Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 25

Chapter 253,610 wordsPublic domain

Weniger freundliche Denkmäler haben der Gattin Luthers katholische Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Mönches und der Nonne als ein Sakrileg und Skandal auffaßten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646].

Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das gemütansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen hat.

Und mit Recht. Sie war eine tüchtige und brave Frau, wie man's zu ihrer Zeit ausdrückte: ein „frommes Weib“, eine echte deutsche Hausfrau. Sie hatte den Mut, Martinus Luther, „den kühnen Held“, zu ihrem Ehegemahl zu erwählen, sie hat es gewagt, mit dem Geistesgewaltigen, dem kaiserbürtigen Regenten der Kirche[646] zu leben, ihm zu genügen, ihn zu befriedigen. Und sie hat geleistet, was sie unternommen. Der große Doktor hat sie geachtet, hat sie geliebt und gelobt. „Das aber ist das wahre Lob, gelobt zu werden von gelobten Männern.“

Belege und Bemerkungen

Abkürzungen

_Anton_, D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804.

_W. Beste_, Die Geschichte Katharinas von Bora, nach den Quellen bearb. Halle 1843.

_Br. s.u._

_G. Buchwald_, Zur Wittenb. Stadt- u. Univers.-Gesch. L. 1893.

_C.A.H. Burkhardt_, Dr. M.L. Briefwechsel. L. 1866.

Consilia Theol. Witteb. Fr. 1664.

_Cordatus_, Tagebuch über Luther. 1553. Von H. Wrampelmeyer, Halle 1883.

_C.R._ = Corpus Reformatorum. Bretschneider, Halle 1834 ff.

_Grulich_, Denkwürdigkeiten von Torgau. 2. Aufl. Torgau 1855.

_A. Hausrath_, Kleine Schriften religionsgesch. Inhalts. Leipz. 1883. S. 237-298.

_M.Fr.G. Hofmann_, Kath. v. Bora oder Dr. M. Luther als Gatte u. Vater. Leipz. 1845.

_Juncker_, Ehrengedächtnis Lutheri. Frankf. 1706.

_Kaweran_, Briefwechsel v. J. Jonas. 2 Bde.

_Kolde_, Analecta Lutherana. Gotha 1883.

_Köstlin_, M. Luther. 2 Bde. 2. Aufl. Elberfeld 1883.

_M.A. Lauterbachs_ Tagebuch. 1538. Von I.K. Seidemann, Dresden 1862.

_Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte. L. 1769.

_G. Lösche_, Analecta Lutherana et Melanth. Gotha 1892.

_L.W._ = _Walch_, Luthers Deutsche Werke, Halle 1739-50.

_Mayeri_, Vita Catharinae Boriae. Hamburg 1698. Deutsch: Unsterbl. Ehrengedächtnis Frauen Katharinen Lutherin. Frankf. u. L. 1724.

_Mathesius_, Predigten über Dr. M.L. Nürnberg 1576.

_Ratzebergers_ Handschr. Gesch. über L.u.s. Zeit von Chr. G. Neudecker. 1850.

_Richter_, Geneal. Lutherorum. Berlin u. L. 1723.

_J. Schlaginhaufen_, Tischreden L. 1531/2. Von W. Preger, L. 1888.

_Seckendorf_, De Lurtheranismo Comment. Leipz. 1692.

_Seidemann_, Luthers _Grundbesitz_, in Zeitschr. für histor. Theol. 1866.

_Seidemann_, _Erläuterungen_ zur Ref.-Gesch. Dr. 1844.

_Seidemann_, Beiträge zur Ref.-Gesch. Dr. 1846-48.

_Stier_, Denkwürdigkeiten Wittenbergs. Dessau u. L.

T.-R. = _Förstemann-Bindseil_, D.M.L. Tischreden. 4 Bde. Berlin 1844-48.

Urkb. = Urkundenbuch von Grimma und Nimbschen. Herausgegeben von L. Schmidt in Cod. dipl. Sax. reg. II. 15. Bd. L. 1898.

W. = _Walch_, Wahrh. Gesch. der sel. Frau Katharina v.B. Halle 1752.

NB. _Ohne Namen u. Titel_ oder mit _Br._ citiert sind _De Wette_ und _Seidemann_, Dr. M. Luthers Briefe. 6 Bde. 1825-56.

