Part 29
»Es war hübsch heute«, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er für diesmal Abschied nahm -- und er fühlte, wie ihre schmale, zartknochige Hand die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere Hoheit wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das eine oder andere von den guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft haben.« -- Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn um seine Finanzbücher, und er brachte sie ihr.
Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und übersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé durch den feuchten Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück, woselbst sie, während die Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte, in thronartigen Armstühlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, über das erste Blatt eines Lehrbuches namens »Finanzwissenschaft« gebeugt, ihr gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder einen Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafür, daß man methodisch zu Werke gehen und mit dem Anfang beginnen müsse.
Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen vermocht als Imma.
»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz ...«
Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie das nächste Mal fortfahren würden.
Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort« von dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Büchern an dem goldenen Tischchen ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu vertiefen. Aber im Vorwärtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre mit der Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhältnisse des Landes an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und studierten mit Nutzen, obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von Betrachtungen persönlicher Art unterbrochen wurde.
»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder indirektem Wege erfolgen -- ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet sich geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription ... Ihre Hand ist doppelt so breit wie meine«, sagte sie -- »sehen Sie, Prinz!« Und nun schauten sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen Anblick ihre Hände an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander auf der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe wird durch Negotiation begeben, und es ist irgendein großes Bankhaus oder Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine ...« »Warten Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir eine Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer acht? Geben Sie sich auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der Ernüchterung und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein bißchen Vertrauen zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem ein kostbarer Duft entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches Kindergesichtchen still dabei über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine Frage nicht unumwunden beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder Konsortium sein?« überlegte sie. »Es steht nichts davon da, aber mir scheint, daß es das praktischen Falles nicht notwendig zu sein braucht ...«
Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn auch sie hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen, welche Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff verrichtet hatte. Und als er einige Wochen später auf seine Frage zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für diesen Fall bewilligt waren, da geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und wolle morgen mit der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin Trümmerhauff vorfahren, um ihre Karten abzugeben.
Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November -- eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl beklagte bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten zwänge, die Vorbereitungen zu der wichtigsten höfischen Festlichkeit über das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die Festräume des Alten Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall mußte sich fügen. So aber kam es, daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich auf das, was eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der ungewöhnliche Zeitpunkt gleich nichts erschien, genügend vorzubereiten: ja, als der »Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in fetten Lettern verbreitete -- nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch in warmen Worten seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben und Spoelmanns Tochter bei Hofe willkommen zu heißen --, da stand der bedeutende Abend schon vor der Tür, und ehe die Zungen sich recht in Bewegung gesetzt, war alles vollendete Wirklichkeit.
Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht, deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen, diese glitzernden Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk entarteten Adeligen abgefaßt wurden und so üppig zu lesen waren, daß man glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, während in Wahrheit das Ballfest im Alten Schloß ohne Überschwang und selbst nüchtern verlief. Aber der Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschluß der französischen Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie überhaupt alle Zartheiten und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben notwendig mündlicher Überlieferung vorbehalten.
Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil vor dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß eingefunden, wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl nicht Zeit gehabt hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an war er, in großer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in der Mitte des mit Rüstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das Großherzogliche Haus und der große Dienst versammelten, von einem Fuß auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein Spoelmann noch nicht erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn diese Königin von Saba zu spät kam -- und was konnte man nicht von ihr gewärtigen, die mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! --, so mußte sich der Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so mußte der Hof auf sie warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt zuerst vorgestellt werden, und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie nach dem Großherzog im Ballsaale eintraf ... Aber gottlob! eine knappe Minute vor siebeneinhalb Uhr war sie mit ihrer Gräfin gekommen (und die Bewegung war groß gewesen, als die empfangenden Kammerherren sie zunächst den Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den Ministern, den Generalen, den Kammerpräsidenten und aller Welt in die Hofgesellschaft eingereiht hatten) -- Flügeladjutant von Platow hatte den Großherzog aus seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht, als Husar gekleidet, mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines Hauses begrüßt, hatte seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann, nachdem Herr von Bühl in der geöffneten Flügeltür dreimal seinen Stab gegen das Parkett gestoßen, hatte sich der Einzug des Hofes in den Ballsaal vollzogen.
Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des Anstößigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte Sammlung ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren alle Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen ... Die dort stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie gemustert. Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die Kritik sich hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und für sich den heimlichen Widerstand überwunden -- nur eine Stimme hatte geherrscht, und es war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie Bergkönigs Töchterlein. Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre Toilette auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der Straßenecke. Es war ein Gewand aus blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit silberner Stickerei und einem Bruststück aus alter Silberspitze von Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, und eine lang herabhängende Kette aus demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren bräunlichen Hals geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer wundersam ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem bleichen Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich redenden Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin Löwenjoul gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas, gekleidet gewesen war. Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie, als das Kortege zu ihr gelangt war, die höfische Verbeugung angedeutet, ohne sie auszuführen; aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe Band und die flache Kette des Hausordens zur Beständigkeit über dem Waffenrock, den Silberstern vom Grimmburger Greifen auf der Brust und jene blutleere Cousine am Arme führend, die nichts als »jä« zu sagen vermochte, gleich hinter dem Großherzoge an ihr vorübergeschritten war, da hatte sie mit geschlossenen Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt wie ein Kamerad -- wobei es denn doch wie ein Zucken durch die Versammlung gegangen war ...
Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten Herrschaften, hatten die Vorstellungen begonnen -- begonnen mit Imma Spoelmann, obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei Komtessen Hundskeel und ein Freifräulein von Schulenburg-Tressen befunden hatten. Schwänzelnd und mit falschen Zähnen lächelnd hatte Herr von Bühl Spoelmanns Tochter seinem Herrn präsentiert. Und indem er mit der kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie sich erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten in seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst ohne Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters Befinden, nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr selbst auf die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen und das schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche vielleicht eine Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr sein Vergnügen zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann hatte auch Gräfin Löwenjoul, mit einem seitwärts entgleitenden Blick, ihre Kniebeugung vollführen dürfen.
Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine Bedeutung nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er nicht. Das war in den Augen vieler die _Quadrille d'honneur_, für manche auch das Souper -- in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch zwischen den beiden Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit freilich nur zu ahnen vermochte -- der Abschluß gewisser zarter Kämpfe zu Pferd und zu Fuß ...
Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf zu. Das Fräulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber geführt vom englischen Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich gegenüber. Immerhin war das stark, und noch stärker war, daß die Mehrzahl der Festgäste es nicht einmal als unerhört, sondern im Gegenteil beinahe als selbstverständlich empfunden hatte. Ja, Imma Spoelmanns Stellung war befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer Person -- das Volk erfuhr es am nächsten Tage -- war herrschend gewesen im Hofballsaal, und übrigens hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen, daß diese Auffassung mit aller Augenfälligkeit, die er für wünschenswert hielt, zum Ausdruck gelangte. Nicht mit Rücksicht und nicht mit Auszeichnung, nein, zeremoniös war Imma Spoelmann behandelt worden, und das mit planmäßiger, absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden Zeremonienmeister, Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die Tänzer zugeführt, und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot ausgeschlagenen Podium, wo die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln saß, mit einem Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die Balleitung geschäftig gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen geschah, ihr freien Raum unter dem mittleren Lüster zu schaffen und sie vor jedem Zusammenstoß zu behüten -- was übrigens leichte Arbeit gewesen war, denn ohnedies hatte sich, wenn sie tanzte, ein schützender Kreis von Neugier um sie geschlossen.
Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches Zischen der »Erregung« im Saale hörbar gewesen sei, und daß die Vortänzer zu tun gehabt hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu verhindern, daß alles in gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe. Namentlich die Damen hatten das einsame Paar mit einem exaltierten Entzücken begleitet, das, wenn Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig schwächer gewesen wäre, unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit gezeigt haben würde. Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fünfhundert Festgäste unter dem Druck und Einfluß des öffentlichen Empfindens, jener gewaltigen Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders als mit des Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz schien nicht in dem Sinne beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und zwar einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei große Tänze, auf Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch mehrfach bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und Spoelmanns Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein rechter Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen gehalten, während er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die Hüfte gestützt und nur mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit einer Hand ...
So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma Spoelmanns Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft getreten. Es war der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum Gegenstand hatte. Während nämlich die große Menge der Festgäste in der Bildergalerie und im Saal der zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war für die Großherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten Hofchargen im Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in den Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin. Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die Türen besetzt hielten und Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der großherzoglichen Tafel teilzunehmen.
