Königliche Hoheit: Roman

Part 31

Chapter 313,430 wordsPublic domain

Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor Weihnachten, die Ankündigung ergangen, daß der beurlaubte Professor, recht leidlich genesen, nach den Freiwochen seine Tätigkeit wieder aufnehmen, sein Amt als Ordinarius der Unterprima wieder antreten werde. Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor Überbein stand und was es mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinem aufgeräumten und überlegenen Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich aufgelehnt, war vorstellig geworden, hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren Einspruch dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Vierteljahren mit der Klasse verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie fast bis zum Ziele geführt hatte, nun für das letzte Quartal das Ordinariat entzogen und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im Ruhestande verbracht, wieder zuerteilt werden sollte. Das war verständlich, begreiflich, war menschlich nachfühlbar. Ohne Zweifel hatte er gehofft, dem Direktor, der das Ordinariat der Selekta innehatte, eine Musterklasse zuzuführen, deren Fortgeschrittenheit und vorzügliche Ausbildung seine Fähigkeit in helles Licht setzen, seine Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellung mußte ihn schmerzen, einen anderen die Früchte seiner Hingebung ernten zu sehen. Aber wenn sein Unmut entschuldbar gewesen wäre, so war seine Tollheit es nicht: und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders, daß er, als der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll wurde. Er verlor den Kopf, er verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser lieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht den beurlaubten Professor bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnähme, und als er, worüber der Einsame sich nicht hätte wundern dürfen, im Lehrerkollegium keine Unterstützung gefunden hatte, da hatte der unselige Mann sich so weit vergessen, daß er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten Schüler geworden war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer für das letzte Quartal, hatte er sie vom Katheder herunter gefragt -- ihn oder jenen? Und fanatisiert von seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie wollten ihn. Dann sollten sie gefälligst selbst ihre Sache in die Hand nehmen, Farbe bekennen und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt -- und Gott wußte, was er sich in seiner Überreiztheit eigentlich dabei gedacht hatte. Aber als nach den Ferien der zurückgekehrte Ordinarius das Klassenzimmer betreten hatte, da hatten sie ihm Doktor Überbeins Namen entgegengebrüllt, minutenlang -- und der Skandal war dagewesen.

Er wurde nicht unnötig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast straflos, da Doktor Überbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung selbst seine Ansprache zu Protokoll gegeben hatte. Aber auch was ihn selbst, den Doktor, betraf, so schien die Behörde durchaus geneigt, ein Auge zuzudrücken. Sein Eifer, seine Fähigkeiten waren geschätzt, gewisse gelehrte Arbeiten, die er von sich gegeben, Früchte seines nächtlichen Fleißes, hatten seinen Namen bekannt gemacht, man hielt auf ihn an höheren Stellen -- an Stellen, wohlgemerkt, mit denen er persönlich nicht in Berührung kam und die er also nicht durch sein väterliches Wesen hatte erbittern können --, auch seine Eigenschaft als Erzieher des Prinzen Klaus Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs, wie man wohl hätte erwarten können, einfach entlassen. Der großherzogliche Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte ihm eine ernste Rüge, und Doktor Überbein, der gleich nach dem skandalösen Vorfall seine Lehrtätigkeit eingestellt hatte, wurde vorläufig im Ruhestande belassen. Aber Leute, die es wissen konnten, versicherten später, daß nichts als des Oberlehrers Versetzung an ein anderes Gymnasium vorgesehen gewesen sei, daß man höheren Ortes nichts Besseres gewünscht habe, als Gras über die Sache wachsen zu lassen, und daß man dem Doktor tatsächlich eine bedeutende Zukunft offengehalten habe. Alles hätte gut werden können.

Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft, die desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der »Lehrerverein« bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem beliebten Mitgliede, dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem zurückgezogen in seinem möblierten Zimmer lebenden Überbein schriftlich zugestellt wurde, lautete demgemäß. Indem er, lautete es, sich gesträubt habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima wieder einzuräumen, indem er ferner gegen denselben gewühlt und am Ende sogar die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe sich Überbein einer in dem Maße unkollegialen Handlungsweise schuldig gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden müsse. So der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein, der freilich dem »Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte, seinen Austritt aus dieser Körperschaft erklärte -- und damit hätte es, wie mancher dachte, wohl sein Bewenden haben können.

