Königliche Hoheit: Roman

Part 14

Chapter 143,453 wordsPublic domain

»Danke. Nein. Es geht mir schlecht, und meine Gesundheit zeigt sich den Anforderungen, die man an mich stellt, immer weniger gewachsen. Wenn ich sage ›Anforderungen‹, so meine ich in erster Linie die Pflichten festlicher und repräsentativer Natur, die mit meiner Stellung verbunden sind -- und hier ist der Berührungspunkt mit der Unterhaltung, die wir vorhin bei Ditlinde führten. Die Ausübung dieser Pflichten mag beglücken, wo ein Kontakt mit dem Volke, eine Verwandtschaft, ein Gleichschlag der Herzen vorhanden ist. Mir ist sie eine Qual, und die Falschheit meiner Rolle ermüdet mich in einem Grade, daß ich darauf bedacht sein muß, Gegenmaßregeln zu treffen. Ich bin hierin -- soweit das Körperliche in Frage kommt -- im Einverständnis mit meinen Ärzten, die mein Vorhaben durchaus unterstützen ... Höre mich also an. Ich bin unverheiratet, ich hege, wie ich dich versichern kann, nicht die Absicht, jemals eine Ehe einzugehen, ich werde keine Kinder haben. Du bist Thronfolger aus angeborenem Recht des Agnaten, du bist es noch mehr im Bewußtsein des Volkes, das dich liebt ...«

»Ach, Albrecht, du sprichst immer von meiner Beliebtheit ... Ich glaube gar nicht daran. Von weitem vielleicht ... So ist es bei uns. Wir sind immer nur von weitem beliebt.«

»Du bist zu bescheiden. Höre weiter. Du hattest schon bisher zuweilen die Güte, mir diese und jene meiner repräsentativen Pflichten abzunehmen. Ich möchte, daß du sie mir alle abnähmest, ganz, auf immer.«

»Du denkst an Abdikation, Albrecht?« fragte Klaus Heinrich erschrocken ...

»Ich darf nicht daran denken. Glaube mir, daß ich gern daran dächte. Aber man würde mir's verwehren. Woran ich denke, ist nicht einmal Regentschaft, sondern nur Stellvertretung -- vielleicht erinnerst du dich aus irgendeinem Kolleg dieser staatsrechtlichen Unterscheidungen --, eine dauernde und amtlich festgelegte Stellvertretung in allen repräsentativen Funktionen, begründet durch die Schonungsbedürftigkeit meiner Gesundheit. Wie ist deine Meinung?«

»Ich stehe dir zu Befehl, Albrecht. Aber ich sehe noch nicht ganz klar. Wie weit soll die Stellvertretung gehen?«

»Oh, möglichst weit. Ich möchte, daß sie sich auf alle Gelegenheiten erstreckte, bei denen ein persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit von mir gefordert wird. Knobelsdorff verlangt, daß ich die Eröffnung und den Schluß des Landtags nur, wenn ich bettlägerig bin, nur von Fall zu Fall an dich abtrete. Stellen wir das also dahin. Aber im übrigen würde dir meine Vertretung bei allen feierlichen Handlungen zufallen, die Reisen, die Besuche der Städte, die Eröffnung von öffentlichen Festlichkeiten, die Eröffnung des Bürgerballes ...«

»Auch die?«

»Warum nicht auch die. Wir haben hier ferner die wöchentlichen Freiaudienzen -- eine sinnige Sitte ohne Zweifel, aber sie bringt mich um. Du würdest die Audienzen an meiner Stelle abhalten. Ich zähle nicht weiter auf. Du nimmst meinen Vorschlag an?«

»Ich stehe dir zu Befehl.«

»Dann hör' mich zu Ende. Für alle Fälle, in denen du an meiner Stelle repräsentierst, teile ich dir meine Adjutanten zu. Es ist ferner wohl nötig, daß man dein militärisches Avancement beschleunigt. Du bist Oberleutnant? Du wirst zum Hauptmann ernannt werden -- oder gleich zum Major _à la suite_ deines Regiments ... Ich werde das veranlassen. Drittens aber wünsche ich unserem Arrangement den nötigen Nachdruck zu geben, deine Stellung an meiner Seite gebührend zu kennzeichnen, indem ich dir den Titel ›Königliche Hoheit‹ verleihe. Es waren Formalitäten zu erledigen ... Knobelsdorff ist schon fertig damit. Ich werde meine Entschlüsse in die Form zweier Schreiben an dich und an meinen Staatsminister kleiden. Knobelsdorff hat sie übrigens beide schon entworfen ... Du nimmst an?«

»Was soll ich sagen, Albrecht. Du bist Papas ältester Sohn, und ich habe immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefühlt und gewußt habe, daß du der Vornehmere und Höhere bist von uns beiden und ich nur ein Plebejer bin, im Vergleich mit dir. Aber wenn du mich würdigst, an deiner Seite zu stehen und deinen Titel zu führen und dich vorm Volk zu vertreten, obgleich ich mich gar nicht so präsentabel finde und diese Hemmung hier habe, mit meiner linken Hand, die ich immer verstecken muß -- dann danke ich dir und stehe dir zu Befehl.«

»So darf ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen. Ich bin ruhebedürftig.«

Sie gingen einander, der eine vom Schreibtisch, der andere vom Büchertisch, auf dem Teppich bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Der Großherzog reichte seinem Bruder die Hand -- seine magere, kalte Hand, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen. Klaus Heinrich zog die Absätze zusammen und verbeugte sich, als er die Hand empfing, und Albrecht neigte zum Abschied seinen schmalen Kopf mit dem blonden Spitzbart, indem er mit seiner kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen sog. Klaus Heinrich kehrte nach Schloß »Eremitage« zurück.

Sowohl der »Staatsanzeiger« als der »Eilbote« veröffentlichten acht Tage später die beiden Handschreiben, welche die höchsten Entschließungen zum Inhalt hatten: dasjenige mit der Anrede »Mein lieber Staatsminister Doktor Freiherr von Knobelsdorff!« und jenes andere, das mit »Durchlauchtigster Fürst, freundlich lieber Bruder!« begann und »Euerer Königlichen Hoheit von Herzen anhänglicher Bruder =Albrecht=« unterzeichnet war.

Der hohe Beruf

Hier ist die Lebensführung und Berufsübung Klaus Heinrichs, geschildert in ihrer Eigentümlichkeit.

Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit übergeworfenem Mantel durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes über ein Trottoir, das mit einem roten Läufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbäumen flankierte Haustür, über der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe hinan, die leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten ... Er ging nach einem Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hüften, die Fransenepaulettes eines Majors auf seinen schmalen Schultern, mit Gefolge den gotischen Korridor eines Rathauses entlang. Zwei Diener liefen vor ihm her und öffneten ihm eifrig eine alte, in ihren Bleifassungen schütternde Fensterscheibe. Denn unten auf dem kleinen Marktplatz stand zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine schräge Fläche aufwärts gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht dunkel überglüht. Sie riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und verneigte sich, stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grüßte dankend ...

Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es setzte sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er kam, da war Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber im Feste, da verklärte sich das graue Leben und ward Poesie. Der Hungerleider wurde zum schlichten Mann, die Spelunke zur friedlichen Hütte, schmutzige Gassenkinder wurden zu züchtigen kleinen Mädchen und Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser geglättet, ein Gedicht auf der Lippe, und der dumpfe Bürger wurde in Gehrock und Zylinder sein selber mit Rührung bewußt. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich, sah die Welt in diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, für die Dauer seiner Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrschte auf den Stätten seiner Berufsübung, eine ebenmäßige, bestandlose Ausstattung, eine falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien und Fahnentüchern war hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst stand im Mittelpunkte des Schaugepränges auf einem Teppich, der den nackten Erdboden bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die sich Girlanden schlangen, stand mit geschlossenen Absätzen im Dufte des Lacks und der Tannenreiser und stemmte lächelnd seine linke Hand in die Hüfte.

Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Bürgerschaft hatte durch gewisse Finanzmanöver die erforderliche Geldsumme aufgebracht, und ein gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt worden. Aber Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter dem Jubel der Bevölkerung vor der prächtigen Baracke an, die man am Bauplatz errichtet hatte, stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen aus dem offenen Wagen auf den gewalzten, mit feinem gelbem Sande bedeckten Erdboden hinab und schritt ganz allein auf die amtlichen Herren in Frack und weißer Binde zu, die ihn am Eingang erwarteten. Er ließ sich den Architekten vorstellen und führte mit ihm, angesichts des Publikums und unter dem starren Lächeln der Umstehenden, fünf Minuten lang ein Gespräch von hoher Allgemeinheit über die Vorzüge der verschiedenen Baustile, worauf er eine gewisse, während des Gespräches innerlich vorbereitete Wendung machte und über Läufer und Bretterstufen zu seinem Sessel am Rande der Mitteltribüne geleitet wurde. Er saß dort, angetan mit Kette und Stern, einen Fuß vorgestellt, die weiß gekleideten Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der Festversammlung sichtbar von allen Seiten, und hörte in gefaßter Haltung die Rede des Bürgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging, erhob er sich, stieg ohne merkliche Vorsicht, ohne auf seine Füße zu blicken, die Stufen zu jener Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein befand, und tat mit einem kleinen Hammer drei langsame Schläge auf den Sandsteinblock, wozu er in der tiefen Stille mit seiner etwas scharfen Stimme ein Sprüchlein sprach, das Herr von Knobelsdorff ihm aufgesetzt hatte. Schulkinder sangen in hellem Chor. Und Klaus Heinrich hielt Abfahrt.

Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis schrie mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien: »Stillgestanden! Hut ab! Augen rechts!« Und sie standen, Medaillen und Kreuze an ihren Röcken, den rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten mit blutunterlaufenen Hundeaugen auf ihn, der freundlich musternd vorüberging und bei diesem und jenem mit der Frage verweilte, wo er gedient, wo er im Feuer gestanden ... Er nahm teil am Turnerfest, schenkte dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und ließ sich die Sieger vorführen, um sie »in ein Gespräch zu ziehen«. Die kühnen und wohlgebauten jungen Männer standen linkisch vor ihm, nachdem sie soeben noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich verwendete rasch hintereinander ein paar Fachausdrücke, deren er sich von Herrn Zotte her erinnerte und die er mit großer Geläufigkeit aussprach, indem er seine linke Hand verbarg.

Er fuhr zum Fünfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem Stoff ausgeschlagenen Ehrentribüne den Pferderennen bei Grimmburg an und nahm die Preisverteilung vor. Er führte auch das Ehrenpräsidium und Protektorat beim Bundesschützenfest; er besuchte das Preisschießen der Großherzoglich privilegierten Schützengesellschaft. Er »sprach«, wie es im Berichte des »Eilboten« hieß, »dem Willkommtrunke wacker zu«, indem er nämlich den silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und ihn dann mit geschlossenen Absätzen gegen die Schützen hob. Er gab hierauf mehrere Schüsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den Berichten nicht gesagt war, wohin sie getroffen hatten, pflog später mit drei aufeinander folgenden Männern ein und dieselbe Unterredung über die Vorzüge des Schützenwesens, die im »Eilboten« als »gemütliche Aussprache« gekennzeichnet war, und verabschiedete sich endlich mit einem herzlichen »Gut Glück!«, das unbeschreiblichen Jubel hervorrief. Diese Grußformel hatte ihm Generaladjutant von Hühnemann, nachdem er Erkundigungen eingezogen, im letzten Augenblick zugeflüstert; denn natürlich hätte es störend gewirkt, hätte die schöne Täuschung der Sachkenntnis und ernsten Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den Schützen »Glück auf!« und zu Bergleuten etwa »Gut Heil!« gesagt hätte.

Überhaupt bedurfte er zu seiner Berufsübung gewisser sachlicher Kenntnisse, die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten Augenblick und in ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen vorwiegend die auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Tätigkeit gebräuchlichen Kunstausdrücke sowie geschichtliche Daten, und vor einer Repräsentationsfahrt machte Klaus Heinrich daheim in Schloß Eremitage mit Hilfe von Druckschriften und mündlichen Vorträgen die nötigen Studien. Als er im Namen des Großherzogs, »meines gnädigsten Herrn Bruders«, die Enthüllung des Johann-Albrecht-Standbildes zu Knüppelsdorf vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach dem Vortrage des Vereins »Geradsinnliederkranz« eine Rede, in der alles untergebracht war, was er sich über Knüppelsdorf notiert hatte, und die allerseits den schönen Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens vornehmlich mit den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes beschäftigt. Erstens war Knüppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich erwähnte das dreimal, zum Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er, daß die Stadt Knüppelsdorf, wie ihre geschichtliche Vergangenheit bezeuge, mit dem Hause Grimmburg seit vielen Jahrhunderten treu verbunden sei. Träte doch bekanntlich, sagte er, schon im vierzehnten Jahrhundert Landgraf Heinrich XV., der Rutensteiner, als Gönner Knüppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der Rutensteiner, habe in dem auf dem nahen Rutensteine erbauten Schloß residiert, dessen »trotzige Türme und feste Mauern zum Schutze Knüppelsdorfs weit hinaus ins Land gegrüßt« hätten. Dann erinnerte er daran, wie durch Erbfolge und Heirat Knüppelsdorf endlich an den Zweig der Familie gekommen sei, dem sein Bruder und er selbst angehörten. Schwere Stürme hätten im Verlaufe der Zeiten über Knüppelsdorf dahingebraust, Kriegsjahre, Feuersbrünste und Pestilenzen hätten es heimgesucht, doch immer habe es sich wieder emporgerafft und in allen Lagen treu zum angestammten Fürstenhause gehalten. Dieselbe Gesinnung aber zeige auch das heutige Knüppelsdorf, indem es dem Andenken seines, Klaus Heinrichs, hochseligen Herrn Vaters ein Denkmal errichte, und mit besonderer Freude werde er seinem gnädigen Herrn Bruder über den glänzenden und herzlichen Empfang Bericht erstatten, den er hier als höchstsein Stellvertreter gefunden habe ... Die Hülle fiel, der Verein »Geradsinnliederkranz« tat noch einmal sein Bestes. Und Klaus Heinrich stand lächelnd, mit einem Gefühle der Ausgeleertheit unter seinem Theaterzelt, froh in der Sicherheit, daß niemand ihn weiter fragen dürfe. Denn er hätte nun kein Sterbenswörtchen mehr über Knüppelsdorf zu sagen gewußt.

Wie ermüdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm, als habe er beständig mit großem Aufgebot an Spannkraft etwas aufrechtzuerhalten, was eigentlich nicht, oder doch nur unter günstigsten Bedingungen, aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein Beruf ihm traurig und arm, obgleich er ihn liebte und jede Repräsentationsfahrt gern unternahm.

Er fuhr über Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht federnden Chaise von Schloß »Eremitage« zum Bahnhof, wo zu seiner Verabschiedung der Regierungspräsident, der Polizeipräsident und der Vorstand der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden, indem er mit den großherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren, und dem Referenten für Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem strengen und ehrfurchtsvollen Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht ohne Mühe ein Gespräch unterhielt. Dann fuhr er in den Bahnhof des Städtchens ein, welches das Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der Bürgermeister, eine Kette über dem Frack, erwartete ihn an der Spitze von sechs oder sieben anderen dienstlichen Persönlichkeiten. Die Station war mit vielen Tannenbäumchen und Laubschnüren geschmückt. Im Hintergrunde standen die Gipsbüsten Albrechts und Klaus Heinrichs im Grünen. Das Publikum hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.

Der Bürgermeister hieß Klaus Heinrich mit einer Ansprache willkommen. Er bringe ihm Dank dar, sagte er und schüttelte dabei seinen Zylinderhut mit der Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt für alles, was Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige Wünsche für eine weitere segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die Bitte, der Prinz möge das Werk, das unter seinem Protektorat so wohl gediehen sei, nun krönen und die landwirtschaftliche Ausstellung gnädigst eröffnen.

Dieser Bürgermeister führte den Titel Ökonomierat, was man Klaus Heinrich bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so anredete. Er sagte, er freue sich, zu hören, daß das Werk der Landwirtschaftsausstellung unter seinem Protektorate so wohl gediehen sei. (Er hatte eigentlich vergessen, daß er das Protektorat über die Ausstellung führte.) Er sei gekommen, um heute das Letzte für das große Werk zu tun, indem er die Ausstellung eröffnete. Dann erkundigte er sich nach vier Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Stadt, der Zunahme der Bevölkerung in den letzten Jahren, nach dem Arbeitsmarkt (obgleich er nicht ganz genau wußte, was eigentlich der Arbeitsmarkt sei) und nach den Lebensmittelpreisen. Hörte er, daß die Lebensmittel teuer seien, so nahm er diese Mitteilung »ernst« entgegen, und das mußte selbstverständlich alles sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und allgemein wirkte es tröstlich, daß er die Mitteilung von den hohen Preisen sehr ernst entgegengenommen habe.

Dann stellte der Bürgermeister ihm die städtischen Würdenträger vor: den Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nähe, den Pastor, die beiden Ärzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden eine Frage, indem er sich während der Antwort überlegte, was er zu dem nächsten sagen sollte. Es waren außerdem noch der Landestierarzt und der Landesinspektor für Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke, um unter den Zurufen der Einwohner zwischen einem Spalier von Schulkindern, Feuerwehrleuten und Fahnenvereinen durch die geschmückte Stadt zur Festwiese zu fahren -- nicht ohne am Tore noch einmal von weiß gekleideten Jungfrauen mit Kränzen auf den Köpfen angehalten zu werden, von denen eine, die Tochter des Bürgermeisters, dem Prinzen einen Blumenstrauß mit weißer Atlasmanschette in den Wagen reichte und zur immerwährenden Erinnerung an diesen Augenblick eine jener hübschen und preiswerten Preziosen eingehändigt erhielt, die Klaus Heinrich auf seinen Reisen mit sich führte, eine, sie wußte selbst nicht warum, in Sammet gebettete Busennadel, die man im »Eilboten« als goldenes, mit Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.

Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren, flatterten bunte Wimpel. Auf einer hölzernen, mit Fahnentüchern behangenen Tribüne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen Flaggenstangen, verlas Klaus Heinrich die kurze Eröffnungsrede. Und dann begann der Rundgang.

Da war an niedrige Querbäume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht, Prachtexemplare mit glatten, gewölbten, scheckigen Leibern, numerierte Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde, schwere Ackergäule mit gebogenen Schnauzen und Haarbüscheln oberhalb der Hufen, sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten, kurzbeinigen Schweine, und zwar sowohl Land- als Edelschweine in großer Auswahl. Sie ließen die Bäuche hängen und wühlten grunzend mit ihren rosigen Rüsseln im Boden, während das Geblök der wolligen Schafe, ein verworrener Chor von Baß- und Kinderstimmen, die Luft erfüllte. Da war die lärmvolle Geflügelausstellung, beschickt mit allen Arten von Hühnern, vom großen Brahmaputra bis zum Goldlack-Zwerghühnchen, mit Enten und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und Eiern in frischem und künstlich erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung von Feldprodukten mit allem Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen und Flachs. Da waren Auslesen von frischem und eingemachtem Gemüse, von rohem und konserviertem Obst, von Beerenfrüchten, Marmeladen und Säften. Aber endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften und Maschinen, vorgeführt von mehreren technischen Firmen, versehen mit allem, was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu den großen, schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie in einem Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande bis zu solchen, die aus einem Gewirr von Rädern, Ketten, Kolben, Walzen, Armen und Zähnen bestanden -- eine Welt, eine ganze, beschämende Welt sinnreicher Nützlichkeit.

Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Säbelgriff überm Unterarm, die Reihen der Tiere, Käfige, Säcke, Bottiche, Gläser und Utensilien ab. Der Herr zu seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weißen Glacéhandschuh auf das einzelne hin, indem er sich diese und jene Erläuterung gestattete, und Klaus Heinrich tat, was seines Berufes war. Er äußerte sich in Worten vollster Anerkennung über alles, was er sah, er blieb von Zeit zu Zeit stehen und zog die Aussteller der Tiere ins Gespräch, erkundigte sich in leutseliger Weise nach ihren Verhältnissen und stellte Fragen, die die ländlichen Männer beantworteten, indem sie sich hinter den Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden Seiten für die Huldigungen der Bevölkerung, die seinen Weg besetzt hielt.

Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten, hatte das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg war ihm freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers, und er schritt lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend, allein und formvoll geschieden von all diesen Menschen, die ihrem Urbilde, ihrer echten Art zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren Leben, Arbeit und Tüchtigkeit er festlich darstellte, ohne teil daran zu haben.

Mit einem leichten und freien Schritte bestieg er den Wagen, ließ sich kunstreich nieder, so daß er sofort eine anmutige und vollkommene Haltung gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grüßend zum »Gesellschaftshause«, wo das Frühstück eingenommen wurde. Der Bezirksamtmann brachte dabei -- und zwar nach dem zweiten Gange -- einen Trinkspruch auf den Großherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus Heinrich sich unverzüglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der Stadt zu trinken. Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer zurück, die der Bürgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingeräumt hatte, und legte sich auf eine Stunde ins Bett; denn seine Berufsausübung erschöpfte ihn in seltsamem Maße, und nachmittags sollte er nicht nur in dieser Stadt die Kirche, die Schule, verschiedene Betriebe, besonders das Käselager der Gebrüder Behnke, besichtigen und sich über alles höchst befriedigt aussprechen, sondern auch noch seine Reise eine Strecke fortsetzen und eine Unglücksstätte, ein abgebranntes Dorf besuchen, um der Behörde seines Bruders Mitgefühl und sein eigenes auszudrücken und die Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe Gegenwart ...

Aber daheim auf Schloß »Eremitage«, zurückgekehrt in seine enthaltsam möblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte über seine Fahrten. Dann erschien Geheimrat Schustermann vom Preßbureau, das dem Ministerium des Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die Ausschnitte aus den Zeitungen, die reinlich auf weiße Bogen geklebt, datiert und mit dem Namen des Blattes versehen waren. Und Klaus Heinrich las von seiner persönlichen Wirkung, las über seines Wesens Anmut und Hoheit, las, daß er seine Sache gut gemacht und sich die Herzen von jung und alt im Sturm gewonnen -- daß er den Sinn des Volkes vom Alltag erhoben und zur Liebe und Freude hingerissen habe.

Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schloß, wie es vereinbart war.