Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 17

Chapter 173,642 wordsPublic domain

Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise: Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise, bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten, Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten; Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“. Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst: Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel), Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der Tafel[468].

Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht, während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“ Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht bekomme[469].

Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen warmen Bett!

Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen sieht.“[470]

Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner „Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und nichts trinken wollte[471].

Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte: „Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert, „da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete, wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den Tisch kam[472].

Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken. Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].

Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie „Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh, Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther, war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].

Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:

„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob, bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic. Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“

Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.

Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft entgegensah, dazu[479].

Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen beschenkte[480].

Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche, erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen kannst.“[481]

Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].

Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße, was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]

So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen. Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“ meinte sie darauf[484].

In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen, Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“, erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja, liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].

Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen, namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“ Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu überreden, so oft sie wollte[486].

Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse. Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er (Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“ Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten dahinter zu wittern[487].

In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24. Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause. Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen) vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken wollte[488].

Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas, auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].

„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors — mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].

Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen Schlagwörtern[491].

Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu Wittenberg.“

Gnade und Friede in Christo!

Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid Gott alle befohlen.

Sonnabends nach Matthäi, 1530. Martinus LutheR.“[492]

Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand, schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner „lieben Hausfrauen, Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg“ u.a.: „... Bittet mit Fleiß, wie ihr schuldig seid, für unsern Herrn Christum, d.i. für uns alle, die an ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2).“ (S.o.S. 130 f.)[493].

So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau über die politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz. „Liebe Käthe“, erklärte er da, „deine Landsleute haben mit meines gnädigsten Herrn Räten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher nachlassen, sie haben ihn denn verraten.“[494]

Es ist naturgemäß und begreiflich, daß wir von Frau Katharinas Wesen, Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle verloren gegangen, während sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfältig aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und Zeitgenossen selbstverständlich fast nur für den großen Mann, der die Welt bewegt hatte. Seine Gestalt überstrahlte die Hausfrau völlig. Nur im Reflex von Luthers Briefen und Tischgesprächen, selten in Bemerkungen seiner Bewunderer, finden wir Züge, die ihr Charakterbild darstellen.

Daß aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbständige Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, daß die Freunde und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die „Domina“ und Doktorin, mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der verheirateten Frau noch den Namen „Katharina von Bora“ gebrauchten.

Was hielt nun Luther von seiner Frau?

Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt, am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloß gelegentliche Aeußerungen guter oder schlechter Laune, sondern überlegte und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und Ehefrau.

Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: „Sie ist mir willfährig und in allen Dingen gehorsam und gefällig, viel mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so daß ich meine Armut nicht mit den Schätzen des Krösus tauschen möchte.“[495]

Elf Jahre darauf, bei seinem tödlichen Krankheitsanfall auf der Reise von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es heißt: „Tröstet meine Käthe, daß sie dies trage dafür, daß sie zwölf Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr aber sollt für sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt“ Und dann sagte er: „Ich habe meine Käthe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich selber, das ist gewißlich wahr; ich wollt lieber sterben, denn daß sie und die Kinderlein sterben sollten.“[496]

Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J. 1542. „Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut, Haus und Kleinode. Das thue ich darum, daß sie mich als ein fromm (brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schön gehalten hat.“[497]

Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjähriger Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: „Ich erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen glücklich, daß ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin geschenkt, welche so ausgezeichnet für seine Gesundheit sorge und eintreten könne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemüte zu tragen wisse. Denn er könne bei seinen vielen Arbeiten, Beschäftigungen und Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen.“[498]