* * * * *

1. Katharinas Herkunft und Familie.

[1] Die Herkunft und Heimat Katharinas ist noch lange streitig und wird sich nicht so leicht feststellen lassen, selbst wenn neue Urkunden aufgefunden werden; hauptsächlich ist die weite Verzweigung der Familie und die Unsicherheit der Elternnamen Katharinas daran schuld. Der Stammbaum Katharinas von Bora ist am eingehendsten verfolgt worden von dem jetzt verstorbenen _Georg von Hirschfeld_: „Beziehungen Luthers und seiner Gemahlin zur Familie Hirschfeld“ in Beiträge zur Sächs. K.-Gesch. II, 86-141 (bezw. 309). Dies geschah auf Grund einer älteren Chronik (vgl. Hofmann 63) von Philipp von Hirschfeld († 1748). Sodann von _Ernst Wezel_ († 1898) zuerst in der „Wissensch. Beilage der Leipz. Leitung“ 1883 Nr. 71, dann in der Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des K. Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. „Das Adelsgeschlecht derer von Bora“, A.W. Hagens Erben 1897, mit Auszügen aus zahlreichen Urkunden (vgl. Br. VI, 647 f. 705), eine Schrift, welche noch vervollständigt herausgegeben werden soll.

Nach G. von Hirschfelds Stammbaum wäre Katharina von Bora eine Tochter des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna von Haugwitz: Hans veräußerte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Löben, übergab dies seinem Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr gehörte. —

Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den Annahmen: 1. daß es zwei Güter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. daß eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Löwen in eine Lilie) verändert habe (97); 3. daß Phil. v.H. verschiedene Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f. Sächs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich schon Sächs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch. Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. daß Irrtümer in dem sächs. Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. daß die wunderliche und nicht mehr auffindbare Notiz, wonach Luther „seinem Schwähervater, dem edeln und festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Büchlein (Joel) oder gar eine Bibel verehret“ (Br. VI. 684), richtig sei.

Gegen diese Aufstellung sprechen aber außer den künstlichen Umstellungen der Umstand, daß Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und bei ihrer Verheiratung höchst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner sollte man meinen, daß die Luthersche Familie mit dem Staatsmann Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349) in vertrauterem Verkehr gestanden haben müßte, wenn sie mit ihm so nahe verwandt gewesen wäre. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall.

Für _Lippendorf_ als Geburtsstätte von Katharina spricht folgendes: 1. Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss. Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern gerade am Vermählungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden vorkommende Formel beweist: „nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie den erlebet, u. nicht eher“). Es wäre nun sehr erklärlich, daß Katharina wegen und bei der Schließung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen „Gütlein“ Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preußen hier einfinden und „lange heraußen aufhalten, auch müssen selbes beziehen u. sich verehelichen, bis er's an sich bracht“ und hat das „aus Not, (um) sein u. seiner Brüder Gütlein zu bekräftigen, müssen thun u. für sein Kindlein das Gütlein u. armes Erbdächlein beschicken“. (Br. V, 106, f.) 3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte es seine Schwester, obwohl es wenig einträglich und zwei Tagereisen weit von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten. (S.S. 84 f.)

Allerdings gehörte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525 heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; über die Niemeck vgl. Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). _Also scheint Zulsdorf in der That ein „Erbdächlein“ Derer von Bora gewesen zu sein._ (Die Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der „Zulsdorfer Kapelle“, stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299 c. XII.)

Im Amte Weißenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehörten, gab es um 1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der Bruder einer verehelichten „Haugwitz“.

Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hieß Katharina und war vielleicht eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende, wenn nämlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie gewöhnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die (freilich erst 1664 veröffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p. 17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320) daß Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heißt ein Vorwerk östlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). _Seckendorf_ (III 92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der Katharina v. B. geworden) und nach ihm _Mayer_ p. 4 nennt sie eine _Haugwitz_, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): „von Haubitz _oder_ Haugwitz“. (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von Bora 1510 Vormund für eine von Haugwitz, welche also seine Schwester gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen (Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter „Haubitz“). Diese Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so daß es verschwand. Die späteren Biographen behalten Haugwitz bei und behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas Mutter sei _Anna_ gewesen. Soll das ein Mißverständnis aus Una de Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz aus Flößberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen spricht, daß ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit einer Vorrede Bugenhagens veröffentlichte, worin keine Rede ist von der Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (_Seckendorf_ ad Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen _Haubitz_, wenn Katharinas Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der Umstand, daß der Vater Annas v. H. ein _kursächsischer_ Unterthan war (Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. _Glasey_, Kern der hohen kur- und fürstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nürnberg 1753, S. 795. Hirschfeld 127). — Doch war unter den kursächsischen Visitatoren von Thüringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35 Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Großmann, Visitationsakten der Diöces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide (Asmus = Erasmus) dieselbe Person?

2. Ferner spricht gegen Lippendorf, daß Jan von Bora 1505 alle seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrauen zu einem Leibgeding bekennt. — Lippendorf als damaliger Sitz dieser Linie wäre doch naturgemäß nicht als Leibgeding an die Ehefrau, sondern als Erblehen an die Kinder übergegangen (dieser Grund bestimmt G. v. Hirschfeld S. 110 f., gegen Lippendorf als Geburtsort Katharinas zu stimmen, und ihm folgt jetzt 1897 aus demselben Grunde auch Wezel, nachdem er 1883 Leipz. 8. Wiss. Beil. 71 dafür gewesen war). Indes war auch Sale ein „Sitz“ und wurde dennoch von Hans von Bora zu Lippendorf an seine Ehefrau Katharina verleibgedingt. Es kann ja ganz gut außer Lippendorf noch ein weiterer „Sitz“ für den Aeltesten vorhanden gewesen sein. Aeltere Männer pflegen in zweiter Ehe die Frauen zu Ungunsten der Kinder zu bevorzugen. Dies ist doppelt begreiflich in diesem Falle, wo aus erster Ehe, wie es scheint, nur ein Mädchen, Katharina, vorhanden war, höchstens noch ein Bruder, der mit einem geringen Gütchen abgefunden wurde (s.u. zu S. 4).

Schon Seidemann meint, L. scheine K.s Geburtsort zu sein (Br. VI, 647) und neuerdings (1899) hat ein aus Medewitzsch gebürtiger Lehrer Dr. Krebs in Lippendorf am Hofgut als der Geburtsstätte Katharinas eine Tafel anbringen lassen.

Lippendorf gehörte zum Amte Weißenfels und dieses mit seinen Zugehörungen nach dem Teilungsvertrag 1485 zum Herzogtum Sachsen (A. Fr. _Glasen_, Kern der Gesch. der hohen kur- u. fürstl. H. zu Sachsen. 4. Aufl. Nürnberg, 1753, S. 792.)

[2] Vielleicht wirkte auch die stärkere Mischung mit slavischem Blut bei den Meißnern auf diese Mißachtung.

[3] Katharinas Leichenprogramm C.R. VII. 1155. Nata ex nobili familia equestris ardinis in Misnia.

[4] Br. V. 792.

[5] 1733 bei _M.D. Richter_, Geneal Lutherorum, S. 750, „Alt- und Neu-Boren, Wendisch- und Deutschen-Boren“. Nossen liegt genau in der Mitte des heutigen K.-R. Sachen.

[6] _Grimm_, D. Mythologie, Göttingen 1835. S. 478. „Bor“ eigentlich Föhre, vgl. Fohre. — Der Name Bora wird sehr verschieden geschrieben: Bhor, Bohra, Bhora, Bor(a)ra, Bor, Bora, Borau, Boren, Born, Borna, Borna, Pora, lat. Boria, Bornia, Borana, Borenia, Borensis, griech. ἡ Βορεἰα. So steht sogar in ein und derselben Urkunde (27. Nov. 1534, Dresden, Copialb 82, Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 70, S. 413 u. 414) oben „Hansen vonn Bora“ und unten „dem von Borau“. Auch auf dem Grabstein Katharinas in Torgau stand früher unten Borau, aber das Wort war schon vor 100 Jahren ganz von Salpeter zerfressen und ist jetzt gänzlich verschwunden. _Keil_, hist. Nachr. v. Geschl. L., S. 6.9. So wechselt auch durch die mundartliche Aussprache Torga und Torgau, sogar in derselben Urkunde, drei Zeilen von einander. _Kolde_, An. L. 200.

