Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 24

Chapter 243,699 wordsPublic domain

Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine demütige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wüßte, solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnädiglich zu gute halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich gegen E.F.Gn. zu unterthänigem und seinen Präceptoribus zu schuldigem Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm oblieget, fleißig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in aller Untertänigkeit sich zu erzeigen wissen.

Dies dann E.F.Gn. gnädige Beförderung unser lieber Gott auch reichlich wiederum belohnen wird und bin für E.F.Gn. gegen Gott um langwährende Regierung und Wohlfahrt fürzubitten allezeit demütiglich beflissen.

Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49.

E.F.G.

demütige und unterthenige Catharina, D. Martin Luthers seligers nachgelassene Witwe.“

Melanchthon schrieb einen Empfehlungsbrief an den Herzog für den jungen Mann, worin er ihn lobt als „tugendhaft im Wesen, unbescholten, bescheiden, aufrichtig, rein, von guter Anlage und Beredsamkeit; sein Körper sei gewandt und leistungsfähig und wenn er sich am Hofe übe, so könne sein Eifer dem Staat zu großem Nutzen gedeihen.“ Auch Jonas empfahl in einem Schreiben dem Herzog seinen „lieben Freund, den Sohn des göttlichen Propheten, empfehlenswert schon durch seinen Vater“ und entbot „Sr. Hoheit das Gebet der hochverehrten Frau und Witwe des hochw. D. Luther“. Zu mehreren Empfehlung legte Jonas eine Erzählung von dem Krieg bei und ein handschriftliches Schreiben Luthers, „des Propheten Deutschlands“, worin er diesen Krieg prophezeit habe[644].

So reiste denn Johannes Ende Mai mit Dr. Sabinus ab, der auch sein von Melanchthon erzogenes Töchterlein zu des Großvaters tiefem Schmerz mitnahm. Auch Jonas' Sohn, Dr. Christoph und Johann Camerar, der Sohn von Melanchthons Busenfreund, sind wahrscheinlich mit Hans Luther nach Königsberg gezogen[645].

Es kam nun auch ein Brief von Hans an Melanchthon, worin er einen Teil der Reise beschrieb. Den andern Teil scheint er schuldig geblieben zu sein. Auch muß ihm Melanchthon schreiben, Mutter, Schwester und Brüder warteten mit Sehnsucht auf einen Brief, worin er von all seinen Sachen berichten möchte; zur Leipziger Weihnachtsmesse gebe es schon genug Gelegenheit zur Briefbeförderung[646].

Lange hörte man nichts mehr von Hans Luther. Daheim aber dauerten die bösen Zeiten fort; denn die Unruhen und Aufregungen wegen des Interims, das der Kaiser den Lutheranern aufgezwungen hatte, ließen nicht nach; die Erbitterungen zwischen dem ehemaligen und jetzigen kurfürstlichen Hause waren eher im Wachsen, zumal der gefangene Kurfürst noch immer nicht freigegeben, sondern vom Kaiser in unwürdiger Weise umhergeschleppt wurde. Die Belagerung Magdeburgs, das wegen Nichtannahme des Interims geächtet und durch Moriz angegriffen war, brachte allerlei landschädigende Truppenbewegungen, und die Universität konnte also nicht so leicht zur Muße und Blüte kommen. Auch die Anfechtungen durch „die bösen Nachbarn“ dauerten bei Katharina fort. Die Einkünfte in diesen unruhigen Zeiten wollten nur schwer reichen für den Haushalt und die Erziehung der Kinder; Frau Katharina „litt an Armut“, so daß die 15 Rosenobel (50 Thaler) Gnadengehalt von dem dänischen König Christian III., um welche die Freunde regelmäßig einkamen und Katharina selbst schrieb, für „die arme Frau, unseres lieben Vaters Doctoris Martini Witwe mit ihren Kindern“ eine gar erwünschte „gnädige Hilfe“ waren. Die „Begnadigungen“, welche sonst die Lutherische Familie von ihren Landesherren gewohnt war, blieben aus, da der alte Kurfürst gefangen saß und der neue bei seinen großen Plänen und steten Kriegen nichts übrig hatte für sie. Daher konnte Frau Katharina klagen, „daß wenig Leut sind, die für die großen Wohlthaten meines lieben Herrn seinen armen Waisen Hilfe zu thun gedächten“[647].