Aber sei es, daß der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem Wohlwollen hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er seine Lage für aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand; daß die Redensart von der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet hatte, oder daß sein Gemüt den Erschütterungen dieser Zeit überhaupt nicht gewachsen gewesen war: fünf Wochen nach Neujahr fanden seine Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich seines Zimmers, nicht grüner als sonst, aber eine Kugel im Herzen.

So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle Erörterungen seines kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der friedlose und ungemütliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit verschmäht, sein Leben kalt und ausschließlich auf die Leistung gestellt und gewähnt hatte, daß er darum alle Welt väterlich behandeln dürfe -- da lag er denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Mißwende auf dem Felde der Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten, niemand beweinte ihn in der Bürgerschaft -- einen einzigen ausgenommen, den Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins geistesverwandten Freund -- und vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt hatte. Klaus Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen Lehrer immer ein ehrendes, ja inniges Andenken.

Der Rosenstock

Und Spoelmann finanzierte den Staat. Der Vorgang war groß und klar in seinen Grundzügen; ein Kind hätte verstehen können -- und tatsächlich erklärten ihn glückstrahlende Väter ihren Kindern, während sie sie auf den Knien schaukelten.

Samuel Spoelmann winkte, die Herren Phlebs und Slippers gerieten in Bewegung, und seine gewaltigen Weisungen zuckten unter den Wogen des Ozeans hin zum Festland der westlichen Hemisphäre. Er zog ein Drittel seines Anteils aus dem Zuckertrust, ein Viertel aus dem Petroleumtrust, die Hälfte aus dem Stahltrust zurück; er ließ sich das flüssig gemachte Kapital bei mehreren hiesigen Banken anweisen; und auf einen einzigen Schlag nahm er Herrn Krippenreuther für dreihundertundfünfzig Millionen neuer dreieinhalbprozentiger Staatsobligationen zu _pari_ ab. Das tat Spoelmann.

Wer den Einfluß des Gemütszustandes auf die Organe des Menschen erfahren hat, wird glauben, daß Doktor Krippenreuther aufblühte und binnen kurzem nicht wiederzuerkennen war. Er trug sich aufrecht und frei, sein Gang ward schwebend, die gelbe Farbe verschwand aus seinem Antlitz, es ward weiß und rot, seine Augen blitzten, und so völlig kam in wenigen Monaten sein Magen zu Kräften, daß der Minister, wie man von ihm befreundeter Seite vernahm, sich ungestraft dem Genusse von Blaukraut und Gurkensalat überlassen durfte. Das war eine erfreuliche, doch rein persönliche Folge von Spoelmanns Eingreifen in unser Finanzwesen, die leicht ins Gewicht fiel, im Vergleich mit den Wirkungen, die dieses Eingreifen auf unser Staats- und Wirtschaftsleben ausübte.

Ein Teil der Anleihe wurde der Tilgungskasse zugeführt, und quälende Staatsschulden wurden eingelöst. Aber es hätte dessen kaum bedurft, um uns nach allen Seiten Luft und Kredit zu verschaffen; denn nicht so bald war es, bei aller Verschwiegenheit, mit welcher die Angelegenheit amtlich behandelt wurde, bekannt geworden, daß Samuel Spoelmann den Tatsachen, wenn auch nicht dem Namen nach Staatsbankier geworden sei, als über uns die Himmel sich erhellten und all unsere Not sich in Lust und Wonne verwandelte. Es hatte ein Ende mit den Angstverkäufen von Schuldforderungen, der landesübliche Zinsfuß sank, unsere Verschreibungen waren als Anlagepapiere freudig begehrt, und von heute auf morgen schnellte der Kurs unserer hochverzinslichen Anleihen aus kummervollem Stande weit über _pari_ empor. Der Druck, der jahrzehntelange Alp, war von unserer Volkswirtschaft genommen, mit geschwellter Brust sprach Doktor Krippenreuther im Landtag zugunsten durchgreifender Steuererleichterung -- einstimmig ward sie beschlossen, und unter dem Jubel aller sozial Empfindenden fuhr endlich die vorsintflutliche Fleischsteuer zu Grabe. Eine bedeutende Aufbesserung der Beamtenbesoldungen, der Gehälter für Lehrer, Geistliche und alle Funktionäre in den Staatsbetrieben ward schlanker Hand bewilligt. Es fehlte nicht länger an Mitteln, die wüstliegenden Silberbergwerke wieder in Betrieb zu setzen, vielhundert Arbeiter kamen zu Brot, und unverhofft stieß man auf ertragreiche Schichten. Geld, Geld war vorhanden, die wirtschaftliche Sittlichkeit hob sich, man holzte auf, man ließ dem Wald seinen Streudünger, die Viehbesitzer brauchten nicht mehr all ihre Vollmilch zu verkaufen, sie tranken sie selber, und vergebens hätten die Krittler hinfort auf dem Lande nach unterernährten Gestalten gesucht. Das Volk zeigte sich dankbar gegen sein Herrscherhaus, das so ungemessenen Segen über Land und Leute gebracht. Es kostete Herrn von Knobelsdorff nicht viele Worte, um das Parlament zu einer Erhöhung der Krondotation zu bewegen. Jene Verfügung, welche die Schlösser »Zeitvertreib« und »Favorita« dem Verkauf unterstellte, ward zurückgezogen. Geschickte Werkmeister zogen ins Alte Schloß, um es von oben bis unten mit Dampfdruckheizung zu versehen. Unsere Geschäftsträger bei Spoelmann, die Herren von Bühl und Doktor Krippenreuther, erhielten das Großkreuz des Albrechtsordens in Brillanten, dem Finanzminister ward außerdem der persönliche Adel zuteil, und Herr von Knobelsdorff wurde mit einem lebensgroßen Bildnis des hohen Brautpaares erfreut -- ausgeführt von der greisen Künstlerhand des Professors von Lindemann und in kostbarem Rahmen.

Über die Mitgift, die Imma Spoelmann von ihrem Vater empfangen sollte, erging sich nach der Verlobung das Volk in Phantastereien. Man befand sich im Taumel, man war von einer tollen Sucht besessen, mit wahrhaft astronomischen Ziffern um sich zu werfen. Aber die Mitgift überstieg nicht ein irdisches, wenn auch recht erfreuliches Maß. Sie betrug hundert Millionen.

»Bewahre!« sagte Ditlinde zu Ried-Hohenried, als sie zuerst davon vernahm. »Und mein guter Philipp mit seinem Torf ...« Ähnlich dachte wohl mancher; aber den nervösen Zorn, der sich in schlichten Herzen gegen so ungeheuerliche Verhältnisse regen mochte, beruhigte Spoelmanns Tochter, indem sie wohlzutun und mitzuteilen nicht vergaß, sondern gleich am Tage des öffentlichen Verlöbnisses eine Stiftung von fünfhunderttausend Mark errichtete, deren Erträgnisse jedes Jahr in die vier Landeskommissarbezirke zu mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken verteilt werden sollten ...

In einem der olivenfarbenen Spoelmannschen Automobile mit den ziegelroten Ledersitzen fuhren Klaus Heinrich und Imma und machten Visiten bei den Mitgliedern des Hauses Grimmburg. Ein junger Chauffeur lenkte das prachtvolle Fahrzeug -- derselbe, der nach Immas Aussage einige Ähnlichkeit mit Klaus Heinrich haben sollte, aber seine Anspannung war gering auf diesen Fahrten, denn es war geradezu notwendig, die Riesenkräfte des Wagens soweit wie nur möglich zu fesseln und langsames Zeitmaß zu halten -- so sehr war er allerwege von Huldigungen umdrängt. Ja, da die weiteren Urheber unseres Glücks, da Großherzog Albrecht und Samuel Spoelmann, ein jeder nach seiner Art, sich vor dem Volke verbargen, so häufte es all seine Liebe und Dankbarkeit auf die Häupter des hohen Brautpaares; hinter den geschliffenen Fensterscheiben des Kraftwagens flogen die Mützen der Buben empor, der Jubel von Männern und Frauen drang hell und grölend herein, und Klaus Heinrich, die Hand am Helmschirm, sagte vermahnend: »Du mußt ebenfalls grüßen, Imma, nach deiner Seite, sonst halten sie dich für kalt.« Denn ungeduldig wie er war, nannte er sie du seit jenem Gespräch auf dem Hofball, obgleich sie es ihm, noch ungewohnt der wärmeren Sphären, erschrocken verwies -- und wie leicht ging ihm das Wörtchen vom Munde, das sonst immer falsch und unmöglich gewesen war!

