Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 20

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Liebe Käthe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und wären wohl gern davon; aber es kann noch nicht sein, als mich dünkt, in acht Tagen. Mag. Philippus magst Du sagen, daß er seine Postille korrigiere; denn er hat nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtümer Dornen nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir grauet, daß allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer gedroht wird; darum ich desto größere Geduld habe, ob ich mit Gottes Hilfe möchte etwas Gutes ausrichten. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und hätten gute Tage, wenn's der verdrießliche Handel thät. Mich dünkt, der Teufel spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen.

Bittet für uns. Der Bote eilte sehr.

Am Sankt Dorotheentage, 1546.“

Trotz dieser Briefe war aber Frau Käthe so voller Sorge um den fernen Gatten, daß sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar ängstliche Episteln nach Eisleben, so daß ihr der fromme Doktor eine lange Predigt hielt über Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und 10. Februar[558]:

„Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu Wittenberg, meiner gnädigen Frauen zu Händen und Füßen.

Gnade und Friede im Herrn.

Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du willst sorgen für Deinen Gott, gerade als wäre er nicht allmächtig, der da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersöffe in der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Laß mich in Frieden mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe und hänget an einer Jungfrauen Brust; aber sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters. Darum sei in Frieden, Amen.

Betet, betet, betet und helft uns, daß wir's gut machen. Denn ich heute in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es wäre besser, sie ließen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben soll, ich möcht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes Gnade hemmen möchte. Sie stellen sich, als wären sie Gott, davon möchten sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur Teufelheit würde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe.

Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich trösten kannst, daß ich Dich gern lieb hätte, wenn ich könnte, wie Du weißt, und er gegen seine Frauen vielleicht auch weiß und alles wohl verstehet.

Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein halb Stübchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier sehr gut, ohne daß mich dünkt, es macht mir die Brust voll phlegmate (Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der Wein rein, ohne was des Landes Art giebt.

Und wisse, daß alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen und heute sind die kommen, die Du am nächsten Freitag geschrieben hast mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zürnest.

Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546.

* * * * *

Dein lieber Herr M. Luther.“

„Der heiligen sorgfältigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnädigen, lieben Hausfrauen.

Gnade und Friede in Christo.

Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich für Eure große Sorge, davor Ihr nicht schlafen könnt; denn seit der Zeit Ihr für uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer Herberg hart vor meiner Stubenthür; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehütet hätten. Ich sorge, wo Du nicht aufhörst zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben? Bete Du und laß Gott sorgen, es heißt: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich (1. Petr. 5, 7).“

Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne daß uns die Sachen Unlust machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen bösen Schenkel haben, daß er sich an eine Lade ohngefähr gestoßen: so groß ist der Neid in den Leuten, daß er mir nicht wollt' gönnen allein einen bösen Schenkel zu haben.

Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen.

Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther.

Am Tage Scholasticä (10. Febr.) 1546.“

Aber was Frau Käthe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der Herr Doktor zu viel. Sie wußte und hörte, daß er, trotzdem er sich jeden Abend mit warmen Tüchern behandeln lassen mußte, seinen alten Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethätigte; zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine Hausfrau, erwähnte aber nichts davon, daß er heute morgen seine Predigt hatte abbrechen müssen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um Arzneien[559].

Der Brief schlägt wieder fröhliche und hoffnungsvolle Töne an; die Aussicht auf Rückkehr nach der lieben Heimat vergoldete die trübe Stimmung[560]:

„Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu Wittenberg zu Händen.

Gnade und Friede im Herrn.

Liebe Käthe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will. Gott hat große Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Räte fast altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen ist, daß die zwei Brüder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brüder werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste bitten, daß sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die jungen Herren (die Söhne der feindlichen Grafen) fröhlich, fahren zusammen mit den Narrenglöcklein auf Schlitten und die Fräulein auch und bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts Sohn. Also muß man greifen, daß Gott Gebete erhört.

Ich schicke Dir Forellen, so mir die Gräfin Albrecht geschenkt hat: die ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld. Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schön, nur allzu schön, daß wir Euer wohl vergessen möchten zu Wittenberg. So ficht mich der Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein wäre schier gnad worden, so hat's Löcher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen.

Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor Kruziger. Hier ist das Gerücht herkommen, daß Doktor Martinus sei weggeführt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreißig Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, daß der Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber laß sagen und singen: wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen.

Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546.

