Part 2
(D. Staupitz und Prior Tiemann mit den Vorigen. Staupitz hat ein mildes, volles Gesicht ohne Bart, er trägt das Abtskreuz auf der Brust.)
Staupiz (zu Tiemann)
Nachdem wir dieses Klosters Sach‘ besprochen, muß ich mit Bruder Luther weiter handeln. Du, Prior Tiemann, fahre fort, die Sammung im Geist der alten Observanz zu leiten. Doch ohne Strenge, sondern mild und gütig.
Tiemann
Ich will es tun, solang es mein Gewissen und’s heil’ge Evangelium gestatten.
Staupitz (zu Luther)
Ich hab‘ dich, Bruder Martin, hergerufen, weil ich mich nach dir sehnte, wie der Vater nach seinem Sohn, und weil ich gern mit dir der Zeiten schwere Not besprechen wollte. Kommt, setzt Euch mit mir nieder um den Tisch. (Alle setzen sich.) Wie geht’s in Wittenberg, mein Bruder Martin?
Luther
Ehrwürdiger Vater, dorten lodert Zorn, es fielen Wölfe in des Heilands Herde und fressen seine Schafe. Tetzels Ablaß – –
Staupitz (ihn unterbrechend)
Der Sturmwind geht vorüber, Martin, und nachher scheint wieder Gottes helle Sonne.
Luther
Wir müssen reden, Schweigen heißt jetzt sünd’gen.
(Mönch Gröning schleicht sich ein und stellt sich hinter einen Pfeiler.)
Staupitz
Und wenn wir reden, machen wir’s noch schlimmer, zerreißen gar der Kirche Einheitsband und kommen in Konflikt mit Papst und Bischof.
Luther
Was ist mir Papst und Bischof, wenn des Herrn geoffenbartes Wort verachtet wird? Jetzt ist die Stunde, da es heißt: Bekennen!
Gröning (hervortretend)
Bekenne dich als Ketzer, Martin Luther! Du reißt dem Papst die Krone von dem Haupt und setzt dich selber auf den heil’gen Stuhl. Der Ablaß ist und bleibt der einz’ge Weg, der uns zum Himmel führt von dieser Erde.
Luther (noch ruhig)
Der Papst kann keine Sündenschuld erlassen. Die Schuld vergibt der Heiland nur allein, und Lüge ist es, daß der Ablaß helfe. Auch ohne Ablaß, nur bei Reu‘ und Buße, hat jeder Christ Vergebung seiner Sünden.
Gröning
Du lehrst es anders als der Papst in Rom.
Luther
Der heil’ge Vater weiß nicht, wie der Tetzel ihn hintergeht und seine Ehre schändet. Er brennte lieber Peters Dom zu Asche, als daß er ihn aus seiner Schafe Fleisch und deren Haut und Knochen bauen sollte.
Tiemann
Belogen und betrogen ist der Papst. Ihr Ablaßkrämer seid die größten Feinde.
Gröning
Ihr glaubt noch an den Papst? Ihr Heuchler lügt!
Staupitz
Ich warn‘ dich, Gröning. Mäßige deine Rede.
Gröning
Wer gegen Ablaß redet, sei verdammt!
Luther (auffahrend)
Wer gegen Tetzel redet, sei gesegnet. Warum befreit der Papst nicht alle Seelen aus des Fegefeuers Not durch seine Liebe, statt Geld zu pressen aus der armen Herde? Warum erbaut er nicht, der reichste Fürst, aus eignen Mitteln seinen Petersdom, statt daß er schickt die Krämer durch die Lande? Warum versucht der heil’ge Vater nicht zu beten, die Seelen zu erlösen aus der Pein?
Tiemann
Es streitet wider Bibel und Gewissen, wenn solche Greuel in der Kirche herrschen.
Luther
Hinweg mit den Propheten, die da sagen: Es sollte Frieden sein und ist kein Friede. Des Heilands Kirche ward zur Mördergrube.
Gröning
Das willst, Verdammter, du dem Volk verkünden? Ich zeig‘ dich an dem päpstlichen Gericht.
Luther
Ich will nichts anderes predigen als das Kreuz, das unser Meister trug zu unserem Heile, und will nicht anders reden als vom Glauben, der selig macht, auch ohne Ablaßwerke.
Gröning
Du kennst die Bibel nicht, sie lehrt ganz anders.
Luther
Ich bin der heiligen Schrift geschworener Doktor und fühle mich gedrungen, jetzt zu reden, daß alle Welt die Wahrheit kennen soll.
Staupitz
Was willst du tun, mein Bruder Martin? Rede!
Luther
Ich fühl’s, der Herr ruft seinen armen Knecht jetzt in die Schranken, daß er für ihn streite. Ich kann nicht länger schweigen, ich muß reden!
Tiemann
Was hast du vor? Mir zittert meine Seele.
Luther
Ich will zunächst mit Tetzel disputieren. Was ich zu Euch gesagt, will ich in Sätzen geschicklich formen und in nächster Zeit in Wittenberg an unsere Kirchentür mit eigner Hand anschlagen. Gott wird helfen. –
Henning (die Hände zum Himmel hebend)
Du bist’s, du bist’s, die Weissagung erfüllt sich! Ich hör‘ im Geist den Hammerschlag erdröhnen, und krachend stürzt der alte Bau zusammen. Die Klöster tun sich auf, die Mönche freien! Fort mit Tonsur und Bettelsack und Kutte! Der Heilgen Bilder stürzen vom Altare, die Messe schweigt, der Rosenkranz zerbricht. Und statt Maria kehrt der Heiland wieder, und alle sinken gläubig vor sein Kreuz.
Gröning
Hört Ihr den Alten schwatzen? Was Ihr sinnt, das redet er mit seinem Munde heraus. Ihr seid erkannt! Jetzt geht’s zum blut’gen Krieg! – Ich eil zu Tetzel, daß ich alles künde. (Ab.)
Staupitz
Laßt mich mit Bruder Martin jetzt allein.
Tiemann
Der Herr ist mit dir, Luther, und wir alle. (Mit Henning ab.)
4. Szene
(Luther und Staupitz.)
Staupitz
Du weißt noch, Martin, wie du in dem Kloster zu Erfurt rangest um der Seele Heil. Am Boden deiner Zelle lagst du wimmernd und schlugst den Rücken mit der harten Geißel. Wie krieg‘ ich einen gnäd’gen Gott? So riefst du, nachdem du dich gemartert mit den Werken.
Luther
Wenn jemand wär‘ durch Möncherei zum Himmel gekommen, wär‘ ich es auch. Es war vergebens.
Staupitz
Da hab‘ ich dir vor deine arme Seele des Heilands Gnadenbild gestellt, und habe zum Glauben an den Herren dir verholfen.
Luther
Da zog der Frieden ein in das gequälte Herz, und diesen dank ich Euch, ehrwürdiger Vater.
Staupitz
Drum laß noch einmal dich zum Frieden mahnen, und folge deinem alten treuen Lehrer. Laß ab vom Ablaßstreit, du kämpfst vergebens, bereitest mir und dir unnütze Qual.
Luther
Doch wenn mich mein Gewissen ruft?
Staupitz
Der Herr wird sich wohl andere Streiter ausersehen. Bleib‘ du in Wittenberg auf dem Katheder und lehre still die Schüler Gottes Wort.
Luther
Wie einst der Heiland seinen Jünger Petrus, der ihn vom Kreuzesweg abhalten wollte, den Satan nannte, also nenn‘ ich dich, wenn du mich abhältst, meinem Gott zu folgen.
Staupitz
Du kommst in Acht und Bann und wirst verbrannt.
Luther
Es starben viele freudig für den Herrn.
Staupitz
Du bringst die Welt in Zwietracht und Verfall.
Luther
Auch unser Heiland hat den Krieg gebracht.
Staupitz
Mein Martin, lieber Sohn, ich fleh dich an, begib dich nicht in dieser Hölle Rachen!
Luther
Ich bin nicht allein, der Herr ist mit mir.
Staupitz
Mit Kummer leg‘ ich meine grauen Haare ins frühe Grab, und hätt‘ doch so gerne mit Stolz auf meinen treuen Sohn geblickt.
Luther
Laßt ab, ehrwürdiger Vater! Quält mich nicht! Ich kann nicht anders, es ist Gottes Wille.
Staupitz (bewegt)
So knie nieder, Martin, daß noch einmal ich auf dein Haupt die Hände segnend lege. (Luther kniet nieder.) Es segne dich der Herr mit seinem Frieden. Zieh hin, mein Sohn, und streite für den Höchsten. (Geht traurig ab.)