Sie fuhren zur Prinzessin Katharina und wurden mit Würde empfangen. Weiland Großherzog Johann Albrecht, ihr Bruder, sagte die Tante zu ihrem Neffen, würde es nicht erlaubt haben. Aber die Zeiten schritten ja fort, und sie bitte Gott, daß seine Verlobte sich eingewöhnen möge bei Hofe. Sie fuhren zur Fürstin zu Ried-Hohenried, und hier war es Liebe, was sie empfing. Ditlindens Grimmburger Stolz fand Beruhigung in der Sicherheit, daß Leviathans Tochter wohl Prinzessin des Großherzoglichen Hauses und Königliche Hoheit, doch niemals Großherzogliche Prinzessin werden könne wie sie; im übrigen war sie entzückt darüber, daß Klaus Heinrich sich etwas so Holdes und Kostbares erstöbert hatte, wußte auch bestens, als Gattin Philipps mit seinem Torf, die Vorzüge dieser Heirat zu würdigen und bot ihrer Schwägerin von Herzen Freundschaft und Schwesterschaft. Sie fuhren auch an der Villa des Prinzen Lambert vor, und während die Gräfin-Braut sich mühte, eine Plauderei mit der zierlichen, aber sehr ungebildeten Freifrau von Rohrdorf in Gang zu halten, beglückwünschte der alte Schürzenjäger seinen Neffen mit Grabesstimme zu der vorurteilsfreien Wahl, die er getroffen, und daß er so keck dem Hof und der Hoheit ein Schnippchen geschlagen. »Ich schlage der Hoheit kein Schnippchen, Onkel; auch habe ich nicht in unbedeutender Weise nur auf mein eigenes Glück Bedacht genommen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt des Großen, Ganzen betrachtet« -- sagte Klaus Heinrich recht unverbindlich, und dann brachen sie auf und fuhren hinaus nach Schloß »Segenhaus«, wo Dorothea, die arme Großherzogin-Mutter, traurigen Hof hielt. Die weinte, als sie die junge Braut auf die Stirn küßte, und wußte selbst nicht, worüber.

Indessen saß Samuel Spoelmann auf »Delphinenort«, umgeben von Plänen und Möbelentwürfen und seidenen Tapetenmustern und Zeichnungen zu goldenem Speisegerät. Er kam nicht zum Orgelspiel und vergaß seine Nierensteine und bekam fast rote Backen vor lauter Geschäftigkeit; denn wenn er auch noch so geringe Stücke auf den »jungen Menschen« hielt und keine Hoffnung aufkommen ließ, daß man ihn jemals bei Hofe zu sehen bekomme, so sollte doch sein Töchterchen Hochzeit machen, und die wollte er einrichten, wie seine Verhältnisse es erlaubten. Die Pläne betrafen das neue Schloß »Eremitage«, denn Klaus Heinrichs Junggesellensitz sollte dem Erdboden gleichgemacht werden und ein neues Schloß an seiner Stelle erstehen, geräumig und hell, ausgestattet nach Klaus Heinrichs Wunsch, in einer gemischten Stilart aus Empire und Neuzeit, aus kühler Strenge und wohnlichem Behagen. Herr Spoelmann erschien eines Morgens, nachdem er im Quellengarten das Wasser genommen, persönlich in seinem mißfarbenen Paletot auf »Eremitage«, um festzustellen, ob etwa dies oder jenes Möbelstück für die Einrichtung des neuen Schlosses verwendbar sei. »Lassen Sie sehen, junger Prinz, was Sie haben!« sagte er knarrend, und Klaus Heinrich zeigte ihm alles in seinen enthaltsamen Stuben, die mageren Sofas, die steifbeinigen Tische, die weiß lackierten Gueridons in den Ecken. »Das ist Klapperwerk«, sagte Herr Spoelmann abschätzig, »und nichts damit anzufangen.« Einzig drei Armstühle in dem kleinen gelben Salon, aus schwerem Mahagoni, mit schneckenförmig aufgerollten Armlehnen und die gelben Bezüge mit bläulichen Lyren bestickt, fanden Gnade vor seinen Augen. »Die können wir in ein Vorzimmer stellen«, sagte er, und Klaus Heinrich legte Wert darauf, daß von Grimmburger Seite drei Armstühle würden zur Einrichtung beigesteuert werden; denn natürlich wäre es ihm ein wenig peinlich gewesen, wenn Herr Spoelmann für alles und jedes hätte aufkommen müssen.

