Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 14

Chapter 143,574 wordsPublic domain

Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als Sohn des Bürgermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgänger war und Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmütiger Geselle. Dienstag, 28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus für den kleinen Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste, wobei natürlich Frau Käthe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die Universitätsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber „das heilige Wittenberg“ nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers und der andern Väter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das beschwerliche Amt zu übernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thränen nahm er Abschied von Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation „der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen“. Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem Verkehr mit Luther und Frau Käthe, der er gar mancherlei Besorgungen machte[364].

Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfälzer Joh. _Schlaginhaufen_ — der lateinisch Turbicida oder gar griechisch Ochloplectes genannt wurde — ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Trübsinn geneigt und quälte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwählten gehöre; und Luther muß den Schwermütigen oft aufheitern, wenn er trübselig und teilnahmslos unter den Gästen und Tischgenossen dasitzt. Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Käthe hoch in Gunst, und als ihr Gatte während der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die Festversammlung und dann erst läßt sie Melanchthon und Jonas rufen. „Meister Hans“ war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und besonders des Bienenstandes der Frau Käthe an, und wurde später als Pfarrer im nahen Zahna und dann in Köthen ein tüchtiger Bienenvater[365].

Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste 30jährige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg saß, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls später unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als männliche „Schirmer“ der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten Familie. Die Brüder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer. Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren hübschen Gesang. Aber es war gut, daß der heitere Bruder Peter noch ins Kloster kam, denn der hochbegabte Hieronymus war — wie Matthias — zur Schwermut geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, daß der Trübsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, daß auch die beiden andern Weller gar oft als Gäste im Kloster weilten. So waren am 24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der Theologie und den Doktorschmaus für acht Tische mußte Frau Käthe ausrichten Mit dem Juristen Peter biß sich Luther weidlich herum[366].

Um diese Zeit gehörte auch ein adeliger Böhme, _Hennick_, ein Waldenser, zu den Tischgenossen, der später mit Peter Weller zum heiligen Lande zog, wo beide gestorben und begraben sind[367].

Als fremdländischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der „schwarze Engeleser“ Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im Scherz seine Käthe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch Gast bei den häufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529 seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII. als Unterhändler seiner neuen Ehe und „Religion“ gebraucht, aber dann doch bei seiner Rückkehr mit zwei Gefährten „von König Heinz wegen seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgeführt und verbrannt worden“. Von dem Märtyrertum „unseres guten Tischgesellen und Hausgenossen“ gab Luther dann eine Schrift heraus[368].

Käthes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser bei des Woiwoden Bruder, dem Mönch Georg, damals Statthalter in Ofen. Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver auf den Markt und sagte: „Wer seine Lehre für göttlich erkennt, setze sich Drauf — ich zünde es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist recht.“ Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden, dem Vai aber erlaubte er, öffentlich zu predigen. Diese rettende, mutige That erzählte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369].

Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er war ein Nürnberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther für die Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine eignen Zöglinge; von der Koburg sandte er ihnen „Argumente“, die sie auswendig lernen sollten, während Luther dieselben durch seinen Brief vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurückgekehrt war, schrieb er dem in Nürnberg zurückgebliebenen Dietrich von dem Stand der Dinge in Wittenberg, auch Grüße von der ganzen Tischgenossenschaft und Frau Käthe, welche zugleich auszurichten befahl, „Dietrich solle nicht glauben, daß sie ihm erzürnt sei“. Dietrich kam nämlich nicht recht mit Frau Käthe aus. Er meinte von sich selbst, daß er zwar keine krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an Frau Käthe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte, zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zöglinge hochmütig und berechnet gewesen. Für die Hauswirtin mit ihren eignen fünf kleinen Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine Erleichterung[370].

Es gab nun natürlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine Spannung. Diese aber ging vorüber. Als Dietrich im folgenden Jahre in seine Vaterstadt Nürnberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Käthe sandte ihm Grüße und Glückwünsche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis zu beider Männer Tod und auch Käthes Grüße blieben nicht aus[371].

Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die Hauswirtin eingenommen, so daß er sich anfangs vor ihr als einer herrischen und habsüchtigen Frau fürchtete. Aber — er kam doch an ihren Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er auch von Frau Käthe mit Bestellungen in Nürnberg in Anspruch genommen wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu erinnern[372].

Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“ Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines „ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“. Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister (Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der „Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde schließlich Jurist[373].

1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebürtig aus dem österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I., Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte, er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus. Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“ ausrichten[374].

Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach Wittenberg, _Matthesius_, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal, der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet mit großer Verehrung von ihr[375].

Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder. Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn. Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Präzeptor für Luthers Knaben[376].

In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an Käthes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere Kostgänger[377].

Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].

Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Käthe alsdann mir gnädig_ sein wird.“[379]

Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus- und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus (Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden, ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt waren[382].

Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe „fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu schwerer Sorge werden[383].

Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die „Tischwürze“.

Luther war von Natur „ein gar fröhlicher Gesell“, ja voll übersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fühlte, aber auch, wenn er Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruß, dem zum Trotz. In seiner Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu Bugenhagen: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußern Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiß, wie es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen, ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiß nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun nicht gegeben.“ Und Bugenhagen bezeugte dabei: „Thut er ihm unterweilen über Tisch mit Fröhlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen daran und kann solches keinem gottseligen Menschen übel gefallen, viel weniger ihn ärgern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller Gleisnerei und Heuchelei feind.“[384]

Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprüche, sinnreiche Reden und hübsche Reime, Sprichwörter und Anekdoten. Deren wußte er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor. Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer eine gute Stimme hatte, auch Gäste, mußten mitthun; Luther, der ein guter „Lautenist“ war, begleitete den Gesang[385].

So entstanden die berühmten Tischgespräche, die sich um die tiefsten und höchsten, die größten und kleinsten Dinge, göttliche und menschliche, himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natürlichkeit — obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige Feldprediger Aurifaber, später Pfarrer in Erfurt, die derben mit behaglicher Breite ausmalt, vergröbert und aus dem nicht ganz sauberen Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen ergänzt[386].

Diese Tischreden wurden nämlich von Luthers Jüngern auf- und nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprüche und Gespräche; zuerst nach dem Gedächtnis, später nach gleichzeitigen Aufzeichnungen.

_Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters — auch, wie ihm Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete Wort — in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gäste wie _H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_, _Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem Beispiel nach. Auch der Diakonus _Röhrer_, der berühmte Schnellschreiber und Notarius (Protokollführer) der Evangelischen auf den Reichstagen und Religionsgesprächen, verzeichnete „viel Köstliches“. Und so sind unter der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische Worte der Doktorin überliefert[387].

Wie es bei diesen Tischgesprächen zuging, das erzählt uns Matthesius. Bescheiden und sittsam saßen die Leute da und sahen auf „Seine Würden, den Herrn Doktor“. „Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an: „Was hört man Neues?“ Diese erste Vermahnung ließen wir gehen. Wenn er aber wieder anhob: „Ihr Prälaten, was Neues?“ da fingen die Alten an zu reden. D. Wolf Severus, so der Römischen Königlichen Majestät Präzeptor gewesen, saß oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedöber anging, doch mit gebürlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu“[388].

Alle möglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlaß zu kürzeren oder längeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so andächtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles mußte zum Anknüpfungspunkt oder zum Sinnbild für höhere Wahrheiten dienen. Und nicht selten gab Frau Käthe durch eine Rede oder durch ihre bloße Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389].

Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers mit allen „gelehrten“, d.h. akademisch gebildeten, Männern lateinisch geschrieben wurden. Bei alltäglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck geläufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander. Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch.

So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom Kloster her, teils aus dem steten Hören von Lateinisch, daß sie sich drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390].

So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: „Lieber Gott, wie wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und allerliebsten Sohn Isaak hat sollen töten! Es wird ihm der Gang auf den Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt haben.“ Da fing seine Hausfrau an und sagte: „Ich kann's in meinen Kopf nicht bringen, daß Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte, sein Kind selbst zu erwürgen.“ Luther widerlegte diese verständig natürliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte sich damit nicht ganz überzeugen lassen[391].

Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].

Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor: „Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]

Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie: „Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“

Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]

Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas, mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge war[395].

Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“ Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“, die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen, bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]