten führenden Staatsbahnlinie seinen Namen und hatte ihn seinerseits von einem unweit in Wiese und Busch gelegenen »zahmen« Fasanengehege, das die Liebhaberei eines früheren Landesherrn gewesen war. Das Schloß, ein einstöckiges, kastenartiges Landhaus mit einem von Blitzableitern überragten Schindeldach, stand mit Remise und Stallgebäude hart am Saume ausgebreiteter Nadelwaldungen. Eine Reihe bejahrter Linden in Front, blickte es über ein weites, in fernem, blauendem Bogen vom Walde umgrenztes und von Pfaden durchkreuztes Wiesengelände hin, auf dem sich gewalzte Spielplätze und Hürden zum Hindernisreiten abzeichneten. Dem Schlosse schräg gegenüber war ein Wirtshaus, ein Bier- und Kaffeegarten mit hohen Bäumen gelegen, den ein bedächtiger Mann namens Stavenüter in Pacht hatte, und der an Sommersonntagen von Ausflüglern, besonders Radfahrern, aus der Hauptstadt bevölkert war. Den Zöglingen der »Fasanerie« war der Besuch des Wirtsgartens nur unter Aufsicht eines Lehrers erlaubt.
Es waren ihrer fünf außer Klaus Heinrich: ein Trümmerhauff, ein Gumplach, ein Platow, ein Prenzlau und ein Wehrzahn. Sie wurden in der Gegend »die Fasanen« genannt. Ein ziemlich ausgedienter Landauer aus dem Hofbestande, ein Gig, ein Schlitten und einige Reitpferde standen ihnen zur Verfügung, und wenn zur Winterszeit ein Teil der Wiesen überschwemmt und gefroren war, so bot sich Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen. Es gab einen Koch, zwei Kammermädchen, einen Kutscher und zwei Lakaien auf Schloß »Fasanerie«, von denen der eine zur Not gleichfalls zu fahren verstand.
Gymnasialprofessor Kürtchen, ein kleiner, mißtrauischer und reizbarer Junggeselle von komödiantischen Formen und einer altfränkischen Ritterlichkeit, leitete das Konvikt. Er trug einen gestutzten, ergrauten Schnurrbart, eine Goldbrille vor seinen unruhigen braunen Augen und im Freien stets einen in den Nacken gerückten Zylinderhut. Er ging mit vorgestrecktem Unterleib, indem er seine kleinen Fäuste nach Art eines Dauerläufers zu beiden Seiten seines Bäuchleins hielt. Er behandelte Klaus Heinrich mit einem selbstgefälligen Takt, war aber voller Verdacht gegen den Adelshochmut seiner übrigen Zöglinge und geriet in die Wut eines Katers, wenn er Geringschätzung seines Bürgertums witterte. Auf Spaziergängen liebte er es, wenn Leute in der Nähe waren, stehenzubleiben, seine Schüler in dichter Gruppe um sich zu versammeln und ihnen, mit dem Stock im Sande zeichnend, irgend etwas zu demonstrieren. Frau Amelung, eine stark nach Hoffmannstropfen duftende Hauptmannsfrau, welche die Schlüssel der Anstalt führte, nannte er »gnädige Dame« und wußte sich etwas mit dieser Art Kenntnis des feinen Tones.
Ein noch jugendlicher Hilfslehrer mit Doktorgrad stand dem Professor Kürtchen zur Seite -- ein aufgeräumter, tätigkeitsfroher und redegewandt schwadronierender, dabei schwärmerisch gesinnter Mensch, der Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr, als gut war, beeinflußte. Auch ein Turnmeister namens Zotte war genommen worden. Nebenbei bemerkt hieß der Hilfslehrer Überbein, mit Vornamen Raoul. Was sonst an Lehrern noch nötig war, kam jeden Tag mit der Eisenbahn aus der Hauptstadt.