Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 13

Chapter 133,531 wordsPublic domain

„Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Käthe! Euer Gnaden sollen wissen, daß wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; „fressen, wie die Böhmen“ — doch nicht sehr — „saufen wie die Deutschen“ — doch nicht viel —, sind aber fröhlich. Denn unser gnädiger Herr von Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung wissen wir nicht, denn daß Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von Hagenau gen Straßburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und Ehren. M. Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben D. Schiefer, daß sein König Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als wolle er den Türken zu Gevatter bitten über die evangelischen Fürsten: hoffe nicht, daß es wahr sei, sonst wäre es zu grob. Schreibe mir auch einmal, ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl. bei Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und laß die Kinder beten. Es ist allhier solche Hitze und Dürre, daß unsäglich und unerträglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber jüngster Tag, Amen.

Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg läßt Dich freundlich grüßen.

Dein Liebchen

Martin Luther.“

Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kündigt Luther Käthe die Rückkehr an und bestellt einen Willkommtrunk.

„Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen zu handen. — Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu brechen und zu lesen.

... (Ew. Gnaden) ... wollen schaffen, daß wir einen guten Trunk bei Euch finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Mühe und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hölle geholet und wieder aus dem Grabe fröhlich heimbringen wollen, ob Gott will und mit seiner Gnaden, Amen.

Es ist der Teufel hieraußen selber mit neuen bösen Teufeln besessen, brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnädigsten Herrn ist im Thüringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, daß der Wald bei Werda auch angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Löschen. Das will teuer Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, daß er nicht löschen könnte, Amen.

Ich bin nicht gewiß gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu Zulsdorf würden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Grüße unsere Kinder, Kostgänger und alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540.

Dein Liebchen

M. Luther, D.[341]

Um diese Zeit begann eine neue Sorge für Käthe. Ihrem Bruder Hans wollte es auf Zulsdorf gar nicht glücken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab. Aber sie mußte auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fürstlichen Höfen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in Preußen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn Hans von Bora war keiner von den großmäuligen „Scharhansen“, wie sie in dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen seiner Frommheit hatte er Unglück. Ein Gegner Luthers verdrängte ihn von seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen Teil des Klostergutes in Crimmitschau überkam[342].

Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber heim, das zwar selten einen tödlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, daß Luther für ihn sein Pfarramt versehen mußte. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu fühlte sich der Hausherr selber „alt und schwach“. Da konnte wieder Käthe ihre Sorge und Pflege anwenden[343].

Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen, indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in Wittenberg zwei Leute geröstet — ohne die Ursachen und die Urheber zu entdecken. Luther fühlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so daß der Kurfürst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikönigstag des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344].

Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von Luthers Schwerer, _Hanna Strauß_, die in der Familie erzogen war, wurde mit M. Heinrich von Kölleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (später als Luthers Gegner „der Jäckel“) abgewiesen hatten. Zu dem Verlöbnis kam gerade von den Anhalter Fürstenbrüdern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten hatte, wenn es möglich und thunlich wäre, ihn zur Hochzeit „etwa mit einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe“. Am 30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus. Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von Anhalt wird nicht gefehlt haben[345].

Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjähriger Ehe D. Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der Jüngeren. Die junge Witwe machte sich nun zum großen Verdrusse der Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst Reichet (Reuchlin), der noch studieren mußte und heiratete ihn auch nach Luthers Tod, so daß sie eine zeitlang in rechte Bedrängnis geriet, bis ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346].

Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther großen Aerger, indem er nach dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches Verlöbnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig anerkannten[347].

Am 26. August 1542 war der älteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jährig und bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschätzte Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde, auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt und in Luthers überfülltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war sich auch bewußt, Theologen bilden zu können, aber keine Grammatiker und Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch später die zwei jüngeren Söhne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen wurde auch Käthes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war ein guter Junge, während Florian schon einer härteren Zucht bedurfte. Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der ältesten Schwester, Lenchen, die mit besondrer Zärtlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es gut im Pensionat des Präzeptors, er hatte ihn und seine Frau zu rühmen; er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646].

Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank.