Luther (kniend)
Ich wag‘ es wider aller Teufel Heer; ich wag‘ es wider Papstes Macht und List. Ich wag’s zu meines heil’gen Gottes Ehr‘, ich wag’s in Zuversicht auf Jesum Christ.
(Aufstehend:)
Und wie einst Moses in der Feuerwolke, so muß ich Führer sein dem deutschen Volke. Das Werk beginn‘ ich, Herr, in deinem Namen, sprich selber du dazu dein Ja und Amen.
(Luther steht bei den letzten vier Zeilen mit gen Himmel erhobenen Armen und mit zum Himmel gerichteten Gesicht da. Während der letzten Worte ertönt hinter der Bühne in der Ferne der Mönchschor. Langsam zieht der Mönchschor hinter Luther vorüber, bis das Jubilate verklungen ist.)
3. Akt
(Akt 3 und 4 spielen im Jahre 1525.)
Erster Aufzug
(Schenke in Nöschenrode. Großes Zimmer.)
1. Szene
(Wirt Dantzke, Landsknecht Paul Rese, am Tisch sitzend und trinkend.)
Dantzke
Noch wenig Stunden, dann beginnt die Tat. Gleich kommt Wiardes mit den Bauernführern, dann rauf zur Burg und zu der Himmelpforten.
Rese
Ich bin ein frommer Landsknecht, der schon manchen in heißer Schlacht, in aller Herren Länder, mit seinem Spieß gestochen in die Rippen. Doch heute, Dantzke, wo’s ans Morden geht, da pocht das Herz mir bange unterm Wamse. Ich mein‘ –, ich mein‘ –, der Teufel müßt‘ mich holen, denn was wir wollen, ist nicht ehrlich Recht.
Dantzke (aufspringend)
Der Teufel hol dich, Rese, feiger Bube. So nah‘ am Ziel, und du willst uns verlassen? Das ist Verrat an unserer guten Sache!
Rese
Bleib ruhig, Dantzke, laß dir was erzählen: Ich hatte eine gute alte Mutter, war 70 Jahr‘, als ich, ein wilder Knabe, ihr fortlief, um des Landsknechts Glück zu suchen. Doch als die Mutter hungernd lag im Sterben, da haben Graf und Gräfin Anna täglich das beste Essen ihr ins Haus gesandt. Und als sie dann gestorben, hat ein Mönch von Himmelpforte ihr die Mess‘ gelesen, und an dem Sarge brannten helle Kerzen. Und wenn ich heute soll den Grafen Botho und auch das Kloster… Dantzke – was zu viel ist…
Dantzke
Bist du von Sinnen? Weshalb war die Mutter ein armes Weib? Dieweil die hohen Herren den ganzen Reichtum nur an sich gerissen! Für Arme sind die Brocken nur noch übrig. Wenn du jetzt reich willst werden und auch frei, dann jag‘ von dannen Herren und die Pfaffen.
Rese
Das ist ein grausam Ding, daß der, der Herr will werden, nur durch Frevel kommt zum Ziele, – sag‘, Dantzke, kannst du dem Wiardes trauen? Er ist kein armer Bauer, so wie wir.
Dantzke (leise)
Im ersten Augenblick des Schwankens stoß ich den Dolch ihm in den Hals – Wiardes muß! – Es ist die Herrschsucht, die ihn zu uns führt. Die Bauernfäuste sollen hoch ihn tragen, bis auf den Bürgermeisterstuhl und höher, der eitle Narr! Ha, ha! Er kann nicht mehr zurück! – Doch still, da kommt er mit den Bauernführern.
2. Szene
(W. Wiardes mit mehreren Bauern, welche mit Spießen, Hellebarden und Schwertern bewaffnet sind.)
Wiardes
Und seid ihr auch der Bauernhaufen sicher?
1. Bauer
Da seid gewiß! Die Herde folgt dem Hirten.
Wiardes
An welchen Orten habt ihr euch versammelt?
2. Bauer
Wir liegen in dem Wald bei Nöschenrode.
3. Bauer
Wir ziehn von Silstedt schon die Straß‘ herauf.
4. Bauer
Wir kamen von Nordhausen durchs Gebirg‘, und stehen bald vor Eurem Westerntore.
Wiardes
So ist die Stadt umringt von allen Seiten, der Plan gelang. Jetzt schlägt die ernste Stunde.
