Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild
Chapter 16
Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen, nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13 Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben. „Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines „Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein, ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen. Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt hatten.[431]
Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von Taubenheim_. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539, scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt: wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]
Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major, der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn), Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem Scherzwort“[433].
_Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und „Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ. Es beginnt:
Herr Christ, der Einige Gottes Vaters in Ewigkeit, Aus seinem Herz entsprossen Gleichwie geschrieben steit. Er ist der Morgenstern, Sein' Glanz streckt er so fern Vor andern Sternen dar[435].
Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530); mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers Geburtstagsschmaus[436].
_Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst, Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent (1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite. Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr. Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D. Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute „Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte. So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].
Justus _Jonas_, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher (1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes, nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer. Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher, „unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg. Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5 Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph, „Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere, heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]
Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet, namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden, sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte, da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei der Trauerkunde[449].
Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber, als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt, ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen, und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus Sammet und Seide verboten[451].
Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein, welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.
Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“, wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht; die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die „Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].
Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].
Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der „Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert, rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat. Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].
Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber verklagt[457].
Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief, den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben; es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:
„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner besonders günstigen Freundin.
Gottes Gnad' und alles Gute!
Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin!
Ich füge Euch zu wissen, daß wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein. Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will ich mit allem Fleiß, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und ausrichten.
Beide Kanzler[459] grüßen Euch und wünschen altes Gute. Gott bewahre Euch!
Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus.
Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne, kommt aber.
Liebe Gevatter! Auch ich wünsche Euch, Hänschen Luther und Magdalenchen und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine liebsten Jungen.
J. Jonas.
Ich, Johann Agricola Eißleben, mein es auch gut, meine liebe Frau Doktorin.“
Wie hier im Brief, so maßen sich an Käthes Tisch die Freunde an der theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kürzesten Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Sprüchen Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und Trank); Pommer: „Dit und dat, träg und natt, gesegen uns Gad“; und Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460].
Außer den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird Katharina wohl vorzüglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und Frau Bürgermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide ältere Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft. Selbstverständlich gehörte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefühl läßt sie auch verschiedentlich durchblicken. So läßt sie einen Freund ihres Mannes „warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn sie sind grob und stolz, können die Männer nicht für gut haben, können auch weder kochen noch keltern“. Daneben freilich ging sie mit andern Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und Wöchnerinnen mit Rat und That an die Hand[461].
Aber man versteht es auch, daß eine Frau von der Anlage und dem Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Männern hielt, und daß dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher Gesellschaft zu bewegen.
Freunde um sich zu haben, war Luther ein Bedürfnis. Er haßte die Einsamkeit aus Furcht vor „Anfechtungen“ — mußte er doch in den Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. „Ehe gehe ich zu meinem Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn daß ich allein bliebe“, sagt er zum Exempel für einen Angefochtenen. So war er auch stets in Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462].
Bei der Bibelübersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger, Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Röhrer zum evangelischen „Sanhedrin“ zusammen, und nachher blieben sie oft zu Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem Gespräch und Gesang.
So war der Gasttisch in Käthes Haus nimmer leer — dafür sorgte Luther.
Aber auch ihm persönlich und besonders widmete sie als echte deutsche Frau ihr Leben.
14. Kapitel.
Käthe und Luther.
„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm, freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest, der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].
Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in gesunden und kranken Tagen[464].
Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]