Part 18
Er hatte bis halb zwölf Uhr im Alten Schlosse »Freiaudienzen« erteilt und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage« zurückgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem Coupé in einem der Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein persönlicher Adjutant angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf der Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, daß er eher störend wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den gewölbten Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt hatte, in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses, ganz nahe beim Albrechtstor gelegen war -- unterhielt ein nichtssagendes Gespräch mit zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes, während eine weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster plauderte. Weil draußen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster geöffnet, und von der Kaserne her näherte sich die Albrechtsstraße herauf zu Musik und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden Ablösung. Es schlug zwölf von der Hofkirche. Man hörte draußen den Unteroffizier mit heiserer Stimme sein »Angetreten!« in die Mannschaftsstube rufen, hörte das Getrappel der zu ihren Gewehren eilenden Grenadiere. Publikum versammelte sich auf dem Platze. Der Leutnant, der das Kommando zu führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um, schlug vor Klaus Heinrich die Absätze zusammen und ging hinaus. Da plötzlich rief Leutnant von Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt hatte, mit jener ein wenig falschen Unmittelbarkeit, die zum Ton zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren gehörte: »Teufel auch, wollen Königliche Hoheit was Feines sehen? Da kommt die Spoelmann vorbei, mit ihrer Algebra unterm Arm ...« Klaus Heinrich trat an das Fenster. Miß Imma kam zu Fuß und allein von rechts auf dem Bürgersteig daher. Beide Hände in ihrem großen, mappenartigen Muff, dessen lang hinabhängende Decke mit Schwänzchen besetzt war, hielt sie mit einem Unterarm ihr Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug eine lange Jacke aus glänzendem Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus dem gleichen Rauchwerk auf ihrem dunklen, fremdartigen Köpfchen. Sie kam von »Delphinenort« offenbar und sputete sich, die Universität zu erreichen. Sie gelangte vor die Hauptwache in dem Augenblick, als die Ablösungsmannschaft gegenüber der Wachtmannschaft, die in zwei Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des Bürgersteiges besetzt hielt, im Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte unbedingt umkehren, das Musikkorps und die Zuschauermenge umgehen, ja, wenn sie den offenen Platz mit seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem ringsherum führenden Fußsteig einen ziemlich weiten Bogen beschreiben oder das Ende der militärischen Verrichtung erwarten. Sie machte zu keinem von beidem Miene. Sie schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm Schloß zwischen den Gliedern hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der heiseren Stimme sprang vor. »Kein Durchgang!« schrie er und hielt den Kolben seines Gewehrs vor sich hin. »Kein Durchgang! Umkehren! Abwarten!« Da aber wurde Miß Spoelmann zornig. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber diese Worte besagten wenig im Vergleich mit dem Nachdruck aufrichtigster, leidenschaftlichster, unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie hervorgestoßen wurden. Wie klein und seltsam sie war! Die blonden Soldaten, unter denen sie stand, überragten sie wohl um doppelte Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich wie Wachs in dieser Minute, ihre schwarzen Brauen bildeten über der Nasenwurzel eine schwere und ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher ihres unbestimmt gebildeten Näschens waren kreisrund geöffnet, und ihre Augen, tiefschwarz vor Erregung und übergroß, führten eine dermaßen eindringliche, hinreißend fließende Sprache, daß keine Einrede möglich schien. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Und dabei schob sie mit der Linken den Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier beiseite und ging mitten zwischen den Gliedern hindurch -- ging geradeaus ihres Weges, bog linker Hand in die Universitätsstraße und entschwand den Blicken.
»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön angekommen!« Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den Zuschauern herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig klang. Klaus Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die Ablösung vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen. Klaus Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.
Er frühstückte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten sich hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort die Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage mußte er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier zur Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt hatte. Aus irgendwelchen Gründen fuhr er ungern, verließ er nur mit Widerstreben die Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige, freudige, auch wohl beunruhigende Angelegenheit zurückließe, die eigentlich aufs dringlichste seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war sein hoher Beruf wohl das Wichtigere. Aber während er fest und glänzend gekleidet auf seinem Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der Bürgermeister die Festrede hielt, war Klaus Heinrich nicht ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den Blicken der Menge darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener neuen und dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er auch an eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren einmal gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders -- eine Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen Angelegenheit stand.
Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite -- ging ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen, blonden Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze Haar unter der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr. Ihr Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen unverschuldeten Weltruhm und die »abenteuerliche Vereinzelung seines Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß der benachteiligten Menge -- so ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt. Übrigens waren ihre Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand glich ihr, niemand weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals auf dem Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt, hätte sich nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande geendet. »Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch einmal sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der blonden Soldaten ging.
Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten Tage bei sich bewegte -- nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als wünschenswert, daß er sehr bald und womöglich noch heute das perlblasse Gesichtchen wiedersähe.
Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte. Und als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin Löwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum Grund seines Herzens. Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel durch sein Glas betrachten, da das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie ließ ihr Köpfchen in der schmalen, ungeschmückten Hand ruhen, indem sie unbekümmert den bloßen Arm auf die Sammetbrüstung stützte, und sah nicht mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrüner glänzender Seide mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße gestickt waren, und um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten. Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern, daß sie so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren wohlausgebildet, und man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde zügelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.
Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr als das«, spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu plaudern. Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf »Eremitage« vor: in schwarzem Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer, wenn er Klaus Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die Geschichte von der Hauptwache schon gehört habe? Ja, antwortete Doktor Überbein, die habe er mehrfach gehört. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm noch einmal erzählen wolle ... »Nein, wenn Sie sie kennen«, sagte Klaus Heinrich enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas völlig anderes. Er fing an von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das Opernglas doch eine ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern sei, nicht wahr? es schlage Brücken zu angenehmen Zielen. Was Klaus Heinrich meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb zuzustimmen. Und er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht ausgiebig von dieser schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der Doktor. Das konnte Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor Überbein: »Nein, hören Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie werden angestarrt, und die kleine Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn nun aber Sie auch noch die kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das müssen Sie doch einsehen?«
»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«
»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«
»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.
Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der Nähe der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.
»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.
Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann kommt das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar keine Lust zu repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem sogenannten hohen Beruf.«
»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.
»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor Überbein. Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie gewiß von ›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber gestern in der Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und mich gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht hätten in manchen Punkten ...«
»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich selber gebracht ...«
»Das war etwas anderes, Doktor Überbein. Ach wenn Sie doch einsähen, daß das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber der liegt so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie ist ja selbst ... Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was Sie unter ›Hoheit‹ verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich ihr mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie rührend ist und daß man teil an ihr nehmen muß?«
»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«
»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei eine Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn nicht, daß sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«
Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme, »wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas wie ein Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse, wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen Schichten, für sein Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so unzugänglich und verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben. Die Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm, Überbein, erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen in Augenschein nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis nicht täusche. Dann sprach er von etwas anderem. Beim Weggehen sagte er noch: »Der Großherzog sollte sich mal ein bißchen um das Dorotheen-Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen ... Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht war, unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß »Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern »Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die Schwester-Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert ... Wir konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die Kräne der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem Ellenbogen, aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren angebracht, für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte. Im Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem Gestell mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären. Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot. »Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«
Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für Vollmilch, Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf reinlichen weißen Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein säuerlich fader Geruch.
Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit zu. Er ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich. Wie müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen Buttermilch. Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.
Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen Edelsteinen besetzten Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die Neigung, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen. Sie überflog den Raum mit einem großen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten es wie bei einem Kätzchen -- nur daß sie schwarz waren wie Glanzkohle und diese fließende Sprache führten ... Die Gräfin Löwenjoul, ein Federhütchen auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und nicht ohne Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.
»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch gekocht für die Kinder.«
»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann. Sie sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens, mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und Herwenden des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.
Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht zu bemerken.
Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus Heinrichs Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt war, innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige und verwirrte Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein Spoelmann, auf der anderen Seite, schickte sich an, die Milchküche wieder zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine verbindende Bewegung zwischen sich und dem jungen Mädchen vollführte. Dies war das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.
»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen ... »Fräulein Spoelmann, Königliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel verdankt.«
Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im weißen Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem Rehleder bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des Händedrucks eine wagerechte Richtung, machte ein englisches _shake-hands_ daraus, wobei sie gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie einen Hofknicks andeutete, ohne ihre großen Augensterne von Klaus Heinrichs Gesicht zu wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nämlich: »Sie machen also auch dem Spital einen Besuch, gnädiges Fräulein?«
Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme spricht.«
Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor Sammet blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte entschlüpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war. Man sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung. Er sagte: »Natürlich ... so werde ich also die Anstalt zusammen mit dem gnädigen Fräulein besichtigen können ... Herr Hauptmann von Braunbart, mein Adjutant«, fügte er rasch hinzu, da er seine Bemerkung gleich der letzten würdig fand. Sie sagte dagegen: »Frau Gräfin Löwenjoul.«
Die Gräfin verbeugte sich vornehm -- mit einem rätselhaften Lächeln übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter und militärisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram ergriff von ihren Zügen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob in ihren ein wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte ... Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus Heinrich fand nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die beiden jungen Ärzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und dann stimmte Klaus Heinrich dafür, daß man den Rundgang wieder aufnähme.
Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und Imma Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin Löwenjoul mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier waren die größeren Kinder -- ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein Vorraum mit Wäscheschränken trennte die Säle für Mädchen und Knaben. In weißen Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Häupten und einem Klapprahmen am Fußende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven zeigte, gewartet von Schwestern in weißen Hauben, umgeben von Ordnung und Reinlichkeit, lagen die kranken Kinder, und Husten erfüllte den Raum, während Klaus Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen dahinschritten.