Dantzke
Und aus der Falle laßt Ihr keine Maus! Und wer entflieht, und sich zur Wehre setzt, den schlagt gleich tot, und übet kein Erbarmen.
1. Bauer
Sind meine Bauern einmal losgelassen, dann krachen Schädel, dickes Blut muß fließen, verschont wird nicht das Kind im Mutterleibe.
2. Bauer
Sind wir durch eigene Kraft erst Herr geworden, dann wollen wir’s auch bleiben. Auf zur Tat.
Wiardes
Ihr wähltet mich zum Führer: Hört mich an! Die Freiheit ist ein göttlich Gut. Doch wird mit Blut besudelt sie, durch uns verschuldet, dann bleibt sie nur ein Raubtier, frißt und geifert, wird zum Tyrannen, schlägt in Sklavenketten und keiner wird ihr froh, selbst nicht die Väter, und schließlich reißt sie alle ins Verderben. Wir müssen ohne Mord zum Ziele kommen.
Rese
Das ist auch meine Meinung. Manche Burg und manche Feste hab‘ ich mit gestürmt, doch haben wir die Bürger, Frauen und Kinder verschont, denn nur dem Krieger gilt der Krieg.
Dantzke (höhnisch)
Dann sagt, wie man mit Handschuhen angetan die Burgen und die Klöster kann zerstören, und angreift, ohne selber drauf zu hauen.
Wiardes
Wir stürmen erst die Burg, die Mauern werden erstiegen von dem Annaberg, und dann erzwingen wir des Grafen Unterschrift zu unseren zwölf Artikeln, die der Bauern und aller Hintersassen Klag‘ und Not enthalten. Die Besatzung wird gefesselt, doch keinem wird ein Schaden angetan, vor allem nicht dem Grafen und den Söhnen.
1. Bauer
Was schert uns Bauern Euer Grafenhaus; sind wir erst oben, gibt es kein Erbarmen.
3. Szene
(Burghauptmann von Morungen.)
Morungen
Laßt mich herein; mich sendet unser Graf. In letzter Stunde bietet er die Hand, bevor das Unheil bricht durch alle Tore. Der Graf ist zum Verhandeln gern bereit und möchte Eure Klagen und Beschwerden erst hören, eh‘ es kommt zum Blutvergießen. Schickt Eure Führer zu ihm auf die Burg, daß Eure Sach‘ in Güte wird verhandelt.
(Große Unruhe unter den Bauern.)
Wiardes
Der Vorschlag wär‘ in Ruhe zu bedenken.
Dantzke
Zu spät! Zu spät! Wenn’s zum Verhandeln kommt, dann sind wir Bauern stets die dummen Tölpel. Graf Botho hat nur Angst vor unsern Fäusten.
1. Bauer
Wir halten unsere Waffen nicht zurück. Frei will der Bauer sein von Dienst und Fron, wir sind zu lange von den Herren betrogen.
Morungen
Bedenkt, Ihr Leute, Eurer Herrschaft Güte! Graf Botho ist nicht wie so mancher Ritter, der Euch geplagt und schwer geschunden hat. Wer war’s, der Euch den Ackerzins erließ, und Euch das Korn geschenkt für Eure Felder? Wer war’s, der in der Zeit der Pestilenz, wo Tausende den schwarzen Tod gestorben, mit Geld und Arzenei und Brot geholfen und Euch in seine Häuser aufgenommen? Das war Graf Botho, Gräfin Anna, und mit Undank wollt Ihr solche Güte lohnen? Versündigt Euch nicht an dem Herrgott droben!
Wiardes
Der Burghauptmann hat recht, wir müssen raten.
Dantzke
Jetzt nichts von Raten! Was Ihr sagtet, Hauptmann, war nicht gelogen, doch es war die Pflicht des Grafen und der Eigennutz für’s Ganze. Wir woll’n nicht Brocken, sondern alles haben! Wir wollen Herren, nicht mehr Knechte sein.
Bauern
Wir wollen Herren, nicht mehr Knechte sein.
Rese
Wiardes sagt: wir müssen raten. Bauern! Wer ehrlich denkt, der tritt auf seine Seite.
Dantzke
Wiardes, Rese, denkt an Euren Kopf! Wollt Ihr die Führer sein, dann geht voran! Wenn nicht, dann fürchtet diesen spitzen Dolch.
