Part 12
Klaus Heinrich verließ gegen fünf Uhr die Eremitage. Da sonniges Wetter herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte Gefährt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von Ansehen, näherte sich dreiviertel fünf Uhr, vom Stalle kommend, der mit seinem gepflasterten Hof am rechten Flügel der Wirtschaftsgebäude gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlößchen. Die Wirtschaftsgebäude, ockerfarbene, altväterische Erdgeschoß-Baulichkeiten, bildeten mit dem weißen und schlichten Herrenhause (wenn auch in einiger Entfernung davon) einen ziemlich langen Trakt, dessen in regelmäßigen Abständen mit Lorbeerbäumen gezierte Front dem schlammigen Teich und dem öffentlichen Teile des Parks zugewandt war. Der vordere Teil des Besitzes nämlich, der in den Stadtgarten überging, war dem Verkehr, Fußgängern und leichtem Fuhrwerk, geöffnet, und eingefriedigt nur der ein wenig ansteigende Blumengarten, auf dessen Höhe das Schloß lag, sowie der rückwärts gelegene und arg verwilderte Parkgrund, der durch Hecke und Zaun gegen wüste, mit Schutt bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war. -- Der Wagen also fuhr auf dem Wege zwischen Teich und Wirtschaftsgebäude hin, lenkte durch die hohe, mit zwei ehemals vergoldeten Laternen geschmückte Gartenpforte, legte die Auffahrt zurück und wartete vor der kleinen, steifen, von Lorbeerbäumen flankierten Terrasse, die zum Gartenzimmer emporführte.
Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fünf Uhr heraus. Er trug wie gewöhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der Leibgrenadiere und hatte den Säbelgriff über den Arm gehängt. Neumann, in violettem Frack, dessen Ärmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhänden den zusammengelegten grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, während der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwärts vom Bock neigte, ordnete der Kammerdiener die leichte Wagendecke über Klaus Heinrichs Knien und trat mit stummer Verbeugung zurück. Die Pferde zogen an.
Draußen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergänger aufgestellt. Sie grüßten, führten, mit emporgezogenen Brauen lächelnd, ihre Hüte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine weiß bekleidete Rechte an den Mützenschirm legte und mehrmals lebhaft den Kopf neigte.
Es ging am Rande unbebauten Geländes eine Birkenallee entlang, deren Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen ärmlichen Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straßen, wo Volkskinder einen Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen ließen, um dem Gefährt mit grüblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stückchen neben den Rädern her. Übrigens hätte der Wagen auch den Weg über den Quellengarten nehmen können; aber der durch die Vorstadt war kürzer, und die Zeit drängte. Ditlinde war von empfindlicher Ordnungsliebe und leicht gereizt, wenn man durch Unpünktlichkeit den Gang ihres Hauswesens störte.
Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das Überbeins Freund Doktor Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorüber. Und dann verließ sein Wagen die volkstümliche Gegend und gelangte in die Gartenstraße, eine stattliche, mit Bäumen bepflanzte Avenue, an welcher die Häuser und Villen begüterter Bürger lagen, und deren Trambahnlinie den Quellengarten mit dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich lebhafter Verkehr, und Klaus Heinrich war angestrengt beschäftigt, die Grüße zu erwidern, die man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hüte und blickten von unten, Offiziere, zu Pferd und zu Fuß, erwiesen Honneur, Schutzmänner machten Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke führte die Hand zum Mützenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem von Jugend auf geübten Nicken und Lächeln, das bestimmt war, die Leute in ihrer Teilnahme an seiner festlichen Persönlichkeit zu bestärken ... Er hatte eine ganz eigentümliche Art, im Wagen zu sitzen -- nicht träg und bequem in den Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf ähnliche Weise beteiligt zu sein wie beim Reiten, indem er, die Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt und einen Fuß etwas vorgestellt, die Unebenheiten des Bodens gleichsam »nahm«, sich tätig den Bewegungen des schlecht federnden Wagens anpaßte ...
Die Chaise fuhr über den Albrechtsplatz, ließ das Alte Schloß mit der präsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die Albrechtsstraße in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und rollte zur Linken in den Hof des Fürstlich Riedschen Palais. Es war ein Bau von intimen Verhältnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem geschwungenen Giebel über dem Hauptportal, umschnörkelten _oeils-de-boeuf_ im Zwischengeschoß, hohen Balkonfenstern in der Beletage und einer zierlichen _cour d'honneur_, die von den beiden nur einstöckigen Seitenflügeln gebildet wurde und gegen die Straße durch ein gebogenes Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten spielten. Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu dem geschichtlichen Stil seines Äußeren durchaus in einem neuzeitlichen und behaglich-bürgerlichen Geschmack gehalten.
