Part 2
Als er in den ersten Tagen zum erstenmal eine brennende Kerze vor sich sah, ergötzte ihn die leuchtende Flamme, er griff arglos hinein und verbrannte sich Hand und Finger, die er zu spät unter Schreien und Weinen zurückzog. Um ihn zu erproben, wurde zum Schein mit blanken Säbeln nach ihm gehauen und gestochen; er blieb dabei ganz unbeweglich, blinzte nicht einmal mit den Augen und schien gar nicht zu ahnen, daß ihm mit diesen Dingen irgend ein Leid geschehen könne[7]. Als ihm ein Spiegel vorgehalten wurde, griff er nach seinem eignen Spiegelbild und wendete sich dann nach der Rückseite, um den Menschen zu finden, der dahinter stecke. Was er Glänzendes sah, darnach langte er wie ein kleines Kind, und weinte, wenn er es nicht erreichen konnte, oder es ihm versagt wurde.
Einige Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg wurde K., in Begleitung zweier Polizeimänner, um die Stadt geführt, damit er vielleicht das Thor wieder erkenne, durch das er in die Stadt gebracht worden. Er wußte, wie man wohl hätte voraussehen können, keines von dem andern zu unterscheiden, und schien überhaupt an dem, was an seinen Augen vorüberging, keinen Antheil zu nehmen. Auf Gegenstände, die man ihm besonders nahe brachte, gaffte er stumpfsinnig, und nur zuweilen mit neugierigem, befremdetem Blicke hin. Zur Bezeichnung lebender Geschöpfe, die ihm in die Sinne fielen, hatte er blos zwei Worte, deren er sich dann und wann bediente. Was menschliche Gestalt hatte, ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, hieß ihm »Bua;« jedes ihm aufstoßende Thier, vierfüßig oder zweibeinig, Hund, Katze, Gans oder Huhn, nannte er: »Roß.« Waren solche Rosse ~weiß~, so bezeigte er Wohlgefallen; ~schwarze~ Thiere erregten ihm Widerwillen oder Furcht. Eine schwarze Henne, welche auf ihn zukam, versetzte ihn in große Angst; er schrie und machte die äusserste Anstrengung, um auf seinen, ihm hiezu den Dienst versagenden Füßen von ihr hinwegzulaufen.
Seine Seele nicht nur, sondern auch manche seiner Sinne schienen Anfangs in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählig erwachend den Aussendingen sich zu öffnen. Erst nach einigen Tagen fiel ihm der Schlag der Thurmuhren und das Geläute der Glocken auf; er gerieth dadurch in das höchste Erstaunen, das sich in seiner aufhorchenden Miene und in Verzuckungen des Gesichts ausdrückte, bald aber in sinnendes dumpfes Hinstarren überging. Einige Wochen später zog eine Bauernhochzeit mit Musik unter dem Fenster seines Wohnstübchens auf dem Thurm vorüber. Horchend stand er plötzlich wie eine Bildsäule da; sein Gesicht wurde wie verklärt, seine Augen strahlten gleichsam sein Entzücken aus; fortwährend blieben Ohr und Augen den immer weiter sich entfernenden Tönen zugewendet, und schon waren die letzten verhallt, als er noch lauschend unbeweglich stehen blieb, gleichsam als wolle er die letzten Schwingungen dieser für ihn himmlischen Laute in sich aufnehmen, oder als habe die Seele ihren Körper in Erstarrung zurückgelassen, um diesen Klängen nachzuziehen. Gewiß nicht um Kaspars musikalischen Sinn zu erproben, stellte man bei einer Wachtparade diesen Menschen, an dem sich bereits eine ungewöhnliche Nervenreitzbarkeit offenbarte, in die Nähe der großen Regimentstrommel, deren erste Schläge ihn so erschütterten, daß er in Zuckungen verfiel und schnell hinweggebracht werden mußte.
