Königliche Hoheit: Roman

Part 10

Chapter 103,352 wordsPublic domain

Zwischen dem Lakaienpaar hindurch, das mit einem Ausdruck von Unerbittlichkeit die Lippen zusammenpreßte und die Augen schloß, hielt man Einzug in die weiß-goldene Weite des Thronsaales. Andächtige Übungen, ein Sinken und Wogen, Scharren, Beugen und Salutieren fing an und setzte sich fort durch den Saal, wie man an der Front der Festgäste vorüberzog. Es waren Diplomaten mit ihren Damen, Hof- und Landadel, das Offizierkorps der Residenz, die Minister, unter denen man die gezwungen zuversichtliche Miene des neuen Finanzministers Doktor Krippenreuther gewahrte, die Ritter des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen, die Präsidenten des Landtags, allerlei Würdenträger. Aber hoch oben in der kleinen Loge, die an der Entreeseite über dem großen Spiegel gelegen war, bemerkte man die Vertreter der Presse, die emsig notierend einander über die Schultern blickten ... Vor dem Thronbaldachin, einem ebenmäßig gerafften Sammetarrangement, von Straußenfedern gekrönt und mit Goldborten eingefaßt, die der Auffrischung bedurft hätten, teilte sich der Zug wie bei einer Polonäse, führte genau vorgeschriebene Evolutionen aus. Die Edelknaben, die Kammerherren schwenkten nach rechts und links, Herr von Bühl ging mit dem Throne zugekehrtem Antlitz und erhobenem Stabe rückwärts und blieb inmitten des Saales stehen. Das Großherzogliche Paar und seine Kinder stiegen die gerundeten, rot ausgeschlagenen Stufen hinan zu den weit ausladenden und vergoldeten Theaterstühlen, die dort oben standen. Die übrigen Mitglieder des Hauses ordneten sich mit den auswärtigen Hoheiten zu beiden Seiten des Thrones, hinter ihnen stellte sich das Gefolge, die Ehrendamen, die diensttuenden Kavaliere auf, und Pagen besetzten die Stufen. Auf einen Handwink Johann Albrechts eilte Herr von Knobelsdorff, der vorerst gegenüber dem Throne Posten gefaßt hatte, mit lächelnden Augen und in einer bestimmten Bogenlinie auf das mit Sammet behangene Tischchen zu, das seitwärts vor den Stufen stand, und begann an der Hand von mehreren Dokumenten mit den amtlichen Formalitäten.

Klaus Heinrich ward für mündig erklärt und damit für fähig und berechtigt, wenn die Not es erheischte, die Krone zu tragen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet an dieser Stelle -- und auf Albrechts, seines älteren Bruders, Königliche Hoheit, der neben ihm stand. Der Erbgroßherzog trug die Rittmeisteruniform des Husarenregimentes, dem er dem Namen nach angehörte. Aus seinem mit Silber betreßten Kragen ragte unmilitärisch weit der weiße Zivilstehkragen hervor, und darauf ruhte sein feiner, kluger und kränklicher Kopf mit dem langen Schädel und den schmalen Schläfen, dem strohblonden, noch formlosen Bart auf der Oberlippe und den blauen, einsam blickenden Augen, die den Tod gesehen hatten ... Kein Reiterkopf eben, aber so schlank und unnahbar adelig, daß der Klaus Heinrichs mit seinen volkstümlichen Backenknochen fast plump dagegen erschien. Der Erbgroßherzog machte seinen kleinen Mund, während alle ihn ansahen, schob ein wenig seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog.

Sämtliche Orden des Landes wurden dem volljährig gewordenen Prinzen verliehen, auch das Albrechtskreuz und der Große Orden vom Grimmburger Greifen, abgesehen vom Hausorden zur Beständigkeit, dessen Insignien er seit seinem zehnten Geburtstage besaß. Und dann fand große Gratulation statt, in Form einer Defiliercour, geleitet von dem schwänzelnden Herrn von Bühl -- woran sich das Galafrühstück im Marmorsaal und im Saal der zwölf Monate schloß ...

