Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 23

Chapter 233,624 wordsPublic domain

Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend über Frau Katharina.

Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns, unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].

Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das Papsttum begonnen war.

Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz, aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].

Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].

Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran. Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber, Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].

Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber. Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz achtgeben.

Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November) die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:

Zu Wittenberg auf dem hohen Wall Hört man die Büchsen krachen.

Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und schändeten in der Umgegend[620].

Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].

Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].

In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war. Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10. Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers Witwe“:

„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.

Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!

Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier, zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und allem Guten geneigt.“[624]

Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:

„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn Christum Jesum.

Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!

E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M. und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen; darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.

Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.

E.K.M.

gehorsame Katharina Lutherin, seliger Gedächtnis Doctoris Martini Luthers verlassne Witfrau.“[625]

Die so Beglückte dachte aber auch an andere Hilfsbedürftige, an den Amtsgenossen ihres Gatten, D.G. Major, der mit seiner großen Kinderschaar in dieser schlimmen Zeit sich vergeblich nach einer Stellung umsah. Frau Katharina legte in diese Danksagung als Beilage noch eine Fürbitte ein:

„Gnädigster Herr! Nachdem ich erfahren, was vor gnädigste und christliche Neigung E.K.M. gegen den (die) Theologen der Universität zu Wittenberg tragen und mein lieber Herr seliger Gedächtnis Doctor Georgen Major stets nun über zwanzig Jahre als seinen Sohn gehalten und lieb gehabt, welcher zu dieser Zeit allhie bei mir im Elend samt zehen lebendigen Kindern: will E.K.M. gedachten Doctor ich mich unterthänigst befohlen haben bittend, E.K.M. wollen ob solchem kein ungnädigst Gefallen haben. Denn Theologi je mit Weib und Kindern sonderlichen zu diesen jämmerlichen Zeiten, betteln müssen, wie ich schier selbst erfahren, da sie nicht von Fürsten und Herren ihre Errettung und Unterhaltung haben werden.“

Zu Ostern erhielt nun auch D. Major „auf der tugendsamen Frauen Katharina, des seligen und löblichen Gedächtnis Doctoris Martini Luthers verlassenen Witfrauen Vorschrift und Vorbitte 50 Thaler bei dem Schlesiger gnädiglich überschickt“[626].

Da es mit der Einnahme Wittenbergs durch Moriz nichts geworden, so war mittlerweile die tapfere Frau Katharina wieder nach Wittenberg zurückgekehrt, aber ihres Bleibens war nicht lange dort. Denn der Kaiser Karl und sein Bruder Ferdinand kamen aus Süddeutschland und Böhmen mit ihren Spaniern und Italienern, Böhmen und Ungarn ihrem Verbündeten Moriz zu Hilfe und es stand eine neue Belagerung Wittenbergs bevor, die diesmal ernstlich und gefährlich werden sollte. Und jetzt mußte Frau Katharina erst recht flüchten, denn überall hin verbreitete sich die Kunde von den unerhörten Greuelthaten und Grausamkeiten der fremden Völker, sogar gegen unschuldige Kinder: „sie raubten, mordeten, plünderten, schändeten Frauen und Jungfrauen und warfen Kinder auf der Gasse über die Zäune“. Namentlich aber wüteten Spanier und Italiener gegen die evangelischen Geistlichen und ihre Familien. Dem Pfarrer in Altenburg entführten sie zwei Töchter, den von Kemberg bei Wittenberg ermordeten sie[627]. Da hieß es: „Die ungarischen Räuber, gemeiniglich Hussirer genannt, sind ein räuberisch und unbarmherzig Volk; bei Eger hieben sie den Kindern die Hände und Füße ab und steckten sie als Federbüsche auf die Hüte“. So erzählte man, und Melanchthon schrieb: „Ihr Führer Lodran (Lateranus) sagte, er werde nach Eroberung unserer Stadt Luthers Leib ausgraben und den Hunden vorwerfen lassen; und redete namentlich davon, mich in Stücke zu hauen.“ Oder gar: „Man werde Luthers Gebeine ausgraben und verbrennen, die Stätte, wo er geruht, zerstören und die Stadt schleifen, Melanchthon erwürgen und D. Pommer zerhacken, daß man sich mit den Stücken werfen möchte.“ Deshalb setzte Melanchthon, welcher zu Anfang 1547 wieder in Wittenberg weilte, für die dortigen Pfarrfrauen eine Bittschrift an den Kaiser auf[628].

Frau Katharina hielt in Wittenberg aus, so lange als möglich. Da aber kam am Ostertag morgens in aller Frühe die schreckliche Kunde, daß am Karsamstag 24. April der Kurfürst Johann Friedrich von der kaiserlichen Uebermacht auf der Lochauer Heide geschlagen und gefangen worden sei und das feindliche Heer sich gegen Wittenberg heranwälze. Hals über Kopf mußte nun Luthers Witwe aufs neue ins Elend“ ziehen[629].