Das war ungeheuerlich gewesen -- und zugleich, nach allem Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben würde. Heute hatte es einfach gegolten, großen Anzeichen und Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein ... Aber nach aufgehobener Tafel, als der Großherzog sich zurückgezogen und Prinzessin Griseldis mit einem Kammerherrn den Kotillon eröffnet hatte, war die Erwartung dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage war gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein Sträußchen zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr nicht gerade das erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante Katharina und einer rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann war er mit einem Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma Spoelmann hingetreten. Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu führen, hatte sie aus unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene gezögert, und erst, nachdem er sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu ermutigt, hatte sie sich entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann hatten sie, ruhig sprechend, ziemlich lange miteinander getanzt.
Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte ... hier ist sie.
»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen bringe?«
»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt mir sehr.«
»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid, weil seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«
»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«
»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«
»Ja, das vielleicht.«
»Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzählt, daß der Rosenstock einmal erlöst werden soll, nämlich an einem Tage der allgemeinen Beglückung, und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer großen Schönheit auch noch mit lieblich natürlichem Duft begabt sein werden?«
»Ja, Prinz, das muß man abwarten.«
»Nein, Imma, man muß helfen und handeln! Sich entschließen muß man und allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir ... sagen Sie mir heute: Haben Sie nun Vertrauen zu mir?«
»Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt.«
»Sehen Sie!... Gott sei gelobt!... Sagte ich nicht, daß es mir schließlich gelingen müsse?... Und so glauben Sie denn nun, daß es mir ernst ist, wirklicher, ernsthafter Ernst um Sie und um uns?«
»Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, daß ich es glauben kann.«
»Endlich, endlich, unschlüssige kleine Imma!... Ach, ich danke Ihnen aus Herzensgrund!... Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehören?«
»Bekennen Sie sich, Königliche Hoheit, zu mir, wenn's gefällig ist.«
»Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf ich es, nämlich, daß wir nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise nur auf unser eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt des Großen, Ganzen betrachten. Denn die öffentliche Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.«
»Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien über die öffentliche Wohlfahrt würde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen haben.«
»Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«
»Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze, Prinz. Sie bei den Ihren und ich -- bei meinem Vater.«
»Kleine Schwester«, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze ein wenig fester an sich gezogen. »Kleine Braut ...«
Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgespräch gewesen.
Freilich war hiermit nicht alles, ja wenig geschehen, und rückblickend muß man sich sagen, daß, in dem Gesamtaspekt der Verhältnisse nur einen Faktor weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief, in nichts zu zerfallen. Welch Glück, daß an der Spitze der Geschäfte ein Mann sich befand, welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst nicht ohne Schalkhaftigkeit ins Auge blickte und eine Sache nicht einzig deshalb für unmöglich erachtete, weil sie sich bis dahin noch niemals ereignet hatte!
Jener Vortrag, den ungefähr acht Tage nach dem denkwürdigen Hofball Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Großherzog Albrecht II. im Alten Schlosse hielt, gehört der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der Konseilpräsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, über welche der »Eilbote« so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war, daß Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Großherzoglichen Familie zur Beratung gestanden hätten, sowie ferner, daß -- und dies fügte das Blatt in gesperrten Lettern hinzu -- eine vollkommene Einhelligkeit der Meinungen unter den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich Herr von Knobelsdorff bei jener Audienz seinem jungen Monarchen gegenüber in starker Stellung; denn er hatte nicht nur die wimmelnde Masse des Volkes, sondern auch die einmütige Willensäußerung der Staatsregierung im Rücken.
Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von Schloß »Eremitage«. Es mußte sogar eine Pause eintreten, während welcher dem Großherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas Portwein nebst Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des Vortrags war lediglich der Großartigkeit des durchzusprechenden Stoffes, nicht etwa dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht leistete keinen. In seinem geschlossenen Gehrock, die mageren, empfindlichen Hände im Schoße gekreuzt, das stolze und feine Haupt mit dem Spitzbart und den schmalen Schläfen erhoben und die Lider gesenkt, sog er leicht mit der kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen und begleitete Herrn von Knobelsdorffs Ausführungen von Zeit zu Zeit mit einer gemessenen Kopfneigung, die zugleich Zustimmung und Ablehnung ausdrückte, eine unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem stillen und kalten Vorbehalt seiner durch nichts erreichbaren persönlichen Würde.