Während der nächsten Tage wurden die auswärtigen Fürstlichkeiten unterhalten. In Hollerbrunn ward ein Gartenfest abgehalten, mit Feuerwerk und Tanz für die höfische Jugend im Park. Feierliche Lustfahrten mit Pagen durch das sommerliche Land nach Monbrillant, nach Jägerpreis, nach der Ruine Haderstein wurden unternommen, und das Volk, dieser untersetzte Schlag mit den grübelnden Augen und den zu hoch sitzenden Wangenknochen, gratulierte, indem es an den Wegen stand und Lebehochs ausbrachte auf sich selbst und seine Repräsentanten. In der Residenz hing Klaus Heinrichs Photographie in den Fenstern der Kunsthändler, und der »Eilbote« brachte sogar gedruckt ein Bildnis von ihm, eine populäre und seltsam idealisierte Zeichnung, die den Prinzen im Purpurmantel darstellte. Aber dann kam nochmals ein großer Tag: Klaus Heinrichs formelle Einstellung ins Heer, in das Regiment der Leibgrenadiere, ward vorgenommen.

Das ging so zu. Das Regiment, dem die Ehre zuteil werden sollte, Klaus Heinrich zu seinen Offizieren zu zählen, war auf dem Albrechtsplatz in offenem Viereck aufgestellt. Viele Federbüsche wehten in der Mitte; die Prinzen des Hauses, die Generale waren anwesend. Das Publikum, schwärzlich gegen das bunte Tableau, staute sich hinter den Absperrungslinien. Photographische Apparate waren an mehreren Stellen auf den Ort der Handlung gerichtet. Die Großherzogin sah mit den Prinzessinnen und ihren Damen von den Fenstern des Alten Schlosses dem Schauspiele zu.

Klaus Heinrich, als Leutnant gekleidet, meldete sich zunächst in aller Form beim Großherzog im Schloß. Ernst, ohne an ein Lächeln zu denken, trat er vor seinen Vater hin, um ihm mit geschlossenen Beinen dienstlich kundzumachen, daß er zur Stelle sei. Der Großherzog dankte ihm kurz, gleichfalls ohne ein Lächeln, und begab sich dann auch seinerseits, gefolgt von seinen Adjutanten, in großer Uniform und mit flatterndem Federbusch, auf den Platz hinab. Klaus Heinrich trat vor die gesenkte Fahne, ein gesticktes, vergilbtes und halbzerfetztes Seidentuch, und leistete den Eid. Der Großherzog hielt in abgerissenen Sätzen und mit einer scharfen Kommandostimme, deren er sich eigens zu diesem Zwecke bediente, eine Ansprache, worin er seinen Sohn »Eure Großherzogliche Hoheit« anredete, und drückte dem Prinzen öffentlich die Hand. Der Oberst der Leibgrenadiere brachte mit rotem Gesicht ein Hoch auf den Großherzog aus, in das die Gäste, das Regiment und das Publikum einstimmten. Eine Parade schloß sich an, und das Ganze endigte mit einem militärischen Frühstück im Schloß.

Dieser schöne Akt auf dem Albrechtsplatze war ohne praktische Bedeutung, er trug seinen Wert in sich selbst. Klaus Heinrich trat nun keineswegs den Frontdienst an, sondern begab sich noch am selben Tage mit seinen Eltern und Geschwistern nach Hollerbrunn, um dort, in den kühlen, altfränkischen Zimmern am Fluß, zwischen den mauerähnlichen Hecken des Parks, den Sommer zu verbringen und dann, im Herbst, die Universität zu beziehen. Denn so entsprach es dem vorgezeichneten Plane seines Lebens: Im Herbst bezog er auf ein Jahr die Universität, nicht die der Residenz, sondern die zweite des Landes, und zwar in Begleitung Doktor Überbeins, seines Studienlehrers.