[7] _Beste_, 9. — Das Wappen ist auch auf K.'s Grabstein ausgehauen. Die Farben dazu wurden bei einer Renovation i.J. 1617 aus Eilenburg von einer an den dortigen Pfarrer Böhm verheirateten Enkelin Luthers geholt. Torgau. Kämmerei-Rechnung.

[8] Schon Hofmann 63 f. weist eine Anzahl Bora-Stätten ab. Ebenso G. v. Kirchfeld. a.a.o. S. 87-110, 113, 116-118. Aus _Dohna_ stammt K. nicht, denn das dortige Bora-Haus am Markt kam erst 1573 in die Hände des Großneffen Katharinas: Clemens. Aus _Moderwitz_ (s.o. S. 267) bei Neustadt an der Orla nicht, denn das dortige Gut war kursächsisch und gehörte der Familie Hayn, _Motterwitz_ bei Leisnig aber denen von Bressen und das andere Motterwitz dem Geschlecht Staupitz, aus dem Luthers geistlicher Vater stammt. (Schmidt, Urkundenbuch S. 312: Günther von Staupitz auf Motterwitz, 1501.) Aus _Schlesien_ stammt Katharina auch nicht, woher einmal ein alter Edelmann (Bernhard) von Bora, wahrscheinlich der Hauptmann von Oels, zu Luther nach Wittenberg kam und sich bei ihm über den Schwärmer Schwenkfeld Rats erholte. Denn dies schlesische Geschlecht heißt eigentlich Borau-Kessel und hat ein ganz anderes Wappen: im silbernen Feld nebeneinander drei rote Rosen und gelbe Butten. Br. VI, 647. Noch weniger stammt K. aus _Ungarn_, wie auch einmal behauptet wurde (Hofmann 64). Diese Meinung rührt wohl daher, daß der ehemalige Wittenberger Bürgermeister Christoph von Niemeck, dessen Mutter wohl eine Maria von Bora aus Zulsdorf war (s.o. S. 270 f.) in Ungarn Fundgrüberei trieb und dort (1564?) starb. (Seidemann, Ztschr. f. hist. Th. 1860, S. 529.) — Aus _Simselwitz_ bei Döbeln kann K. auch nicht herstammen, weil die dortige Bora-Linie schon 1490, d.h. vor ihrer Geburt ausstarb (G. v. Hirschfeld a.a.o.).

Bisher hatte die Ueberlieferung sehr allgemein und zu verächtlich behauptet. Katharina von Bora sei in Steinlausig an der Mulde (setzt „Muldenstein“), ein paar Stunden nördlich von Bitterfeld auf die Welt gekommen, weil 1525 nach dem Tode Friedrichs des Weisen ein dort begüterter Ritter, Hans von Bora, nach Wittenberg gekommen ist und dem neuen Kurfürsten Johann Erbhuldigung gethan und dort eine Luther-Linde steht(!). Ja, es wurde sogar erzählt, daß Katharina in das dortige Kloster eingetreten sei. Diese Ansicht wurde festgehalten auf Grund der Nachricht von Mayer (S. 7): „welches wir in der Weimarischen Bibel (1641!) aufgezeichnet gefunden“, wo es heißt. „Geborene auß dem Adelichen Geschlechte derer von Bora, so in der Chur oder (!) Herzogthumb Sachsen zu Stein-Lausig (!) seßhaft gewest, wie auß der Ritterschaft im Chur-Kreiß Erbhuldung zu Wittenberg (!) 1525 zu vernehmen.“ Aber um 1500 war Stein-Lausig („Lussigk“, eine wüste Mark), wie die ganze Gegend _kur_fürstlich, und dieser Hans von Bora _kur_fürstlicher Vasall (daher er eben dem _Kur_fürsten huldigt) — während doch Katharina aus Meißen stammte und Unterthanin des Herzogs Georg war. Dieser Hans v.B. auf Steinlausig starb auch ohne Söhne, so daß sein Leben an Luthers Gevatter, Hans von Taubenheim, kam. Steinlausig endlich war ein _Männerkloster_! (Emil Obst, „Muldenstein und Steinlausig“, Bitterfeld, Selbstverlag, 1895, S. 30-35). Vgl. Wezel, S. 421. — Bemerkenswert ist, daß um 1520 in Nimbschen eine Katharina von Lausigk Bursarin war (Urkundenb. 166). Vielleicht suchte man Katharinas Geburtsort auch darum in Stein-Lausig, weil die Gemahlin von Katharinas Bruder Hans, Apollonia geb. von Marschall, verwitwete Seidewitz, aus Jeßnitz stammte. So hießen fünf Orte, darunter der bedeutendste: die Stadt Jeßnitz, nicht weit nördlich von Steinlausig. Thatsächlich ist aber das Dorf Jeßnitz bei Döbeln ihre Heimat. Br. VI. 705.