So kam sie plötzlich wieder nach Magdeburg und bat die Freunde, besonders Melanchthon als Vormund ihrer Kinder unter Thränen, ihnen ein Nest zu suchen. Am liebsten wäre sie nach Dänemark gegangen, zu dem einzigen Fürsten, der sich ihrer anzunehmen versprochen hatte, nachdem von dem unglücklichen Kurfürsten nichts mehr zu erwarten stand. Sie bat zunächst, sie nach Braunschweig führen zu lassen. Die Theologen schienen, als sie die Trümmer des geschlagenen kursächsischen Heeres durch Magdeburg ziehen sahen, sich auch nicht mehr in Magdeburg sicher zu fühlen, und Melanchthon und Major mit ihren Familien zogen samt der Lutherischen über Helmstädt nach Braunschweig. In Helmstädt wurden sie vom Stadtrat freigebig bewirtet. In Braunschweig brachte Melanchthon die beiden anderen Familien bei dem evangelischen Abt unter, während er für sich selbst recht lange sich nach einer kleinen Wohnung umthun mußte. Er wurde als begehrter Professor von den verschiedensten Fürsten eingeladen; aber um Luthers Witwe kümmerte sich niemand: sie konnte in dieser Zeit der katholischen Reaktion höchstens eine Verlegenheit sein. Deshalb drängte sie darauf, nach Dänemark zu kommen. Aber als die Flüchtlinge kaum einige Meilen von Braunschweig nördlich nach Gifhorn gekommen waren, zeigten sich alle Wege im Herzogtum Lüneburg voll Soldaten und Herzog Franz machte Schwierigkeiten; so kehrte man wieder nach Braunschweig zurück. Dort blieb nun Katharina mit ihren Kindern, während Melanchthon zu Himmelfahrt nach Nordhausen zog, wohin ihn sein Freund, der Bürgermeister Meienburg, eingeladen halte; und Major folgte, willens sich nach seiner Vaterstadt Nürnberg zu begeben[630].

Am 23. Mai, Montag vor Pfingsten, wurde Wittenberg vom kaiserlichen Heer besetzt; am Mittwoch ritt der Kaiser und der König Ferdinand in die Stadt ein vor die Schloßkirche und ließ sich vom Studiosus Johann Burges aus Quedlinburg „die Begräbnis“ Luthers zeigen, die zu entweihen er aber nicht zuließ, so feind die Spanier sonst D. Luthern waren[631]. Am 6. Juni mußte Wittenberg dem neuen Kurfürsten Moriz huldigen, der den Kurhut und das Kurland als Preis für seinen Verrat an der evangelischen Sache erhalten hatte. Zwei Tage darauf lud der Rektor die Universität zur Rückkehr nach Wittenberg ein. Auch Käthe wurde Ende Juni von D. Pommer und Bürgermeister Reuter zur Rückkehr aufgefordert: es sei alles sicher und Haus und Hof unverheert. So kehrte sie, wenn auch erst Ende Juli, aus Braunschweig heim ins liebe Wittenberg[632].

18. Kapitel.

Der Witwenstand.

Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor, die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu gestalten.

Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht mehr zu bedürfen schien[633].

Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“ die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma, unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].

So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben. Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den dänischen König klagt[635].

Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts (vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr. Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].

Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14 Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5 Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren), guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim, der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].

Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan über Herodot[639].

Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M. wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich bewahren.“

Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg, trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“ mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].

Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf. Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem „Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener „Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“ bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in der alten Elbstadt[641].

Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer Hofstelle an die Fürsten von Anhalt[642].

Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener. Möglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Muße und Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, „auf den väterlichen Gütern ein ländliches Leben geführt“, d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Königsberger Hochschule, nach Wittenberg. Dieser erzählte viel von des Preußenherzogs Wohlwollen gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach Königsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Königs seine Studien vollende. So schrieb nun Frau Käthe an Herzog Albrecht einen Brief.

„Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott für E.F.Gn. zuvoran.

Durchlauchtigster und hochgeborner Fürst und Herr!

Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel gestellt, E.F.Gn. würden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser lieber Gott E.F.Gn. zu seinem göttlichen Wort, das zu lieben, zu schützen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefährlichen und unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe und Waisen in gnädigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen.

Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung ich nach jetzt ergangener Kriegsführung gediehen, auch wie kümmerlich ich bisher von meinen armen verwüsteten und verheerten Gütern mich samt meinen Kindern ernähren und erhalten müssen — hab ich aus Rat des Herrn Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen Kindern sei, meinen ältesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten sich gnädigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnädigen Förderung und Mitsorge für meine nachgelassenen armen Kinder aufs demütigste bedankt haben.