Die Berufung dieses jungen Gelehrten zum Mentor war wiederum auf einen besonderen, lebhaft vertretenen Wunsch des Prinzen zurückzuführen, und gerade was die Persönlichkeit des Gouverneurs und älteren Kameraden betraf, den Klaus Heinrich während dieses Jahres studentischer Freiheit an seiner Seite sehen sollte, so glaubte man an maßgebender Stelle seine ausgesprochene Willensmeinung berücksichtigen zu müssen. Gleichwohl sprach manches gegen diese Wahl; sie war unpopulär, wurde wenigstens in weiteren Kreisen laut oder leise mißbilligt.

Raoul Überbein war nicht beliebt in der Residenz. Seine Rettungsmedaille und seine ganze beängstigende Strebsamkeit in Ehren, aber dieser Mann war kein angenehmer Mitbürger, kein liebenswürdiger Kollege, kein einwandfreier Beamter. Die Wohlwollendsten sahen in ihm einen Sonderling von verbissener und unselig rastloser Gemütsart, der keinen Sonntag, keinen Feierabend, kein Ausspannen kannte und es nicht verstand, nach erfüllter Berufspflicht ein Mensch unter Menschen zu sein. Dieser natürliche Sohn einer Abenteurerin hatte sich mittellos aus den Tiefen der Gesellschaft, aus einer dunklen und aussichtslosen Jugend mit zäher Willenskraft zum Volksschullehrer, zum akademischen Würdenträger, zum Gymnasialdozenten emporgearbeitet, hatte es erlebt -- »erreicht«, wie manche sagten --, daß er ins Fasaneriekonvikt als Lehrer eines großherzoglichen Prinzen berufen wurde; und dennoch gelangte er zu keiner Ruhe, keinem Genügen, keinem behaglichen Genuß des Lebens ... Aber das Leben, wie irgendein guter Kopf ganz zutreffend im Hinblick auf Doktor Überbein bemerkte, das Leben geht in Beruf und Leistung nicht auf, es hat seine rein menschlichen Anforderungen und Pflichten, die außer acht zu lassen eine schwerere Sünde bedeutet als etwa eine gewisse Jovialität gegen sich und andere auf dem Gebiete der Arbeit, und eine harmonische Persönlichkeit darf jedenfalls nur genannt werden, wer jedem Teile, dem Beruf und der Menschlichkeit, dem Leben und der Leistung das seine zu geben versteht. Überbeins Mangel an kollegialem Empfinden mußte gegen ihn einnehmen. Er mied jede gesellige Gemeinschaft mit seinen Amtsgenossen, und sein freundschaftlicher Verkehr beschränkte sich auf die Person eines Herrn aus anderer wissenschaftlicher Sparte, eines Arztes und Kinderspezialisten mit dem unsympathischen Namen Sammet, der übrigens großen Zulauf hatte und mit dem Überbein vielleicht in gewissen Charakterzügen übereinstimmte. Aber höchst selten -- und auch dann nur gleichsam aus Gnade -- fand er sich etwa an dem Stammtisch ein, der die Gymnasiallehrer nach des Tages Müh und Last zu einem Glase Bier, einem Kartenspiel, einem zwanglosen Gedankenaustausch über öffentliche und persönliche Fragen um sich vereinigte -- sondern er verbrachte seine Abende und, wie man von seiner Wirtin wußte, auch einen großen Teil der Nacht mit wissenschaftlicher Arbeit in seinem Studierzimmer --, während seine Gesichtsfarbe beständig grünlicher wurde und die Überspannung ihm in den Augen zu lesen war. Die Behörde hatte sich kurz nach seiner Rückkehr von Schloß Fasanerie veranlaßt gesehen, ihn zum Oberlehrer zu ernennen. Was wollte er noch werden? Direktor? Hochschulprofessor? Unterrichtsminister? Fest stand, daß sich in der Maß- und Friedlosigkeit seines Strebens Unbescheidenheit und Überheblichkeit verbarg -- oder vielmehr nicht verbarg. Sein Gehaben, seine laute, scharf schwadronierende Redeweise ärgerte, reizte, erbitterte. Er wahrte gegen ältere und ihm übergeordnete Mitglieder des Lehrkörpers den Ton nicht, der ihm zukam. Er benahm sich väterlich gegen jedermann, vom Direktor bis zum geringsten Hilfslehrer, und seine Art, von sich selbst als von einem Manne zu reden, der »sich den Wind hatte um die Nase wehen lassen«, von »Schicksal und Strammheit« zu rodomontieren und dabei seine wohlwollende Geringschätzung all derer an den Tag zu legen, die »es nicht nötig hatten« und »sich des Morgens eine Zigarre anzündeten«, war zweifellos dünkelhaft. Seine Schüler hingen an ihm, er erzielte ausgezeichnete Ergebnisse mit ihnen, das traf zu. Aber im übrigen besaß der Doktor viele Feinde in der Stadt, mehr, als er sich träumen ließ, und das Bedenken, sein Einfluß auf den Prinzen möchte kein wünschenswerter sein, trat sogar in einem Teile der Presse zutage ...