[9] _Zulsdorf_. (Zülsdorf, Zöllsdorf, Zölldorf, Zeilsdorf u.s.w.) „das wüste Dorf oder die Wüstung Czollsstorff“ (a. 1105: Zulänestorff), burggräflich-leisnigsches Lehen, gehörte zur Pfarrei Kieritzsch. _Nixdorf_: „Holzmark zw. Z. u. Kieritzsch“. Archiv f. Sächs. Gesch. 1864, S. 209. 97. Vgl. Br. VI, 705. Wezel 413. [Transkriptions-Anmerkung: Die genaue Position des Verweises im Text nicht markiert.]

[10] Beste 12.

[11] Br. VI, 649 f. V, 492. _Walch_, K.v.B. 23. 65. k.

[12] IV, 291. V, 106. 201. 411. 516. _Burkh._ Br. 303. 401. 423.

[13] _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 265-69.

[14] Urkundenbuch 318 ff. Sie war 1509 die 14. unter 43 Klosterfrauen, gehörte also schon unter die Seniorinnen. Muhme bedeutet freilich nicht bloß Tante, sondern im allgemeinen soviel wie das süddeutsche Base (sogar = Nichte); ebenso „Ohm“ = „Vetter“ (auch = Neffe). So nennt Luther seine Nichte (Lene) „Muhme“ (T.R. IV, 54) und Katharina ihren Neffen (Florian) „Ohm“. S.o.S. 239.

[15] _Schumanns_ Lexikon von Sachsen. Bd. 13, S. 671.

[16] Br. V, 64.

[17] _Richter_. 674, nobilis sed tum fere ad incitas redacta prosapia. Br. VI, 649 f. IV, 291.

[18] _Lorenz_, Sachsengrün, 1861, 1, S. 82; Z.B. die 2 Schönfeld 3 Sch. 20 Gr., Ilse Kitschers 40 Gr., die 2 Zeschau je 4 fl. rh., Magd. v. Staupitz 2 fl. Hirschfeld a.a.O. 127.

[19] Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 1899, S. 35a Erasmus Epist. ed. Cler. Tom. III pag. 790 indotata (ohne Aussteuer). — Vgl. Luthers Rede und Gebet bei seiner Krankheit 1527. L.W XIX, S. 160 ff. — Das sog. Bild Katharinas von Bora, das sie angeblich im reichen Brautstaat mit dicken silbernen und goldenen Ketten zeigt (bei Fr. G. Hofmann, Katharina v.B., Leipzig 1845) stellt sie gar nicht vor, wie schon die gestickte Schrift C A B an der Haube beweist, denn das heißt nicht etwa C. a Bora. _Seidemann_, Beitr. I, 92. Vgl. übrigens das Siegel 266.

2. Im Kloster

Hierher bes. „Urkundenbuch“. Ferner: „Sachsengrün“ Kulturhist. Ztschr. I S. 82; Bräß, Wissensch. Beil. der Leipz. Zeitung 1899, Nr. 9. Vgl. A. _Thoma_, Gesch. des Klosters Frauenalb, Freiburg 1899.

[20] _Vierordt_, Gesch. der ev. Kirche im Großherz. Baden, Karlsruhe 1847, I. Bd. S. 30 ff. Frauenalb S. 18. Th. Murner, Schelmenzunft (1512). „Kloster und Stifte sind überall gemeiner Edellüt Spital“.