M. Luther, Doktor.“

Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther überhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Käthes Hände und erregte bei den Klosterbewohnern großes Vergnügen: in Eisleben aber lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben Tage früh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber, des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Gräfin Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben hatte (u.a. daß Papst Paul gestorben wäre), verfaßte noch einen Brief an den Freund und Frau Käthe schickte noch eine Salbe mit, zur Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag früh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfürstlicher Bote vor des Kanzlers Brück Haus; dieser ließ sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und M. Philipp zu sich kommen; sie wußten aber bereits, was das kurfürstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von Jonas an sie gelangt. Auf Brücks Bitten verfügten sich die drei Herren mit des Kurfürsten und Jonas' Brief unsäumig hinauf zu der Doktorin und berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. „Da ist das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in großer Betrübnis gewesen.“ Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist, sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Söhne in der Ferne sich über des Vaters Tod halten möchten[561].

Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfüllt; ihre Sorge um den kränklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu früh für die Welt und für die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von der Welt, über die er so viel gescholten und die er doch mit so viel Verständnis und Freude erfaßt; von dem Amte, in dem er sich so müde gearbeitet, und in dem er doch noch so Großes leistete; von der Familie, die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glück und Freude gebracht und die er mit so viel Glauben und Liebe umfaßte; von der Gattin, die er so oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber über alle Frauen geschätzt und geliebt hatte.

„Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls empfing. Und dazu mußte sie noch klagen, daß derselbe in einem anderen Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten Liebesdienste hatte erweisen können.“[562]

Ja, in der Fremde war er gestorben, zum großen Schmerze Katharinas, die mit ihm zwanzig Jahre „in Friede und Freude“ gelebt, die ihn in gesunden und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe Angesicht schauen und die treuen Augen zudrücken durfte. Es war kaum ein Trost, daß er im Kreise der Freunde verschieden war, daß der Graf Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit dem Stärkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und daß er in ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die Augen zugedrückt hatte[563].

Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost genießen, durch die Fürsorge für die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem Gedanken des schmerzlichen Verlustes.

Das kurfürstliche Schreiben enthielt nämlich die Bestimmung, daß der Leib Luthers in der Schloßkirche zu Wittenberg bestattet werden sollte, bei Fürsten und Fürstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit den anderen Freunden „ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode besuchen“, wie Bugenhagen sich ausdrückte. Denn die Grafen von Mansfeld hätten „die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten“, folgten sie aber „aus unterthänigem Gehorsam“ dem Kurfürsten auf dessen Bitte dienstwillig aus. So rüstete sich nun die Doktorin, ihr Töchterlein und das ganze Kloster für das Leichenbegängnis nur mit Trauergewändern[564].

Aber auch die ganze Stadt und Universität machte sich bereit, ihren größten Bürger mit feierlichem Leichengepränge zu empfangen. Melanchthon hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag früh die Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, daß der christliche Elias von seinen Jüngern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug. Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme „allen Studenten am Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde, sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwürdigen Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird eine Hütte des heiligen Geistes.“ Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die „Verordneten des Kurfürsten“: Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu Düben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565].

Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie einholen, zurückhalten, begleiten; und so verzögerte sich die Ankunft des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon mußte am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkündigen, daß die Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9 Uhr, stattfinde[566].

Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfürsten[567]:

„An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedächtnis verlassene Witwe zu Wittenberg.

Herzog Johanns Friedrich, Kurfürst.

Liebe Besondere!

Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, daß der Ehrwürdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andächtiger Doctor Martin Luther seliges Gedächtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem Jammerthal zu Eisleben am nächsten Dornstag frühe zwischen 2 und 3 Uhren christlich und wohl mit göttlichen der hl. Schrift Sprüchen beschlossen hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betrübtem und bekümmertem Gemüt vernommen. Der allmächtige Gott wolle seiner Seelen, wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnädig und barmherzig sein! Und wiewohl Wir wohl ermessen mögen, daß Euch solcher Euers Herrn tödlicher Abgang schmerzlich und bekümmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes gnädigen Willen, des Allmächtigkeit es also mit ihm gnädiglich und christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger bekümmern und seines christlichen Abscheidens Euch trösten wollet. Denn Wir seind gnädiglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel. willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnädigem Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnädiger Meinung nicht verhalten.

Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546.“

Am Montag früh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und Doktores und die ganze löbliche Universität, auch ein ehrbarer Rat samt ganzer Gemeinde und Bürgerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch Frau Käthe machte sich auf mit ihrem Töchterlein Margarete und einigen Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen harrend.

Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von den kurfürstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen Hans und Hoyer und einer großen Reiterschar. Auch die Mansfelder Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine Schwestersöhne Jörg und Cyriak Kaufmann und andere von der „Freundschaft“. Vor allem aber die drei Söhne Hans, Martin und Paul. Es war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die Söhne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schließen, aber das Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit schwarzem samtenem Tuch umhangen[568].

Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen mit den herkömmlichen Gesängen und Zeremonien, darauf die „Berittenen“ auf ungefähr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspännigen Leichenwagen fuhr die „Frau Doktorin Katharina Lutherin“ mit den Matronen, nach herkömmlicher Sitte auf einem niederen Wägelein. Ihr folgten die drei Söhne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem Ornat „der Rektor Magnificus der löblichen Universität mit etlichen jungen Fürsten, Grafen und Freiherrn, so in der Universität Wittenberg Studii halber sich (auf)enthalten.“ Darnach kam als weiteres Leichengefolge: Kanzler Brück, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen, Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere älteste Doktoren; dann die übrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Bürgermeister Cranach samt den Ratspersonen, darnach der ganze große Haufen und herrliche Menge der Studenten; darauf die Bürgerschaft, desgleichen viele Bürgerinnen, Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel „ehrliche“ Kinder, jung und alt; alles mit Weinen und Wehklagen. „In allen Gassen, auch auf dem Markt ist das Gedränge so groß und solche Menge des Volkes gewesen, daß sich's billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, daß sie dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen.“

So ging es unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in unabsehbarem Zuge vom Elsterthor die ganze Länge der Stadt hin am Kloster vorbei, das jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstraße hinab zur Schloßkirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel bestieg und vor den ungezählten Hörern, die in und vor der Kirche standen, eine „gar festliche und tröstliche Predigt“ that. Darauf hat Melanchthon „aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu trösten“, eine lateinische Gedächtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und Schluchzen kaum gehört wurde. Seine Klage: „Wir sind wie arme Waisen, die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben“, die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am nächsten standen, und am nächsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin, den weinenden Kindern[569].

„Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des ehrwürdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er im Leben manche gewaltige Predigt gethan.“ Der Kurfürst aber hatte schon am Tag vorher verordnet, daß eine Tafel aus Messing aufs Grab niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570].

Wohl konnte das außerordentliche, wahrhaft fürstliche Leichengepränge zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankündigte, welch ein „Fürst Gottes“ der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an ihm verlor und betrauern mußte, und das ist ja für die Hinterbliebenen immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch, was die Angehörigen selber an ihm gehabt und beweinen mußten.

Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war, das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwägerin Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brüder und Mutter des Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da schreibt sie:

„Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben Schwester zuhand.

Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi!

Freundliche liebe Schwester!

Daß Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt, gläub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betrübt und bekümmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land, sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so sehr betrübt bin, daß ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen kann, und weiß nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich hätt' ein Fürstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen sein, so ich's verloren hätt', als nun unser lieber Herrgott mir, und nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen — das Gott wohl weiß — weder reden noch schreiben.

Katharina, des Herrn Doctor Martinus Luther gelassene Witfrau.“

16. Kapitel.

Luthers Testament.

„Ich denke noch oft“, erzählt der treue Hieronymus Weller nach Luthers Tod, „an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, daß er sein Gemahl ließ den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und fröhlich war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und tröstlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wußte wohl, daß sie nach seinem Tode ein betrübtes, elendes Weib sein und dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr nötig werde bedürfen.“ Und ähnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572].

Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte der Leute Undank[573], der Fürsten Unzuverlässigkeit und ihrer Beamten Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Haß, der sich schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhörter Beschimpfung richtete und sich noch ungehemmter zeigen mußte, wenn erst der gefürchtete Kämpe den Schild nicht mehr über sie deckte. Er wußte, daß er ein kranker Mann war, daß er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen und versorgt wären; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner Zeit, die ohne Ansprüche auf Witwengehalt, ja nach dem herkömmlichen Recht ohne Ansprüche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in Sorge für seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm lag, Fürsorge für sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren.

Diese Gedanken hat Luther in seinem „zweiten“ und „letzten“ „Testament“ niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542 niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner „lieben und treuen Hausfrau“ ein Leibgeding aus und will sie schützen gegen „etlich unnütze, böse und neidische Mäuler“, welche seine „liebe Käthe“ beschweren oder verunglimpfen möchten oder die Kinder aufhetzen. „Denn der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine Käthe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der Ursache, daß sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch ist.“[574]

So mußte Frau Katharina auch bald spüren, welcher Unterschied es sei, die Gattin des großen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines großen Fürsten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und Ehre auch auf die „Hauswirtin“ überging, und Luthers verlassene Witwe, in deren Vermögens-und Familienverhältnisse, Hauswirtschaft und Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele berufen fühlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung für den dahingegangenen Freund und Reformator, während bisher Frau Katharina selbst, höchstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen Dingen vollständig selbstherrlich geschaltet hatte. Daß sie, die energische Frau, welche sich ihrer Tüchtigkeit in der Leitung eines großen Hauswesens wohl bewußt war, und welcher Luther so bereitwillig das Hausregiment überlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig mußte es sie auch schmerzen und ihr Selbstgefühl verletzen, daß sie bisher die erste Frau der Stadt, ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zurücktreten mußte. Schwer auch kam sie's gewiß an, daß sie das in so großem Stil geführte Hauswesen mit seiner unerhörten Gastlichkeit beschränken mußte.