Jedenfalls erhielt Überbein Urlaub von der Lateinschule, besuchte zunächst allein, als Quartiermacher, das berühmte Studentenstädtchen, in dessen Mauern Klaus Heinrich das Jahr seiner Burschenherrlichkeit verbringen sollte, und wurde bei seiner Rückkehr von dem Minister des Großherzoglichen Hauses, Exzellenz von Knobelsdorff, in Audienz empfangen, um die üblichen Instruktionen entgegenzunehmen. Ihr Inhalt war, das nahezu wichtigste Ergebnis dieses Jahres habe darin zu bestehen, daß auf dem gemeinsamen Boden akademischer Ungebundenheit zwischen dem Fürstensohn und der studentischen Jugend eine kameradschaftliche Überlieferung geschaffen werde, und zwar aus allgemeinem dynastischen Interesse -- feststehende Redewendungen, die von Herrn von Knobelsdorff ziemlich obenhin vorgebracht wurden, und die Doktor Überbein mit stummer Verbeugung entgegennahm, indem er seinen Mund mitsamt dem roten Bart ein wenig seitwärts zog. Dann erfolgte Klaus Heinrichs Abreise, mit seinem Mentor, einem Dogcart und einiger Dienerschaft, auf die Universität.

Ein schönes, vom Reize musischer Freiheit umwobenes Jahr in den Augen des Publikums und im Spiegel der öffentlichen Berichterstattung -- doch ohne sachliches Schwergewicht in jeder Beziehung. Befürchtungen, die etwa dahin gegangen waren, Doktor Überbein möchte verfehlter- und mißverständlicherweise den Prinzen mit allzu schwerfälligen Ansprüchen in gegenständlich wissenschaftlicher Richtung behelligen, wurden zerstreut. Im Gegenteil wurde deutlich, daß der Doktor zwischen seiner eigenen ernsten und der hohen Daseinsform seines Schülers wohl zu unterscheiden wisse. Andererseits blieb es (gleichviel, ob durch Schuld des Mentors oder des Prinzen selbst) auch in bezug auf die Instruktion, auf Ungebundenheit und zwanglose Kameradschaft bei einer maßvollen und rein sinnbildlichen Andeutung, so daß als das Wesentliche und Eigentliche dieses Jahres weder das eine noch das andere, weder die Wissenschaft noch die Ungebundenheit gelten konnte. Das Wesentliche und Eigentliche war vielmehr, wie es schien, das Jahr an sich selbst, als Brauch und schöne Umständlichkeit, der sich Klaus Heinrich in angemessener Haltung unterzog, wie er sich den darstellerischen Übungen an seinem letzten Geburtstag unterzogen hatte -- nur jetzt nicht mit einem Purpurmantel, sondern zuweilen mit einer farbigen Studentenmütze, einem sogenannten Stürmer angetan, in deren Schmuck ihn der »Eilbote« seinem Leserkreise alsbald im Bilde vorführte.