[21] Frauenalb S. 31: „Da alle Klausur und geistlichen Leute erdacht und gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“.

[22] Vgl. „Wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen“, Walch, L.W. XIX 2095 ff. Diese Nonne Florentina von Oberweimar. „Da ich 24 Jahre alt wurde, begann ich mein Gemüt und meine Geschicklichkeit zu fühlen und erkennen“.

[23] Monachum aut paterna devotio aut propria professio facit. Decret II part. c. 3. C. XX qu. 1. Vgl. Köstlin I 592, Frauenalb 19.

[24] Florentina a.a.O.: „Von meinen Eltern, welche geistlichen Stand für gut und selig angesehen, durch Bitt und Anregung meiner Muhme, der Domina (Aebtissin) zu Eisleben, wurde ich in das Jungfrauenkloster daselbst gegeben.“

[25] Frauenalb 19. — Ave Grossin wurde in Nimbschen als Kind angenommen — (Sachsengrün 81). Florentina, welche mit dem 6. Jahr ins Kloster kam, erzählt. „Da ich 11 Jahre, bin ich durch Angeben der Domina (Aebtissin) ohne alles Befragen (und wenn ich gleich wohl befragt, hätte ich keinen Verstand gehabt) also unwissend eingesegnet“.

[26] Br. II, 323. 319.

[27] Br. II, 331 (lies invito dicatis). 324.

[28] Urkundenbuch 319 ff. Die Nonnen pflegten nicht nach dem Lebensalter, sondern nach dem Eintrittsjahr aufgezählt zu werden. (Frauenalb 42 f.)

[29] _Seckendorf I_, 274. _Engelhard_, Lucifer Wittenbergensis v.d. Morgenstern v.W., d.i. vollständ. Lebenslauff der Cath. v.B., des vermeynten Ehe-Weibs D.M.L. Landsperg, 1747. I, 27.

[30] _Nimbschen_. Der Name lautet: Nimetzsch, Nimtsch(en), Nympschen, Nimptschen. Bräß a.a.O. — „Gestiftet zur Ehre und zum Dienste Gottes und seiner geheiligten jungfräulichen Mutter“. — Das Amt und Kloster fiel bei der Teilung 1485 an das Kurfürstentum. Sachsengrün, I, 82.

[31] Zu S. 8 ff. Vgl. Thoma, Frauenalb 77 ff. Zu S. 9-12 s. Urkundenbuch 319 ff. Bräß, 35a.

[32] Urkundenbuch 337. Zum damaligen Geldwert: l Schock = 60 Groschen. 20 Gr. = 1 fl. 14 gute Schock = 40 fl. — Damals kostete 1 Huhn 1/2 Gr.; 1 Schock (60) Eier 1 Gr.; 1 Scheffel Weizen 7 Gr.; ein Scheffel Hafer 3 Gr. Urkb. S. 376.

[33] Amsdorfs Brief an Spalatin vom 11. April 1523. „Ordinis B. Bernardi“.

[34] Im Freiberger Kloster gingen durch das Fenster am Chor Sachen (bes. Schriften) aus und ein. (Seidemann 128). — canes (statt canas?) vetulas.

[35] cum pueris heißt es. Sollten die Knaben der Aebtissin (S. 11) gemeint sein?

[36] Ueber die Feierlichkeiten s. Frauenalb S. 23-25.

[37] Urkundenbuch S. 166. Frauenalb 22.

[38] Metze = Magda(lena).

[39] Margarete hatte (1497) von ihrem Vater Hans v. Haubitz samt ihrer Tante als Leibgeding 64 Groschen Geld, 9 Hühner, 30 Eier und ein Hofichen Butter vom Vorwerk Haubitz verschrieben. (Urkb. zu 1497).

[40] Als das Stift evangelisch geworden war. _Großmann_, Die Visitations-Akten der Diöces Grimma I.H. Leipzig 1873, S. 181.

[41] S. _Seidemann_, Kollektaneen auf der Dresdener Hofbibliothek II unter „Bora“. Zu S. 13-15 Urkundenb. 319 f.

[42] _Cordatus_ Nr. 954.