Kaspar Krumbholtz

Part 2

Chapter 23,405 wordsPublic domain

Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom Religionsunterricht zu dispensieren.

* * * * *

Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche Dioskurenpaar Knortz und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon mit einer Morgenpfeife feierten.

Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes Abenteuer mit Schlegelmeyer.

Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los. Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«

Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich Stubenlehrer bei den Vierten werden.

Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.

Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.

Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.

Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.

Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben würde.

»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt sind; aber mein verehrter Kollege, warten Sie nur einige Wochen, und es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen. Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich aushändigen?«

»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete Kaspar.

»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd. »Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt -- Sie wissen -- die ersten zwei Jahre nur 25 Mark monatlich -- nicht sehr reichlich -- ich kanns leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden, Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht wahr -- hier hundert Mark?«

Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.

»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich Bruder Nitschke verbindlich.

»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«

»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen -- da es meist Ausländer sind, vor allem ein gutes Deutsch beibringen. Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite -- gerade auch als Lehrer -- ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon geleitet. Nun -- im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«

»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«

»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege -- und alles Gute! Heute mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf Wiedersehen!«

Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am Direktorzimmer wieder hinab.

Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt. Was für ein Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.

* * * * *

Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich, gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein sonores »Herein!«

Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für einige Minuten.

Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen, jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.

Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und seines schier überirdisch verklärten Sohnes Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die +idea fidei unitatis fratrum+ undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire- und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer Antiqua: +Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum, suae aetatis LXXIII.+

Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte, wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden, hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.

Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.

»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,« meinte Kaspar.

»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch, »das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren unsere Urgroßväter.«

Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon wieder halbentschlummerten Dachs an.

Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.

Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause. Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine +ecclesiola in ecclesia+, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.

Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein Engländer, übrigens einer der besten.

Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen Klassen zu unterrichten und ob ihm 28 Stunden, darunter freilich 12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für Anfänger, zu viel sein würden.

Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine Religionstunden darunter sind.«

»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen -- es ist auch keine Freude zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren Geistlichen. Es steht nicht gut!«

Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen, verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten Freunde.

* * * * *

Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und innerer Freude seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund bevaterte, abzuwechseln hatte.

Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden; da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten zweiten Stube, die allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.

Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.

Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch -- wie sich später herausstellte -- ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.

»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male dazwischen.

»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«

Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich: Menschenkenntnis und Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.

Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen Vierten zum Fußballspiel.

Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.

Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.

Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug, die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen Arbeitsstunde.

Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig, als er im Vorübergehen Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte: »Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington und Venobles kann er doch nicht spielen!«

Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.

Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit, ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem schließlich ein Lager.

Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen »ganz famosen Kerl«.

Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.

Drittes Kapitel

Der angehende Weltmann

Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.

Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem, aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.

Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen -- auch auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber einzubüßen.

Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße befriedigt schnobernd ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.

Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach Gohlis ab, wo es -- wie man ihm gesagt hatte -- die billigsten und behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.

Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate, ein anderes daneben nur ~ein~ Mietangebot auf. Der kluge Hans Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele »Buden« leerstehen.

Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein Billiges ermietet.

Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.

Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile ans offene Fenster und sah leise ergriffen hernieder auf die nahe, menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden Geheimnissen.

Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm« seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver Karrengaul. Warum -- der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können! Nun -- er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er, Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.

Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen strahlenden Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die Welt?«

* * * * *

Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten Enttäuschungen.

Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen, bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe, da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die dafür zuständige Stelle wenden.

Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.

Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau nachweisen können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig. Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.

Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und entfernte sich tief beleidigt.

Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.

Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.

Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:

»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«

»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis zusammenklappende Hauswirtsgestalt, »ich bin noch der Ehemann dieser Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben -- sehr guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«

»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal, was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht gesagt?«