Part 6
»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele sieden, Notburg.«
Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen Treppe, die vom Ladele herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen.
»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd.
Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort. Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam, und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm.
»Jetzt wie, Notburg ...« machte der Veit etwas ungeduldig, da sich die Notburg noch immer nicht von der Stelle rührte. »Nimm dir's! Es g'hört dir! Sollst es aufziehen ...« fügte er gutmütig und mit seinem breiten Grinsen hinzu. »Damit's an ordentlich's Mannsbild abgibt. Da ... nimm's und schau nit lang!« befahl er. »I hab's iatz lang g'nug g'schleppt und derheb's schon völlig nimmer!«
Langsam und zögernd kam die Notburg jetzt die Stufen herab dem Manne entgegen. Sah ihm fest in die Augen ... aber sagte kein Wort. Hielt dann die Arme ausgebreitet, und der Veit legte das wimmernde Bündel hinein.
»Jatz wohl!« meinte er erleichtert. »Und iatz kochst ihm a Milchele, dem Buab'n!« gebot er beinahe herrisch. »A Lungl hat dir der Bua g'habt unterwegs und a Kraft; möchst es nit glaben, daß der's Kind vom Söllerbauer sein Regele ist!« erzählte er dann auf seine laute, polternde Art.
Langsam war die Notburg mit dem jetzt kräftig schreienden Kind in das Haus hineingegangen und schaute unverwandt in das krebsrote Gesichtchen. In der Stube drinnen legte sie das Kind auf den Tisch neben die frisch gewaschene Wäsche, die zu einem Stoß aufgestapelt dalag. Dann machte sie sich daran, das Kind aus seiner warmen Hülle zu befreien.
Das Kind, das stundenlang der Sonnenglut ausgesetzt auf der Kraxe getragen worden war, dampfte förmlich in dem wollenen Tuch vor Hitze. Jetzt, da es frei und ledig auf dem Tisch lag, ließ es mit Weinen nach und streckte wohlig die rosigen Glieder. Dann steckte es das Fäustchen in den Mund, sog eifrig daran, öffnete verwundert die hellblauen Augen und starrte auf die fremde Frau, die sich zu ihm beugte.
»Mei' Häuterle!« flüsterte die Notburg weich. »Nit amal a ordentlich's Hemdl hat's an ...« sagte sie leise. »So a Häuterle, an arm's!«
»Gelt?« Der Veit war hinter der Notburg in die kleine Wohnstube getreten und stand jetzt neben seiner Frau. »A Häuterle ist's, gelt, Notburg?« fragte er und versuchte ihr in die Augen zu schauen. »Und gelt, i hab' recht g'habt, daß i dir's bracht hab'?«
Um den streng geschlossenen Mund der alternden Frau zuckte es leicht. »Was soll denn i damit anfangen?« frug sie schroff und ohne aufzublicken. »I kann nit umgeh'n mit Kinder. Hab's nia nit g'lernt.«
»Dös lernt sich schon!« versicherte der Veit, und seine Stimme klang so weich wie seit langen Jahren nicht mehr. »Wirst sehen, Notburg, wie schnell du dös kannst, dös Kinderwarten. Und wia gern du's kriegen wirst, dös Häuterle! Völlig wia a eigenes. Pass' auf!« Leicht legte der Veit seinen Arm um die Hüfte seines Weibes. »Und wenn i nit bei dir bin, Notburg, nachher ist dir nimmer so derweillang, wirst sehen. Hast was Lebendig's um dich, das di gern hat und um das di sorgen und kümmern kannst. Ist dir alm abgangen, a Kindl, Notburg ...« sagte er weich und fast flüsternd ... »Dir ... und mir aa! I gsteh's ein. Leicht hätt's mi leichter g'litten da heroben, wenn so a Kleinigkeit im Haus umanand g'wuzelt war'. Aber lass' lei, Notburg ...« wehrte er ab, als die Frau Miene machte, sich aus seinem Arm zu lösen. Nur noch etwas fester umschlang er sie, und es war lange her, daß die Stimme des derben Mannes so zart und innig geklungen hatte.