Ditlinde empfing ihren Bruder in einem großen Salon des ersten Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blaßgrüner Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den Hauptteil abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstöcken in Metallkübeln und farbig prangenden Blumentischen angefüllt war.
»Guten Tag, Klaus Heinrich«, sagte die Fürstin. Sie war zart und schlank, und üppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich goldenen Widderhörnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken Flechten über ihrem herzförmigen Antlitz mit den Grimmburger Wangenknochen lastete. Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem Stoff mit einem spitz ausgeschnittenen, brusttuchartigen weißen Spitzenkragen, der am Gürtel mit einer altmodischen ovalen Brosche zusammengehalten war. Die feine Haut ihres Gesichtes ließ da und dort, an den Schläfen, auf der Stirn, in den Winkeln ihrer sanft und kühl blickenden blauen Augen, bläuliche Adern und Schatten durchscheinen. Es fing an, sichtbar zu werden, daß sie guter Hoffnung war.
»Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen!« antwortete Klaus Heinrich, indem er sich mit zusammengezogenen Absätzen über ihre kleine, weiße, ein wenig zu breite Hand beugte. »Wie es duftet bei dir! Und da drinnen ist auch alles voll, wie ich sehe.«
»Ja,« sagte sie, »die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir immer gewünscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu können, lebenden, duftenden Blumen, die ich warten könnte -- so etwas wie ein heimlicher Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich könnt' ich sagen, daß ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schloß, da gab's keine Blumen, wie du weißt ... Das Alte Schloß und Blumen! Da hätten wir lange stöbern können, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so staubig und schrecklich ... bewahre ...«
»Aber der Rosenstock, Ditlinde.«
»Ja, großer Gott -- =ein= Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, daß sie eines Tages ganz natürlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich mir gar nicht denken.«
»Du wirst nun bald«, sagte er und sah sie lächelnd an, »etwas noch Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.«
»Ja,« sagte sie und errötete rasch und schwach, »ja, Klaus Heinrich, =das= kann ich mir nun freilich =auch= nicht denken. Und doch wird es sein, wenn es Gott gefällt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder einmal beieinander sitzen ...«
Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im Verhältnis zu seiner Höhe, mit einem graublauen Teppich versehen und ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Möbeln, deren Sitze blasse Seidenbezüge zeigten. Ein Lüster aus milchigem Porzellan hing von dem weiß umschnörkelten Mittelpunkt der Decke herab, und die Wände waren mit Ölbildern von verschiedener Größe geschmückt, Erwerbungen des Fürsten Philipp, lichterfüllten Studien im neuen Geschmack, die weiße Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne, besonnte Wiesen und bäuerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dünnbeinige Damensekretär beim weiß verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert peinlich geordneten Sächelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren zierlichen Notizblocks -- denn die Fürstin war gewohnt, sich über alle ihre Pflichten und Absichten sorgfältige und übersichtliche Notizen zu machen --, vorm Tintenfaß lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter Abreißkalender befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der Bleistiftvermerk zu lesen war: »5 Uhr: meine Brüder«. Gegenüber der weißen Flügeltür zum Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem Halbkreis von Stühlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem blauseidenen Läufer gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit Konfekt, längliche Schalen mit Zuckergebäck und winzigen Butterbrötchen waren in ebenmäßiger Anordnung darauf verteilt, und seitwärts dampfte auf einem Glastischchen über seiner Spiritusflamme der silberne Teekessel. Aber überall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem Teetisch, dem Spiegeltisch, dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten, dem Tischchen neben der weißen Chaiselongue, waren Blumen, und ein Blumentisch voller Topfgewächse stand zum Überfluß auch hier vor dem Fenster.
Dies Zimmer, abseits und im Winkel zu der Flucht der Empfangsräume gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz enge Nachmittagsempfänge gab und eigenhändig den Tee zu bereiten pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heißem Wasser spülte und mit einem silbernen Löffelchen Tee hineinschüttete.
»Und Albrecht ... wird er kommen?« fragte er mit unwillkürlich gedämpfter Stimme ...
»Ich hoffe es«, sagte sie, indem sie sich aufmerksam über die kristallene Teebüchse beugte, wie um nichts zu verschütten (und auch er vermied es, sie anzusehen). »Ich habe ihn natürlich gebeten, Klaus Heinrich, aber du weißt, er kann sich nicht binden. Es hängt von seinem Befinden ab, ob er kommt ... Ich mache nun erst einmal unsern Tee, denn Albrecht bekommt seine Milch ... Übrigens kann es sein, daß auch Jettchen heute ein bißchen vorspricht. Es wird dich freuen, sie wiederzusehen. Das lebhafte Ding weiß immer so viel zu erzählen ...«
Mit »Jettchen« war ein Fräulein von Isenschnibbe gemeint, der Fürstin vertraute Dame und Freundin. Sie standen seit Kindestagen auf du und du.