Wiardes
Ihr seht, Herr Hauptmann, wie die Sache steht, eilt schnell zur Burg hinauf und seid gewarnt.
Morungen
Nun hört, Ihr Bauern, auch mein letztes Wort. Wollt Ihr die Burg erstürmen, nun so kommt. Wir werden mit den Kartaunen Euch empfangen, und unsere Stücke auf die Waffen richten, daß Ihr Euch blut’ge Köpfe holen sollt. Kommt ran, Ihr Räuber, wenn Ihr mutig seid.
Bauern
Schlagt tot den Hund, und nehmt ihn schnell gefangen.
(Stürzen auf ihn zu, Morungen zieht sein Schwert.)
4. Szene
(Judith zu den Vorigen.)
Judith (hereinstürzend)
Laßt ab, Ihr Männer, haltet ein, Ihr Bauern! Besudelt Eure Hände nicht mit Blut. Herr Hauptmann, eilet schnell zur Burg hinauf. Ihr seid dort droben nötiger denn hier.
(Morungen ab.)
Wiardes
Was willst du, Judith, hier beim Männerstreit? Nicht auf die Straße, in die Kemenate gehörst du, Jungfer, wenn der Kampf beginnt. Heut abend komm ich, öffne mir die Pforte.
Judith
Mit dir, Wiardes, hab‘ ich nichts zu schaffen; wer Mord und Raub in seinem Kopfe plant, von dem läßt sich nicht frei’n ein ehrbar Mädchen. Soll Achtung ich vor dir im Herzen hegen, dann führe diese Bauern bald nach Haus. Erstick‘ die Flammen, die du angefacht, eh‘ sie zum Himmel lodernd uns verbrennen.
Wiardes
Und wenn ich’s tue, Judith, dir zuliebe, darf ich dann hoffen? Judith, sag‘ ein Wort!
Judith
Jetzt ist nicht Zeit, von dieser Sach‘ zu reden, da es sich handelt um das Wohl der Stadt. Hilf, Wilhelm, rette Burg und Kloster! –
Wiardes (leise)
Wenn du mein eigen wirst, sonst nimmermehr. Du trägst das Heil der Stadt in deiner Hand. (Spricht mit ihr.)
Dantzke
Ich fürcht‘, Wiardes läßt sich von dem Weib betören. Komm her, mein Dolch, gleich hast du blut’ge Arbeit.
Wiardes
Hört zu, Ihr Leute, was ich Euch will sagen: Ich glaub‘, daß wir ohn‘ Mord und Plünderung, durch Rat und Güte zu dem Rechte kommen. Wir müssen mit dem Grafen schnell verhandeln; man nennt ihn den „Glückseligen“, weil er des Volkes groß‘ Vertrauen hat besessen.
Rese
Wenn Ihr Wiardes sendet und auch mich, so hoff‘ ich, daß Graf Botho unterschreibt und daß er uns befreit von Druck und Lasten.
1. Bauer
Auf Euch wird er nicht hören, drum wir brauchen noch höhere Fürsprach‘, als die unserer Leute.
Judith
Ich weiß den Mann, der Euer Fürsprach‘ ist, Ihr kennt ihn auch, denn Ihr singt seine Lieder und lest in seinem deutschen Bibelbuche.
Bauern (leidenschaftlich)
Der Luther ist’s, der Doktor Martin Luther.
Judith
Er schrieb von Freiheit eines Christenmenschen und daß wir alle Gottes Kinder wären, ein freier Herr und niemand untertan. Laßt Luther, der jetzt in Nordhausen weilt, zu Euch herfahren und die Sach‘ vertreten.
Bauern
Er wird es tun. Der Luther ist der Retter.
Wiardes
Er, der zu Worms vor Kaiser und vorm Reich stand, und als ein Held getrutzt und nicht gewichen, der wird als Führer deutscher Bauernschaft des Volks Erlöser und des Volkes König.
Dantzke
Traut diesem Mönche nicht, er hält zum Adel.
Judith
Der Bergmannssohn, der schwere Jugend trug, der arm gewesen wie der Bauern Kinder, der bis aufs Blut gekämpft mit Gott und Menschen, der hat ein Herz für den gemeinen Mann. Ruft Luther her, und Ihr seid freie Christen.
