Königliche Hoheit: Roman

Part 19

Chapter 193,301 wordsPublic domain

Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es tat, wenn er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von Veteranen, Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den Kopf nach rechts wandte, gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete -- begegnete er ihrem großen schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, daß Klaus Heinrich nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so ohne Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu betrachten. Wenn Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall zu erklären, wie bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß verpacktes Bein ganz senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein Spoelmann ihm aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte, blickte sie nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen Klaus Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust gekreuzten Händen aus seiner Rückenlage zu ihnen emporblickte -- zwischen dem Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam erklärt wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs Teilnahme oder als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in seiner Miene zu lesen -- man wußte nicht recht, warum es geschah. Ja, namentlich war es so bei dem Knaben mit dem Schuß durch den Arm und bei dem, der aus dem Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen, wie Doktor Sammet bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und zeigte ihnen die Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und Austritt einer Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft zu seinen Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde hat ihm sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei diesem einen. Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich selbst mit einem Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem Knaben ...« Klaus Heinrich sah auf die Doppelwunde. »Warum tat das der Mann?« fragte er scheu, und Doktor Sammet antwortete: »In der Verzweiflung, Königliche Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu veranlaßte. Ja.« Er sagte nichts weiter; nur dies Allgemeinste -- ebenso wie bei dem Kleinen, der aus dem Wasser gezogen war, einem zehnjährigen Knaben. »Er schnauft«, sagte Doktor Sammet. »Er hat noch Wasser in seiner Lunge. Man hat ihn heute früh aus dem Fluß gefischt -- ja. Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß er so recht eigentlich in das Wasser =gefallen= ist. Mehrere Anzeichen sprechen dagegen. Er war von Hause entflohen. Ja.« Er schwieg. Und wieder fand Klaus Heinrich, daß Fräulein Spoelmann ihn anblickte, groß, schwarz und glänzend ernst -- mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn dringlich aufzufordern schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen Fälle« zu durchdenken, Doktor Sammets Andeutungen im Geist zu vervollständigen, bis zu den schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei kranken Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden ... Ein kleines Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen nieder. »Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach, »kein bißchen. Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder aufrichtete, fügte sie rasch hinzu und rümpfte die Lippen: »Es steht zu vermuten, daß sie nicht sowohl über den Apparat als über die Bilder weint.« Alle lachten. Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel empor und lachte noch lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging hinüber ins Laboratorium. Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber nach, wie seltsam Fräulein Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte sie gesagt, und »nicht sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht nur über die Bilder, sondern auch über die ausgesuchten und scharfen Redensarten lustig machte, die sie mit rascher Gewandtheit benutzte. Und das war wohl der unumschränkteste Spott, der sich denken ließ ...

Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten, Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen Präparate in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen und festen Worten erklärte. Ein Kind war auf unerklärliche Weise erstickt: Hier war sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der Stimmbänder. Ja. Dies hier im Glase war eine krankhaft erweiterte Kinderniere; und dies waren entartete Knochen. Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann sahen alles an, sie blickten zusammen in die Gläser, die Doktor Sammet gegen das Fenster hielt, und ihre Augen waren andächtig, während um ihre Münder derselbe kleine Zug von Widerstand lag. Sie blickten auch nacheinander in das Mikroskop, betrachteten, mit einem Auge über die Linse gebeugt, eine böse Ausscheidung, eine blau gefärbte, auf ein Glasplättchen gestrichene Materie, die neben den großen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das waren Bazillen. Klaus Heinrich wollte Fräulein Spoelmann zuerst an das Mikroskop treten lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen emporzog und einen Mund machte, als wollte sie mit übertriebener Betonung »Oh, unter keiner Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den Vortritt, denn er fand, daß es wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so Ernstes und Furchtbares wie Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf wurden sie hinaufgeführt, in den zweiten Stock, zu den Säuglingen.

Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die kahlköpfigen Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus allen Kräften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten -- hielten sich die Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine gleichmäßige Wärme erzeugt wurde, lag eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet zeigte den hohen Gästen ein grausig leichenhaftes Armenkind mit häßlichen großen Händen, diesem Abzeichen einer niederen und harten Geburt ... Er nahm ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es verstummte sofort. Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine hohle Hand und wies das rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich dehnende Wesen den beiden vor -- Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die nebeneinander standen und auf den Säugling niederblickten. Klaus Heinrich sah mit geschlossenen Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind in das Bettchen zurücklegte; und als er sich wandte, traf er auf Imma Spoelmanns glänzend forschende Augen, wie er es erwartet hatte.

Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten hinaus über die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo, umlagert von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles, dunkelrot lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche Chauffeur, unförmig in seinem Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine Hand am Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad, der weiße Bediente, dort vorn am Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs Kutscher in Gang zu halten suchte.

»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge. Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«

Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von den Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.

Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und Honneurs, mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher Haltung vor Doktor Sammet, der ihm mit seitwärts geneigtem Kopfe und die Hand an der Uhrkette zuhörte, äußerte sich in einer feststehenden Redewendung höchst beifällig über das Gesehene, während er fühlte, daß Imma Spoelmann ihre großen Augen dabei auf ihm ruhen ließ. Er geleitete mit Herrn von Braunbart die Damen zum Automobil, als die Verabschiedung von den Ärzten und den Schwestern beendet war. Während sie, zwischen Kindern und Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das Trottoir überschritten, und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils unterhielten sich Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.

»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen«, sagte er.

Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.

»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei Einblicke.«

Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit ihrer gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade ...«

Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß Delphinenort, gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen erwiderte: »Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche Unterkunft ...«

»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie antwortete: »Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall dasselbe.«

Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und das Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.

Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage in aller Munde war. Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer Überschrift eine ausführliche Schilderung des Zusammentreffens, die, ohne in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die Gemüter doch mächtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften Wißbegierde des Publikums hervorrief, daß das wachsame Blatt sich veranlaßt sah, auf weitere Annäherungen zwischen den Häusern Grimmburg und Spoelmann fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden konnte. Es vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich, nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der ersten Galerie durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen Loge haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in seinem Bericht über den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im großen Rathaussaale stattfand -- einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin beteiligte --, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene ein, wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude angehalten habe, in der Fräulein Spoelmann schaltete, wie er einen Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte Porzellan und Kunstgläser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem Inhalt des Gespräches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht ohne Ergebnis verlaufen.

Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier auf den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er sich in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das Schloß in seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser Gelegenheit Herrn Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu nehmen. Denn unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte Gläser befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den Basar gestiftet hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.

Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen -- allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit seinen Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen. Er sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück gearbeitet, ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt umschloß, indem es ihre bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ, die rund und fest waren und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines Kindes wurden. Er sah den goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem, in der Schwärze ihres aufgelösten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, ihre übergroßen und schwarzen, glänzend fragenden Augen in dem perlblassen Gesichtchen, ihren vollen und weichen Mund, den sie mit verwöhnter Geringschätzung vorschob, wenn sie sprach -- und um sie herum in dem großen, gewölbten Raum war Tannengeruch und wirrer Lärm, Musik, Gongschläge, Gelächter und Marktschreierei gewesen.

Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie hatte gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. -- So herrliche Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? -- Allerdings. Und glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater für den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklären, daß er viel schönere Gläser habe. -- Die wünschte Klaus Heinrich wohl sehen zu dürfen! -- Nun, das würde sich gelegentlich ja unschwer ermöglichen lassen, hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet, indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein wenig hin und her gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde durchaus nicht dawider seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder einmal einem verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde seien Spoelmanns immer zu Hause.

Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit unsäglich glücklich schätzen ...«

»Unsäglich glücklich schätzen« -- so sprach sie, so scharfzüngig und spöttisch übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte, neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden -- nicht nur das eine Mal, als sie das kleine Mädchen über den Dampfapparat getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie gemacht, als von den Vätern die Rede gewesen und den traurigen Fällen ...

Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß Delphinenort -- am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte Imma Spoelmann gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag war ihm gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.

Gegen fünf Uhr -- es war schon dunkel -- trug ihn sein Coupé über die aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag -- schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte --, Bogenlampen erhellten den Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb zwischen den Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem Säulenaufbau seines Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die, zwischen seinen Flügeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage emporführte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen römischen Büsten in den Nischen -- und als Klaus Heinrich durch die Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Füßen der Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit aufgestütztem Stabe Ausschau halten ...

Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind durchwärmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen Götterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen, breitgeländrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf welcher, mit zurückgezogenen Schultern und hängenden Armen, bauchig und stolz, im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete ihn in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang nahmen, während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft Meldung zu machen ging ... Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen Teppich beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.

Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß, brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen Augenblick halb betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der Colliehund, hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner maßlosen Raserei. Er geiferte, er litt, er wußte nicht, wie sich gebärden vor wütender Zerrissenheit seines Innern, er wand sich, peitschte mit dem Schweif seine Flanken, stemmte die Vorderfüße gegen den Boden und schwang sich in blinder Leidenschaft um sich selber, indem er in Lärm und Tobsucht vergehen zu wollen schien. Eine Stimme -- es war nicht Immas Stimme -- rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in einem Wintergarten, einem von schlanken marmornen Säulen gestützten gläsernen Gewölbe, dessen Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden Marmorfliesen belegt war. Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte und Fächer sich manchmal bis dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein beetartiges Blumenparterre, bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen eines Mosaiks aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken Mondlicht der Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus einem schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein marmornes Becken, und Enten von seltsam künstlich gefiederter Art schwammen auf der durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner Wandelgang mit Pfeilern und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die Gräfin Löwenjoul, die dem Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd verneigte.

»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut niemandem Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten ... Fräulein Spoelmann wird sogleich zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird hocherfreut sein ...«

Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen, die, mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe standen. Sie sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem spärlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre weißen Zähne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng anschließenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem Händereiben Klaus Heinrich zu den Stühlen geleitete, hatte sie die frischen und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen, deren Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tücke und Mißtrauen, etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz, einander gegenüber an dem runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher lagen. Perceval, erschöpft von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen, blaßfarbigen und perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Möbel standen, eine schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges Fell war weiß an Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße Halskrause, goldene Augen und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang. Klaus Heinrich begann ein Gespräch um des Gespräches willen, eine förmliche Unterhaltung mit Scheingegenstand, wie er es nicht anders kannte.

»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich bin glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling zu fühlen. Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat ... Sie hatte die Güte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um die schönen Gläser, die Herr Spoelmann so freigebig war, für den gestrigen Basar zu stiften. Fräulein Spoelmann meinte, daß ihr Vater nichts dagegen haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin ich nun ...«

Die Gräfin ließ es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung erzählt habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche Hoheit. Wie könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was ich nicht hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert wäre, zu erscheinen ...«

»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß Herr Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit unbestimmter Besorgnis entgegen.

»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber, Schüttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation nötig werden wird.«

»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation. Das ist schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden Augen: »O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben -- viele Dinge, die viel schrecklicher sind als dies.«

»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte seine Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch die Andeutung der Gräfin.

Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit jenem geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das etwas seltsam Lockendes hatte.

Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.

»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber kurz nach der Wohltat war es -- bald nachdem mir die Wohltat zuteil geworden.«

»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.