»Und immer gerüstet?« sagte Ditlinde, indem sie den gefüllten Teetopf auf den Untersatz stellte und ihren Bruder betrachtete ... »Immer in Uniform, Klaus Heinrich?«
Er stand mit geschlossenen Absätzen und rieb seine linke Hand, die an Kälte litt, in der Höhe der Brust mit der Rechten.
»Ja, Ditlinde, ich habe es gern so, es ist mir lieber. Es sitzt so fest, weißt du, und man ist angezogen. Außerdem ist es billiger, denn eine ordentliche Zivilgarderobe läuft, glaube ich, schrecklich ins Geld, und Schulenburg klagt ohnedies beständig, daß alles so teuer wird. So komm ich mit zwei, drei Röcken aus und kann mich mit Ehren sogar bei meinen reichen Verwandten sehen lassen ...«
»Reiche Verwandte!« lachte Ditlinde. »Ja, damit hat es noch gute Weile, Klaus Heinrich!«
Sie setzten sich an den Teetisch, Ditlinde auf die Sofabank, Klaus Heinrich auf einen Stuhl gegenüber dem Fenster.
»Reiche Verwandte!« wiederholte sie, und man sah, wie der Gegenstand sie erwärmte. »Nein, weit gefehlt, wie sollten wir reich sein, wo doch das Barvermögen gering ist und alles in den Unternehmungen steckt, Klaus Heinrich. Und die sind jung und im Werden, sind allesamt noch im Wachstum begriffen, wie mein guter Philipp sagt, und werden wohl erst unsern Nachkommen die vollen Früchte tragen. Aber es geht vorwärts, so viel ist wahr, und ich halte Ordnung in der Wirtschaft ...«
»Ja, das tust du, Ditlinde, Ordnung hältst du!«
»... halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljährlich was Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter Philipp ... Er läßt dich grüßen, Klaus Heinrich, ich vergaß das, er bedauert herzlich, heute nicht anwesend sein zu können ... Da sind wir nun kaum von Hohenried zurück, und er ist schon wieder unterwegs, in Geschäften, auf den Gütern -- so klein und zart von Natur, wie er ist, aber wenn es um seinen Torf und seine Sägemühlen geht, so bekommt er rote Backen, und er sagt selbst, daß er viel gesünder geworden ist, seitdem er so viel zu tun hat ...«
»Sagt er das?« fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas Trübes, während er geradeaus über den Blumentisch hin auf das helle Fenster blickte ... »Ja, ich kann es mir ganz gut denken, daß es gewissermaßen anregend wirken muß, so recht tüchtig beschäftigt zu sein. Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemäht, zum zweitenmal dieses Jahr, und es macht mir Spaß, zu sehen, wie das Heu zu regelrechten Hügeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, daß es aussieht wie ein Lager von kleinen Indianerhütten, oder so ähnlich, und dann wird Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natürlich nicht zu vergleichen ...«
»Ach, du!« sagte Ditlinde und drückte das Kinn auf die Brust. »Mit dir ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nächste am Thron! Du bist doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du dich deiner Beliebtheit bei den Leuten ...«
Sie schwiegen eine Weile.
»Und du, Ditlinde,« sagte er dann, »nicht wahr, dir geht es ebenfalls gut und besser als früher, da müßt' ich mich täuschen. Ich sage nicht, daß du rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein bißchen durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du hast einen frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du verheiratet bist, aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf dich.«
Sie saß in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust verschränkt.
»Ja,« sagte sie, »mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen, und das wäre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glücke bekennen. Siehst du, ich weiß sehr gut, daß manche Leute im Land enttäuscht sind von meiner Heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen und was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit zu suchen, denn Bruder Albrecht, das weißt du so gut wie ich, im Herzen verachtet er meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht leiden und nennt ihn bei sich einen Händler und Bürgersmann. Aber das kann mich nicht kümmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand genommen -- ergriffen würd' ich sagen, wenn es nicht so wild klänge --, habe sie genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem Alten Schlosse herauszuführen. Denn wenn ich daran zurückdenke, an das Alte Schloß und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl immer fortgeführt hätte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fühle, daß ich es nicht ertragen hätte und wirr und wunderlich geworden wäre wie die arme Mama. Ich bin ein bißchen zart von Natur, wie du weißt, ich wäre ganz einfach zugrunde gegangen, in so viel Öde und Traurigkeit, und als der gute Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn die Leute sagen, daß ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich gewissermaßen abgedankt habe und hierhergeflüchtet bin, wo es ein bißchen wärmer und freundlicher ist, und wenn sie sagen, daß es mir an Würdegefühl oder Hoheitsbewußtsein, oder wie sie es nennen, gebricht, dann sind sie dumm und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel, ich habe im Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst hätte das Alte Schloß mir nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht verstehen können, denn er hat auch zuviel davon auf seine Art -- wir Grimmburger haben alle zuviel davon, und darum sieht es zuweilen aus, als hätten wir zuwenig. Und manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie jetzt, und ich hier sitze, unter meinen Blumen und Philipps Bildern mit all ihrer Sonne -- nur gut, daß es gemalte Sonne ist, denn bewahre! sonst müßte man Schutzvorkehrungen treffen -- und alles ist ordentlich und nett, und ich denke an das Bessere, wie du es nennst, das ich nun bald zu warten haben werde, dann komme ich mir vor wie die kleine Meernixe in dem Märchen, das Madame aus der Schweiz uns vorlas, wenn du dich erinnerst -- die eines Menschen Frau wurde und Beine erhielt statt ihres Fischschwanzes ... Ich weiß nicht, ob du mich verstehst ...«
»O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin herzlich froh, daß alles sich so gut und glücklich für dich gefügt hat. Denn es ist gefährlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach schwer für uns, auf eine angemessene Art glücklich zu werden. Man gerät so bald auf Irrwege und wird mißverstanden, denn das Schlimme ist, daß eigentlich niemand unsere Würde hütet, wenn wir es nicht selber tun, und dann artet alles so leicht in Schimpf und Schande aus ... Aber wo ist der richtige Weg? Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in den Zeitungen verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein Versuchsballon, wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der Zeit. Aber Griseldis ist ein törichtes Mädchen und halbtot vor Bleichsucht und sagt immer nur ›jä‹, soweit ich sie kenne. Ich denke gar nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei Dank, auch nicht. Die Nachricht ist ja auch gleich als unbegründet bezeichnet worden ... Jetzt kommt Albrecht!« sagte er und stand auf.
Man hatte draußen gehüstelt. Ein Diener in olivengrüner Livree öffnete mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die Flügeltür und meldete mit gesenkter Stimme: »Seine Königliche Hoheit, der Herr Großherzog.«
Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den großen Salon.
Er hatte die hundert Schritte vom Alten Schlosse hierher in geschlossenem Wagen, den Jäger auf dem Bocke, zurückgelegt. Er war in Zivil wie fast immer, trug einen geschlossenen Gehrock mit kleinen Atlasaufschlägen und Lackstiefel an seinen schmalen Füßen. Seit seiner Thronbesteigung hatte er sich einen Spitzbart wachsen lassen. Sein kurzgeschnittenes blondes Haar trat in zwei Buchten von seinen feinen, eingedrückten Schläfen zurück. Sein Gang war ein linkisches und dennoch unbeschreiblich vornehmes Stolzieren, wobei seine Schulterblätter sich auf befangene Art verzogen. Er trug den Kopf zurückgelehnt und schob seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog.
Die Fürstin ging ihm bis zur Schwelle entgegen. Da er die Bewegung des Handkusses scheute, so reichte er ihr einfach mit einem leisen, fast geflüsterten Grußwort die Hand -- seine magere, kalte Hand von seltsam empfindlichem Ausdruck, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen. Dann begrüßte er auf dieselbe Art seinen Bruder Klaus Heinrich, der ihn mit geschlossenen Absätzen vor seinem Stuhle erwartet hatte -- und sagte nichts mehr.
Ditlinde redete. »Das ist liebenswürdig, Albrecht, daß du kommst. Es geht dir also gut? Du siehst vorzüglich aus. Philipp läßt dir sein Bedauern ausdrücken, heute abwesend sein zu müssen. Bitte, nimm Platz, wo es dir am besten gefällt, zum Beispiel hier, mir gegenüber. Der Stuhl ist ziemlich bequem, du hast ihn das letztemal auch gehabt. Ich habe einstweilen unseren Tee gemacht. Du bekommst sogleich deine Milch ...«
»Danke«, sagte er leise. »Ich muß um Entschuldigung bitten ... ich habe mich verspätet. Du weißt, wenn der Weg am kürzesten ist ... Und dann muß ich nachmittags liegen ... Wir werden unter uns bleiben?«
»Ganz unter uns, Albrecht. Höchstens, daß Jettchen Isenschnibbe ein bißchen vorspricht, wenn es dir nicht unangenehm ist ...«
»Ah?«
»Aber ich kann mich ebensogut verleugnen lassen.«
»Oh, bitte ...«
Man servierte die heiße Milch. Albrecht umfaßte das hohe, dicke, gebuckelte Glas mit beiden Händen.
»Ah, etwas Wärme«, sagte er. »Wie es schon kalt ist hierzulande. Und den ganzen Sommer habe ich in Hollerbrunn gefroren. Ihr habt noch nicht geheizt? Ich habe schon heizen lassen. Andererseits leide ich unter dem Ofengeruch. Alle Öfen riechen. Von Bühl verspricht mir jeden Herbst die Zentralheizung für das Alte Schloß. Aber es scheint nicht tunlich.«
»Armer Albrecht«, sagte Ditlinde. »Um diese Jahreszeit warst du schon immer im Süden, solange Papa noch lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
»Dein Mitgefühl ehrt dich, meine gute Ditlinde«, antwortete er, immer sehr leise und ein wenig lispelnd. »Aber wir müssen einsehen, daß ich nicht abkömmlich bin. Ich muß bekanntlich das Land regieren, dazu bin ich da. Heute habe ich die gnädigste Entschließung gefaßt, zu gestatten, daß irgendein Staatsbürger -- es tut mir leid, seinen Namen vergessen zu haben -- einen fremden Orden annimmt und trägt. Ferner habe ich ein Telegramm an die Jahresversammlung der Gartenbaugesellschaft abgehen lassen, worin ich das Ehrenpräsidium dieser Gesellschaft annehme und mein Wort verpfände, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu fördern -- ohne daß ich freilich wüßte, was ich außer dem Telegramm noch zur Förderung beitragen soll, denn die Herren besorgen ihre Angelegenheiten ganz gut allein. Außerdem habe ich geruht, die Wahl eines gewissen braven Mannes zum Bürgermeister meiner guten Stadt Siebenberge zu bestätigen -- wobei sich fragen ließe, ob dieser Untertan durch meine Bestätigung ein besserer Bürgermeister wird, als er ohne sie sein würde ...«
»Nun ja, Albrecht, das sind Kleinigkeiten!« sagte Ditlinde. »Ich bin überzeugt, daß dir wichtigere Geschäfte vorgelegen haben ...«
»Oh, unbedingt. Ich habe meinen Minister für Finanzen und Landwirtschaft bei mir gesehen. Es war an der Zeit. Doktor Krippenreuther hätte es mir bitter übelgenommen, wenn ich ihn nicht wieder einmal befohlen hätte. Er ist summarisch verfahren und hat mir zur Übersicht über mehrere untereinander verwandte Gegenstände auf einmal Vortrag gehalten, über die Ernte, über die neuen Grundsätze für die Aufstellung des Budgets, über die Steuerreform, mit der er beschäftigt ist. Die Ernte soll schlecht gewesen sein. Die Bauern sind von Mißwachs und Wetterschäden betroffen worden, und darum sind nicht nur sie, sondern auch Krippenreuther übel daran, denn die Steuerkraft des Landes, sagt er, ist wieder einmal beeinträchtigt. Außerdem hat es leider in einem und dem anderen Silberbergwerk Katastrophen gegeben. Die Betriebe stehen, sagt Krippenreuther, sie sind erträgnislos, und die Wiederherstellung wird große Summen verschlingen. Ich habe das alles mit einer passenden Miene angehört und getan, was ich tun konnte, indem ich meinem Kummer über soviel Mißgeschick Ausdruck gab. Hierauf habe ich die Frage erörtern hören, ob die Kosten der notwendigen Neubauten für die Rentämter und für die Behörden der Forst- und Zoll- und Steuerverwaltung auf den ordentlichen oder den außerordentlichen Etat zu setzen sind, habe mehreres von Progressionsskala und Kapitalrentensteuer und Wandergewerbssteuer und Entlastung der notleidenden Landwirtschaft und Belastung der Städte aufgefangen und hatte im ganzen den Eindruck, daß Krippenreuther seine Sache verstünde. Ich selbst verstehe natürlich so gut wie gar nichts davon, was Krippenreuther auch weiß und billigt, und so habe ich denn ›ja, ja‹ und ›freilich wohl‹ und ›ich danke Ihnen‹ gesagt und habe alles gehen lassen, so gut es kann.«
»Du sprichst so bitter, Albrecht.«