Was das Studium betraf, so vollzog sich die Immatrikulation ohne besondere Feierlichkeit, doch nicht ohne einen Hinweis auf die Ehre, welche der Hochschule durch Klaus Heinrichs Aufnahme zuteil werde; und die Vorlesungen, denen er beiwohnte, begannen mit dem Anruf: »Großherzogliche Hoheit!« Von der hübschen grünumwachsenen Villa, die das Hofmarschallamt seines Vaters ihm in einer vornehmen und nicht zu teuren Gartenstraße gemietet hatte, fuhr er, einen Diener hinter sich, vom Straßenpublikum bemerkt und begrüßt, auf seinem Dogcart zu den Vorlesungen, und er saß dort in dem Bewußtsein, daß alle diese Gegenständlichkeit für seinen hohen Beruf unwesentlich und unnötig sei, doch mit einer Miene höflicher Aufmerksamkeit. Liebenswürdige Anekdoten liefen um und erhoben die Herzen: wie der Prinz seine Teilnahme zu bekunden wisse. Gegen Ende eines Kollegiums über Naturkunde (denn Klaus Heinrich besuchte »des Überblicks wegen« auch solche Kollegien) hatte der Professor, zur Anschauung, eine Metallkugel mit Wasser gefüllt und angekündigt, das Wasser werde, zum Gefrieren gebracht, infolge der Ausdehnung die Metallhülle sprengen; das nächste Mal werde er die Bruchstücke vorzeigen. In diesem letzteren Punkte nun hatte er, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, sein Wort nicht gehalten; man hatte im nächsten Kolleg die zersprungene Kugel nicht zu sehen bekommen. Da aber hatte Klaus Heinrich sich nach dem Ausfall des Experimentes erkundigt. Wie irgendeiner hatte er sich am Schluß der Vorlesung unter die Studenten gemischt, die den Professor interpellierend umstanden, und hatte an diesen in aller Schlichtheit die Worte gerichtet: »Ist die Bombe geplatzt?« -- worauf der Professor zunächst ganz unfähig, sich zurechtzufinden, ihm schließlich in freudiger Überraschung, ja Bewegung, seinen Dank für das gütige Interesse zum Ausdruck gebracht hatte ...

Klaus Heinrich war Gast einer Studentenkorporation -- nur Gast, denn er durfte nicht fechten -- und wohnte ein und das andere Mal, den Stürmer auf dem Kopf, ihren förmlichen Trinksitzungen bei. Aber da diejenigen, die über ihn wachten, wohl wußten, daß der abgespannte und blödselige Zustand, den der Genuß geistiger Getränke zur Folge hat, sich ganz und gar nicht mit seinem hohen Beruf vertrug, so durfte er auch nicht ernstlich trinken, und man war gehalten, auch in dieser Hinsicht Seiner Hoheit Rechnung zu tragen. Die rauhen Bräuche wurden auf ein sinniges Ungefähr beschränkt, der Verkehrston wurde vortrefflich wie einst in der obersten Gymnasialklasse, alte Lieder von frischer Poesie erklangen, und es waren im ganzen Gala- und Paradesitzungen, verklärte Abbilder ihrer Alltäglichkeit. Das »Du« war Vereinbarung zwischen Klaus Heinrich und den Korpsbrüdern, als Ausdruck und Grundlage zwangsloser Gemeinschaft. Aber die allgemeine Beobachtung war, daß es grundfalsch und gewaltsam klang, wie man es auch damit versuchte, und daß man jeden Augenblick, ohne es zu wollen, in die Anrede zurückfiel, in welcher Seiner Hoheit Erwähnung geschah.

