Königliche Hoheit: Roman

Part 28

Chapter 283,415 wordsPublic domain

Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: »Zu weit? Nein, fürchten Königliche Hoheit nicht allzu ausführlich sein zu müssen. Ich bekenne, daß ich über Euerer Königlichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin, als ich mir eben den Anschein gab. Königliche Hoheit werden mir, abgesehen von jenen Feinheiten und Einzelheiten, die das Gerücht nicht aufzunehmen vermag, kaum etwas Neues mitzuteilen haben. Aber wenn es Euerer Königlichen Hoheit wohltun könnte, einem alten Diener, der Sie auf seinen Armen getragen, Ihr Herz auszuschütten ... vielleicht, daß ich nicht ganz und gar unfähig wäre, Euerer Königlichen Hoheit mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.«

Da geschah's, daß alles in Klaus Heinrichs Brust sich löste und sich als Bekenntnis gewaltig ergoß, daß er Herrn von Knobelsdorff das Ganze erzählte. Er erzählte, wie man erzählt, wenn das Herz einem voll ist und alles auf einmal sich über die Lippen drängt: nicht gerade sehr planmäßig, nicht sehr der Reihe nach und bei Unwesentlichkeiten über Gebühr verweilend, aber höchst eindringlich und mit jener Körperlichkeit, die das Erzeugnis leidenschaftlicher Anschauung ist. Er fing in der Mitte an, sprang unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu (das nicht vorhanden war), überstürzte sich und rannte sich mehr als einmal verzweifelt fest. Aber Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse erleichterten ihm die Übersicht, sie setzten ihn instand, durch förderliche Zwischenfragen das Schifflein wieder flottzumachen -- und endlich lag das Bild von Klaus Heinrichs Erlebnissen mit allen seinen Personen und Vorgängen, mit den Gestalten Samuel Spoelmanns, der verwirrten Gräfin Löwenjoul, ja selbst des edlen Collies Perceval und namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all ihrer Schwierigkeit, vollendet und lückenlos zur Beratung vor. Sogar des Stückes Guttaperchapapier war ausführlich Erwähnung getan, denn Herr von Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablösung der Schloßwache und den letzten innigen und quälenden Kämpfen zu Pferd und zu Fuß. Klaus Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine stahlblauen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängten Augen standen in Tränen. Er hatte die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von Knobelsdorff gezwungen hatte, sich ebenfalls zu erheben, und wollte der Wärme wegen durchaus die Glastür zu der kleinen Veranda öffnen, was aber Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis auf die große Erkältungsgefahr verhinderte. Er richtete die untertänigste Bitte an den Prinzen, sich wieder zu setzen, da Seine Königliche Hoheit sich der Notwendigkeit einer ruhigen Erörterung der Sachlage nicht verschließen könne. Und beide ließen sich wieder auf das wenig schwellende Polster nieder.

Herr von Knobelsdorff überlegte eine Weile, und sein Gesicht war so ernst, wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden Augenfältchen nur immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend, dankte er zunächst dem Prinzen bewegten Herzens für die hohe Ehre, die er ihm durch sein Vertrauen erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschluß hieran war es, daß Herr von Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen Wortes, die Erklärung abgab: Welche Stellungnahme der Prinz nun auch immer in dieser Angelegenheit von ihm, dem Herrn von Knobelsdorff, gewärtigt habe, so sei er, Herr von Knobelsdorff, jedenfalls nicht der Mann, den Wünschen und Hoffnungen des Prinzen entgegen zu sein, vielmehr durchaus gemeint, Seiner Königlichen Hoheit die Wege zu dem ersehnten Ziel nach besten Kräften zu ebnen.

Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fältchen. Er hatte also Wünsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wußte nicht, was er hörte. Er sagte: »Exzellenz sind so freundlich ...«

Da fügte Herr von Knobelsdorff seiner großen Erklärung etwas von einer Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur dürfe er, als erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einfluß im Sinne Seiner Königlichen Hoheit geltend machen ...

Unter einer Bedingung?

»Unter der Bedingung, daß Euere Königliche Hoheit nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern, wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persönliches Schicksal aus dem Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachten.«

Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von Nachdenken.

»Genehmigen Königliche Hoheit,« fuhr Herr von Knobelsdorff nach einer Pause fort, »daß wir diese delikate und noch ganz unübersehbare Angelegenheit auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren Gegenständen zuwenden! Dies ist eine Stunde des Vertrauens und der gegenseitigen Verständigung ... ich bitte ehrerbietigst, sie nutzen zu dürfen. Königliche Hoheit sind durch Ihre erhabene Bestimmung dem rauhen Getriebe der Wirklichkeit entrückt, durch schöne Vorkehrungen davon geschieden. Ich werde nicht vergessen, daß dieses Getriebe nicht -- oder doch nur mittelbar -- Euerer Königlichen Hoheit Sache ist. Dennoch scheint mir der Augenblick gekommen, Euerer Königlichen Hoheit wenigstens ein gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst willen, zu unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich bitte im voraus um gnädigste Verzeihung, wenn ich Euere Königliche Hoheit durch meine Informationen innerlich hart berühren sollte ...«

»Bitte, sprechen Sie, Exzellenz!« sagte Klaus Heinrich nicht ohne Bestürzung. Unwillkürlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle des Zahnarztes zurechtsetzt und seine Natur gegen einen schmerzhaften Eingriff sammelt ...

»Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich«, sagte Herr von Knobelsdorff beinahe streng. Und nun erfolgte, anknüpfend an die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare, gründliche und ungeschminkte, mit Ziffern und eingeschobenen Erläuterungen der Grundverhältnisse und Fachausdrücke wohlausgestattete Belehrung und Unterrichtsstunde über die wirtschaftliche Lage des Landes, des Staates, die dem Prinzen unser ganzes Leidwesen in unerbittlicher Deutlichkeit vor Augen rückte. Selbstverständlich waren diese Dinge ihm nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie ihm ja, seitdem er repräsentierte, als Anlaß und Stoff zu jenen förmlichen Fragen gedient, die er an Bürgermeister, Ackerbürger, hohe Beamte zu richten pflegte und worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer selbst und nicht um der Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem Lächeln begleitet waren, das er von klein auf kannte und welches »Du Reiner, Du Feiner!« besagte. Aber noch nie war all das in dieser massigen und nackten Sachlichkeit auf ihn eingedrungen, um in vollem Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu nehmen. Herr von Knobelsdorff begnügte sich keineswegs mit Klaus Heinrichs gewohntem, eifrig ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er überhörte den jungen Mann, er ließ sich ganze Erläuterungen wiederholen, er hielt ihn unnachsichtig im Banne des Gegenständlichen, und es war wie ein Zeigefinger, der, faltig von trockener Haut, an dem einzelnen Punkte haftete und nicht eher von der Stelle rückte, als bis man den Ausweis wirklichen Verständnisses erbracht hatte.

Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem Lande und seinen wenig entwickelten Verhältnissen in bezug auf Handel und Industrie, von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und biederen, gesunden und rückständigen Menschenschlage. Er sprach von den mangelhaften Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den unzulänglichen Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und Triftverwaltung, er sprach vom Walde, von den Überfällungen, der übermäßigen Streuentnahme, den Krüppelbeständen, der gesunkenen Forstrente. Dann ging er des näheren auf unsere Geldwirtschaft ein, erörterte die natürliche Steueruntüchtigkeit des Volkes, kennzeichnete die verwahrloste Finanzgebarung früherer Perioden. Und hierauf rückte die Ziffer der Staatsschulden an, die zu wiederholen Herr von Knobelsdorff den Prinzen mehrmals nötigte. Es waren sechshundert Millionen. Der Unterricht erstreckte sich weiter auf das Obligationenwesen, auf Zins- und Rückzahlungsbedingungen, er kehrte zu Doktor Krippenreuthers gegenwärtiger Bedrängnis zurück und schilderte die schwere Ungunst des Augenblicks. An der Hand der »Zeitschrift des Statistischen Bureaus«, die er plötzlich aus der Tasche zog, machte Herr von Knobelsdorff seinen Schüler mit den Ernteergebnissen der letzten Jahre bekannt, zählte die Unbilden auf, die den Mißwuchs gezeitigt hatten, bezeichnete die Steuerausfälle, die er mit sich brachte, und erwähnte sogar der unterernährten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er zur Lage des Geldmarktes im großen über, verbreitete sich über die Geldteuerung, die allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus Heinrich erfuhr von dem Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Gläubiger, dem Geldabfluß, den Bankbrüchen; er sah unsern Kredit erschüttert, unsere Papiere entwertet und begriff vollkommen, daß die Begebung einer neuen Anleihe beinahe unmöglich war.

Die Dämmerung fiel ein, es war weit über fünf Uhr, als Herr von Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz vorübergehend daran, und von außen wagte niemand eine Unterredung zu stören, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus Heinrich lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er war. Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte man ihn »Königliche Hoheit« genannt während dieses Unterrichts, hatte ihm gewissermaßen Gewalt angetan und seine Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und doch war es gut, es erwärmte innerlich, das alles zu hören und sich um der Sache willen darein vertiefen zu müssen ... Er vergaß, Licht machen zu lassen, so sehr war seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.

»Diese Umstände«, schloß Herr von Knobelsdorff, »waren es etwa, die ich im Sinne hatte, als ich Euere Königliche Hoheit aufforderte, Ihr persönliches Wünschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu sehen. Königliche Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den ich ihr geben durfte, Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in dieser Zuversicht lassen Königliche Hoheit mich wieder auf Ihre engeren Angelegenheiten zurückkommen.«

Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein Zeichen seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: »Wenn dieser Sache irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es erforderlich, daß sie sich nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt. Sie stagniert, sie steht formlos und aussichtslos wie der Nebel draußen. Das ist unleidlich. Man muß ihr Gestalt geben, muß sie verdichten, muß sie auch für die Augen der Welt bestimmter umreißen ...«

»Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben ... sie verdichten ... Das ist es! Das ist unbedingt notwendig!« bestätigte Klaus Heinrich außer sich, wobei er neuerdings das Sofa verließ und im Zimmer hin und her zu gehen begann: »Aber wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!«

»Der nächste äußere Fortschritt«, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb sitzen -- so ungewöhnlich war die Stunde --, »muß dieser sein, daß man die Spoelmanns bei Hofe sieht.«

Klaus Heinrich blieb stehen.

»Nie,« sagte er, »niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu bewegen sein, zu Hofe zu gehen!«

»Was nicht ausschließt,« antwortete Herr von Knobelsdorff, »daß sein Fräulein Tochter uns dieses Vergnügen machen wird. Wir sind nicht allzuweit mehr vom Hofball entfernt -- in Ihrer Hand liegt es, Königliche Hoheit, Fräulein Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen. Ihre Gesellschaftsdame ist Gräfin ... sie soll nicht ohne Eigenheiten sein, aber sie ist Gräfin, und das erleichtert die Sache. Wenn ich Euerer Königlichen Hoheit versichere, daß der Hof es nicht an Entgegenkommen fehlen lassen wird, so spreche ich im Einverständnis mit dem Herrn Oberzeremonienmeister von Bühl zu Bühl ...«

Und nun behandelte das Gespräch noch drei Viertelstunden lang Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die Einführung, die Vorstellung, würde zu vollziehen sein. Unerläßlich blieb die Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina, einer verwitweten Gräfin Trümmerhauff, die bei den Festlichkeiten im Alten Schlosse der Damenwelt vorstand. Was aber den Akt der Vorstellung selbst betraf, so hatte Herr von Knobelsdorff Zugeständnisse zu erwirken verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter trugen. Es gab keinen amerikanischen Geschäftsträger am Orte -- kein Grund dafür, erklärte Herr von Knobelsdorff, die Damen durch den erstbesten Kammerherrn präsentieren zu lassen: nein, der Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem Großherzog vorstellen zu dürfen. Wann? An welchem Punkte der vorgeschriebenen Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewöhnliche Umstände erforderten ein Übriges. Zuerst also, an erster Stelle, =vor= allen Neueingeladenen der verschiedenen Hofrangklassen -- Klaus Heinrich möge das Fräulein dieser außerordentlichen Maßregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen bei Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen war keineswegs unerwünscht, Aufsehen war nützlich, war notwendig ...

Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich verabschiedete, daß man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der dessen erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger Verwirrung, aber Herr von Knobelsdorff erklärte es für ganz unwesentlich, in welcher Beleuchtung eine solche Unterredung stattfinde. Er nahm Klaus Heinrichs Hand, die dieser ihm bot, und umfaßte sie mit seinen beiden. »Nie,« sagte er warm -- und dies waren seine letzten Worte, bevor er sich zurückzog --, »nie war das Glück eines Fürsten von dem seines Landes unzertrennlicher. Bei allem, was Euere Königliche Hoheit erwägen und tun, wollen Sie sich gegenwärtig halten, daß Euerer Königlichen Hoheit Glück durch Schicksalsfügung zur Bedingung der öffentlichen Wohlfahrt geworden ist, daß aber auch Euere Königliche Hoheit Ihrerseits in der Wohlfahrt des Landes die unerläßliche Bedingung und Rechtfertigung Ihres Glücks zu erkennen haben.«

Heftig bewegt und noch außerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn tausendfältig bestürmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen Empirestuben zurück.

Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nächsten Vormittag trotz unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten Spazierritt. Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet, hatte Tatsachen gegeben und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung, Gestaltung und inneren Verarbeitung dieses vielfachen Rohstoffes hatte er nur kurze, spruchartige Anleitungen gegeben, und es war schwere Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich zu leisten hatte, während er nächtlicherweile wach lag und später, als er auf Florian spazierenritt.

Nach »Eremitage« zurückgekehrt, tat er etwas Merkwürdiges. Er schrieb mit Bleistift auf ein Blättchen Papier eine Order, eine gewisse Bestellung, und schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur Akademischen Buchhandlung in der Universitätsstraße. Was Neumann, schwer schleppend, zurückbrachte, war ein Ballen Bücher, die Klaus Heinrich in seinem Arbeitszimmer ausbreiten ließ, und mit deren Lektüre er sofort begann.

Es waren Werke von nüchternem und schulbuchmäßigem Aussehen, mit Glanzpapierbacken, unschön geschmückten Lederrücken und rauhem Papier, auf welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten, Hauptabteilungen, Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre Titel waren nicht heiter. Es waren Lehr- und Handbücher der Finanzwissenschaft, Ab- und Grundrisse der Staatswirtschaft, systematische Darstellungen der politischen Ökonomie. Und mit diesen Schriften schloß der Prinz sich in seinem Kabinett ein und gab Weisung, daß er auf keinen Fall gestört zu werden wünsche.

Der Herbst war wässerig, und Klaus Heinrich fühlte sich wenig versucht, die Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schloß, um Freiaudienzen zu gewähren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner Zeit, und er wußte Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka, saß er in der Wärme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen, altmodischen und wenig benutzten Sekretär und las, die Schläfen in den Händen, in seinen Finanzbüchern. Er las von den Staatsausgaben, und worin sie nur immer bestanden, von den Einnahmen, und woher sie glücklichenfalls flossen; er durchpflügte das ganze Steuerwesen in allen seinen Kapiteln; er vergrub sich in die Lehre vom Finanzplan und Budget, von der Bilanz, dem Überschuß und namentlich dem Defizit, er verweilte am längsten und gründlichsten bei der Staatsschuld und ihren Arten, bei der Anleihe, dem Verhältnis von Zins und Kapital und der Tilgung -- und zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und träumte lächelnd von dem, was er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.

Übrigens fand er, daß es nicht schwer war, das alles zu begreifen, wenn man es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er nun teilnahm, dies simple und plumpe Interessengefüge, dies Lehrgebäude platt folgerichtiger Bedürfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose gewöhnlich geborene junge Leute in ihre lebenslustigen Köpfe zu nehmen hatten, um ihre Examina darüber abzulegen -- es war bei weitem so schwer nicht beherrschbar, wie er in seiner Höhe geglaubt hatte. Repräsentieren, fand er, war schwerer. Und viel, viel heikler und schwieriger waren seine Kämpfe mit Imma Spoelmann, zu Pferd und zu Fuß. Doch machte es ihn warm und froh, sein Studium, und er fühlte, daß er rote Backen bekam vor Eifer wie sein Schwager zu Ried-Hohenried von seinem Torf.

Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff empfangen, eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch sonst im Knüpfen von inneren Beziehungen und im Abwägen von Möglichkeiten eine bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte er sich wieder um die Teestunde auf »Delphinenort« ein. Die Glühbirnen der löwenfüßigen Schaftkandelaber und der großen Kristallüster brannten im Gartensalon. Die Damen waren allein.

Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden und Immas überstandene Unpäßlichkeit -- Klaus Heinrich machte ihr lebhafte Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener Herr sei und mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten könne -- kam das Gespräch auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete, auf die vorgerückte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich erwähnte von ungefähr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob denn die Damen -- wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen Gesundheitszustand verhindert sein würde -- nicht Lust hätten, sich diesmal daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich, die Absicht einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie schlechterdings nicht die geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern stellte die Frage vorläufig gelassen zurück.

Was er getrieben habe die letzten Tage? -- Oh, er sei beschäftigt gewesen, er könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe. -- Arbeit? Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. -- Nun, die Hofjagd ... Nein, er sei wirklichen Studien nachgegangen, die er übrigens keineswegs schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch tief in der betreffenden Materie ... Und Klaus Heinrich begann von seinen unschönen Büchern, seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu erzählen, und mit solcher Freude und Hochachtung sprach er von dieser Disziplin, daß Imma Spoelmann ihn mit großen Augen betrachtete. Als sie ihn aber -- was auf fast schüchterne Weise geschah -- über den Anlaß und Beweggrund zu seiner Beschäftigung befragte, antwortete er, daß es lebendige, nur allzu brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf hingeleitet hätten: Verhältnisse und Umstände, die sich leider für ein heiteres Teegespräch recht wenig eigneten. Diese Redewendung kränkte Imma Spoelmann ganz offenkundig. Auf welche Beobachtungen -- fragte sie scharf und wandte ihr Köpfchen hin und her -- sich eigentlich seine Überzeugung gründe, daß sie ausschließlich oder auch nur vorzugsweise heiteren Gesprächen zugänglich sei? Und sie befahl ihm mehr, als sie bat, sich gefälligst über die brennenden Tagesfragen zu äußern.

Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt hatte, und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den natürlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den hingeschleppten und den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie auf unsre Volkswirtschaft ausübten -- es waren sechshundert Millionen --, und er vergaß nicht einmal der unterernährten Gestalten auf dem Lande.

Er sprach nicht zusammenhängend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen Hauskleid aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine altspanische Ehrenkette um den kindlichen Hals, saß sie, über den Teetisch gebückt, der von Kristall und Silber und köstlichem Porzellane schimmerte, einen Ellenbogen aufgestützt, das Kinn in die schmucklose und zartgliedrige Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes ihre Augen, so übergroß, so dunkel glänzend, in seiner Miene forschten. Aber während er sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mühte, sich ereiferte und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fühlte Gräfin Löwenjoul sich nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten durch seine Gegenwart, sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat des Irreschwatzens. An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen Bewegungen und seltsam gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der Schuldenlast und der Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld, von welchen es überall wimmele, und die leider auch den Weg durch den Fußboden zu finden wüßten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines Feldwebels aus der Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie mit abscheulichen Gebärden gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre Schlösser in Burgund, in die es von oben hineinregnete, und ging so weit, zu erzählen, daß sie einen Feldzug gegen die Türken als Leutnant mitgemacht habe, wobei sie die einzige gewesen sei, die »nicht den Kopf verloren habe«. Imma Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein gutes Wort, versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und ließen sich übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.

Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte, was er wußte -- ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe der Perlen, war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und auch die Gräfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt, gekniffenen Blickes ins Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem blitzend weißen und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer Orchidee, die in einem Spitzgläschen neben seinem Gedeck gestanden hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den Tisch hinweg eine dunkelfließende Sprache führten.