Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild
Chapter 15
Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder: Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397] Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen. Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]
So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort, als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.
13. Kapitel
Hausfreunde.
Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis, welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit, sogar bei Luther[399].
Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe. Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.
Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.
Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß, sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden u. dgl.
Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag genommen[400].
Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken: „ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers „Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].
Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_, wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl. Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].
Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt, der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt. 1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur „Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538); aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545) Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].
Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem früheren Klostergenossen Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt; Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen. Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen haben[407].
Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm Käthe Grüße aus[408].
Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der „Brüder vom gemeinsamen Leben“) Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen, welche die zwei Gatten jede Nacht ständig gebrauchten. Dafür soll er auch regelmäßig Luthers Schriften erhalten[409].
Der alte „Stürmer und Schwärmer“ D. Gabriel _Zwilling_, Luthers Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstürmerei so zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg, durfte auch einen etwas schweren Auftrag Käthes wegen Beschaffung eines Leinenkastens besorgen[410].
Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur Zeit der „Wittenberger Konkordia“ sich im Lutherhause aufhielt, bekam von Käthe Grüße, Glückwünsche, Danksagung für ein „Käse-Geschenk“, auch Verhaltungsmaßregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem Brustleiden[411].
Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Straßburger _Capito_ (Köpflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die „Konkordia“ der sächsischen und oberländischen Kirche zustande brachte und dabei im Lutherhause verkehrte. Er läßt die „treffliche Frau Katharina von Bora, seine Wirtin“, grüßen und sendet nach seiner Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie, „welche mit Recht so hoch geschätzt wird, weil sie mit hausmütterlicher Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers übt“. Und auch Frau Käthe schätzt den Straßburger Gast. Wiederholt läßt er sie grüßen und verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich sogar mit den übrigen Straßburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den Sohn Hans erziehen zu helfen[412].
In _Nürnberg_ hatte Luther und damit auch seine Käthe, allerlei gute Freunde, besonders seine beiden Ordensbrüder, Wenceslaus _Link_ und Abt _Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schöne Geschenk und Gerät an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst, Sämereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie läßt Käthe grüßen[413].
In der Reichsstadt lebte aber auch ihre „alte Flamme“, wie Luther schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgärtner_. Die alte Liebe zu ihm hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar schönes Zeichen eines natürlichen und gesunden Gefühls, daß sowohl Luther als Frau Käthe in ganz unbefangener offener Weise von dieser liebenden Verehrung für den ehemaligen Geliebten reden unter sich und dem gemeinsamen Freund gegenüber: „Es grüßt Euch verehrungsvoll meine Käthe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzüge mit neuer Liebe umfaßt und von ganzem Herzen Euch wohl will.“ Von Koburg schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgärtner: „Ich grüße Dich im Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzählen, wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken.“ Als 1543 Luther durch seinen Tischgänger Besold einen Brief erhielt, rühmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Frömmigkeit und Tugend. Da fragte Luthers Gattin „nach ihrer Gewohnheit“, wer denn der Schreiber des Briefes wäre. Luther antwortete: „tuus ignis Amynthas: Dein alter Buhle (Liebhaber).“[414] Der Ton, diesem Freunde gegenüber, ist ein gar herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgärtner und seine Frau, als der Nürnberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten wurde, so daß Frau Sibylle mit ihren fünf unerzogenen Kindern länger als ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger Freunde beteten in der Kirche öffentlich um die Freilassung und gingen den Landgrafen von Hessen darum an[415].
Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Käthe nicht nur Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nürnberg, wo er Pfarrer an der Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Käthe stellte sich bald wieder ein freundliches Verhältnis her. Sie läßt ihn wiederholt grüßen[416].
Mit den Freiberger „Geschwistern _Weller_“, dem jüngsten Peter, dem Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in freundschaftlichem Verhältnis. Der eine mußte in seiner Schwermut aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt über den heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten Matthias läßt Luther mit Frau Käthe danken, für sein „gutwillig Herz, so er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern.“ Das Lied sängen die Männer unter Tisch, so gut sie's könnten. „Machen wir etliche Säue (Böcke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser Ernst wohl noch weit drüber und können's böse genug singen. Es folgen uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, daß sie wert wären einen Markt eitel Würste aus den Säuen oder Klöppel in den Feldglocken[418]. Darum müßt ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn wir Säue machen in den Gesängen. Denn wir wollten's lieber treffen denn fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Käthe, wollet ihr für gut annehmen, und läßt Euch freundlich grüßen. Hiemit Gott befohlen. 1535. Priska-Tag.“[419]
Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Mädchen, die Tochter G. am Steige. Natürlich sollte ihm Frau Käthe die Hochzeit in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Käthe war damit nicht einverstanden; kannte sie doch die große Unmuße und Unkosten, welche ein Doktor in einer Universitätsstadt aufwenden müsse: und hier wäre sowohl der Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher müßten viele Leute eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei, einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden müßte (wenn man auch einige streichen könnte), wofern man des Hochzeiters und seiner Angehörigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch ehrenvoll bewirten müsse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als 100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brück, nämlich mit geringer Begleitung nach der Universitätsstadt zu kommen, zu einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verständig und gingen darauf ein. Während der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420].
Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer berufen. Er war einer der ältesten und besten Freunde des Lutherischen Hauses, ein sanfter, liebenswürdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei Anhalter Fürsten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Käthes mit ihm ging durch ein zierliches und mühsam geflochtenes Körbchen und das schöne Glasgefäß, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den jungen Haushalt geschickt hatte und das Käthes Wohlgefallen erregte (S. 96)[421]. Von da an sendete Frau Käthe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets angelegentliche Grüße und wird wieder gegrüßt in den zahllosen Briefen, die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten seinem Gebet oder bedankt sich für gesandtes Chemnitzer Leinen, wofür er eine Last lutherischer Schriften durch den Paketträger erhält[422]. Auch „lebendige Briefe“ gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte, namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs 1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stüblein) sei bereitgestellt und alles gerüstet — trotzdem Frau Käthe einen jungen Erdenbürger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten Weg nach Wittenberg[424].
Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar „stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre Thränen nachgeweint haben[425].
Der frühere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna, nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit! Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].
Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v. Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von 1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel, Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch Zweige zur Veredlung bestellt[428].