Königliche Hoheit: Roman

Part 22

Chapter 223,727 wordsPublic domain

»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!« sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre Einsiedelei, mein Prinz ... Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen Mengen vorhanden ... Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«

Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend und trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der Straße im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung, beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung -- sein Atem flog, seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien. Später toste er im Weiten, verfolgte mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen Himmel verhallte.

Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nähe sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals trug Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen; sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt und gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden, erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie, indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«

»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«

»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.

»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein Zeitvertreib -- obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die Gräfin nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir gegenüber in diesem Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte sie, und hätten erkältend auf sie gewirkt.«

Klaus Heinrich war errötet.

»Ich weiß wohl,« sagte er leise, indem er auf seine Zügel niederblickte, »daß ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von weitem ... Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich sagte. Aber ich bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng gewesen zu sein.«

»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr nicht erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die Wohltat gegönnt, ein wenig zu schwatzen, -- darum ist sie Ihnen gram --, und ich weiß auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen schwer gemacht und sie erkältet haben -- sehr wohl«, wiederholte sie und wandte sich ab.

Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, und seine Augen waren müde.

»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie erkältend, Fräulein Imma?«

»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen und flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des Gehölzes, durch welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spöttischer Miene entgegenzusehen.

Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch den Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den Pferden zwischen den Stämmen drehte.

»Königliche Hoheit«, sagte sie, »sollten ihn springen sehen ... voltigieren ... Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber nur eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich, ließe er sich totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur unterzöge und befohlene Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen, die Dressur und Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig ist, so ist er doch niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann, wohlgeboren und vom strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint wohl toll, aber er weiß sich zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze je schreien hören, sei es bei Verletzungen oder bei Züchtigungen. Auch nimmt er nur Nahrung, wenn er Hunger hat, und verschmäht im anderen Falle die leckersten Bissen. Morgens erhält er Rahm ... man muß ihn nähren. Er verzehrt sich von innen, er ist mager unter seinem seidenen Fell, daß man alle Rippen fühlt, und man muß leider gewärtigen, daß er nicht alt werden, sondern frühzeitig der Schwindsucht zum Opfer fallen wird ... Das Gesindel verfolgt ihn, es drängt sich an ihn und hat es auf ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild und ohne sich gemein zu machen, entspringt er, und nur wenn man zu Feindseligkeiten übergeht, so teilt er mit seinen prächtigen Zähnen Bisse aus, an die der Pöbel sich erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit soviel Reinheit ist liebenswert.«

Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.

»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten zu lassen, weil er unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung bringen werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist unmöglich, ja, und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist er rührend und brav und hat meine volle Zuneigung.«

Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur, aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein Selbstgespräch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und nachdem sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich hinübergesandt, verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.

Klaus Heinrich fühlte sich froh und getröstet, sei es durch den scharfen Ritt -- bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen, da er zwar gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon seiner linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war --, sei es aus anderem Grunde. Als sie das Nadelgehölz verlassen hatten und auf der stillen Landstraße zwischen Wiesen und gefurchten Äckern hin und dann und wann an einem Bauerngehöft, einer ländlichen Wirtschaft vorüber, im Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der Gräfin erzählen, Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«

»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen war. Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern«, sagte Imma Spoelmann, und indem sie es sagte, richtete sie ihre großen, schwarzen Augen mit einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.

»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick ... »Bitte, erzählen Sie weiter!«

»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich natürlich wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie doch so großen Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie mir zur Gesellschaft zu geben.«

»Wie kam sie nach Amerika? -- Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus Heinrich.

»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir erzählte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann -- und das war ein etwas eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach -- nicht ganz mustergültig, um mich gelinde auszudrücken.«

»Wie mag er gewesen sein ...« fragte Klaus Heinrich.

»Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie müssen in Erwägung ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser Mensch gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag, so ein Wüstling, wissen Sie ...«

»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«

»Gut, sagen wir Lebemann -- aber in der ausschweifendsten und grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung ...«

»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe mehrere Leute dieses Schlages gekannt -- verfluchte Kerle, wie man wohl sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil, und zwar in voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«

»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«

»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten, mich solche Einblicke tun zu lassen.«

»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«

»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie ihn schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«

»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann. Jedenfalls trieb er es arg ...«

»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«

»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich auch Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit lasterhaften Weibern, von denen es überall sehr viele gibt -- anfangs hinter ihrem Rücken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern frech und offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.«

»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«

»Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als sie ihn kennenlernte -- später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens ging ihm der Ruf eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen nach, eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben, denn obgleich sie so behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen. Wenn man darüber nachdenkt, so kann man es verstehen.«

»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern, wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die Nase.«

»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint für das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«

»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«

»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon auch Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen gegeben, daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und Streit, sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem Vergnügen, das heißt dergestalt, daß die Mißhandlungen abscheulichen Liebkosungen gleichkamen.«

Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er: »Hatte die Gräfin Kinder?«

»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das ist wohl das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren Andeutungen zufolge ist es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber gewesen, mit denen ihr Mann sie betrog, daß die Kinder gleich wieder sterben mußten.«

Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.

»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst quittieren zu müssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz Ausschreitendes und Anstößiges, worein er verwickelt war und was ihn vollends aus dem Sattel hob.«

»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.

»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem, was die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten Art -- wir kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt in dieser Richtung.«

»Und da ging er nach Amerika?«

»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«

»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört wie die Geschichte der Gräfin ...«

»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also, dem die Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter Hinterlassung bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete ihn.«

»Sie ging mit ihm? Warum?«

»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem -- sie tut es heute noch --, und weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte. Er aber nahm sie wohl mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten ihrer Verwandten zu rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die Verwandten schickten ihnen denn auch einmal noch eine Summe Geldes über den Ozean, aber dann nie mehr -- sie zogen endgültig die Hand von ihnen; und als Graf Löwenjoul sah, daß seine Frau ihm nichts mehr nütze war, da verließ er sie dennoch -- ließ sie vollständig allein im Elend zurück und machte sich fort.«

»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen Mitteln entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich ihren Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem Hunger überantwortet. Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles härter und schnöder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in Betracht zu ziehen, wie zart und verletzlich sie immer gewesen und wie schonungslos ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum, sie war den Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben empfing, in keiner Weise gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«

»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es mit der Wohltat, Fräulein Imma?«

»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im äußersten Jammer etwas in ihr übersprang -- diesen Ausdruck hat sie mir gegenüber verwendet --, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte, sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte, die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«

»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«

»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen, ein Mangel an ...«

»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.

»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«

»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«

»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.« Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so werde ich mich des Vergnügens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein für allemal entschlagen müssen.«

Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.

»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte er endlich.

»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte. Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine Wahl -- denn ich hatte zu wählen -- sofort auf sie, so sehr war ich nach unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig allein und abgesondert gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn ich von meinen Universitätsstudien absehe ...«

»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?« wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.

»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges Leben, das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja nicht vieles geändert und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab Gesellschaften mit Kunststernen und Bälle, und manchmal ging es sehr rasch im geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer der kleinen flachen Logen über dem Parterre saß, um so recht in ganzer Figur gesehen werden zu können, _for show_, wie man drüben sagt. Das brachte meine Stellung so mit sich.«

»_For show?_«

»Ja, _for show_, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen, keine Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und über den Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und Tee trinkt. Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade zuwider. Aber unsere Stellung brachte es mit sich.«

»Und wie lebten Sie sonst, Fräulein Imma?«

»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt spazieren und fuhr _Four in hand_ oder im Automobil, und die Leute blieben stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und manche schimpften auch hinter mir drein.«

»Sie schimpften?!«

»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«

»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend ...«

»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes. Aber nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich willkommen mir die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue vorstellte. Sie äußerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr auf geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt, ist nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht und lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der Grenzenlosigkeit des Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht wahr, Sie beneiden mich um die Gräfin?«

»Nun, beneiden ... Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich niemals irgendeinen Einblick getan habe.«

»Haben Sie Einblicke getan?«

»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich etwas träumen lassen.«

»Sind die Lakaien so schlimm?«

»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von den Lieferanten bezahlen ...«

»Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.«

»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht messen ...«

Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende und fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt hatten, und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen erhöhten Rändern von Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in das buschige Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel Sehenswürdiges vorhanden war. Dort lag das Schloß, verschlossen und stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze seinen Namen hatte, und hier Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit Raoul Überbein gesessen hatte. Über den feuchten Wiesen schien mild die Vorfrühlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wälder in zarten Schmelz.

Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das Schloß Fasanerie benannt war.

»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen, »scheint Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«

»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es wiederherstellten ...«

»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«

Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.