»Was uns der Herrgott nit g'schenkt hat, Notburg, das wollen wir uns iatz selber nehmen. Und wollen das Kindl da aufziechen und es ganz als wie's unsrige betrachten. Schau, Notburg ...« fuhr er leise redend fort ... »i werd' ja aa alleweil älter ... und gar so lang dauert's nimmer ... kimmt mir vor ... bis i wieder an Fried gib. Ziech mir'n auf, den Bub'n, Weibl ...« bat er warm und innig ... »damit wir im Alter no a Freud' erleben miteinander, gelt? Damit i aa weiß, für wem i mi g'rackert und g'schunden hab', und wem unser Sach' amal g'hört.«
Treuherzig und schlicht klangen die Worte des Mannes, und fest und warm preßte er die Hand seiner Frau, die kühl wie immer in der seinen lag.
Und der Veit versuchte es, ihr ganz so wie in früheren Zeiten in die Augen zu schauen. Aber die Notburg hielt den Kopf gesenkt und beugte sich tief über das kleine Wesen, das vor ihr auf dem Tische lag und behaglich mit den mageren Beinchen strampelte.
Sie beugte sich so tief über das Kind, die Notburg, damit der Veit nicht merken solle, daß ihr die Augen feucht wurden und ihr Mund krampfhaft zuckte vom verhaltenen Weinen. Aber der Veit sah es doch. Sah's und freute sich. Und tat, was er seit vielen ... vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Er nahm die Notburg um die Mitte, bog ihr den Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. Lange und innig ...
Und als der Herbst kam und Veit Galler abermals in die Fremde zog, da ging die Notburg ein weites Stück mit ihrem Manne. Fast bis ins Tal hinab. Und hatte kein wehes Gefühl des Abschieds im Herzen und fühlte sich auch nicht mehr so trostlos verlassen.
Mann und Frau hatten sich in diesen letzten Wochen ihres Beisammenseins wieder gefunden. Hatten wieder zueinander geredet wie in ihren Jugendtagen, hatten Pläne gemacht und von der Zukunft gesprochen.
Und die Notburg wußte und fühlte es jetzt mit Bestimmtheit: nur mehr etliche Jahrln, und der Veit würde bei ihr bleiben für immer.
Fünftes Kapitel
Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im Dörfl ein übles Gerede angerichtet.
Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel, das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo versteckt hielt.
Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande. Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz nahm und sie der Strafe entzog?
Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein ordentlicher Christenmensch mehr.
Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am Kinderwarten hatte.
Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen.
Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der Heimat fortlockte.
Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle, fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl.
Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das andere Mal bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte Haar.
Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein. Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal hinabrieselte.
»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl heiraten mußt ... dös wirst einsehen.«
Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot wie die Haut eines Indianers geworden war.
Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte. Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das verwegene Aussehen des Burschen.
Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit seinem ungepflegten, vollen braunen Haar, den listigen Augen und dem krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte.
Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch, schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war.
Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den Wirtsleuten ausgegeben.
»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war, hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine Verwandte vom Kramer Veit war.
Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit sähe.
»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her, bald i wieder kimm!« versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied hinreichte.
Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen. »Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...« erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!«
Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie drunten vom Dörfl aus gesehen.
»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben, so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen schwer auf den dicken Stock stützte.
»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile.
»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße spielerisch im Brunnenwasser hin und her.
Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend, und der Quell, der sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt.
»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest ...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.«
Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen Bart. Sagte aber kein Wort.
»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?« Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des Burschen.
»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die Antwort schuldig blieb.
Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum.
»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich. »Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft 's Madel. Verstanden?«
»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund und stieß einen leichten Pfiff aus.
»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch.
»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles. Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf Micheli.«
»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl reden müssen mit dein' Bauer!« ...
Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer, weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach, weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete.
»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt' ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ...
»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz war'n wir so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen, weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a bissl Zither und Guitarr'g'spiel?«
»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig.
»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!«
Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei.
»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund stand ihm jetzt sperrangelweit offen.
»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig a bissel a Geld außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt.
Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach' zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen, als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm' g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können. Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere eingeschenkt. Und alleweil hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ... wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern g'hört, dö Löder, dö ausländischen.«
Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich.
Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab. Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde und bedächtig ihre Mahlzeit wieder.
Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach. Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ...
Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter Lachen!
Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten, und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte.
Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht. Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand.
Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor der Aste.
Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz bequem darunter herumgehen.
Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen. Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die Alpenwelt der Hochtäler.
Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht in den Angeln saß, in einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war.
Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor, als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf haben wie hier oben am Alpl ...
»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel. »Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!« spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so gut gefiel ihr der Spaß.
»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß, das Regele.
Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die Julie aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger und gutmütiger zu sein als diese.
»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich. »Grad' a so gut wie 's Regele!«