Die vielerlei Schicksalsschläge trafen die arme Witwe so schwer, daß sie, die stets gesunde, jetzt kränklich wurde und über „Schwachheit“ zu klagen hatte.

In dieser schweren Zeit, „da es ihr Vermögen nicht war, ihren und ihres lieben Herrn Kindern nach Notdurft zu helfen“, war es für Frau Katharina ein Trost, daß der preußische Herzog „nun selber Vater sein“ solle. In dieser Zuversicht wandte sie sich zu Georgi (23. April) 1551 an S.F.Gn. unter Verdankung für die gnädige Aufnahme und Unterhaltung ihres Sohnes mit der Bitte, ihm ferner zur Vollendung seines angefangenen Studii in Frankreich oder Italien Unterhaltung zu verordnen, damit er dem Herzog nützlicher dienen könne. Zuvor aber möge der Herzog ihren Sohn eine kurze Zeit zu ihr kommen lassen, damit sie in ihrer Schwachheit etliche nützliche Sachen mit ihm reden könne, daran ihm und seinen Brüdern und seiner Schwester merklich gelegen; dann möge er wieder nach Königsberg oder nach Italien und Frankreich gehen, wie S.F.Gn. bestimmen würde. Wahrscheinlich hatte Hans der Mutter diesen Plan an die Hand gegeben.

Welchen Schmerz aber mußte die Mutter über ihren Lieblingssohn erleben, als darauf vom Herzog Albrecht folgende Antwort eintraf:

„Wir befinden, daß Unser gnädiger Wille bei ihm nicht dermaßen, wie Wir wohl gehofft, angewendet. Denn wie Wir berichtet (sind), soll er seiner Studien zur Gebühr nit abwarten. So wissen Wir auch gewiß, daß er sich etlicher guter Händel, deren er wohl müßig gehen konnte, teilhaftig macht. Derwegen zu bedenken, daß Uns wahrlich etwas beschwerlich (fällt, daß) Unsere gnädige Gewogenheit so wenig bei ihm bedacht wird.“ Daher schlage es der Herzog ab, Hans reisen zu lassen; wolle er aber in Königsberg vor gut annehmen, so sei der Herzog geneigt, um seines Vaters willen ihn mit Unterhalt zu versorgen[648].

Das war ein Schlag für Katharinas Mutterherz! Also weder fleißig noch ordentlich war ihr Liebling und beides wäre er doch nicht nur dem Herzog, sondern auch seinem Vater und seiner Mutter schuldig gewesen. Und wenn sie sich auch sagen mochte, der Herzog sei strenge gegen seine Schützlinge: wie einst gegen ihren Bruder Clemens, so jetzt gegen ihren Sohn Hans und wenn sie auch wohl mit ebenso viel Recht geltend machen konnte, der junge, sonst gut geartete und willige Mensch sei durch böse Gesellschaften verführt worden, so blieb doch die Thatsache stehen, daß sie dem Sohn zu viel und zu Gutes zugetraut, und daß die Vormünder doch recht gehabt mit der Behauptung, Hans habe nicht das Zeug zum Studium — war er doch auch jetzt schon 25 Jahre alt! Daran konnte auch das gute Zeugnis nichts abbrechen, das die Universität Königsberg dem Sohne Luthers wohl allzu günstig ausstellte[649].

Und als nun Hans vollends das Stipendium und Studium in Königsberg aufgab und auf weitem Weg langsam heimkehrte, so war der Beweis geliefert, daß er zu nichts Besserem tauge als auf die herzogliche Kanzlei. Dahin kam er denn auch in Weimar.

