Königliche Hoheit: Roman

Part 30

Chapter 303,124 wordsPublic domain

Herr von Knobelsdorff begab sich unverzüglich in die Mitte der Dinge und sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schloß »Delphinenort«. Albrecht wußte davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein gedämpfter Widerhall der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das Land in Atem hielten; auch kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der gestöbert und mit den Lakaien geplaudert hatte, der, als er sich am großen Spieltisch die Stirn gestoßen, geweint hatte aus Mitleid mit seiner Stirn -- und im wesentlichen bedurfte er keiner Belehrung. Lispelnd und mit einem flüchtigen Erröten gab er das Herrn von Knobelsdorff zu verstehen und fügte hinzu, da jener bisher nicht hindernd eingegriffen, sondern ihm die Tochter des Milliardärs sogar zugeführt habe, so schließe er, daß Herr von Knobelsdorff die Unternehmungen des Prinzen begünstige, ohne daß er, der Großherzog, übrigens absähe, wohin das alles führen solle. Die Regierung, antwortete Herr von Knobelsdorff, würde sich in einen schädlichen und entfremdenden Gegensatz zum Willen des Volkes setzen, wenn sie die Absichten des Prinzen durchkreuzte. »So verfolgt mein Bruder bestimmte Absichten?« »Lange«, versetzte Herr von Knobelsdorff, »handelte er planlos und lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem Volke auf dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wünsche praktische Gestalt gewonnen.« »Und das alles will also sagen, daß das Publikum die Schritte des Prinzen billigt?« -- »Daß es sie akklamiert, Königliche Hoheit, daß es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!«

Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild von der Lage des Landes, von der Not, von der großen, großen Verlegenheit. Wo war Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im Stadtpark, in dem zweiten Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des kränkelnden Geldfürsten, unseres Gastes und Einwohners, dessen Person das Volk mit seinen Träumen umspann, und für den es ein kleines sein würde, allen unseren Mißhelligkeiten ein Ende zu bereiten. Wenn er zu bestimmen war, sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen, so war ihre Gesundung gesichert. Würde er zu bestimmen sein? Aber das Schicksal hatte eine Gefühlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen und dem Prinzen Klaus Heinrich herbeigeführt! Und dieser weisen und gütigen Fügung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter Herkömmlichkeiten wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die für Land und Volk so ungemessenen Segen in sich schloß? Denn daß sie das tue, war freilich vorauszusetzen, und darauf beruhte ihre Rechtfertigung und hohe Gültigkeit. War aber diese Bedingung erfüllt, fand Samuel Spoelmann sich, um es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates bereit, so war die Verbindung -- da denn das Wort nun gefallen war -- nicht nur statthaft, sie war notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates verlangte sie, und weit über die Landesgrenzen hinaus, überall dort, wo ein Interesse an der Wiederherstellung unserer Finanzen, an der Vermeidung einer wirtschaftlichen Panik vorhanden war, wurde sie vom Himmel erfleht.

An dieser Stelle tat der Großherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne aufzublicken, und mit spöttischem Lächeln.

»Und die Thronfolge?« fragte er.

»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es in Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu beseitigen. Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen gehört auch bei uns zu den Prärogativen des Landesherrn -- und wann wäre je in der Geschichte ein tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte gegeben gewesen? Diese Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist von langer Hand her im Gemüte des Volkes vorbereitet, und ihre vollkommene staats- und fürstenrechtliche Anerkennung würde dem Volke nicht mehr als eine äußere Bestätigung seines innersten Empfindens bedeuten.«

So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies außerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme -- und seine Augenfältchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung erinnerte, die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer Hand dem Lande mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht hätten, und beredsam darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus Heinrich und Spoelmanns Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung des Orakels und somit als gottgewollt und rechtmäßig erscheine.

Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er erwähnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns -- denn außer dem deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man vernähme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren Adern -- und betonte, daß er sich von der belebenden Wirkung, welche die Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen Veränderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen des Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrängten Hofes, durch die kühne Heirat des Thronfolgers würden hervorgebracht werden. Denn hier war es, wo Albrecht am hochmütigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert sank, die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen Gesetz, das für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für jeden Privathaushalt seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen war unmöglich. Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn hinter dem mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen Sinne unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war nötig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine so großartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten, daß alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse, Entmündigungen, fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung. Aber war dieser kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung nicht das Bündnis mit dem souveränen Reichtum vorzuziehen -- eine Verbindung, welche die Hoheit auf immer hoch über alle wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in den Stand setzen würde, sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen sichtbar zu machen, nach denen es verlangte?

So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war seine Rede, daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte Genehmigungen und Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug reichten, um, wenn Fräulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte, Abschlüsse sondergleichen zu gewährleisten.

Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum seligen Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen Personen, die =gesehen= (nicht etwa nur davon erzählen gehört) hatten, wie eines schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl im Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen und schwänzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten, daß jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und gleichfalls in Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plüschmohren vorbei das Portal von »Delphinenort« verlassen und sich mit fiebrigen Augen in eine bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten -- tastende Verlautbarungen, die, in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich die beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck beieinander zeigten ... Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber sie schwarz auf weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.

Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den publizistischen Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere aufgeklärte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen Seite der Sache, nämlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in zu hohem Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als daß nicht Bildung und Intelligenz genötigt gewesen wären, sich damit auseinanderzusetzen. Weissagerei, Chiromantie und dergleichen Hexenwesen, erklärte der »Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des einzelnen in Frage komme, schlechterdings in das dunkle Gebiet des Aberglaubens zu verweisen, sie gehörten dem grauen Mittelalter an, und nicht genug zu belächeln seien die wahnbefangenen Personen, die, was freilich in den Städten wohl nicht mehr geschähe, sich von geriebenen Beutelschneidern die Groschen aus der Tasche ziehen ließen, um aus der Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz sich ihre geringfügige Zukunft deuten, sich gesundbeten, homöopathisch kurieren oder ihr krankes Vieh von eingefahrenen Dämonen befreien zu lassen -- wie als ob nicht bereits der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich denn Gott auch um die Ochsen?« Allein ins Große gerechnet und entscheidende Wendungen im Schicksal ganzer Völker oder Dynastien in Rede gestellt, so laufe einem geschulten und wissenschaftlichen Denken die Vorstellung nicht unbedingt zuwider, daß, da die Zeit nur eine Illusion und in Wahrheit betrachtet alles Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche im Schoße der Zukunft ruhenden Umwälzungen den Menschengeist im voraus erschüttern und ihm gesichtweise sich offenbaren könnten. Und deß zum Beweise veröffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem unserer Hochschulprofessoren gütigst zur Verfügung gestelltes Elaborat, das eine Übersicht aller der Fälle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum, Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten -- ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten Kreisen nicht verfehlte.

Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse, Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch verfrüht und politisch gefährlich -- wenn, mit einem Wort, die Verhandlungen auf »Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger Richtung vorgeschritten gewesen wären. Heute weiß man ziemlich genau, wie diese Verhandlungen sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja peinlichen Stand unsere Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als Vertrauensperson des Hofes die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen Klaus Heinrichs Werbung vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer unseres Finanzwesens, der es sich trotz seiner schwer erschütterten Gesundheit nicht nehmen ließ, in eigener Person die Sache des Landes bei Samuel Spoelmann zu führen. Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns ärgerliche und reizbare Gemütsart in Rechnung zu ziehen, zweitens aber zu bedenken, daß ja dem ungeheueren kleinen Manne an einem in unserem Sinne glücklichen Abschluß des Handels bei weitem so viel nicht gelegen war wie uns. Abgesehen von Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die ihm ihr Herz geöffnet und ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte, sich liebend nützlich zu machen, hatten unsere Mandatare nicht =einen= Trumpf gegen ihn auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem, daß Doktor Krippenreuther seine Wünsche als Bedingungen an das hätte knüpfen können, was Herr von Bühl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen Klaus Heinrich sprach Herr Spoelmann beständig mit der Bezeichnung »der junge Mensch« und bekundete über die Aussicht, seine Tochter einer Königlichen Hoheit zur Frau geben zu sollen, so wenig Ergötzen, daß Doktor Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als einmal in tödliche Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine ordentliche Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein junger Mensch, der nichts versteht, als sich hochleben zu lassen ...« Wirklich erbost zeigte er sich, als zum ersten Male ein Wort von morganatischer Vermählung fiel. Seine Tochter, erklärte er »_once for all_«, sei kein Kebsweib und nicht für die linke Seite. Heirate man sie, so heirate man sie ... Aber die Interessen der Dynastie und des Landes trafen in diesem Punkte ja völlig mit den seinen zusammen; die Erzielung erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft war eine Notwendigkeit, und Herr von Bühl war mit all den Vollmachten ausgestattet, die Herr von Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken verstanden hatte. Was aber die Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so war es gewiß nicht die Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ, sondern einzig Herrn Spoelmanns Vaterzärtlichkeit -- die Willfährigkeit eines leidenden, überdrüssigen und von seinem Wundertierdasein längst paradox gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen wünschte, selbst aussuchen mochte.

Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen Worten zusammengestellt werden mögen.

Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit der Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die Erhebung der Braut zur Gräfin verkündet werden -- unter einem Phantasienamen von romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus Heinrich auf seiner Studienreise in den schönen Ländern des Südens geführt hatte; und am Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-Thronfolgers mit der Würde einer Fürstin zu bekleiden. Die beiden Standeserhöhungen waren frei von Stempelsteuer, die viertausendachthundert Mark betragen haben würde, zu vollziehen. Nur vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte die Ehe zur Linken geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich zeigen würde, daß sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde Albrecht II., mit Rücksicht auf die unvergleichlichen Umstände, die morganatische Gemahlin seines Bruders für ebenbürtig erklären und ihr den Rang einer Prinzessin des Großherzoglichen Hauses mit dem Titel Königliche Hoheit verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses würde auf jede Apanage verzichten. Was das höfische Zeremoniale betraf, so war zum Feste der linkshändigen Vermählung nur eine Sprechcour, zur Feier der Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste und vollkommenste Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber, von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von dreihundertundfünfzig Millionen Mark -- und zwar unter Bedingungen so väterlicher Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung trug.

Es war Großherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen Abschlüssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem großen, zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemälde vor seinem Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Repräsentationspflichten übertragen hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die großen Mitteilungen entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der Gardefüsiliere angelegt zu dieser Audienz, während der Großherzog zu seinem schwarzen Überrock neuerdings Pulswärmer trug, die seine Tante Katharina ihm in dunkelroter Wolle gefertigt hatte, gegen den Zug durch die hohen Fenster des Alten Schlosses. Als Albrecht geendigt hatte, trat Klaus Heinrich einen Schritt seitwärts, um aufs neue salutierend die Absätze zusammenzuziehen, und sagte: »Ich bitte dich, lieber Albrecht, dir herzlichen und untertänigen Dank zu Füßen legen zu dürfen, in meinem Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist du es ja, der all diesen Segen ermöglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes wird dir für deine hochherzigen Entschließungen lohnen.«

Er drückte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser dicht an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen, ihm darreichte. Der Großherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und lispelnd: »Ich neige um so weniger dazu, mir über die Liebe des Volkes Illusionen zu machen, als ich, wie du weißt, dieser fraglosen Liebe schmerzlos entraten kann. Dabei fällt die Frage kaum ins Gewicht, als ob ich sie auch nur verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof, um zu winken -- das ist weniger verdienstvoll als albern, aber es ist nun einmal mein Amt. Dein Fall ist freilich ein anderer. Du bist ein Sonntagskind. Alles fügt sich dir wohl ... Ich wünsche dir Glück«, sagte er, indem er die Lider von seinen einsam blickenden blauen Augen hob. Und in diesem Augenblick sah man, daß er Klaus Heinrich liebte. »Ich wünsche dir Glück, Klaus Heinrich -- aber nicht allzuviel, und daß du nicht allzu wohlig in der Liebe des Volkes ruhen mögest. Übrigens sagte ich schon, daß alles sich dir zum besten fügt. Das Mädchen deiner Wahl ist recht fremdartig, recht wenig hausbacken, recht unvolkstümlich zu guter Letzt. Sie hat viererlei Blut ... ich habe mir sagen lassen, daß sogar indianisches Blut in ihren Adern fließt. Das ist vielleicht gut. Mit einer solchen Gefährtin läufst du vielleicht weniger Gefahr, bequemen Sinnes zu werden.«