Aber auch der verwilderte Park und der Blumengarten von »Eremitage« sollten ausgelichtet und neu bestellt werden, und namentlich was den Blumengarten betraf, so war ihm eine besondere Zierde zugedacht, die Klaus Heinrich von seinem Bruder, dem Großherzog, als Hochzeitsgeschenk erbeten hatte. In das große Mittelbeet nämlich, vor der Auffahrt, sollte der Rosenstock aus dem Alten Schlosse verpflanzt werden, und dort, nicht mehr von modrigen Mauern umgeben, sondern in Luft und Sonne und dem fettesten Mergel, der beizubringen war, sollte er zusehen, was für Rosen er fortan trieb -- und den Volksmund Lügen strafen, wenn er verstockt und dünkelhaft genug dazu war.

Und als März und April vergangen waren, da kam der Mai und mit ihm das hohe Fest von Klaus Heinrichs und Immas Ehebund. Glorreich und lieblich, mit vergoldeten Wölkchen im reinen Azur, kam der Tag herauf, und Choralmusik vom Turme des Rathauses begrüßte sein Erwachen. Mit allen Zügen, zu Fuß und zu Wagen strömte das Landvolk herein, dieser blonde und gedrungene, gesunde und rückständige Schlag mit blauen, grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, mit der schmucken Landestracht angetan, die Männer in roten Jacken und Stulpenstiefeln und schwarzen, breitkrempigen Samthüten, die Frauen in buntgestickten Miedern und dicken, fußfreien Röcken und der schwarzen Riesenschleife als Kopfputz -- und drängten sich mit der städtischen Bevölkerung in der Straßenzeile zwischen dem Quellengarten und dem Alten Schloß, die mit Girlanden und bekränzten Tribünen und weiß bemalten Holzobelisken voll Pflanzenschmuck in eine Einzugsstraße verwandelt worden war. Von früh an wurden die Banner der gewerblichen Verbände, der Schützengilden und Sportvereine durch die Straßen getragen. Die Feuerwehr, in blitzenden Helmen, war auf den Beinen. Man sah die Chargierten der Studentenkorps in aller Pracht und mit ihren Fahnen in offenen Landauern umherfahren. Man sah Gruppen von weißen Ehrenjungfrauen, die Rosenstäbe in den Händen hielten. Die Bureaus und Werkstätten feierten. Die Schulen waren geschlossen. In den Kirchen ward Festgottesdienst gehalten. Und die Morgenausgaben des »Eilboten« sowohl wie des »Staatsanzeigers« enthielten nebst innigen Leitartikeln die Verkündigung einer umfassenden Amnestie, laut welcher vielen zu Freiheitsstrafen verdammten Personen durch vollständigen oder teilweisen Straferlaß vom Großherzog Gnade erwiesen wurde. Sogar der Mörder Gudehus, der zum Tode und dann zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden war, wurde auf Wohlverhalten aus dem Zuchthaus beurlaubt. Aber er mußte alsbald wieder in Sicherheit gebracht werden.

Um zwei Uhr war Festessen der Bürgerschaft im Saale des »Museums«, mit Tafelmusik und Huldigungstelegrammen. Aber vorm Tor war Volksbelustigung, mit Schmalzgebackenem und Sultansbrot, mit Festmarkt, Glückshafen und Vogelschießen, Sacklauf und Preisklettern nach Sirupsemmeln für die männliche Jugend. Aber dann kam die Stunde, da Imma Spoelmann von »Delphinenort« zum Alten Schlosse fuhr. Sie tat es in feierlichem Zuge.