Dies war die Wirkung seines Wesens, dieser freundlich und streng gefaßten, von keiner sachlichen Beteiligung jemals aufgelösten Haltung, die übrigens in dem Benehmen der Personen, mit denen der Prinz in Berührung kam, zuweilen ganz seltsame, ja komische Phänomene zeitigte. So zog er eines Abends, in einer Soiree, die einer seiner Professoren veranstaltete, einen Herrn ins Gespräch -- einen korpulenten Mann schon vorgerückten Alters, Justizrat seinem Titel nach, der übrigens unbeschadet seiner gesellschaftlichen Geltung im Geruche eines großen Liederjahns und unzüchtigen alten Sünders stand. Das Gespräch, dessen Gegenstand gleichgültig ist und auch kaum festzustellen gewesen wäre, dauerte, da sich nicht gleich eine Ablösung fand, ziemlich lange. Und plötzlich, mitten in der Unterhaltung mit dem Prinzen, pfiff der Justizrat -- flötete mit seinen dicken Lippen eine jener sinnlos trällernden Tonfolgen, wie man sie von sich gibt, wenn man in bedrängter Lage sorglose Unbefangenheit heucheln möchte, worauf er durch Räuspern und Husten die lächerliche Ungehörigkeit zu vertuschen suchte ... Klaus Heinrich war solcher Erscheinungen gewohnt und ging mit zarter Nachsicht darüber hinweg. Er trat vielleicht in einen Laden, um auf eigene Faust irgendeinen Einkauf zu machen, und sein Eintritt hatte etwas wie eine kleine Panik zur Folge. Er tat seine Forderung, verlangte einen Knopf, dessen er bedurfte; aber das Ladenfräulein verstand ihn nicht, sie blickte verwirrt, ihre Geisteskräfte waren nur schwer auf den Knopf hinzulenken, waren ersichtlich von etwas anderem, Außer- und Übersachlichem auf das äußerste in Anspruch genommen -- sie ließ mehreres hinfallen, warf in offenbarer Ratlosigkeit die Schachteln durcheinander, und Klaus Heinrich hatte Mühe, sie freundlich zu beschwichtigen.

So war, wie gesagt, seines Wesens Wirkung, und vielfach in der Stadt wurde es als Hochmut und tadelnswerte Menschenverachtung gedeutet. Andere freilich leugneten den Hochmut, und Doktor Überbein, mit dem man bei irgendeiner geselligen Gelegenheit darüber diskutierte, warf die Frage auf, ob -- »jederlei Veranlassung zur Menschenverachtung bereitwillig zugegeben« -- bei einer Entfernung von aller menschlichen Wirklichkeit, wie sie in diesem Falle bestehe, Verachtung eigentlich möglich sei. Ja, während man dies noch bedachte, stellte er in seiner unwidersprechlich schwadronierenden Weise die Behauptung hin, daß der Prinz die Menschen nicht nur nicht verachte, sondern sie sogar alle, auch die minderwertigsten, dermaßen respektiere, für voll nehme, ernst nehme, gut nehme, daß das arme überschätzte und überanstrengte Alltagsmenschenkind nur so schwitze ...

Die Gesellschaft der Universitätsstadt hatte keine Zeit, sich hierüber schlüssig zu werden. Das Studienjahr war um, ehe man sich's versah, und Klaus Heinrich reiste ab, kehrte dem Programm seines Lebens gemäß in die väterliche Residenz zurück, um dort, trotz seines linken Armes, ein weiteres Jahr lang in vollem Ernst militärischen Dienst zu leisten. Er stand sechs Monate bei den Gardedragonern und befehligte die Herstellung von acht Schritt Distanz zu Lanzenübungen sowie die Bildung viereckiger Formationen, als ob es seine Sache gewesen wäre, wechselte dann die Waffe und trat, um auch in den Infanteriedienst Einblick zu tun, zu den Leibgrenadieren über. Er zog sogar auf die Schloßwache und kommandierte die Ablösung -- ein Vorgang, dem viel Publikum beiwohnte. Er kam, den Stern auf der Brust, im Geschwindschritt aus der Wachtstube, stellte sich mit gezogenem Säbel an den Flügel der Kompanie und gab nicht ganz richtige Kommandos, was aber nicht schadete, da die braven Soldaten dennoch die richtigen Bewegungen ausführten. Auch saß er im Kasino an der Seite des Obersten beim Liebesmahl und verhinderte durch seine Anwesenheit, daß die Herren ihre Uniformkragen öffneten und sich nach Tische dem Glücksspiel überließen. Aber hierauf, nun zwanzigjährig, trat er eine »Bildungsreise« an -- nicht mehr in Gesellschaft des Doktors Überbein, sondern in der eines militärischen Begleiters und Reisemarschalls, des Gardehauptmanns von Braunbart-Schellendorf, eines blonden Kavaliers, der bestimmt war, Klaus Heinrichs Adjutant zu bleiben, und dem durch diese Reise Gelegenheit gegeben wurde, Intimität und Einfluß zu gewinnen.

