Königin Heimat

Part 5

Chapter 53,922 wordsPublic domain

Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig, und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von Minute zu Minute.

Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.

Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!

Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.

Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen. Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.

Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.

Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.

Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den sie nun finden sollte.

Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.

Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas verdeckte.

Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.

Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.

Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie gekommen war.

Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?

Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang. Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden. Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.

»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«

Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen hatte.

Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...

Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.

Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre Hände.

»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«

Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.

Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte. Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht schrie.

»Heilige Muttergottes, hilf!« ...

Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor zu öffnen kam, ein blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.

Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern. Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.

Und gebar einen Buben ...

Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.

Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und wollte auch an nichts denken.

Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.

Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu bleiben.

Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...

Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen Tuche eingewickelt im Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?

Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.

So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.

»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten, polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.

Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.

»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?« erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am Wegrand hin und brachte sie zum reden.

Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.

Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.

»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit der Hand über die Wangen.

Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.

»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann. »Weil er nit amal rearen tut.«

»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte wenig Freude an dem Kind.

»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.

»Naa.«

»Nit? Ja ... und nachher?«

»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.

Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.

»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.

Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem Kramer Veit.

Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte der Kramer zugehört. Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.

»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.

»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und weniger mutlos wie zuvor.

Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das derbe, kraftvolle Gesicht.

»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n. I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«

Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll Vertrauen auf den Kramer Veit.

Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.

Viertes Kapitel

In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur Flickarbeit hergerichtet.

Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas.

Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl hinaufbringen.

Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen von allen Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in dem Gepäck verborgen sein würde.

»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.«

»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit, ha?« fragte sie mit lauerndem Blick.

»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und schroff.

»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte die Nachbarin eifrig zu.

Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte.

Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten.

Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit gerade auch nicht zu neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber zum Kramer.

Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick, den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen Augenblick am Hauseingang zu sehen war.

Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten können, was in den beiden Koffern steckte!

Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern. So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...« erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der Koffer behilflich gewesen waren.

Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad' kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war.

Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe gestanden waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe.

Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken. Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit.

Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen war.

Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte. Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also doch jetzt eingerichtet.

Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch mit eigenen Augen überzeugen, wie der Kramer Veit eigentlich jetzt ausschaute, und was er zu erzählen wußte.

Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten. Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu Gesicht kriegen.

Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat.

Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele. Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum, entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren.

Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund herausziehen mußte.

Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine Freude war, ihn anzusehen.

Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon. Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele. Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen.

Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war.

Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft, deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man sie darauf aufmerksam machte.

Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt voneinander und begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu.

Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die Neuigkeiten aus der Ferne zu.

So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte, die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen.

Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und schöner wie Musik.

Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken.

Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte und besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst, die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ...

Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein sonderbares Bündel geschnürt.

Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh.

»Hast schwar aufg'laden, Kramer?«

»Ja. 's tut sich.«

Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke über ihre Arbeit vertieft dasaß.

»Notburg!«

Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht.

»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann.

»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei ein ganz pfiffiges Gesicht.

»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück.

Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört zu werden.

»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne.

Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau.

Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand gut zu der grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und ordentliches Aussehen.

Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt.

Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre Gleichgültigkeit zu verbergen.

»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh' nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe geschnürt hatte.

Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich.