Part 27
»Aber, Imma, Sie müssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht ... Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk ... es ist fremder Boden! Ich weiß nicht, wie es kam ... Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und dann traten verschiedene Anforderungen an mich heran ...«
»Natürlich, Sie mußten zum Schein nach der Scheibe schießen, ich habe es gelesen. Wie gewöhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu verzeichnen. Sie standen da kostümiert und ließen sich von einer ganzen Wiese voll Menschen lieben ...«
»Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!... Es ist unmöglich, ein Wort zu sprechen ... Lieben, sagen Sie. Aber was ist das für eine Liebe? Eine Wiesenliebe, eine ungefähre, oberflächliche Liebe, eine Liebe von weitem, die nichts bedeutet -- eine Liebe in Gala und ganz ohne Vertraulichkeit! Nein, Sie brauchen durchaus nicht böse zu sein, daß ich sie mir gefallen lasse, denn nicht ich habe gut davon, sondern einzig die Leute, die erhoben werden dadurch, und das ist ihr Verlangen. Aber ich habe auch mein Verlangen, Imma, und Sie sind es, an die ich mich damit wende ...«
»Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?«
»Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma -- könnten Sie nicht ein wenig Vertrauen zu mir haben?«
Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre übergroßen Augen noch niemals geforscht. Aber wie inständig auch die stumme Bitte war, mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und sagte mit verschlossener Miene: »Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann ich nicht.«
Er stieß einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er fragte: »Und warum können Sie nicht?«
Sie antwortete: »Weil Sie mich daran hindern.«
»Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!«
Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weißen Zügel gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte sie: »Durch alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre ganze erlauchte Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme Gräfin gehindert haben, sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben, klar und nüchtern zu sein, obgleich ihr doch ausdrücklich auf Grund ihrer übermäßigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und Wunderlichkeit gewährt worden ist -- und daß ich Ihnen gesagt habe, ich wüßte sehr wohl, wie Sie es angefangen hätten, sie zu ernüchtern? Ja, ich weiß es wohl, denn auch mich hindern Sie, mich gehen zu lassen, auch mich ernüchtern Sie, immerwährend, durch alles, durch Ihre Worte, durch Ihren Blick, durch Ihre Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz unmöglich, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie im Verkehr mit anderen Leuten zu beobachten, aber ob es nun Doktor Sammet im Dorotheen-Hospital oder Herr Stavenüter im Fasaneriegarten war, es war immer dasselbe, und immer habe ich Kälte und Angst dabei empfunden. Sie halten sich aufrecht und stellen Fragen, aber nicht aus Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den Inhalt der Frage zu tun, nein, um gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt Ihnen am Herzen. Ich habe es oft gesehen -- Sie sprechen, Sie äußern eine Meinung, aber Sie könnten ganz ebensogut eine andere äußern, denn in Wirklichkeit haben Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts kommt es Ihnen an als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr Beruf sei nicht leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich Ihnen bemerken, daß er Ihnen leichter fallen würde, wenn Sie eine Meinung und einen Glauben hätten, Prinz -- das ist meine Meinung und mein Glaube. Wie könnte man Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen, was Sie einflößen, sondern Kälte und Befangenheit, und wenn ich mir auch Mühe gäbe, Ihnen näherzukommen, so würde mich diese Art von Befangenheit und Unbeholfenheit daran hindern -- jetzt habe ich geantwortet.«
Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehört, hatte mehrmals in ihr bleiches Gesichtchen geblickt, während sie sprach, und dann wieder, wie sie die Augen auf den Zügel gesenkt.
»Haben Sie Dank, Imma,« antwortete er nun, »daß Sie so ernst gesprochen haben -- denn Sie wissen wohl, daß Sie nicht immer so tun, sondern meistens nur spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig ernst nehmen, wie ich auf die meine.«
»Wie soll man anders, als spöttisch, zu Ihnen reden, Prinz!«
»Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen die Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung setzten.«
»Oh, ich weiß wohl, daß ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden nötig hätte, der mir hülfe, sie abzulegen.«
»Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen ...«
»Ich glaube nicht, daß wir einander helfen können, Prinz.«
»Doch, wir können es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne Spott geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr recht, wenn Sie sagen, daß es mir um gar nichts zu tun sei und nichts mir am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie liegen mir am Herzen, und da es mir so unaussprechlich ernst mit der Sache ist, so kann es nicht fehlen, daß ich endlich Ihr Vertrauen gewinne. Wüßten Sie, wie gerne ich das gehört habe, was Sie von Mühegeben und Näherkommen sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig Mühe und lassen Sie sich niemals mehr von jener Art von Unbeholfenheit, oder was es ist, verwirren, die Sie mir gegenüber so leicht empfinden! Ach, ich weiß ja, weiß es so schrecklich gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber lachen Sie mich aus und sich selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl erwecke und halten Sie zu mir! Wollen Sie mir versprechen, daß Sie sich ein wenig Mühe geben werden?«
Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich auf ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie diese.
Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf »Delphinenort« den Tee genommen hatte, erging man sich im Park, der Prinz, Fräulein Spoelmann, die Gräfin und Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas Seite und Gräfin Löwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen Herrschaften. Denn bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie sich einen Augenblick verweilt, um mit gekrümmten und gespreizten Fingern an einem Strauche zu nesteln, und den Abstand, welcher sich dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz wieder ausgeglichen. So gingen Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und unterhandelten; war aber eine gewisse Runde zurückgelegt, so machten sie kehrt, so daß sie nun also die Gräfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann unterstützte Klaus Heinrich wohl seine rednerischen Bemühungen, indem er behutsam und ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose Hand von ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der linken, an die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim Repräsentieren -- während er eindringlich fragte, ob sie sich Mühe gäbe und Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hörte er etwa, daß sie studiert, der Algebra obgelegen und in den kühlen Gegenden gespielt habe seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt ihre Bücher beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache abwendig machen könnten, der jetzt alle ihre Gedankenkräfte gewidmet sein müßten. Er sprach auch von sich, von jener Ernüchterung und Befangenheit, die sein Wesen ihrer Aussage nach einflößte, suchte sie zu erklären und so zu entkräften. Er sprach von dem kalten, strengen und armen Dasein, das er bis dahin geführt, schilderte ihr, wie alle stets dagewesen seien, um eben dazusein und zu schauen, indes es sein hoher Beruf gewesen, sich zu zeigen und geschaut zu werden, was das weitaus Schwerere war, und mühte sich ab, sie recht erkennen zu lassen, daß eine Heilung von dem, wodurch er die arme Gräfin am Schwatzen gehindert habe und sie selbst zu seinem Kummer befremde -- daß seine Heilung allein durch sie, nur eben einzig durch sie zu bewirken und gänzlich in ihre Hand gegeben sei. Sie sah ihn an, ihre übergroßen Augen schimmerten in dunklem Forschen, und man sah wohl, daß sie kämpfte, auch sie. Aber dann schüttelte sie den Kopf oder beendete das Gespräch, indem sie mit vorgeschobenen Lippen eine Redensart anführte, über die sie sich lustig machte, unfähig, das Ja, um das er flehte, diese unbestimmte und, wie die Dinge lagen, eigentlich zu nichts verpflichtende Hingabe über sich zu gewinnen.
Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen, hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen anzuliegen und dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten. Allein sie duldete nur, sie blieb unbewegt, ihre Entschließungsangst, diese Scheu, ihr kühles und spöttisches Reich zu verlassen und sich zu ihm zu bekennen, schien unüberwindlich, und es fehlte nicht, daß sie erschöpft und verzagt in die Worte ausbrach: »Ach, Prinz, wir hätten einander niemals kennenlernen sollen -- das wäre das beste gewesen! Dann würden Sie nach wie vor geruhig Ihrem hohen Berufe nachgehen, und auch ich hätte meinen Frieden, und keines quälte den andern!« Es kostete Mühe, sie zum Widerruf zu bestimmen, ihr das Zugeständnis abzugewinnen, daß sie es nicht unbedingt bedauere, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber auf diese Weise verging die Zeit. Der Sommer neigte sich, frühe Nachtfröste lösten die Blätter noch grün von den Bäumen, Fatmes, Florians und Isabeaus Hufe raschelten im roten und goldenen Laub, wenn man spazierenritt, der Herbst kam mit Nebeln und herben Düften -- und niemand hätte ein Ende, eine irgend entscheidende Wendung der seltsam schwebenden Sache abzusehen vermocht.
Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den Geschehnissen die Richtung zu einem glückseligen Ausgang gegeben zu haben, wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden müssen, der bis dahin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet hatte, im richtigen Augenblick aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse eingriff. Es war Exzellenz von Knobelsdorff, Minister des Innern, des Äußeren und des Großherzoglichen Hauses.
Oberlehrer Doktor Überbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung, daß der Konseilpräsident sich über Klaus Heinrichs persönliche und leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte Herr, wohl bedient durch intelligente und spürgewandte Unterbeamte, befand sich genau auf dem laufenden über die öffentliche Meinung, über die Rolle, die Samuel Spoelmann und seine Tochter in der Einbildungskraft des Volkes spielten, den königlichen Rang, den sie in seiner Vorstellung einnahmen, über die gewaltige und abergläubige Spannung, mit der die Bevölkerung den Verkehr zwischen den Schlössern »Eremitage« und »Delphinenort« verfolgte, über die Volkstümlichkeit dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie sie für jeden, der sehen wollte, nicht nur in der Residenz, sondern im ganzen Lande in Gerede und Gerüchten zutage trat. Ein bezeichnender Zwischenfall genügte, um Herrn von Knobelsdorff seiner Sache sicher zu machen.
Anfang Oktober nämlich -- der Landtag war seit vierzehn Tagen eröffnet, und die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange -- erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hieß, sehr schwer. Es stellte sich heraus, daß das unvorsichtige Fräulein -- Gott wußte, in welcher Laune oder Stimmung -- auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer Ehrendame unternommen, auf ihrer weißen Fatme gegen den heftigen Nordostwind, der ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde ertrotzt und eine Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie schier zu ersticken drohte. Die Nachricht war nach wenigen Stunden in Umlauf. Es hieß, das junge Mädchen schwebe in Lebensgefahr, was, wie sich zum Glücke bald erwies, eine maßlose Übertreibung war. Allein wenn einem Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn dem Großherzog selbst ein ernster Unfall zugestoßen wäre, so hätte die Bestürzung, das allgemeine Mitgefühl nicht größer sein können. Man sprach von nichts anderem. In den geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nähe des Dorotheen-Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren Haustüren, preßten die flachen Hände gegen den Busen und keuchten, um einander deutlich zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die Abendblätter brachten über den Zustand Fräulein Spoelmanns eingehende und medizinisch sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht, an den Familien- und Stammtischen verlesen, auf den Trambahnwagen erörtert wurden. Man hatte den Berichterstatter des »Eilboten« per Droschke nach »Delphinenort« jagen sehen, woselbst er in der Vorhalle mit dem Mosaikfußboden von dem Spoelmannschen Butler abgefertigt worden war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich es ihm nicht leicht wurde. Übrigens war der Presse der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie die Sache aufbauschte und unnötige Besorgnisse unterhielt. Es konnte schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes genügten, um die Gefäßerweiterung zu beheben und des Fräuleins Lunge vollständig wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage genügten auch, um die Bedeutung, welche die Spoelmanns und insonderheit Fräulein Immas Person in unserer Öffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu lassen. Allmorgendlich fanden sich die Abgesandten der Journale, Beauftragte der allgemeinen Wißbegier, in der Mosaikhalle von »Delphinenort« zusammen, um den knappen Tagesbericht des Butlers entgegenzunehmen, den sie dann in jener breiten Verarbeitung, welche das Publikum verlangte, in ihren Blättern anrichteten. Man las von duftenden Grüßen und Genesungswünschen, die in »Delphinenort« eingetroffen seien, übersandt von verschiedenen wohltätigen Anstalten, die Imma Spoelmann besucht und mit reichen Stiftungen unterstützt hatte (und Witzbolde merkten an, daß eigentlich die großherzogliche Steuerbehörde Gelegenheit hätte nehmen müssen, auf ähnliche Art ihre Huldigung darzubringen). Man las auch -- und ließ die Zeitung sinken, um einander anzublicken -- von einer »prachtvollen« Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich nebst seiner Karte habe übermitteln lassen -- (während die Wahrheit war, daß der Prinz nicht einmal, sondern täglich, solange Fräulein Spoelmann das Bett hütete, Blumen nach »Delphinenort« sandte, was aber, um allzu große Erschütterungen zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde). Man las ferner, daß die allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett verlassen habe, und endlich wurde gemeldet, daß ihre erste Ausfahrt unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt jedoch, die acht Tage nach des Fräuleins Erkrankung an einem sonnigen Herbstvormittag stattfand, sollte zu einer Gefühlsäußerung von seiten der Bevölkerung Veranlassung geben, die von Leuten mit strengem Selbstbewußtsein sogar als zu weitgehend bezeichnet wurde. Um das riesige, olivenfarben lackierte und mit ziegelroten Lederpolstern ausgestattete Spoelmannsche Automobil nämlich, das, mit einem jungen Chauffeur von angelsächsischem Gesichtsschnitt und blasser, gesammelter Miene auf dem Bock, vor dem Hauptportal von »Delphinenort« wartete, hatte sich eine größere Menschenansammlung gebildet, und als Fräulein Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul und gefolgt von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat, brachen tatsächlich, mit Mützenschwenken und Tücherwehen, Hochrufe aus, die sich wiederholten und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen der Hupe den Weg durch das Gedränge gebahnt und die Manifestanten im Benzinbrodem zurückgelassen hatte. Zuzugeben ist, daß die Gruppe der Schreier aus jenen nicht sehr würdigen Elementen bestand, die sich bei solchen Gelegenheiten zusammenzufinden pflegen: aus halbwüchsigen Burschen, einigen Frauen mit Marktkörben, ein paar Schulkindern, Gaffern, Tagedieben und Beschäftigungslosen verschiedener Art. Aber was ist das Volk und wie muß es sich zusammensetzen, um maßgebend zu sein? Ferner ist eine Behauptung nicht ganz mit Stillschweigen zu übergehen, die später von höhnischen Charakteren verbreitet wurde und wonach unter der Volksmenge um das Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff stehender Agent, Mitglied der geheimen Polizei, sich befunden hätte, der die Hochrufe angestimmt und mit Fleiß unterhalten habe. Man kann das dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgänge ihre Genugtuung gönnen. Geringsten Falles, das heißt, wenn die Angabe jener Leute zutraf, hatte es sich um die mechanische Auslösung von Empfindungen gehandelt, die eben lebendig vorhanden sein mußten, um ausgelöst werden zu können. Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der natürlich in der Tagespresse ausführlich geschildert wurde, auf niemanden seine Wirkung, und für Personen mit einigem Scharfblick für den Zusammenhang der Dinge unterlag es keinem Zweifel, daß eine weitere Nachricht, die wenige Tage darauf die Gemüter beschäftigte, zu all diesen Erscheinungen und Anzeigen in tiefer Beziehung stehen müsse.
Die Meldung lautete dahin, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf Schloß »Eremitage« in einer Audienz empfangen habe, die ohne Unterbrechung von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert habe. Geschlagene vier Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um den nächsten Hofball doch nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem Hofball die Rede gewesen.
Herr von Knobelsdorff hatte seine Bitte um eine vertrauliche Unterredung dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am zehnten Oktober bei Schloß »Jägerpreis« in den westlichen Waldungen abgehalten worden und an welcher Klaus Heinrich, gleich seinen rotköpfigen Vettern, in grüner Uniform, Kerbhut und Stulpenstiefeln, behängt mit Feldstecher, Hirschfänger, Jagdmesser, Patronengürtel und Pistolentasche, sich beteiligt hatte. Herr von Braunbart-Schellendorf war zu Rate gezogen und die Besprechung auf die dritte Nachmittagsstunde des zwölften Oktobertages angesetzt worden. Übrigens hatte Klaus Heinrich sich erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung aufzusuchen, aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach »Eremitage« zu kommen, und kam pünktlich, empfangen mit all der Verbindlichkeit und Wärme, die Klaus Heinrich gegenüber dem betagten Ratgeber seines Vaters und Bruders durch die Form als geboten erachtete. Jener nüchterne kleine Salon, in welchem die drei schönen Empirefauteuils in Mahagoni mit der bläulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen, war der Schauplatz der Unterhaltung.
Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff rüstig in körperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte nicht eine Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefüllt den gedrungenen und freundlich gepolsterten Körper eines Mannes von glücklicher Gemütsart. Sein voll erhaltenes, in der Mitte glattgescheiteltes Haupthaar war von reinem Weiß wie der gestutzte Schnurrbart, sein Kinn durch einen Einschnitt, der als Grübchen gelten konnte, sympathisch gespalten. Die fächerförmig angeordneten Fältchen an seinen äußeren Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie hatten mit den Jahren noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten, so, daß dies vielfache und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den beständigen Ausdruck launiger Verschlagenheit verlieh. -- Klaus Heinrich war Herrn von Knobelsdorff zugetan, ohne daß ein näheres Verhältnis zwischen ihnen bestanden hätte. Der Staatsminister hatte zwar des Prinzen Lebensgang überwacht und geleitet, hatte anfänglich den Schulrat Dröge zu seinem ersten Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt für ihn ins Leben gerufen, ihn später mit Doktor Überbein auf die Universität geschickt, auch seinen scheinbaren militärischen Dienst geregelt und ihm sogar Schloß »Eremitage« zur Wohnung bestimmt -- aber alles nur unmittelbar und bei seltener persönlicher Berührung; ja, wenn Herr von Knobelsdorff in jenen Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich zusammengetroffen war, so hatte er sich wohl gar nach des Prinzen Entschließungen und Zukunftsplänen untertänigst erkundigt, als wüßte er nichts davon, und vielleicht war es gerade diese von beiden Seiten standhaft aufrechterhaltene Fiktion, die den Verkehr durchaus in den Schranken des Förmlichen gehalten hatte.
Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger Haltung die Führung des Gesprächs übernommen hatte, während Klaus Heinrich die Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte zunächst von der vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rückblick auf die Strecke und erwähnte dann von ungefähr seines vortrefflichen Kollegen von den Finanzen, Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen teilgenommen und dessen schlechtes Aussehen er beklagte. Herr Krippenreuther habe bei »Jägerpreis« wahrhaftig nichts als Fehlschüsse getan. »Ja, Sorgen machen die Hand nicht sicher«, bemerkte Herr von Knobelsdorff und legte so dem Prinzen das Stichwort zu einer knappen Kennzeichnung dieser Sorgen in den Mund. Er sprach von dem »nicht unerheblichen« Fehlbetrag des Hauptvoranschlages, von des Ministers Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, der neuen Vermögenssteuer, dem Steuerfuß von dreizehneinhalb und dem wütenden Widerstande der städtischen Vertreter, von der vorsintflutlichen Fleischsteuer und dem Hungerschrei der Beamten; und Klaus Heinrich, anfänglich befremdet von soviel Sachlichkeit, hörte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.
Die beiden Herren, der alte und der junge, saßen nebeneinander auf einer schmächtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und kranzförmigen Messingbeschlägen, die, hinter dem Rundtisch, der schmalen Glastür gegenüberstand, die auf die Terrasse führte und hinter welcher der halbentblätterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel verschwamm. Der niedrige, schlichtweiße Kachelofen, in dem ein Feuer knisterte, verbreitete in dem streng und karg möblierten Zimmer eine linde Wärme, und Klaus Heinrich, nicht völlig imstande, den politischen Ausführungen zu folgen, doch stolz und glücklich, von dem erfahrenen Würdenträger so ernst unterhalten zu werden, fühlte sich mehr und mehr von einer dankbaren, vertrauensvollen Stimmung umfangen. Herr von Knobelsdorff sprach angenehm über die unangenehmsten Dinge, seine Stimme war wohltuend, das Gefüge seiner Rede gewandt und einschmeichelnd -- und plötzlich ward Klaus Heinrich gewahr, daß er das wirtschaftliche Gebiet verlassen hatte und von den Sorgen Doktor Krippenreuthers auf sein eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden übergegangen war. Täuschte sich Herr von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn zuweilen im Stiche zu lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das Aussehen Seiner Königlichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon heiterer gewesen. Eine Müdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar ... Herr von Knobelsdorff fürchte zudringlich zu erscheinen; aber er müsse hoffen, daß diesen Anzeichen keine ernstliche Beschwerde des Körpers oder Gemütes zugrunde liege?
Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick verschlossen; aber obgleich er in unnachlässig gesammelter und gegenwärtiger Haltung wie immer, die Füße gekreuzt, die rechte Hand über der linken, den Oberkörper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem harten Sofa saß, so spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser Stunde, und ermattet wie er war von seinen seltsam zarten und ergebnislosen Kämpfen, fehlte nicht viel, daß seine Augen sich mit Tränen gefüllt hätten. Er war so sehr allein und unberaten. Doktor Überbein hielt sich neuerdings fern von »Eremitage« ... Klaus Heinrich sagte noch: »Ach, Exzellenz, das würde zu weit führen.«