»Weder das Glück«, sagte Klaus Heinrich, »noch die Liebe des Volkes wird je bewirken können, daß ich aufhöre, dein Bruder zu sein.«

Er ging, ihm stand noch ein schweres Stündlein bevor, ein Gespräch mit Herrn Spoelmann unter vier Augen, seine persönliche Werbung um Immas Hand. Da mußte er schlucken, was die Unterhändler geschluckt hatten, denn Samuel Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte ihm knarrend viele erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das bestanden, und der Morgen kam, da die Verlobung im »Staatsanzeiger« prangte. Da löste die lange Spannung sich in unendlichen Jubel; da winkten gesetzte Männer einander mit den Schnupftüchern zu und tauschten Umarmungen auf offenem Markt; da flogen an den Flaggenstangen die Fahnentücher empor.

Aber am nämlichen Tag traf auf Schloß »Eremitage« die Botschaft ein, daß Raoul Überbein sich entleibt habe.

Das war eine nichtswürdige, ja läppische Geschichte, die wiederzugeben nicht lohnen würde, wenn nicht ihr Ende so gräßlich gewesen wäre.

Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich zwei Parteien. Erschüttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklärten achselzuckend, daß sein Benehmen unmöglich und hirnverbrannt, seine Maßregelung durchaus geboten gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen tragischen Ausgang; ja, es war für einen Mann von den Gaben Raoul Überbeins eine vollkommen unwürdige Gelegenheit, zugrunde zu gehen ... Es folgt die Geschichte.

Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse unseres humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund seines körperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor Überbeins verhältnismäßiger Jugend, einzig in Ansehung seines beruflichen Eifers und seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im mittleren Klassendienst, hatte man ihm das vorerst erledigte Ordinariat übertragen. Ein guter Griff, wie sich gezeigt hatte; denn nie waren die Leistungen der Klasse ihren diesjährigen gleichgekommen. Der beurlaubte Professor, übrigens ein beliebter Kollege, war, wohl infolge seines Leidens, das wiederum mit einer an sich sympathischen, in ihrem Übermaß aber bedenklichen Neigung, nämlich derjenigen zum Biere, zusammenhing, ein zwar launenhafter, aber auch fahrlässiger und mattsinniger Herr gewesen, der fünf hatte gerade sein lassen und alljährlich ein recht mangelhaft vorbereitetes Schülermaterial in die Selekta befördert hatte. Ein neuer Geist war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse eingezogen -- und niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen unheimlichen Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit; man sah voraus, daß er diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht ungenützt lassen würde, an die er ohne Zweifel ehrsüchtige Hoffnungen knüpfte. Sowohl mit dem Faulenzen also, wie mit der Langeweile hatte es in der Unterprima ein jähes Ende genommen. Doktor Überbeins Ansprüche waren hochgespannt, seine Kunst, auch die Widerwilligsten dafür zu begeistern, war unwiderstehlich gewesen. Die jungen Leute beteten ihn an. Seine überlegene, väterliche und herzlich bramarbasierende Art hielt sie in Atem, rüttelte sie auf, machte es ihnen zur Ehrensache, diesem Lehrer durch dick und dünn zu folgen. Er fesselte sie an seine Person, indem er sonntägliche Ausflüge mit ihnen unternahm, bei denen sie Tabak rauchen durften, während er ihre Einbildungskraft durch burschenhaft aufgeräumte Rodomontaden über die Größe und Strenge des offenen Lebens bezauberte. Und am Montag fanden sie sich mit dem umgetriebenen Kameraden von gestern zu froher und leidenschaftlicher Arbeit wieder zusammen.