Klaus Heinrich sah nicht viel auf der Bildungsreise, die ihn weit herumführte und vom »Eilboten« eifrig verfolgt wurde. Er besuchte die Höfe, stellte sich den Souveränen vor, fuhr mit Herrn von Braunbart zu Galatafeln und erhielt bei seiner Abreise einen hohen Orden des Landes verliehen. Er nahm die Sehenswürdigkeiten in Augenschein, die Herr von Braunbart (der gleichfalls mehrere Orden erhielt) für ihn auswählte, und der »Eilbote« meldete von Zeit zu Zeit, daß der Prinz sich über ein Bild, ein Museum, ein Bauwerk gegen den führenden Direktor oder Konservator höchst anerkennend geäußert habe. Er reiste gesondert, geschützt und getragen von der ritterlichen Fürsorge des Herrn von Braunbart, der die Kasse führte, und dessen frommer Eifer verhütete, daß Klaus Heinrich am Ende der Fahrt auch nur imstande gewesen wäre, einen Koffer aufzugeben.

Zwei Worte, nicht mehr, mögen einem Zwischenspiel gewidmet sein, welches eine Großstadt des weiteren Vaterlandes zum Schauplatz hatte und durch Herrn von Braunbart mit aller gebotenen Sorgfalt in die Wege geleitet wurde. Herr von Braunbart besaß in dieser Stadt einen Kameraden, welcher, adelig, Rittmeister und Junggeselle, von seiner Seite mit einer jungen Dame aus der Theaterwelt, einer freundwilligen und dabei zuverlässigen Persönlichkeit, aufs engste verbunden war. Indem man, gemäß brieflicher Vereinbarung zwischen Herrn von Braunbart und seinem Kameraden, Klaus Heinrich mit dem Fräulein -- und zwar in deren zweckdienlich ausgestattetem Heim -- zusammenführte und die Bekanntschaft unter vier Augen sich hinlänglich vertiefen ließ, wurde auf gewissenhafte Art ein ausdrücklich vorgesehenes Bildungsziel der Reise erreicht, ohne daß es sich auch in diesem Falle für Klaus Heinrich um mehr als um eine beifällige Kenntnisnahme gehandelt hätte. Das verdiente Fräulein erhielt eine Erinnerungsgabe, und Herrn von Braunbarts Freund ward gelegentlich dekoriert. Nichts mehr hierüber. --

Klaus Heinrich bereiste auch die schönen Länder des Südens, inkognito, unter einem Decknamen von romanhaftem Adelsklang. Da saß er denn wohl, allein vielleicht auf eine Viertelstunde, gekleidet in ein Zivil von zurückhaltender Vornehmheit, unter anderen Fremden auf einer weißen Restaurationsterrasse über einem dunkelblauen See, und es mochte geschehen, daß man von einem anderen Tisch aus ihn beobachtete, ihn nach der Art Reisender einzuschätzen und gesellschaftlich unterzubringen versuchte. Was mochte er sein, dieser still und gefaßt blickende junge Mann? Man ging die bürgerlichen Sphären durch, paßte ihn versuchsweise in die kaufmännische, die militärische, die studentische ein. Aber es wollte nicht stimmen, nirgends so recht und ganz. -- Man fühlte die Hoheit, aber niemand erriet sie.

Albrecht II.