Es war ein gar liebes frommes Mädchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie erzürnt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie würde dann wieder gesund werden. Käthe mußte ihren Wagen anspannen lassen und der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefährt nach Torgau. Er brachte einen Brief vom Vater an den Präzeptor, der lautete:

„Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Töchterlein Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefällig ist. Aber sie sehnt sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, daß ich den Wagen schicken mußte: sie lieben eins das andere gar so sehr — vielleicht, daß sein Kommen ihr neue Kraft geben könnte. Ich thue, was ich kann, damit mich nicht später mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also — doch ohne die Ursach' — daß er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder zurückzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund worden sein wird. Gott befohlen. Ihr müßt ihm sagen, es warte seiner ein heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542.“[348]

Hans kam zurück und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Mädchen mußte noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme Mägdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder zum himmlischen heimkehren. „Ja, herzer Vater“, sagte es, „wie Gott will!“ Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an, namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Väter hängen mehr an den Töchtern, während Frau Käthe zu ihrem Hans größere Zuneigung fühlte.

In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum: Es deuchte sie, zwei geschmückte, schöne junge Gesellen kämen und wollten ihr Lenchen zur Hochzeit führen. Am Morgen kam Melanchthon herüber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzählte Frau Käthe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten kam, deutete er den Traum: „Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten Hochzeit heimführen.“ Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit.

Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte, betete und tröstete abwechselnd das Kind, sich selbst und die Umstehenden: Frau Käthe, Melanchthon und D. Röhrer. Die Mutter war tief ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so daß Luther sie beruhigen mußte: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie hinkommt: sie kommt wohl.“

Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das Mägdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: „es wäre ihnen ihre Betrübnis leid“. Der Schülerchor sang das Lied: „Herr, gedenk nicht unsrer vorigen alten Missethat.“ Sie ward hinausgetragen auf den Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. „Es ist die Auferstehung des Fleisches“, sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der Doktor sagte zu Käthe: „Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen Mägdlein.“ Darauf dichtete der Doktor seinem Töchterlein eine lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch:

Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Töchterlein, Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349].

Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zürnte wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thränen um die geliebte Tochter; und Käthe hatte die Augen voll Thränen und schluchzte laut auf beim Gedanken an das „gute gehorsame Töchterlein“[350].

Begreiflich, daß Frau Käthe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen wieder in die Ferne entließ. „Wenn dir's übel gehen sollte, so komm nur heim“, hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwäche zu Hans gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde übermächtig in ihm — es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb einen kläglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle heimkehren, wenn's ihm übel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an den Präzeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur männlichen Ueberwindung der weibischen Schwäche ermahnt. Der Brief an den Sohn lautet:

„Gnade und Friede im Herrn.

Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind gesund. Gieb Dir Mühe, daß Du Deine Thränen männlich besiegst und Deiner Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwäche vergessen. Die Mutter kann nicht schreiben und hat es auch nicht nötig geachtet; aber sie sagt, alles was sie Dir gesagt habe — nämlich Du solltest heimkehren, wenn es Dir übel ginge — habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, daß Du diese Trauer lassest und fröhlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im Herrn.

Dein Vater Martin Luther.“[351]

Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Käthe in diesem schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen Weihnacht.

Frau Käthe aber war's, als sei ihr ein Stück von ihrer Seele gestorben[352].

12. Kapitel

Tischgenossen und Tischreden.

„Unsere Herrin Käthe, die _Erzköchin_“, so nennt Luther seine Gattin in einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353].

Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die entsprechenden Getränke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Käthe.

Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei denen aber sein „Herr Käthe“ eine ganz besonders hervorragende und liebe Rolle spielte.

Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich kaum recht vorstellen. Da mußte der „Haufe“ geladen werden; bei einer „akademischen“ Hochzeit „die Universität mit Kind und Kegel“ und dazu andere, die man Luthers halber „nicht wohl konnte auß(en) lassen; so bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gäste ohne die Diener u.s.w.“ war das Gewöhnliche für eine akademische Hochzeit. „Bei einem Doktorschmaus machten die Männer allein schon 7 bis 8 Tische voll; was wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen und zu tränken waren?“ Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur „für die gewöhnlichen Gäste“ mit einem Tage begnügt. Und das alles bei dem schlechten Markt in Wittenberg! Da war es für die gute Käthe keine geringe Schwierigkeit, einen solchen Schwarm in anständiger Weise zu speisen, und sie wollte doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel kommen lassen — natürlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Käthe wollten beide keine Unehre einlegen[354].