Die Fahnen flatterten im Frühlingswind, die armdicken Girlanden rankten sich, mit roten Rosen durchflochten, von einem Holzobelisken zum andern, schwarz staute sich auf den Tribünen, den Dächern, den Bürgersteigen die Menge, und zwischen dem Spalier von Schutzleuten und Feuerwehr, von Gilden, Vereinen, Studenten und Schulkindern kam langsam auf der mit Sand bestreuten Feststraße, umbrandet von Jubel, der Brautzug daher. Zwei Spitzenreiter mit Tressenhüten und Fangschnüren kamen zuerst, geführt von einem schnauzbärtigen Stallmeister im Dreispitz. Eine vierspännige Kutsche dann, worin der großherzogliche Kommissär, Beamter des Hausministeriums und zur Einholung abgeordnet, mit einem Kammerherrn zur Begleitung lehnte. Ein zweiter Vierspänner hierauf, worin man die Gräfin Löwenjoul gewahrte, die scheel und schief auf die beiden Ehrendamen blickte, mit denen sie fuhr, und denen sie wohl in sittlicher Hinsicht mißtraute. Zehn Postillone zu Pferde demnächst, in gelben Hosen und blauen Fräcken, die bliesen: »Wir winden dir den Jungfernkranz«. Zwölf weiße Jungfrauen sodann, die kleine Rosen und Ästchen vom Lebensbaum auf die Straße streuten. Und endlich, gefolgt von fünfzig gewaltig berittenen Handwerksmeistern, der sechsfach bespannte, sehr durchsichtige Brautwagen. Stolz streckte hoch droben auf dem mit weißem Sammet behangenen Bock der rotgesichtige Kutscher im Tressenhut seine Gamaschenbeine, die langen Zügel mit ebenfalls ausgestreckten Armen haltend; Stalldiener in Stulpen führten die Schimmelpaare am Zaum, und zwei Lakaien in großem Staat standen der klirrenden Karosse hintenauf, in deren unzugänglichen Mienen niemand gelesen hätte, daß Durchstecherei und schleichendes Wesen ihrem Alltag nicht fremd waren. Doch hinter Glas und vergoldetem Rahmen saß Imma Spoelmann in Schleier und Kranz, eine alte Palastdame als Ehrendienst an der Seite. Wie Schnee in der Sonne schimmerte ihr Kleid aus geflammtem Seidengewebe, und auf dem Schoße hielt sie den weißen Strauß, den Prinz Klaus Heinrich ihr eine Stunde früher gesandt. Ihr fremdes Kindergesichtchen war bleich wie die Perlen des Meeres, und unter dem Schleier hervor fiel eine glatte Strähne blauschwarzen Haares in ihre Stirn, während ihre Augen, so kohlschwarz und übergroß, über das wimmelnde Volk hin eine fließende Sprache führten. Jedoch was tobte, geiferte, lärmte zur Seite des Kutschenschlages? Es war Perceval, der Colliehund -- so außer sich, wie man ihn noch niemals gesehen! Der Trubel, die Fahrt erregten ihn über das Maß, beraubten ihn aller Besonnenheit, zerrissen sein Inneres ganz und bis zum Vergehen. Er raste, er tanzte, er litt, er schwang sich blind wütend herum im Rausch seiner Nerven -- und beiderseits auf den Tribünen, der Straße, den Dächern überstieg der Jubel sich selbst, als das Volk ihn erkannte.

So zog Imma Spoelmann ins Alte Schloß, und das Summen und Dröhnen der Glocken vermischte sich mit den Hochrufen des Volks und mit Percevals tollem Gebell. Über den Albrechtsplatz ging es im Schritt und durch das Albrechtstor; im Schloßhof schwenkte das berittene Korps der Innungen ab und nahm Paradeaufstellung, und im Säulenumgang, vor dem verwitterten Portal, empfing Großherzog Albrecht, als Husarenoberst, mit seinem Bruder und den übrigen Prinzen die Braut, bot ihr den Arm und führte sie die grausteinerne Treppe hinauf in die Repräsentationsräume, an deren Türen Galawachen standen und in denen die Hofstaaten versammelt waren. Die Prinzessinnen des Hauses weilten im Rittersaal, und dort war es, wo Herr von Knobelsdorff, im Kreise der Großherzoglichen Familie, die standesamtliche Eheschließung vollzog. Nie, hörte man später, hätten seine Augenfältchen lebhafter gespielt, als während er Klaus Heinrich und Imma Spoelmann von Staats wegen zusammentat. Doch dies geschehen, gab Albrecht II. den Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier.