Königliche Hoheit: Roman

Part 15

Chapter 153,418 wordsPublic domain

Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgänger Albrechts II. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der Woche war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich für jedermann zu sprechen. Ob der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine Angelegenheit Tragweite besaß oder in einer persönlichen Sorge und Beschwerde bestand -- eine Anmeldung bei Herrn von Bühl oder nur beim diensttuenden Adjutanten genügte, und dem Manne ward Gelegenheit, seine Sache an höchster Stelle vorzubringen. Eine schöne, menschenfreundliche Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht den Weg des schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht, daß sein Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern hatte die glückliche Gewähr, daß sein Anliegen ganz unmittelbar zur höchsten Stelle gelange. Eingeräumt mußte werden, daß die höchste Stelle -- Klaus Heinrich zu dieser Zeit -- natürlich nicht in der Lage war, den Fall zu übersehen, ihn ernstlich zu prüfen und eine Entscheidung darüber zu treffen, sondern daß er die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab, woselbst sie »verschwand«. Allein der Nutzen war gleichwohl groß, wenn auch nicht in dem Sinne großer Zweckdienlichkeit. Der Bürger, der Bittsteller kam bei Herrn von Bühl mit der Bitte ein, empfangen zu werden, und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt. Er sah sie in freudiger Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den Sätzen, in welchen er seine Angelegenheit vortragen würde, er ließ seinen Leibrock, seinen Seidenhut bügeln, legte ein gutes Hemd zurecht und bereitete sich auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen waren geeignet, die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb sachlichen Vorteil abzulenken und ihm den Empfang selbst als den eigentlichen Gegenstand seiner angeregten Erwartung erscheinen zu lassen. Die Stunde kam, und der Bürger nahm, was er niemals tat, eine Droschke, um seine blanken Stiefel nicht zu verunreinigen. Er fuhr zwischen den Löwen des Albrechtstores hindurch, und die Wache sowohl wie der große Türsteher gaben ihm freien Durchgang. Er stieg aus im Schloßhof am Säulenumgang vor dem verwitterten Portal und ward von einem Lakaien in braunem Frack und sandfarbenen Gamaschen sogleich zur Linken in ein Vorzimmer zu ebener Erde eingelassen, in dessen einem Winkel sich ein Gestell mit Standarten befand, und wo eine Anzahl anderer Supplikanten kaum flüsternd und in andächtig gespanntem Zustande ihres Empfanges harrten. Der Adjutant, die Liste der Gemeldeten in der Hand, ging ab und zu und nahm denjenigen, der zunächst an der Reihe war, beiseite, um ihm mit gedämpfter Stimme Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Aber im Nebenzimmer, »Freiaudienz-Zimmer« genannt, stand Klaus Heinrich im Waffenrock mit silbernem Kragen und mehreren Sternen an einem runden Tischchen mit drei goldenen Beinen und empfing. Major von Platow unterrichtete ihn oberflächlich über die Person der einzelnen Bittsteller, bat den Mann herein und kehrte in den Pausen zurück, um den Prinzen kurz auf den Nächstfolgenden vorzubereiten. Und der Bürger trat ein; das Blut im Kopfe und ein wenig schwitzend stand er vor Klaus Heinrich. Man hatte ihm eingeschärft, daß er sich Seiner Königlichen Hoheit nicht allzusehr nähern, sondern in einiger Entfernung stehenbleiben, daß er nicht sprechen solle, bevor er gefragt sei, und auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen, sondern karg antworten, um dem Prinzen Stoff zu Fragen übrigzulassen; daß er sich schließlich rückwärts und ohne dem Prinzen seine Kehrseite zuzuwenden, entfernen möge. Und darauf, nicht gegen diese Vorschriften zu verstoßen, sondern an seinem Teil dazu beizutragen, daß das Gespräch einen schönen, glatten und harmonischen Verlauf nähme, nur hierauf war alles Trachten des Bürgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die Veteranen, die Schützen, die Turner, die Landleute und die Abgebrannten zu befragen gewöhnt war, lächelnd, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt; und unwillkürlich lächelte auch der Bürger -- wobei ihm auf irgendeine Weise zumute war, als erhöbe er sich mit diesem Lächeln über alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen Sinn sonst am Boden haftete, der außer dem handgreiflich Nützlichen nichts, wohl nicht einmal die alltägliche Höflichkeit in Bedacht nahm und auch hierher um einer Sache willen gekommen war -- er erfuhr in seiner Seele, daß es etwas Höheres gäbe als seine Sache und die Sache überhaupt, und erhoben, gereinigt, mit blindem Blick und noch immer das Lächeln auf seinem geröteten Antlitz, ging er von dannen.

So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so übte er seinen hohen Beruf. Er lebte auf »Eremitage« in seiner kleinen Flucht von Empirestuben, die so streng und dürftig, mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort oberhalb der weißen Täfelung die Wände, an den schmucklosen Decken hingen Kristallkronen, geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und dünnbeinige Etageren mit Säulenstutzuhren standen an den Wänden, Stuhlpaare, weiß lackiert, mit ovalen Rückenlehnen und dünnen Seidenbezügen flankierten die weiß lackierten Flügeltüren, und in den Winkeln standen weiß lackierte Gueridons, die vasenähnliche Armleuchter trugen. So sah es aus bei Klaus Heinrich, und er war einverstanden mit dieser Umgebung.

Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in öffentlichen Streitfragen. Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den Landtag, nahm aber keinen Anteil an den Vorgängen dortselbst und vermied jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien -- unentschieden und ohne Überzeugungswärme wie einer, dessen Angelegenheit höher ist als alles Parteiwesen. Jeder sah ein, daß seine Stellung ihm Zurückhaltung auferlegte, aber viele empfanden, daß der Mangel an Teilnahme auf eine befremdende und lähmende Weise in seinem Wesen ausgeprägt sei. Viele, die mit ihm in Berührung kamen, bezeichneten ihn denn auch als »kalt«; und wenn Doktor Überbein diese »Kälte« mit lauten Redensarten leugnete, so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemütliche Mann befähigt war, in dieser Frage ein Urteil zu fällen. Natürlich kam es vor, daß Klaus Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn überhaupt nicht anerkannten, frechen, höhnischen, gehässig erstaunten Blicken, die seine ganze Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch bei gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu ehren sich bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine gewisse Erschöpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis seines Wesens nicht lange zu atmen vermöchten; und das betrübte Klaus Heinrich, ohne daß er es abzustellen gewußt hätte.

Er hatte gar nichts zu tun im täglichen Leben; ob ihm ein Gruß gelang, ein gnädiges Wort, eine gewinnende und doch würdevolle Handbewegung, war wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mütze und Mantel von einem Spazierritt zurück, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian durch die Birkenallee, die am Rande unbebauten Geländes entlang auf Park und Schloß »Eremitage« zuführte, und vor ihm her ging ein schäbig gekleideter junger Mensch mit einer Pudelmütze und einem lächerlichen Schopf im Nacken, zu kurzen Ärmeln und Hosen und außerordentlich großen Füßen, die er einwärts setzte. Es mochte ein Realschüler oder dergleichen sein, denn er trug ein Reißbrett unter dem Arm, worauf mit Stiften eine große Zeichnung, ein ausgerechnetes Liniengewirr in roter und schwarzer Tinte, eine Projektion oder ähnliches, befestigt war. Klaus Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen Menschen und betrachtete die rot und schwarze Projektion auf dem Reißbrett. -- Zuweilen dachte er, daß es gut sein müsse, einen ordentlichen Nachnamen zu haben, Doktor Fischer zu heißen und einem ernsten Beruf nachzugehen.

Er repräsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem großen und kleinen Ball, dem Diner, den Konzerten und der großen Cour. Er ging auch mit seinen rotköpfigen Vettern, den Herren des Gefolges, im Herbst auf die Hofjagden, der Sitte wegen, und obwohl sein linker Arm ihm das Schießen beschwerlich machte. Oft sah man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot ausgeschlagenen Proszeniumsloge zwischen den beiden weiblichen Skulpturen mit den gekreuzten Händen und den leeren, strengen Gesichtern. Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den Schauspielern zuzusehen, zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und abtraten, ihre Rolle durchführten. Meistens fand er sie schlecht, unzart in ihren Mitteln zu gefallen und ungeübt in der feineren Vortäuschung des Natürlichen und Kunstlosen. Übrigens war er geneigt, den niederen und volkstümlichen Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den Vorzug zu geben. In der Residenz wirkte am »Singspieltheater« eine Soubrette namens Mizzi Meyer, die in den Zeitungen und im Munde des Publikums nicht anders als »unsere« Meyer hieß, und zwar auf Grund ihrer schrankenlosen Beliebtheit bei groß und klein. Sie war nicht schön, kaum hübsch, sie sang mit kreischender Stimme, und streng genommen, waren ihr keine besonderen Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte sie nur die Bühne zu betreten, um Stürme der Zustimmung, des Beifalls, der Aufmunterung zu entfesseln. Denn diese blonde und gedrungene Person mit ihren blauen Augen, ihren breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, ihrer gesunden, lustigen oder auch gern ein wenig rührseligen Art war Fleisch vom Fleische des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie, geschmückt, geschminkt und von allen Seiten beleuchtet, der Menge gegenüber auf den Brettern stand, war sie in der Tat die Verklärung des Volkes selbst -- ja, das Volk beklatschte sich selber, indem es sie beklatschte, und darin ganz allein beruhte Mizzi Meyers Macht über die Gemüter. -- Klaus Heinrich besuchte gern mit Herrn von Braunbart-Schellendorf das »Singspieltheater«, wenn Mizzi Meyer sang, und beteiligte sich lebhaft am Beifall.

Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab, anderseits ihn auch wieder enttäuschte. Es war die mit Herrn Martini, Axel Martini, demselben, der die beiden von Sachverständigen viel gerühmten Poesiebücher »Evoë!« und »Das heilige Leben« verfaßt hatte. Das Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.

In der Residenz lebte ein begüterter alter Herr, Oberregierungsrat seinem Titel nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den Ruhestand zurückgezogen, sein Leben der Förderung der schönen Künste, insbesondere der Dichtkunst, gewidmet hatte. Er war der Begründer jener Einrichtung, die man unter dem Namen des »Maikampfes« kannte -- eines alljährlich zur Lenzzeit sich wiederholenden poetischen Turniers, zu dem der Oberregierungsrat durch Rundschreiben und Anschläge die Dichter und Dichterinnen des Vaterlandes ermutigte. Preise waren ausgesetzt für das zärtlichste Liebeslied, das innigste religiöse Gedicht, den feurigsten patriotischen Sang, für die trefflichsten lyrischen Leistungen zum Preise der Musik, des Waldes, des Frühlings, der Lebenslust -- und diese Preise bestanden außer Geldgewinnen in sinnigen und wertvollen Andenken wie goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und Blumenform und dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte einen Preis gestiftet, und der Großherzog spendete einen silbernen Pokal als Belohnung für das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten Gedichten. Der Schöpfer des »Maikampfes« selbst, der die erste Sichtung des stets gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren des »Eilboten« und der »Volkszeitung« das Amt des Preisrichters wahr. Die gekrönten und die lobend erwähnten Beiträge wurden regelmäßig als Jahrbuch auf Kosten des Oberregierungsrates gedruckt und herausgegeben.

Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am »Maikampf« beteiligt und war als Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte, ein begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein überaus stürmischer Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreißender Hymnus auf des Lebens Schönheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden Bücher gehalten und hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der Oberregierungsrat selbst und der Professor für Philologie hatten es mit einer anerkennenden Erwähnung abspeisen wollen; denn sie fanden es maßlos im Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise unumwunden anstößig. Aber der Professor für Literaturgeschichte zusammen mit den Redakteuren hatten sie überstimmt, nicht nur in Hinsicht darauf, daß Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust darstelle, sondern auch bezüglich seines unbedingten Vorranges, und schließlich hatten sich auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schäumenden und betäubenden Wortsturzes nicht entziehen können.

Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Großherzogs erhalten, und sein Gedicht war im Jahrbuch an erster Stelle mit einer zeichnerischen Umrahmung von der Künstlerhand des Professors von Lindemann abgedruckt worden. Es kam aber hinzu, daß der Sitte gemäß der Sieger (oder die Siegerin) im »Maikampf« vom Großherzog in Audienz empfangen wurde; und da Albrecht gerade unpäßlich war, so fiel auch dieser Empfang seinem Bruder zu.

Klaus Heinrich fürchtete sich ein wenig vor Herrn Martini. --

»Gott, Doktor Überbein,« sagte er bei einer kurzen Begegnung mit seinem Lehrer, »was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewiß ein wilder, unverschämter Mensch.«

Aber Doktor Überbein antwortete: »I bewahre, Klaus Heinrich, keine Besorgnis! Er ist ein ganz artiges Männchen. Ich kenne ihn, ich hospitiere ein bißchen in seinen Kreisen. Sie werden ausgezeichnet mit ihm fertig werden.«

So empfing denn Klaus Heinrich den Dichter der Lebenslust, empfing ihn auf »Eremitage«, um der Sache einen möglichst privaten Charakter zu geben. »Im gelben Zimmer,« sagte er, »lieber Braunbart. Das ist in solchen Fällen das präsentabelste.« Es standen drei schöne Stühle in diesem Zimmer, die wohl das einzig Wertvolle unter dem Mobiliar des Schlößchens waren, schwere Empirefauteuils in Mahagoni, mit schneckenförmig aufgerollten Armlehnen und gelben Tuchbezügen, auf welche blaugrüne Leiern gestickt waren. Klaus Heinrich stellte sich nicht zur Audienz auf bei dieser Gelegenheit, sondern wartete, in einiger Unruhe, nebenan, bis Axel Martini seinerseits sieben oder acht Minuten lang im gelben Zimmer gewartet hatte. Dann trat er lebhaft, fast eilig ein und schritt auf den Dichter zu, der sich tief verbeugte.

»Es macht mir großes Vergnügen, Sie kennenzulernen,« sagte er, »lieber Herr ... Herr Doktor, nicht wahr?«

»Nein, Königliche Hoheit,« erwiderte Axel Martini mit asthmatischer Stimme, »nicht Doktor. Ich bin unbetitelt.«

»Oh, Verzeihung ... ich nahm an ... Setzen wir uns, lieber Herr Martini. Ich bin, wie gesagt, sehr erfreut, Sie zu Ihrem großen Erfolge beglückwünschen zu können ...«

Herrn Martinis Mundwinkel machten eine zuckende Bewegung nach unten. Er ließ sich an dem unbedeckten Tische, um dessen Platte eine Goldleiste lief, auf dem Rande eines der Mahagoniarmstühle nieder und kreuzte seine Füße, die in zersprungenen Lackstiefeln steckten. Er war im Frack und trug gelbliche Glacéhandschuhe. Sein Halskragen war an den Ecken schadhaft. Er hatte ein wenig glotzende Augen, magere Wangen und einen dunkelblonden Schnurrbart, der gestutzt war wie eine Hecke. Sein Haupthaar war an den Schläfen schon stark ergraut, obgleich er dem Jahrbuch des Maikampfes zufolge nicht mehr als dreißig Jahre zählte, und unterhalb der Augen glomm ihm eine Röte, die nicht auf Wohlsein deutete. Er antwortete auf Klaus Heinrichs Glückwunsch: »Königliche Hoheit sind sehr gütig. Es war ja kein schwerer Sieg. Es war vielleicht nicht taktvoll von mir, mich an dieser Konkurrenz zu beteiligen.«

Das verstand Klaus Heinrich nicht; aber er sagte: »Ich habe Ihr Gedicht wiederholt mit großem Genuß gelesen. Es scheint mir überaus gelungen, sowohl was das Versmaß als auch was die Reime betrifft. Und dann bringt es die Lebenslust vorzüglich zum Ausdruck.«

Herr Martini verbeugte sich im Sitzen.