Aber auch sonst richtete Frau Käthe gern Feste aus: Doktorschmäuse, Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er erscheinen und teilnehmen an den fröhlichen Tagen. Da wird einer der Freunde oder gar zwei: Röhrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus Medler, „der Markgräfin Kaplan“ (d.i. der Hofprediger der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Käthe brät und braut für den üblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19. Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10. Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D. Martinus und später noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der zehnte Jahrestag des Thesenanschlags („der niedergetretenen Ablässe“), der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu trösten über den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein nahe ging, lud Frau Käthe einen Kreis von Freunden ein: Jonas, Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmäuse für ihre Neugebornen mußte die Wöchnerin wenigstens einige Zeit vorher vorbereiten und von ihrem Bette aus überwachen. Doch auch ohne besondere festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon, Bugenhagen, so oft ein Stück Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Faß Wein — manchmal mit der ausdrücklichen Bestimmung, „Herr Philipp, D. Pommer und andere gute Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen.“ Dann darf Frau Käthe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muß sie auch bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde „für einen Thaler Vögel, Gefieder, Geflügel und was im Reich der Luft fleugt, ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst erjagen kann.“ Oder Frau Käthe mußte ihre eigenen Fischteichlein ausräumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so reichlich wie einmal vom Kurfürsten „ein Fuder Supstitzer, ein halb Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen und ein Zentner Hechte, schöne Fische“ — war auf einmal zu viel, selbst für eine zahlreiche Gesellschaft[357].

Da sind Durchreisende und Besuche vom Fürsten bis zum fahrenden Schüler, fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene Pfarrer, Engländer und Franzosen, Böhmen und Ungarn, sogar einmal ein „Mohr“: sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an Käthes großem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von einem Juden entführt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt, entschuldigt sich Luther mit seinen bösen Erfahrungen an vornehmen und geistlichen Schwindlerinnen, daß er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358].

Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und „Freunde“ von Mansfeld. Oder die Straßburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der feine Straßburger Capito, der samt Butzer zur „Concordia“ in Wittenberg verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Käthe, und es war ihr ein großes Unglück, daß der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie als Sinnbild der Vereinigung der sächsischen und oberländischen Kirche betrachtete, ihr durch ein Mißgeschick abhanden kam [359].

Sogar dem Kurfürsten mußte Frau Käthe hinter dem Wall eine Collation auftischen (8.-14. März 1534). Später waren noch allerlei andere Fürsten wenigstens vorübergehend Tischgenossen Käthes, so der junge sächsische Johann Ernst und der Herzog Franz von Lüneburg[360].

Ständige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden Präzeptoren, Famuli und Scholaren.

Einer der ältesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist Konrad _Cordatus_.

Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im österreichischen Weißenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien, lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in Ofen, schloß sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging 1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei „Nattern und Schlangen“, entkommt durch einen mitleidigen Wächter und flüchtet zu seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von 1528-29, nach zweijährigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur, wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig verträglich. Er konnte sich auch in Frau Käthes Art nicht sonderlich schicken und machte Luther Vorwürfe, daß er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafür macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung über die Doktorin, als wäre sie herrschsüchtig und hoffärtig und berichtet überhaupt mit einer gewissen Herbigkeit über sie. Als Luther ihn und seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstützen kann, wie er's möchte, meint Cordatus, Luther hätte seiner Frau nicht erlauben sollen, einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, daß sie beständig Luthers „beste Reden unterbrach“, weil er mit großem Eifer alle Worte Luthers nachschrieb[361].

Am Dreikönigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln Familie Jörger von Tollet Kaplan gewesen, „ein frommer, sittiger und fleißiger Mensch“. Er kannte Frau Käthe schon vor ihrer Vermählung und war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus hatte er einen gar liebenswürdigen Brief an Frau Katharina geschrieben und sie erwiderte seine Grüße. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in Luthers Haus, fühlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner Gastfreundschaft bedrückt. Er übernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt und erhält viele Briefe und auch Käthe bekommt eine freundliche Epistel vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster, bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen in Lochau an. Schließlich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs Grübeln nach dem Jüngsten Tag. Die Bevölkerung der ganzen Gegend bis nach Schlesien hinein strömte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am 19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so für den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten Leute geschützt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum bereute[362].

Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in Weiberkleidern fliehen müssen, und nahm natürlich seine Zuflucht zu Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363].