Um so besser gediehen die Söhne Martin und Paul, von denen der eine Theologie, der andere Medizin studierte; Margarete wuchs zur blühenden Jungfrau heran.

Der Schmalkaldische Krieg war wohl sonst zu Ende, nur nicht in Sachsen; es entstand allerlei Unruhe und Kriegsgerücht, neue Sorge und Angst. Sachsen wimmelte von Soldaten, Wittenberg hatte starke Einquartierung. Und obwohl es Freundesvölker waren, so geschahen doch von der rohen Soldateska allerlei Gewaltthaten. In der festen Stadt waren die Bürger vor ihren eigenen Quartiergästen nicht sicher, vor die Mauern hinauszugehen wagte niemand, denn draußen in den Städtlein gab es Mord und Totschlag; übermütig forderten die Kriegsknechte das Unmögliche[650].

Und wie sah es nun wieder draußen auf den Höfen und in den Gärten aus, wo eben mit Mühe die Schäden des Schmalkaldischen Krieges wieder hergestellt waren! Da waren Verwüstungen und Kontribution auf ihren Höfen vorgekommen. „Es ist am Tage“, klagt Bugenhagen, „daß sie in ihren Gütern dies Jahr (1551) großen Schaden gelitten.“ „Derwegen mußte sie zu Recht gehen vor des Kurfürsten Gericht wider Jan Löser.“ Jan Löser — des alten Hans Löser († 1541), ihres Gevatters Sohn und Luthers Paten — mußte Frau Katharina verklagen. Das war fürwahr ein bittrer Gang[651].

Und ob sie ihr Recht bekommen?

Der Kurfürst Moriz rüstete sich eben zum Schlage gegen den alten Kaiser. Da hatte er wohl keine Zeit und Lust, eine klagende Witwe anzuhören.

So mußte Frau Katharina nochmals den sauren Schritt thun und sich an den dänischen König wenden, an den sie am 8. Januar 1552 u.a. schreibt:

„E.K.M. wissen sich gnädiglich zu entsinnen, wie daß E.K.M. meinem lieben Herrn seligen samt dem Herrn Philippo und D. Pomerano jährlich ein Gnadengeld geschenkt, welches sie zu Unterhalt ihrer Haushaltung und Kinderlein haben sollten, welches denn bishero gemeldeten Herrn von E.K.M. überreichet (worden). Dieweil aber mein seliger lieber Herr E.K.M. allzeit geliebet und für den christlichsten König gehalten, auch E.K.M. sich in solchen Gnaden gegen seligen meinen Herrn verhalten: so werde ich _durch dringende Not bewogen, E.K.M. in meinem Elend_ unterthäniglich zu ersuchen, des Verhoffens, E.K.M. werden mir armen und itzt von jedermann verlassenen Witwen solch mein unwürdig Schreiben gnädiglich zu gut halten und mir aus Gnaden solch Geld folgen lassen. Denn E.K.M. sonder Zweifel bewußt, wie es nu nach dem Abgang meines sel. Mannes gestanden, _wie man die Elenden gedrückt_, Witwen und Waisen gemacht, also daß (es) zu erbarmen; ja (auch) _mir mehr durch Freunde als durch Feinde Schaden zugefügt_; welches alles E.K.M. zu erzählen zu lang wäre. Aus diesen und anderen Ursachen werde ich _gedränget_, E.K.M. unterthänig zu ersuchen, nachdem sich ein jeder so fremd gegen mir stellt und sich meiner niemand erbarmen will.“

Bugenhagen unterstützte in einer Beilage diese Bitte der Witwe „Patris Lutheri“, welche „fast (sehr) klaget“. Und mit Erfolg: am 22. März kam das Geld in seine Hand und er schreibt, daß S.M. „sehr wohl gethan“, die Witwe zu trösten[646].