»Ihre Fertigkeit«, fuhr Klaus Heinrich fort, »muß Ihnen großes Vergnügen gewähren -- die schönste Erholung ... Welches ist Ihr Beruf, Herr Martini?«

Herr Martini deutete an, daß er nicht verstehe, beschrieb gleichsam mit dem Oberkörper ein Fragezeichen.

»Ich meine, Ihr Hauptberuf. Sind Sie im Staatsdienst?«

»Nein, Königliche Hoheit. Ich habe keinen Beruf. Ich beschäftige mich mit Poesie, ausschließlich ...«

»Gar keinen ... Oh, ich verstehe. Eine so ungewöhnliche Begabung ist es wert, daß man ihr alle Kräfte widmet.«

»Das weiß ich nicht. Ich muß gestehen, daß ich gar nicht die Wahl hatte. Ich habe mich von jeher zu jeder anderen menschlichen Tätigkeit vollkommen unfähig gefühlt. Mir scheint, daß diese zweifellose und unbedingte Unfähigkeit zu allem anderen der einzige Beweis und Prüfstein des Berufes zur Poesie ist, ja, daß man in der Poesie eigentlich keinen Beruf, sondern eben nur den Ausdruck und die Zuflucht dieser Unfähigkeit zu sehen hat.«

Herr Martini hatte die Eigentümlichkeit, beim Sprechen Tränen in die Augen zu bekommen, ähnlich wie ein Mensch, der aus der Kälte in ein warmes Zimmer tritt und sich nun schmelzen und hinströmen läßt.

»Das ist eine eigenartige Auffassung«, sagte Klaus Heinrich.

»Doch nicht, Königliche Hoheit. Ich bitte um Verzeihung. Nein, gar nicht eigenartig. Diese Auffassung ist vielfach akzeptiert. Ich sage nichts Neues.«

»Und seit wann leben Sie ausschließlich der Poesie, Herr Martini? Sie haben vorher studiert?«

»Nicht regelrecht, Königliche Hoheit. Nein, die Unfähigkeit, der ich vorhin erwähnte, begann bei mir sehr früh sich zu zeigen. Ich wurde mit der Schule nicht fertig. Ich verließ sie, ohne es bis zur Abgangsprüfung gebracht zu haben. Ich ging auf die Universität mit dem Versprechen, die Prüfung nachträglich abzulegen, aber es wurde dann nichts daraus. Und als mein erster Gedichtband sehr bemerkt worden war, da schickte es sich auch schließlich nicht mehr, wenn ich so sagen darf.«

»Nein, nein ... Aber waren Ihre Eltern denn einverstanden mit Ihrer Laufbahn?«

»O nein, Königliche Hoheit! Ich darf zur Ehre meiner Eltern versichern, daß sie durchaus nicht einverstanden damit waren. Ich bin aus guter Familie; mein Vater war Oberstaatsanwalt. Er billigte natürlich meine Laufbahn so wenig, daß er mir bis zu seinem Tode jede Unterstützung verweigerte. Ich lebte zerfallen mit ihm, obgleich ich ihn seiner Strenge wegen außerordentlich hoch achtete.«

»Oh, Sie haben es also schwer gehabt, Herr Martini, haben sich durchschlagen müssen. Ich kann es mir denken, daß Sie sich den Wind um die Nase haben wehen lassen!«

»Nicht so, Königliche Hoheit! Nein, das wäre schlimm gewesen, ich hätte es nicht ertragen. Meine Gesundheit ist zart -- ich darf nicht sagen ›leider‹, denn ich bin überzeugt, daß mein Talent mit meiner Körperschwäche unzertrennlich zusammenhängt. Hunger und rauhe Winde hätte weder mein Körper noch mein Talent überstanden und haben sie auch nicht zu überstehen gehabt. Meine Mutter war schwach genug, mich hinter dem Rücken meines Vaters mit den Mitteln zum Leben zu versehen, bescheidenen, aber hinlänglichen Mitteln. Ihr danke ich es, daß sich mein Talent unter leidlich milden Bedingungen entwickeln konnte.«

»Der Erfolg hat gezeigt, lieber Herr Martini, daß es die richtigen Bedingungen waren ... Obgleich es ja schwer ist, zu sagen, welches wohl die eigentlich guten Bedingungen sind. Lassen Sie mich annehmen, Ihre Frau Mutter hätte sich ebenso streng verhalten wie Ihr Vater, und Sie wären allein auf der Welt gewesen und ganz auf sich selbst gestellt und völlig auf Ihre Fähigkeiten angewiesen ... Meinen Sie nicht, daß Ihnen das gewissermaßen von Nutzen gewesen wäre? Daß Sie Einblicke hätten tun können, um diesen Ausdruck zu wählen, die Ihnen nun entgangen sind?«

»Ach, Königliche Hoheit, meinesgleichen tut Einblicke genug, auch ohne wirklich dem Hunger ausgesetzt zu sein; und die Auffassung ist ziemlich allgemein akzeptiert, daß es nicht sowohl der wirkliche Hunger als vielmehr der Hunger nach dem Wirklichen ist ... he, he ... was das Talent benötigt.«

Herr Martini hatte ein wenig lachen müssen über sein Wortspiel. Er führte nun rasch die eine gelblich bekleidete Hand vor seinen Mund mit dem heckenartigen Schnurrbart und verbesserte sein Lachen, stellte es gleichsam richtig durch ein Hüsteln. Klaus Heinrich sah ihm in freundlicher Erwartung zu.

»Wenn Königliche Hoheit mir erlauben wollen ... Es ist eine weitverbreitete Anschauung, daß die Entbehrung der Wirklichkeit für meinesgleichen der Nährboden alles Talentes, die Quelle aller Begeisterung, ja recht eigentlich unser einflüsternder Genius ist. Der Lebensgenuß ist uns verwehrt, streng verwehrt, wir machen uns kein Hehl daraus -- und zwar ist dabei unter Lebensgenuß nicht nur das Glück, sondern auch die Sorge, auch die Leidenschaft, kurz jede ernsthaftere Verbindung mit dem Leben zu verstehen. Die Darstellung des Lebens nimmt durchaus alle Kräfte in Anspruch, zumal wenn diese Kräfte nicht eben überreichlich bemessen sind« -- und Herr Martini hüstelte, wobei seine Schultern mehrmals nach vorn zusammengezogen wurden. »Die Entsagung«, fügte er hinzu, »ist unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere Kraft, unsere Würde, und das Leben ist unser verbotener Garten, unsere große Versuchung, der wir zuweilen, aber niemals zu unserem Heil, unterliegen.«

Wieder hatten sich beim fließenden Sprechen Herrn Martinis Augen mit Tränen gefüllt. Er suchte sie durch ein Blinzeln zu vertreiben.

»Jeder von uns«, sagte er noch, »kennt solche Verirrungen und Entgleisungen, solche begehrlichen Ausflüge in die Festsäle des Lebens. Aber wir kehren gedemütigt und Übelkeit im Herzen von dort in unsere Abgeschlossenheit zurück.«

Herr Martini schwieg. Es geschah ihm, daß sein Blick, unter emporgezogenen Brauen, vorübergehend starr wurde, einen Atemzug lang sich im Leeren verlor, wobei sein Mund einen säuerlichen Ausdruck annahm und seine Wangen, über denen die ungesunde Röte glomm, noch magerer schienen als sonst. Das war nur eine Sekunde; dann wechselte er die Haltung und machte seine Augen wieder frei.

»Aber Ihr Gedicht«, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. »Ihr Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!... Ich bin Ihnen aufrichtig verbunden für Ihre Ausführungen. Wollen Sie mir aber sagen ... Ihr Gedicht -- ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits von Elend und Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit, wenn ich mich recht erinnere, und andererseits von dem Vergnügen am Wein und an schönen Frauen, nicht wahr ...«

Herr Martini lächelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger die Mundwinkel, um das Lächeln zu vertreiben.

»Das alles«, sagte Klaus Heinrich, »ist in der Ichform abgefaßt, in der ersten Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen Einblicken? Sie haben nichts davon wirklich erlebt?«