Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild

Chapter 12

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Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Käthe 1538 hart zu. Ein Tagelöhner arbeitete oft bei ihr, ein fleißiger und braver Mensch, nüchtern sanfter wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er nüchtern, nahm mit Thränen Abschied von Frau Luther und wurde flüchtig. Ein Weib und drei Kinder, die er im größten Elend zurückließ, fiel natürlich Frau Käthe zur Last[313].

11. Kapitel

Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.

Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mußten die Eheleute brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder.

Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, „Mühmchen Lene die Jüngere“, fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: „Früh aufstehn und jung freien“ und ist öfters für junge ehrbare Leute, die sich einander gern hatten und zu einander paßten, bei ihren Eltern um ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und Selbstsucht der Väter und Mütter in Schutz genommen und zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Mädchens aus Torgau angenommen, welchem der kurfürstliche Barbier die Ehe versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Münze geteilt hatte[314].

Aber er wußte auch, daß es zu früh und ungeschickt sein könnte, das konnte er an Melanchthons Töchterlein merken, welches auch als kaum vierzehnjähriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen unglücklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, „es wäre nicht ratsam, daß junge Leute so bald in der ersten Hitze und plötzlich freiten; denn wenn sie den Fürwitz gebüßt hätten, so gereuete sie's bald hernach und könnte keine beständige Ehe bleiben; es käme das Hündlein Reuel, das viele Leute beißt“. Bestärkt wurde Luther in dieser Anschauung durch seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich überhaupt nicht ganz hold war. Das Jüngferlein Lene wollte natürlich die Stimme der Vernunft nicht hören und zeigte sich ungebärdig, so daß Luther sogar einmal meinte, „man sollte sie mit einem guten Knüttel züchtigen, daß ihr das Mannnehmen verginge“[315].

Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor allem auf Frau Käthe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534).

Aber als Bäschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538) und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius Berndt aus Jüterbog, ein gesetzter, „recht frommer (braver) Mann, der Christum lieb hatte“, seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im ersten Kindbett samt dem Knäblein gestorben war, kinderloser Witwer, Professor der Philosophie und Schöffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes berichtet[316].

Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Käthe, wie gewöhnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas, Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gäste Camerarius und Bucer, welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen — es war ein Nachtmahl — ließ nun der M. Ambrosius bei Luther „öffentlich werben um des Doktors Muhme Magdalene, daß er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin geben, wie er ihm zuvor zugesagt“. Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei der Hand und sagte: „Lieber Herr Schöffer und Gevatter! Allhie habe ich die Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die überantworte ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, daß sie wohl und christlich mit einander leben!“

Die Gäste wünschten Glück; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle fröhlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit eines neuen Bräutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und Bürden.

Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die Gesellschaft um sich her vergaßen, lächelte der Doktor und sagte: „Es wundert mich, daß doch ein Bräutigam mit der Braut so viel zu reden hat. Ob sie auch müde werden können? Aber man darf sie nicht vexieren, denn sie haben Freibriefe über alle Macht und Gewohnheit.“

Die Brautleute bekümmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und das Gästebitten. Da sprach der Doktor: „Seid unbekümmert, solches geht euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufällig Ding, das nicht zum Wesen des Ehestandes gehört.“

So schrieb denn Luther an den Fürsten von Anhalt um den Wild-Festbraten: „Ich bitte ganz demütig, wo Ew. Fürstl. Gnaden so viel Uebrigs hätten, wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen.“ Der Wildbraten blieb natürlich nicht aus und Frau Käthe bereitete ihn zu, auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein „Stübchen“ Frankenwein und vier Quart Jüterbogischen Wein — also aus des Bräutigams Heimat[317].

So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten dafür, daß es fröhlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herüber und sogar zwei Vatersbrüder. Der Schulmeister mit den Sängern wurde bestellt, und während Frau Käthe buk, briet und kochte, kostete der Doktor die Weine im Keller. Er meinte: „Man soll den Gästen einen guten Trunk geben, daß sie fröhlich werden: denn wie die Schrift sagt, das Brot stärkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn fröhlich.“ Es sollte überhaupt in christlicher Fröhlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach dem Grundsatz: „Bei der Hochzeit soll man die Braut schmücken, soll essen, trinken, schön tanzen und sich darüber kein Gewissen machen, denn der Glaube und die Liebe läßt sich nicht austanzen noch aussitzen, so du züchtig und mäßig darinnen bist.“ Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte Luther für fröhliche Unterhaltung und allerlei Rätselaufgaben. So fragte er den „schwarzen Engländer“ (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533 in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): „Wie wollt Ihr Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefüllt?“ Der Engländer wußte es nicht; Luther aber sagte: „Man bringt Most hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natürliche Magie und Kunststück.“ Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande wären? Antwort: „Der Schnee, Regen und Tau“[318].

Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans Herz; der Braut: „Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, daß er fröhlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht.“ Und dem Bräutigam: „Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, daß sie ihn nicht gerne siehet wegziehen und fröhlich wird, so er heimkommt“[319].

Diesen fröhlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt.

Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der Kurfürst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht daran und spottete darüber in seinem Brief an den Kurfürsten: sein „gewisser Wetterhahn“, der Landvoigt Hans Metzsch, hätte sonst mit seiner Spürnase schon die Pestilenz gespürt. Luther meinte, die Studenten hörten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem Schulsack, die Kolik in den Büchern, den Grind an den Federn, die Gicht am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie hätten die Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da müßten die Eltern und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu halten oder Kirmes in der Hölle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache ging auch bald vorüber[320].

Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmeß dieses Jahres mußte Luther auf den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Käthes Pferden. Käthe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zuträglich, wie sie schon von früheren Reisen wußte. Er fühlte sich nirgends so wohl wie daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther erkältete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge in den feuchten „hessischen Betten“ und verdarb sich an dem schweren, festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer unerhörten Heftigkeit ein; über vierzehn Tage lang dauerte es und verursachte die rasendsten Schmerzen, so daß er sich den Tod wünschte und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fürstlichen Leibärzte wußten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Roßkuren. Daher wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot oder gesund pflegen lassen und ließ sich am 26. Februar aus Schmalkalden in kurfürstlichem Gefährt wegfahren gen Wittenberg[321].

Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden empfangen. Im ersten meldete er, daß er gleich nach seiner Ankunft einen Stein überstanden habe, sonst schrieb er aber vergnügt, und fünf Tage darauf, daß der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten gemacht habe. Vier Briefe aber an Käthe waren nicht an sie gelangt: wahrscheinlich waren sie von den ängstlichen Freunden vorsorglicherweise zurückgehalten worden. Aber sie hatte doch Gerüchte gehört und nicht geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann entgegenreiste. Frau Käthe erhielt erst später, als es wieder besser ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]:

„Gnade und Friede in Christo!

Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Käthe; denn mein gnädiger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag. Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden aufgebrochen auf meines gnädigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die Ursach, ich bin nicht über drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese Nacht vom ersten Sonntag an kein Tröpflein Wasser von mir gelassen, hab' nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten mögen. Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen und meinem guten Herrn, als würde ich euch nimmermehr sehen; hat mich euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat man so hart gebeten für mich zu Gott, daß vieler Leute Thränen vermocht haben, daß mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich dünkt, ich sei wieder von neuem geboren.

Darum danke Gott, und laß die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem rechten Vater danken; denn ihr hättet diesen Vater gewißlich verloren. Der fromme Fürst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermögen sein Höchstes versucht, ob mir möcht' geholfen werden; aber es hat nicht wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fürbitte.

Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, daß mein gnädigster Herr habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja unterwegen stürbe, daß Du zuvor mit mir reden oder mich sehen möchtest; welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott so reichlich geholfen hat, daß ich mich versehe, fröhlich zu Dir zu kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben, wundert mich, daß nichts zu euch kommen ist.

Dienstags nach Reminiscere. 1537.

Martinus Luther.“

Wie mag das arme Weib erschrocken sein über diese unglückliche Kunde! und wie hätte sie erst gebangt, wenn sie gewußt hätte, daß am folgenden Tag der tödliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von ihm gingen. Käthe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Käthe den Erschöpften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte März langsam an Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg heim, wo sie am 14. März ankamen[323].

Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen, konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschöpft war er. Er lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Käthes sorgliche Pflege brachte ihn allmählich wieder zu Kräften. Acht Tage darauf konnte er wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin schreiben. Frau Käthe, die in der Bestürzung den Töchtern Spalatins nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Bücher binden lassen und zum Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleißig gepredigt. Aber als er später wieder in die Hessenstadt zum Konvent gehen sollte, hielt Käthe ihren Gatten zurück und er selbst warnte die Freunde vor „den hessischen Betten“[324].

In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter Hausgeist, eine Stütze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hüterin der Kinder. Der Ersatz, den Frau Käthe für sie suchte und erhielt in „Muhme Lene“ der jüngeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in fremden Stützen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325].

In diesem Jahre 1537 hatte Frau Käthe noch einen schweren Fall von Krankenpflege in ihrem Hause: nämlich die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg.

Die arme Frau war schon 1534 kränklich, bald besser, bald schwerer. Damals war sie in Wittenberg. Luther mußte aber auch öfter zu ihr nach Schloß Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als sich ihr Zustand zu einer Geistesstörung ausgebildet hatte, war sie zur Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfürsten von Sachsen Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war aber so blöde und kindisch, daß sie wenig verstand. Frau Käthe saß bei ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter, Fürstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter kommen, natürlich womöglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte man nicht auch noch aufnehmen; war doch das große Haus genug belegt; auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel vollgepropft. So mußte man den Besuch ablehnen, aber versichern, daß alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfürstin zu beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfürstin, Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des evangelischen Abendmahls an den Vater und eine ungünstige Aeußerung Luthers über Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam öfter zum Besuch ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie dazu, daß sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einführte. Sie wurde sehr befreundet mit Luther und Käthe, schickte ihr einmal eine Sendung Käse und bekam dafür Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328].

Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus fort aus Wittenberg[329].

Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet war[330].

Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch Luther.

Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war, wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse, Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie auflesen[331].

Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt, der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, daß sie so schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam, sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott! was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].

Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede Bewegung beobachtet[333].

Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder hergestellt[334].

Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].

Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius, welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“ gehörte[336].

Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber lautet[337]:

„Meiner herzlieben Käthe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen Saumarkt zu handen.

Gnade und Friede, liebe Jungfrau Käthe, gnädige Frau von Zulsdorf und wie Ew. Gnaden mehr heißt! Ich füge Euch und Ew. Gnaden unterthäniglich zu wissen, daß mir's hie wohl gehet: „ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher“[338] — das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher: Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod auferstanden. Gott der liebe Vater höret unser Gebet, das sehen und greifen wir, ohne daß wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen zu unserm schändlichen Unglauben.

Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greußen bittet, da magst Du als eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Röhrer und Magister Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser.

Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans) — der kein Kind ist, Mariische auch nicht — kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal antworten mit Ew. gnädigen Hand.

Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre gnädige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe, unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel dafür nehmen wollen; die bezahle ihnen bar über und behalt' Du den Stiel davon.

Sage untern lieben Kostgängern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer, mein freundlich Herz und guten Willen, und daß sie helfen zusehen in allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M. Georg Major und M. Ambrosio, daß sie Dir zu Hause tröstlich seien. Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro (dem Diener Wolfgang), daß er die Maulbeer nicht versäume, er verschlafe sie denn, das wird er nicht thun — er versehe es denn — und den Wein soll er auch zur Zeit abziehen. Seid fröhlich alle und betet. Amen.

Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariä (2. Juli) 1540.

Martinus Luther,

Dein Herzliebchen.“

Mit dem folgenden Brief an „Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner lieben Hausfrau“ schickt Luther seiner „lieben Jungfer Käthe“ durch den Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die „magst Du brauchen, bis wir kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmünze mögen haben. Magister Philipps kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kränklich, aber doch leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie zuvor mit über Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben Vater im Himmel.... Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht, nur das: man achtet, sie werden uns heißen: Thu das und das, oder wir wollen euch fressen. Denn sie haben's böse im Sinn. Sage auch Doct. Schiefer, daß ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst möchte den Türken über uns führen.... Denn der Papst singet schon bereits: flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht über uns treiben, so wird er's mit dem Türken versuchen; er will Christus nicht nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Türken, Papst und Teufel und beweise, daß er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten gesetzt. Amen! — Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott befohlen. Amen.

Sonnabends nach Kiliani (10. Juli).

Mart. Luther.“[339]

Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340].