Im Februar 1552, als die Kriegsknechte am rohesten hausten, wurden die Gemüter in Wittenberg noch erschreckt mitten im Winter durch heftige Gewitter mit Blitz und Donnerschlägen. Aber bald darauf zogen die Kriegsvölker ab.

Es kam nun Kunde, daß Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen hätte (Mai 1552). Die gefangenen Fürsten (Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die Religion im „Passauer Vertrag“ (August 1552).

Mittlerweile war es Frühling geworden und Sommer. Frau Käthe konnte säen und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren Krieg, Flucht, Verwüstung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr „lieber Herr“ ein Feuer angezündet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am schwersten, fühlen mußte.

Jetzt hätte die arme Witwe aufatmen können vom langen Leid: da traf sie der letzte, tödliche Streich.

19. Kapitel.

Katharinas Tod.

Die Kriegsvölker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein böses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die „Pestilenz“, die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde über Verlegung der Universität beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Räumen des Barfüßerklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu Fastnacht gestürmt hatte und das jetzt leer stand.

Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Güter, die sie besorgen mußte; wahrscheinlich hatten die studierenden Söhne und Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem großen, gesund gelegenen Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus der Gefahr zu reißen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So ließ sie denn einspannen, lud das Nötigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr waren: Paul und Margarete, während Martin scheint's schon vorher der Universität nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652].

Da geschah das Unglück: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen durch über Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom Wagen, fiel aber so unglücklich, daß sie mit dem Leib heftig auf den Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stürzte. Die Aufregung, der Fall, die Erkältung und wohl auch eine innere Verletzung führten eine schwere Krankheit herbei[653].

So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus in der „nächsten Straße, die nach dem Schloß führt“, in einem Eckhause bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in großen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zählte[646].

Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen. Ihr jüngster Sohn Paul, der sich zu einem tüchtigen Mediziner heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von Altenburg und Kurfürstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack — auch eine geborne Schwäbin — lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der Fischergasse[646].

Fräulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf eine kurfürstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen wehrte sie sich und appellierte an den Kurfürsten, so daß ein ehrbarer Stadtrat einen Boten mit Bericht über Anna Warbeckin Supplicien gen Dresden schicken mußte für Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlaß:

„Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern Jungfrau Anne von Warbeck demütiglichen Klag berichtet worden, wie daß Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, daß der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fürstl. Rat gewesen, auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fürstliches Geschenk und die Röcke _vor_ obenerwähnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn geschehen lassen, daß sie solche Röcke zu Ehren tragen möge. Und begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermaßen verhalten und erzeigen, daß sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab. Daran geschieht Unsere gänzlich zuverlässige Meinung. Datum Dresden, 30. Jan. Anno LII“[654].

Dieses adelige Fräulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer künftigen Sohnsfrau ihr Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau Katharina nicht mehr.

Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge für die Kinder. „In der ganzen Zeit ihrer Krankheit tröstete sie sich selbst und hielt sich aufrecht mit Gottes Wort. In heißen Gebeten erflehte sie sich ein friedliches Hinscheiden aus diesem mühseligen Leben. Oftmals auch befahl sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, daß die Reinheit der Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht, unverfälscht den Nachkommen überliefert werden könne.“ Sie selbst aber wollte „an Christus kleben, wie die Klette am Kleid“, ein Wort, das ihr nachher fromme Sänger im Liede nachsprachen[655].

Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus.

Der Vice-Rektor der Universität, Paul Eber, gab dies den Studenten durch ein von Melanchthon verfaßtes lateinisches „Leichenprogramm“ kund, worin ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler Brück u.a. erlitten. „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe schon schwer Belastete unter den größten Gefahren umherirren wie eine Geächtete; großen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten hoffen durfte, ist sie oft schmählich getäuscht worden.“ Statt des derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen Befürchtungen über die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: „Die Leute sind grob; die Welt ist undankbar“, wählte der gelehrte Freund für das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides (Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe Luthers paßt: „Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott verhängt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der Mensch erlebet.“

Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenüber weist das „Programm“ auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die Selige getröstet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit, den manchfachen Trübsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute gegen die Witwe des ehrwürdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die Universität lade nun alle ihre Hörer zum Leichenbegängnis ein, „um der verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, daß sie die Frömmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr ganzes Leben lang hochhielten; daß sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen nähmen; und daß sie nicht vergäßen die Verdienste ihres Vaters, die so groß sind, daß sie keine Rede genug preisen kann; daß sie endlich zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu halten und seine Lehrer und Verkündiger zu schützen und zu regieren, die Staaten zu behüten und den Kirchen und Schulen geziemende Zufluchtsstätten zu gewähren“[656].

Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der „edlen Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther“. Von ihrer Gastwohnung die Schloßgasse hinab an der neuerbauten großartigen kurfürstlichen Residenz Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Bürgern, Professoren und Studenten durch die Wintergrüne nach der Stadtkirche St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schönen Inschrift: „Laudate dominum pueri!“ wurde die müde Pilgerin unter den üblichen Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein Abschiedslied gesungen haben[657].

Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Söhne.

_Hans_ war herzoglich sächsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der Schloßkirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem großen Doktor gestorben war. Später kam Hans Luther zu seinem alten Gönner, dem Herzog Albrecht von Preußen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575.

_Martin_, von dem sein Vater gefürchtet hatte, er werde einmal ein Jurist, studierte Theologie; er mußte aber anhaltender Kränklichkeit wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreißigsten Jahr, nachdem er mit Bürgermeister Heilingers Tochter in Wittenberg einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte.

_Paul_, der jüngste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des brandenburgischen und später des sächsischen Kurfürsten. Er vermählte sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute.

_Margarete_ vermählte sich 1555 „im Beisein vieler Grafen und Herren“ mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Königsberg, der in Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preußischen Landrichter zu Tapiau, in glücklichster Ehe und starb als Mutter von neun Kindern im Jahre 1570[646].

Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind heutzutage noch wenige Nachkommen übrig. Vom Kloster Nimbschen, wo Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit 1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo sie so gern gewaltet hat. Ihre Gärten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und erntete, sind zum Teil mit neuen Häuserreihen überbaut. Nur das Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem großen Doktor gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermaßen im alten Zustand ist.

In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen — wohl von ihren Kindern — ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem realistischen Künstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und weißen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Händen hält sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihres Eifers im Bibellesen; also als andächtige Maria ist die fleißige Martha dargestellt. Ihr zu Häupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um den Rand steht die Inschrift: „Anno 1552 den 20. December Ist in Gott Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau.“[658]

Ein künstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andächtige Zuhörerin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster Reihe vor der Gemeinde — also ebenfalls als sinnige Maria.

Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten Reformations-Jubiläum 1617 der gekrönte Dichter Balthasar Mencius, Poëta Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]:

Cathrin von Bora bin ich gnant geboren in dem Meissner Landt aus einem alten Edlen Stamm wie solchs mein Anherrn zeigen an die Gott und dem Römischen Reich mit Ehr und Ruhm gedienet gleich. Als ich erwuchs, zu Jahren kam, der Tugendt mich thät nehmen an und jedermann bethöret war vom Pabst und seiner Münche Lahr, und hoch erhaben der Nonnen-Stand, ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand; mein Ehr und Amt hatt ich in acht rief zu Gott, bethet Tag und Nacht für die Wohlfarth der Christenheit. Gott mich erhört und auch erfreut; Doctor Luther den kühnen Held mir zu einm Ehmann außerwehlt, dem ich im keuschen Ehstandt mein gebahr drei Söhn und Töchterlein. Im Witwenstand lebt sieben Jahr nachdem mein Herr gestorben war. Zu Torgau in der schönen Stadt man meinen Leib begraben hat; biß Gottes Posaun thut ergehn und alle Menschen heißt aufstehn; alsdann will ich mit meinem Herrn Gott ewig lobn, rühmen, ehrn und mit der Außerwählten Schaar in Freuden leben immerdar.