Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 18

Chapter 183,571 wordsPublic domain

Das Verhältnis zwischen Käthe und Luther war das der achtungsvollen Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits rührte es davon her, daß die fünfzehn Jahre jüngere Frau zu dem älteren, durch Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwürdigen Mann mit einer gewissen Pietät hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit „Du“ an, _sie_ aber spricht zu _ihm_ immer mit „Ihr“ und nennt ihn „Herr Doktor“. Das fand auch Luther selbstverständlich. Als einmal von einem Manne die Rede war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte er: „Ich hab's auch gern, wenn mir meine Käthe übers Maul fährt — nur daß ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium.“[499] Und ein andermal: „Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand. Ich gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht wollte ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts Gutes ausgerichtet.“ Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner Anschauung und seinen biblischen Grundsätzen nach nicht der Mann, seine eheherrlichen Rechte sich verkürzen zu lassen: einen Freund, der ihm die Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, daß man das Ansehen des Mannes nicht dürfe mit Füßen treten lassen. So führte er auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum Bräutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): „Er soll's bei dem gemeinen Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh aus und legte ihn aufs Himmelbett, daß er die Herrschaft und das Regiment behielte[500].

Aber freilich Käthes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus führte und die der Hausherr ihr auch völlig einräumte, führte ihn dazu, daß er sie auch scherzend seinen „Herrn“ nannte. So schreibt er ihr vom Hoflager in Torgau: „Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schöne Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?“[501]

Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam. Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmütige Eheherren, gefällt er sich seinen Freunden gegenüber in der humoristischen Rolle des gehorsamen, unterdrückten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem Gast: „Nehmt fürlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der Frauen gehorsam.“ Ihr selbst gegenüber spricht Luther in immer neuen Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes gebieterische Wesen der Frau Käthe. „Meine Herrin“ nennt er sie schon in der ersten Woche ihrer Ehe. „Mein Käthe“ (Meus Ketha) ist später ihre regelmäßige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso drolliger Verbindung „Meine Herr Käthe“, oder sprachlich richtiger „Mein Herr Kätha“, „Dr. Kethus“, auch einmal „mein Herr und mein Moses“ und „meine Gebieterin“ oder „Kaiserin“[502].

Aber sonst nennt er sie in zärtlichem Wortspiel gar häufig „meine Kette“, auch meine „Weinrebe“, oder in Briefen an entfernter Stehende respektvoll „meine Hausfrau“, „meine Hausehre“[503].

Auch seiner Frau selber gegenüber schlägt Luther gewöhnlich jenen neckischen Ton an, woraus einerseits zärtliche Neigung, andererseits doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt.

Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmäßig redet er sie an „Lieber Herr Käth“. Dann adressiert er — nach Sitte der damaligen Zeit — „Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu Wittenberg zu handen“, oder „Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg“ oder noch umständlicher humoristisch pathetisch: „Meinem freundlichen lieben Herren Katherina Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh“. Oder: „Meiner gnädigen Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem Liebchen“. „Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin Zulsdorferin, Saumärkterin und was sie mehr sein kann.“ „Meiner freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann.“ Dann aber heißt es auch innig und herzlich auf der Adresse „Meiner lieben“ oder „herzlieben Hausfrauen“ oder „Meiner freundlichen lieben Käthe Lutherin“ und in der Anrede: „Liebe Jungfer Käthe“ und zum Schluß „Dein altes Liebchen“ oder auch „Dein lieber Herr“. Sogar in seinem täglichen Hausgebet bittet er für „mein liebes Weib“[504].

So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation seiner theologischen oder erfahrungsgemäßen Ansicht über die Weiber, oft in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig über ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber im allgemeinen und seine Käthe im besonderen vergäßen das Vaterunser, wenn sie anfingen, zu predigen[505].

So „lachte der Doktor einmal seiner Käthe, als sie klug sein wollte; er meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit gegeben, dem Weibe aber breite Hüften und starke Schenkel, daß sie sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und Regiment.“ Er meinte überhaupt: „Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frauen oder Jungfrauen übeler ansteht, als wenn sie klug will sein.“ Luther erklärte sogar einmal in einer Tischrede: „Den Weibern mangelt's an Stärke, Kräften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an Leibeskräften soll man dulden, denn die Männer sollen sie ernähren. Den Mangel an Verstand sollen wir ihnen wünschen, doch ihre Sitten und Weise mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten.“[506]

Daneben aber erkennt er die Vorzüge und die Bestimmung des weiblichen Geschlechts rühmend an: „Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf, regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet und erwirbt, daß es zu Rate gehalten und nicht unnütze verthan werde, sondern daß einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebührt. Daher sie vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, daß sie des Hauses Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fürnehmlich dazu geschaffen, daß sie sollen Kinder haben, der Männer Lust und Freude und barmherzig seien.“ „Es ist ein arm Ding ein Weib. Die größte Ehre, die es hat, ist, daß wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt „ein Lust und Freude deiner Augen“ (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret und geliebet werden, erstlich, daß sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum andern, daß Gott einem Weibe herrliche große Tugenden verliehen, welche andere Mängel und Gebrechen weit übertreffen, sonderlich wo sie Zucht, Treue und Glauben halten.“ „Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums annehmen, so sind sie viel stärker und inbrünstiger im Glauben, halten viel stärker und steifer darüber, als die Männer, wie man siehet an der lieben Anastasia und andern Märtyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger denn Petrus.“[507]

Einmal klagt er wohl auch: „Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich verzweifelt an aller Weiber Gehorsam.“ Aber so gar ernst war's ihm doch nicht damit. Er wußte wohl: „Es ist keine größere Plage noch Kreuz auf Erden, denn ein bös, wunderlich, zänkisch Weib.“ Bei ihm war's nicht so, sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiß er seines Weibes Willfährigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei Weise zu rühmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu Eisenach: „Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie kann werden.“ Und aus seiner eignen Erfahrung erklärt er: „Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost.“ [508]

Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverständliche Dinge leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklärend zu Veit Dietrich: „Er stehe auch von ihr einen Zorn aus, er könne ja noch mehr ertragen.“ Er meint von Eheleuten: „Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muß nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist ein zufällig Ding, des muß man sich ergeben. Adam und Eva werden sich auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum Adam gesagt: „Du hast den Apfel gessen.“ Herwiederum wird Adam geantwortet haben: „Warum hast Du mir ihn gegeben?“ Das Wesen der Ehe wird durch solche Plänkeleien nicht geschädigt. „Denn wiewohl die Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, daß sie mit Weinen, Lügen, Einreden einen Mann gefangen nehmen, können's fein verdrehen und die besten Worte geben; wenn nur diese drei Stücke im Ehestand bleiben, nämlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfrüchte und Sakrament, daß man's nämlich für ein heilig Ding und göttlichen Stand hält, so ist's gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau hat.“[509]

Einmal klagt er wohl: „Ich muß Geduld haben mit dem Papste, ich muß Patienz haben mit den Schwärmern, ich muß Geduld haben mit den Scharhaufen, ich muß Patienz haben mit dem Gesinde, ich muß Patienz haben mit Käthen von Bora, und der Patienz ist so viel, daß mein Leben nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: „In Schweigen und Hoffen steht eure Stärke.“ — Wie wenig aber Käthe dies übel nahm, beweist, daß sie auf die steinerne Hausthüre, welche sie in Pirna für Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben ließ. Luther bekennt aber auch: „Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehört ins Haus und das Gesinde bedarf's bisweilen auch sehr wohl, daß man ihnen hart sei und weidlich zuspreche.“ „Der häusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im Hause, thut nicht großen Schaden. Häuslicher Zorn ist, als wenn die Kinder mit den Puppen spielen.“[510]

Die Hochschätzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis für die glückliche Ehe, in der Luther mit seiner Käthe lebte. Das Kapitel über den Ehestand ist in seinen Tischreden das größte. So fing er bei der Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhören, den Ehestand zu loben, daß er Gottes Ordnung und der allerbeste und heiligste Stand sei. „Darum sollte man ihn mit den herrlichsten Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (nämlich: des Segens) über den Ehestand gemacht und hält's auch darüber.“[511]

In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich „muß es ein frommer Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verläßt sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefälligkeit und erfreuenden Anmut.“ Das lieblichste Leben dünkte ihm: „leben mit einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit.“[512]

Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten Eheweib erwartet. Er bezeugt: „Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's nicht.“[513]

„Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer denn das Königreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm wäre ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern, er höre, daß viel größer Gebrechen und Fehler allenthalben unter Eheleuten seien, denn an ihr erfunden wäre. Zum dritten: das wäre überflüssige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, daß sie Glauben und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, züchtigen Weib gebühret. Welches alles, da es ein Mann ansehe, so würde er leichtlich überwinden, was sich möchte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit, so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten.“ „Die Ehe ist nicht ein natürlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersüßeste, lieblichste und keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich würde Weib und Kinder hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung. Nun glaub ich wohl, daß in sterbenden Menschen solche natürliche Neigung und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am größten sei. Weil ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche angeborene Neigung und Liebe nicht fühlet. Denn es ist ein groß Ding um das Bündnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.“[514]

Luther wußte aber auch, daß er keine zweite Frau in der Welt finden könnte, die so gut für ihn paßte, als Katharina von Bora. Er warnte den Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fügt bei der Umschau auf seinen Bekanntenkreis hinzu: „Ich, wenn ich jung wäre und die Bosheit der Welt so kennete, ich würde, wenn mir auch eine Königin angeboten würde nach meiner Käthe, lieber sterben, als noch einmal heiraten.“ Und doch schätzte er den Ehestand so hoch, daß er ihn für die schönste Ordnung nach der Religion, für den fürnehmsten Stand auf Erden hielt[515].

Luther kannte nichts Lieberes als seine Käthe. Er beteuert, er habe sie lieber als sich selber. Ja er klagte darüber als menschliche Schwäche, daß er seine Käthe lieber habe als unsern Herrgott. Seine Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er „seine Käthe im neuen Testament“. „Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich mich vertrauet habe: sie ist meine Käthe von Bora.“ Und sein höchster Trumpf war: „Ich setze meine Käthe zum Pfand!“[516]

Käthe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken, glänzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nüchterne und doch nicht hausbackene, tüchtige deutsche Frau.

Es ist eine unzeitgemäße Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau Käthe „gebildet“ war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie glücklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine Aeußerungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls wäre dann seine Wahl nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die Kirchenmutter Katharina Schützin in Straßburg, welche Sendschreiben an die christlichen Frauen ergehen ließ, brauchte sie neben Luther nicht zu sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch.

Frau Käthe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiß nicht bloß wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der Doktor sein Weib, daß sie fleißig Gottes Wort lesen und hören solle, und sonderlich den Psalter fleißig lesen. Sie aber sprach, daß sie es genug thäte und täglich viel lese, und könne auch viel davon reden; wollte Gott, sie thäte auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Rühmen müsse der Vortrab des künftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die vielbeschäftigte Frau konnte doch auch nicht ständig mit geistlichen Dingen sich beschäftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal fiel ihr selbst auf, daß sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber deswegen doch. Von seinen Predigten über Joh. 14-16 sagte Luther zu seiner Gattin: „Das ist das beste unter allen Büchern, die ich je geschrieben habe; darum liebe Käthe, laß Dir's befohlen sein und halt es für mein Testament.“[517]

Und von Eisleben aus schrieb er: „Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: „Es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt.“ Sie las also nicht nur in Schrift und Glaubensbüchlein, sondern wandte es auch auf sich an[518].

Es ist doch ein Zeugnis für so eifriges Forschen in der Schrift, wenn ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Hände gegeben wird.

Käthe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte und verständige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau auch einmal damit aufzieht, daß sie „Kattegissimum“ schrieb statt Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien, sondern auch Gelehrte höchstens das Lateinische einigermaßen orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen, verdorbenen mundartlichen Aussprache[519].

Ebenso wenig sachgemäß ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle ebenbürtig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit Luthers Genialität und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher Bedeutung ist ja naturgemäß nicht zu denken. Aber daß sie als Gattin, als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr brauchte und wollte, daß sie Luthers rechte und somit ebenbürtige Gattin war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt.

Aber auch daran muß erinnert werden, daß Frau Katharina doch ein lebhaftes Interesse für das Werk ihres Gatten, für die Kirche und die Reformation bezeugte. Frau Käthe hörte und las viele von den Briefen, die ab- und eingingen. Sie drängte ihren Gatten zum Schreiben. Sie sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen ließ. Sie durfte als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben und bemühte sich für junge Magister um Anstellung. Sie verstand die Bedeutung ihres Gatten für die Christenheit, sie wußte seine Persönlichkeit und sein Werk zu würdigen. Sie betete und sorgte für das Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu.

Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenüber den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B. Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegrüßt und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloß um ihres Gatten willen, dann ist außer Zweifel: seine Käthe ist des großen Doktors wert und würdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, daß die Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild der christlichen Kirche verglichen[520].

Aus den späteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebräunt, die Augen blicken trübe, fast schmerzlich und müde, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als „geneigt zu Mißtrauen und Sorgen“[522]; wieder zeigt die starke Unterlippe das kräftige Selbstbewußtsein, die zusammengelegten Hände deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts verkündet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon erlebt hat.

15. Kapitel.

Luthers Tod.

Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und trübe. Das lag einerseits in den Verhältnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwärtig gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer krankhafter, immer hinfälliger und damit trübseliger und verstimmter wurde. Was Käthe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der zornmütigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhältnissen zu leiden hatte, ist leicht zu denken[523].

Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte, mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu Gott mit Fleiß.“[524]

Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute, entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der „Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien, Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte wieder auf[525].