Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 6

Chapter 63,652 wordsPublic domain

Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren Kalk, womit das Klosterhaus innen und außen, wenigstens teilweise, getünscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimführung, dieser zu Ehren, als das Haus viele festliche Besucher aufnehmen mußte[142].

Die erste Ausstattung des Hauses wird dürftig genug gewesen sein, denn Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit seinem Gehalt kaum für sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfürst es bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht viel Anschaffungen zu machen, namentlich für ein so weitläuftiges Gebäude. Die 100 fl., die der Kurfürst, und die 20 fl., die der Stadtrat zur Hochzeit schenkte, gingen darauf für das kostspielige Festmahl. Der Klosterhausrat, so weit er noch übrig und nicht weggeschleift war durch allerlei unberufene Hände, war Luther von den Visitatoren geschenkt worden. Aber es war geringfügig: Schüsseln und Bratspieße, einiger sonstiger Hausrat und Gartengeräte — zusammen kaum 20 fl. wert. So werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu beigetragen haben, die öden Räume des Klosters ein bißchen wohnlich zu gestalten. Verwöhnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals überhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so lotter und wurmstichig, daß Frau Käthe kein Leinen mehr darin aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst von auswärts allerlei Geschenke, sogar künstliche Uhren. Vom Stadtrat wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gäste) für 3 Thlr. 4 Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt „Frau Katharinen Doktor Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch“ (schwäbisches Tuch)[143].

Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Mönch, der Prior Brisger verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein neugebautes Häuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Straße gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause, der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es nicht hatte fortsetzen und vollenden können, und besser zu einem Diener taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr überlebte. Eine Magd war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte.

In diesem Hause nun gewöhnte sich das junge Paar zunächst einigermaßen in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: „Ich bin an meine Käthe gekettet und der Welt abgestorben“[144].

Es war dem 42jährigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Mönch im ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefühl, wenn er jetzt selbander bei Tische saß statt allein, oder wenn er morgens erwachend zwei Zöpfe neben sich liegen sah. Aber auch der jüngeren Ehefrau, der früheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam dünken, hier im ehemaligen Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im Kampfe lag[145].

Da saß Käthe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst gestürmt, sah ihn von Büchern umgeben, den Tisch mit Briefen und Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und theologischer Bildung. So ergötzte es den Gelehrten, als sie einmal fragte: „Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen Bruder?“ Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht über Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stück des Briefes vor. Da sprach sie alsbald: „Ist nicht der teure Mann zur Kröte geworden?“ Und sie freute sich, daß Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther über Erasmus hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres Mannes Haus, wo so viele Fäden der Kirchen- und Weltgeschichte zusammenliefen und so viele bedeutende Männer, Gelehrte, Staatsmänner und Fürsten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die theologische Gedankenwelt so ein, daß sie an den Tischreden lebhaften Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und ihr natürliches Gefühl mitunter in Verlegenheit brachte[146].

Frau Käthe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so daß Luther sie oftmals damit neckte und sie einmal einem Engländer als Sprachlehrerin empfahl oder auch davon redete, daß sie das Amen nicht finden könnte bei ihren Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: „Weiber reden vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, daß sie Cicero, den besten Redner, übertreffen; und was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen können, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Händeln, denn wir Männer, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen. Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“[147]

Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzäunten Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde gegraben und gepflanzt und allerlei Kräuter, Gemüse und Obstbäume, aber auch zierliche Sträucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im folgenden Sommer Spalatin einladen: „Ich hab einen Garten gepflanzt, einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glück. Komm, und Du sollst mit Lilien und Rosen bekränzt werden.“ Auch zu dem „Lutherbrunnen“ vor dem Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521 entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem „Lusthaus“ überbauen ließ, in dem er manch liebes Mal in Muße mit seiner Frau und seinen Freunden saß. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespräch vernommen[148].

Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs. Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenöffnung erscheint ein bißchen „geschlitzt“, die Backenknochen, welche in einem anderen Käthe-Typus sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewölbt, das wenig üppige feine Haar hat rötliche oder blonde Farbe und die mattblauen Augen schauen verständig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes läßt nüchternen Ernst und eine gewisse zähe Energie erwarten[149].

Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl „nicht von unmäßiger Liebesglut entflammt“, mit den gleichen Worten wie unser moderner Dichter: „Die höchste Gnade Gottes ist's, wenn im Ehestande Eheleute einander herzlich stets für und für lieb haben. Die erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen, alsdann so bleibet in Gottesfürchtigen die rechtschaffene Liebe, die Gottlosen aber haben den Reuwel.“[150]

Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder als müßig tändelnde Flitterwochen, noch als ein ungetrübtes Idyll dahin. Dafür sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Haß seiner Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die Heirat des Reformators und ehemaligen Mönchs mit der gewesenen Nonne beleidigten.

Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den Augen seiner Zeitgenossen, als daß sie nicht das gewaltigste Aufsehen erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdächtigungen Anlaß geben mußten[151].

Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen Schmähungen und Lästerungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden. Die Klüglinge „belächelten“ seine Ehe oder verdammten sie auch: „Die Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darüber erzürnt.“ Das war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon; jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel würden darüber lachen, und Luther würde sein ganzes Werk vernichten. Dieser mißbilligte wohl die That an sich nicht, wohl aber, daß sie nicht opportun sei und unbedachtsam geschehen, so daß die Feinde darin ihr großes Vergnügen haben und lästern; er meinte auch, „Luther habe sich durch Nonnenkünste fangen lassen und sei hereingefallen“[152].

So war es für die Eheleute schon ein Schmerz, daß der Hausfreund nicht bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Käthe wohl eine schwere Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schließlich mäßigte auch Melanchthon seinen Verdruß, ja er tröstete Luther und beeiferte sich, seine Traurigkeit und üble Laune durch Freundlichkeit und fröhliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemüt wieder zur alten Lebhaftigkeit zurück. Schon drei Tage nach der Trauung schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen und getrosten Trutzes: „Ich habe mich durch diese Heirat so geringschätzig und verächtlich gemacht, daß ich hoffe, es sollen die _Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klüglingen kennet dies Werk nicht, daß es göttlich und heilig sei: sie nennen's an meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch größeren Gefallen daran habe, daß ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird, so daß sich daran stoßen und ärgern die, so ohne Erkenntnis Gottes mutwillig zu bleiben fortfahren“[154].

Viel ärger als die Freunde trieben's natürlich die Widersacher. Emser verfertigte Spott- und Schmähgedichte, ja Eck gab ein ganzes Büchlein von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von Sachsen, Luthers besonderer Feind, erließ ein Schreiben an Luther, worin er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit der falschen Anschuldigung: „Es erscheint auch klärlich, indem Martinus verworfen hat den Mönchsstand und so auch die Mönche aus dem Kloster zu Wittenberg, daß er desto mehr Raum habe mit seiner Käthchen zu wohnen, davon sich ein ganzer Konvent hat nähren mögen.“ Der theologische König Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des römischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den Reformator an: „Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch unendlich fluchwürdiger ist, hast sie sogar öffentlich als Gattin heimgeführt!“[155]

Diese Schriften — außer der Georgs — waren lateinisch und gingen zunächst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenrührige Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkönig Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnödem Witze meint: wenn der Antichrist ein Mönchs- und Nonnenkind wäre, müßte die Welt voll Antichristen laufen; aber die Lüge von einem frühgeborenen Kinde hat er mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren verbreitet, bis er sie dann widerrufen mußte. Die Heirat Luthers ist dem hochmütigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewöhnlichen Menschen erniedrigt hätte[156].

Aber noch näher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die Schmähung. „Ein Bürgersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche Hausfrau hat unnütze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare Hausfrau geschmäht und gescholten,“ freilich „auch des Pfarrers Eheweib übel angefahren“ in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157].

Endlich verfaßten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und deutsche Sendbriefe und ließen sie drucken. Hasenbergs Schmähschrift richtete sich „an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur Buße und Heiligkeit des Klosterlebens zurückkehren oder doch Luther seine Nonne ihrem Bräutigam Christus und ihrer Mutter Kirche zurückstelle“ bei Höllenstrafe. Heidten schrieb „Ein Sendbrieff Kethen von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher Weise zuvorfertigt“. Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit, diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins Haus zu schicken, allerdings in der thörichten Hoffnung, wenigstens Käthe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rückkehr ins Kloster zu bewegen.

Natürlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg. Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den „jungen Löffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach“ mit dem Boten zurück und dazu ein viereckiges Täfelein, darauf waren die 6 Buchstaben _ASINI_ (Esel) so verteilt, daß man sie von der Mitte aus gesehen, an vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines Weibes an und ließ „Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Löwen“ mit behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den Worten: „Die Leipziger Esel haben meine Käthe mit albernen Schmähungen verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen siehst.“[158]

Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meißen, dreizehn Jungfrauen aus dem fürstlichen Kloster Freiberg entführen zu lassen. „Ich habe diese Beute dem wütenden Tyrannen entrissen“, meldet er triumphierend seinem Freund Stiefel. Darüber war natürlich Georg wütend, aber auch der Adel zürnte über Luthers Gewaltthat — mußten doch die Angehörigen der Nonnen durch ihren Austritt Vermögenseinbuße befürchten: sogar adelige _Freunde_ der Reformation nahmen es Luther übel. Es wurden Drohungen gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem Haufen Reisiger oder Bauern in die Hände fiele, denn auch die Bauern waren ihm ja seit dem Aufstand wenig günstig. Nun war Luther auf den 19. November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige Geheimschreiber des verstorbenen Kurfürsten jetzt Stadtpfarrer war. Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Käthe hielt ihn zurück und beschwor ihn sogar mit Thränen vor der gefährlichen Reise. Also daß ihr Gatte heldenmütig seines reformatorischen Befreieramtes waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und „dem Satan diese Beute Christi abjagte“, das hinderte Frau Käthe nicht, aber das setzte sie durch, daß er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche Lebensgefahr mußte sie ja immer für ihren Gatten fürchten, auf welchen wie auf einen Fürsten gar mancherlei Attentate geplant und versucht wurden[159].

Dagegen ließ sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, daß Luther sie nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals der ehemalige Schwärmer, Bilderstürmer und Bauernagitator Karlstadt als Bauersmann und Landkrämer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfürsten erwirkt. Und jetzt hatte Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche Reise, sondern ließ sogar ihren Gemahl mitfahren[160].

Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin besser verstehen, tiefer lieben und höher achten. Hatte er sie vor der Hochzeit für stolz und hoffärtig gehalten, so schreibt er jetzt: „Sie ist mir gottseidank willfährig, gehorsam und gefällig, mehr als ich hätte hoffen können, so daß ich meine Armut nicht mit des Crösus Reichtum vertauschen möchte.“[161]

Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde ihn gemessener machen, und sein ungestümes, derbes Wesen sänftigen. Das dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler Rühel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als Hochzeitsgeschenk reichen ließ, welche Katharina gern annahm, Luther aber zurückwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu haben, daß Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der Feder wüte. Denn, setzt er in gewohnter spöttischer Weise hinzu: „nichts ist so wild, daß ein Weib es nicht zähmt“[162].

Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsächlich ließ sich Luther — aber durch fürstliche Zurede — im versöhnlichen Tone gegen Herzog Georg und König Heinrich VIII. hören — freilich ohne diese dadurch versöhnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben aus, um ihn verächtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf hat Käthe ihren Mann weder hindern können noch wollen[163].

Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Käthe plante wohl selbst mit ihm während der Vorbereitung zu ihrer Heimführung die Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren Klosterraub[164]!

Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: „Es meinen etliche, man solle nun aufhören, das Papsttum und geistlichen Stand zu spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muß ihr einschenken, bis nichts Verächtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige Isabel.“[165]

7. Kapitel.

Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.

Ein Jahr nach ihrer Vermählung am 7. Juni 1526, „da der Tag im Kalender heißt Dat.“ (d.i.: Er giebt) schenkte Käthe ihrem Gatten ein Söhnlein, das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2 Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach damaliger Sitte von Diakonus M. Rörer getauft. Taufpaten waren der Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Müller in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Bürgermeisters Hohndorf. Nach dem Großvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166].

Hänschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe wird bald fröhlich und kräftig und ein homo vorax et bibax (starker Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527 bekommt er Zähne, lernt stehen und gehen und fängt an zu lallen und mit lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung für all diese Künste schickt Jonas dem kleinen Hans einen „silbernen Johannes“, ein Geldstück mit dem Bild des Kurfürsten[167].

Bald ist der Zweijährige gar stolz über eine Klapper, die er vom Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird jahrelang in jedem Brief erwähnt und muß immer und überall hin die Freunde grüßen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem Söhnchen erzählt: „Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch, daß wir immer fröhlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung gegen Gott.“ Und wieder saß Hänschen am Tisch und lallete vom Leben im Himmel, wie eine so große Freude da wäre mit Essen und Tanzen, da wäre die größte Lust: die Wasser flössen mit eitel Milch und die Semmeln wüchsen auf den Bäumen. Da freute sich der Doktor über das selige Leben des Kindes[168].

Anderthalb Jahre blieb Hänschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527, während die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wütete, ein Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt von seinem kleinen Söhnchen: „Mein Sohn begrüßt deine Tochter als seine zukünftige Braut.“ Aber am 3. August des folgenden Jahres in der gefährlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Töchterlein und wurde in großer Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen Inschrift: „Hier schläft Elisabeth, M. Luthers Töchterlein.“ Schwer nur trösteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: „Elisabeth ist von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist.“[169]

Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz für Elisabeth in einem zweiten Töchterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent (Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und späteren Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf lautet:

„Achtbarer, würdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und meiner lieben Käthe gnädiglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich Ew. Würden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl. Christenheit helfen durch das himmlische hochwürdige Sakrament der Taufe[170].

Der Gevatterinbrief lautet:

„Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin! Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch Euern Dienst und Hülfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst nicht dürfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther.“[171]

Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen „über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine „Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]

Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein. Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].