Wiardes
Laßt mich sofort zu Doktor Luther eilen, du, Rese, gehst mit mir; in zwei Tagen sind wir zurück mit unserem Reformator. (Beide ab.)
Die Bauern (nehmen die Mützen ab und singen Luthers Lied)
„Verleih uns Frieden gnädiglich, Herrgott zu unsern Zeiten. Es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“ –
5. Szene
(Während des Liedes ist Mönch Gröning eingetreten.)
Gröning
Ihr Narren, wer hat Euch den Kopf verdreht, daß Ihr den Luther wollt als Fürsprach‘ küren? Ha, ha, ha, ha, der Teufel platzt vor Lachen. Habt Ihr denn nicht gelesen, was der Luther in seinem jüngsten Buch geschrieben hat? Hier ist’s! „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern.“ Da heißt es: „Die Bauern wollen alle fremden Güter gemein haben, und ihre eigenen für sich behalten. Das sind mir freie Christen. Ich meine, daß kein Teufel mehr in der Hölle sei, sondern allzumal in die Bauern gefahren sind. Die Bauern sind worden treulose, meineidige, aufrührerische Mörder, Räuber, Gotteslästerer, welche die Obrigkeit zu strafen Recht und die Macht hat, ja dazu schuldig ist, solche Buben zu töten.“
Bauern (erregt)
Das schreibt der Luther? Er ist ein Verräter, wir fallen alle ab von seiner Lehre.
Wiardes
Hat denn auch Luther unser Volk verlassen?
Judith
Wer je an Luther zweifelt, muß auch zweifeln an unserm Gott, der selbst den Knecht gesandt.
Rese
Wenn Luther uns verläßt, dann mag die Welt mit allem, was mir wert ist, zugrunde gehen.
Gröning
Wollt Ihr noch mehr von diesem Luther? Hört: „Drum soll hier zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann, als ein aufrührerischer Mensch, gleich wenn man einen tollen Hund totschlagen muß. Schlägst du nicht, so schlägt er dich, und ein ganzes Land mit dir.“ –
Bauern (durcheinander)
Der Teufel soll den Pfaffen Luther holen. Er ist ein Fürstenknecht! Der Tod dem Luther!
Gröning
Und noch das Letzte! Hört, ihr Bauern, hört! „Was auf der Bauern Seite umkommt, ist ewiger Höllenbrand. Wer auf der Seite der Obrigkeit erschlagen wird, ist ein rechter Märtyrer vor Gott. Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, daß ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen besser verdienen kann, als andere mit Beten.“
Dantzke
Es ist genug! Zum Kampfe! Auf zum Kampfe!
1. Bauer
Luther predigt Bauernmord? Wohlan! Zuerst ihr Fürsten, Ritter und ihr Pfaffen!
Dantzke
Wenn du auch jetzt noch zauderst, Freund Wiardes, so steckt dir dieser Dolch in deiner Kehle.
Wiardes
Ich will, Ihr Leute; ja ich muß jetzt wollen, die Welt geht unter, und wir alle mit.
Judith
Zu Hilfe alle guten Geister! Helfet!
Gröning
Zuerst zur Burg, und dann nach Waterler.
Wiardes
Schweig‘ still, du Pfaffe, hier bin ich der Führer; laßt schnell die Bauernhaufen sich versammeln, und führt sie heimlich durch die Nacht hierher. Ich öffne Euch die Tore, lasse läuten, schnell wird das Rathaus hier besetzt, die Burg erstürmt, Graf Botho unterschreibt die 12 Artikel, und während dies geschieht, führ‘ ich den großen Haufen nach Himmelpforte, um das Nest zu puchen.
Bauern
Auf, laßt uns puchen, puchen! Brennt und schlagt. Wir stoßen jeden nieder, der sich wehrt.
Gröning
Die Himmelpforte steht in Papstes Schutz. Ihr dürft die Ketzermönche wohl verjagen, das Kloster puchen aber ist ein Frevel; den straft der Papst mit Hölle und mit Bann.
Dantzke
Was schert uns Papst mit seinem ganzen Plunder! Wir puchen Himmelpforte; nehmen alles, was ihr an Schätzen dorten angehäuft, und nicht ein Stein soll auf dem andern bleiben.
Gröning
Dann seid verflucht in des Dreieinigen Namen, ihr Teufelsbrut, ihr Mörder, Bauernpack.
Wiardes
Du paßt ja gut zu deinem Martin Luther, denn im Verdammen seid Ihr beide eins.
Judith
Ich eile fort, das Kloster schnell zu warnen. (Ab.)
Gröning
Ich eile fort, mein Hab und Gut zu retten. (Ab.)
Rese
Die Höll‘ ist los und läßt Dämonen rasen und blind zerstören, was der Herrgott schuf. Der ist ein Held, der sich entgegenstemmt dem wilden Strom. Versuchen muß ich es, und retten will ich, was zu retten ist.
Wiardes
Wohlan zum Sturm! Faßt eure Schwerter fest, und senkt die Spieße tief zum Waffentanz; ihr Bürger zittert, zittert Pfaffen, Ritter; der Bauer greift mit starker Faust sein Recht, und wenn es an die Sterne wär‘ geheftet. Ich führt Euch an! Gelingt der kühne Plan, dann bin ich der Erretter meines Volks, und Judith wird die Meine für das Leben.
(Mit großem Tumult ziehen die Männer ab, man hört Glocken läuten. In der Ferne Feuerschein, Geschrei und Kampfgetöse.)
Zweiter Aufzug
1. Szene
(Kloster Himmelpforte. Die 8 Mönche knien in der Kirche, die Orgel tönt, sie singen.)
Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.
(Melodie: Aus tiefer Not.)
(Alle erheben sich.)
Tiemann (auf ein Katheder steigend)
Des Heilands Frieden sei mit Euch, Ihr Brüder. Seitdem aus diesem Kloster Himmelpforte der Bruder Martin in den Kampf gezogen und wie ein Held mit Papst und Reich gerungen, seitdem er uns das Wort der heil’gen Schrift erschlossen und gelehrt, daß wir durch Glauben zur Seligkeit gelangen, nicht durch Werke, seitdem zog ein in unser kleines Kloster der stille Gottesfriede, und in Liebe ist unsere Sammung bis anher geblieben. Da Bruder Gröning uns verlassen, ist der böse Dämon ganz von uns gewichen; doch liegt mir ernste Sorge um Euch, Ihr Brüder, ob, weil unser Leben sich verändern muß. Wir alle, die wir lutherisch gesinnt, gedenken nicht als Mönche noch zu dienen. Die einen von uns treten in die Welt und wollen dort ein geistlich Amt versehen, inmitten der Gemeinde als ihr Hirte, und wollen in den Stand der Ehe treten, denn Ehestand ist jetzo heiliger Stand. Doch Ihr, Ihr Alten, möget hier verharren, im Frieden Eure Tage lebend, bis Euch der Heiland ruft zum ew’gen Lichte. Graf Botho will das Kloster Euch belassen mit allen Gütern bis an Euer Ende, und wenn der letzte von Euch ist gestorben, erst dann fällt dieses Kloster ihm zurück.
Henning
Habt, Bruder Prior, Dank für Eure Güte. Wir Alten wandern nicht mehr neue Straßen; wo wir gelebt, da wollen wir auch sterben.
Tiemann
So kommt, Ihr Brüder, ins Cönaculum, daß wir noch einmal froh zusammensitzen, und dann von Himmelpforten Abschied nehmen.
2. Szene
(Judith mit aufgelöstem Haar hereinstürzend. Nachher Gröning.)
Judith
Flieht, flieht, Ihr Mönche, noch in dieser Stunde. Die Bauernhaufen wälzen sich heran; in Augenblicken stehen sie am Tor und wollen morden, plündern, brennen. Fliehet! –
Tiemann
Herr Gott, du sendest uns ein schweres Kreuz, und auch zugleich den Engel, der uns rettet. Eilt schnell in Eure Zellen, packt die Habe, indes ich hier die heil’gen Schätze berge. Du, Judith, hilf mir.
Gröning (eintretend)
Haltet ein, Ihr Ketzer! Von allem, was hier ist, gehört Euch nichts. Ihr habt’s verwirkt durch eure Ketzerei; mein ist das Kloster und des Klosters Güter.
Tiemann
Hört nicht auf ihn! Gewalt jetzt gen Gewalt! Und rettet alles, was euch heilig war.
(Die Mönche nehmen vom Altare die heiligen Geräte.)
Gröning
Ich eile zu den Bauern, führ‘ sie an und lasse Euch den Weg zurück versperren, Ihr seid gefangen, Tiemann und dein Buhle. (Ab.)
Judith