Unter den vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten Tagen und Wochen an Kaspar zeigten, bemerkte man, daß die Vorstellung von ~Rossen~, besonders von ~hölzernen Rossen~, für ihn von nicht geringer Bedeutung sein müsse. Das Wort: »Roß« schien in seinem Wörterbuch, das kaum ein halbes Dutzend Worte umfaßte, den allergrößten Raum einzunehmen; dieses Wort wurde am allerhäufigsten, bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenständen, von ihm ausgesprochen, und zwar nicht selten unter Thränen, in wehmüthig bittendem Tone, als drücke er damit die Sehnsucht nach irgend einem Pferde aus. So oft man ihm eine Kleinigkeit, eine glänzende Münze, ein Band, ein Bildchen &c. &c. schenkte, sprach er: Roß! Roß! und gab durch Mienen und Gebärden den Wunsch zu erkennen, diese Schönheiten einem Roße anzuhängen. Kaspar, welcher -- nicht eben zum Vortheil seiner geistigen Entwickelung, noch zum Behuf reiner Beobachtungen, wozu doch wohl die Seltenheit der Erscheinung aufforderte -- täglich auf die Polizeiwachtstube geführt wurde, wo er im Getös und Getümmel, gewöhnlich einen nicht kleinen Theil des Tages zubrachte, wurde hier wie einheimisch, und gewann sich bald unter den Bewohnern dieses Amtszimmers Zuneigung und Liebe. Das auch hier so oft wiederholte: Roß! Roß! gab eines Tages einem der Polizeisoldaten, der sich mit dem seltenen Jünglingskinde am meisten zu thun machte, den Einfall, ihm ein weißes hölzernes Spielpferd auf die Wachtstube zu bringen. Kaspar, der sich bisher fast immer nur unempfindlich, gleichgültig, untheilnehmend oder niedergeschlagen gezeigt hatte, wurde beim Anblick dieses hölzernen Rosses, plötzlich wie umgewandelt, und benahm sich nicht anders, als hätte er in diesem Pferdchen einen alten, langersehnten Freund wiedergefunden. Ohne lärmende Freude, aber mit lächelndem Gesichte weinend, setzte er sich sogleich auf den Boden zu dem Pferde hin, streichelte, tätschelte es, hielt unverwandt seine Augen darauf geheftet, und suchte es mit allen den bunten, glänzenden, klingenden Kleinigkeiten zu behängen, womit das Wohlwollen ihn beschenkt hatte. Erst nunmehr, da er das Rößchen damit ausschmücken konnte, schienen alle diese Dinge den rechten Werth für ihn gewonnen zu haben. Als die Zeit kam, wo er die Polizeiwachtstube verlassen sollte, suchte er das Roß aufzuheben, um es mit sich nach Haus zu tragen, und weinte dann bitterlich, als er wahrnahm, daß er in seinen Armen und auf seinen Füßen zu schwach sei, um diesen seinen Liebling mit sich über die Schwelle der Stubenthüre hinauszubringen[8]. So oft er dann nachher die Wachtstube zu besuchen kam, setzte er sich sogleich zu seinem lieben Roß auf den Boden nieder, ohne die Menschen um ihn her im mindesten zu beachten. »Stunden lang«, sagt einer der Polizeisoldaten in seiner erst polizeilichen, späterhin gerichtlichen Vernehmung, »saß Kaspar mit seinem Rosse spielend neben dem Ofen, ohne auf das, was um und neben ihm vorging auch nur im mindesten Acht zu geben.«
Aber auch auf dem Thurm in seinem Schlaf- und Wohnstübchen versah man ihn bald, nicht blos mit Einem, sondern mit verschiedenen Rossen. Diese Rosse waren von nun an, so lange er sich zu Haus befand, unausgesetzt seine Gesellschafter und Gespielen, die er nicht von seiner Seite, noch aus seinen Augen ließ, und mit denen er -- wie man durch eine verborgene Oeffnung in der Thüre beobachten konnte -- sich beständig zu schaffen machte. Ein Tag war darin dem andern, eine Stunde der andern gleich, daß Kaspar neben seinen Rossen, mit gerade vor sich ausgestreckten Füssen, auf dem Boden saß, seine Rosse beständig bald auf diese bald auf jene Weise mit Bändern, Schnüren oder bunten Papierfetzen schmückte, mit Münzen, Glöckchen, Goldflittern behing, und darüber zuweilen in tiefes Nachdenken versunken schien, wie er diesen Putz durch abwechselndes Dahin- oder Dorthin-Legen verändern möge. Auch führte er sie zum öftern, ohne sich dabei von der Stelle zu bewegen oder seine Lage zu verändern, neben sich hin und her, doch sehr vorsichtig und ganz leise, damit, wie er späterhin äußerte, das Rollen der Räder kein Geräusch verursache, und er nicht dafür geschlagen werde. Nie aß er sein Brod, ohne zuvor jeden Bissen den Pferdchen an den Mund gehalten, trank nie sein Wasser, ohne zuvor ihre Schnauze hineingetaucht zu haben, die er dann jedesmal sorgfältig wieder abzuwischen pflegte. Eines dieser Pferdchen war von Gyps, dessen Mund denn bald vom Eintauchen erweichte. Er wußte nicht, woher dieß komme, indem er wohl bemerkte, daß die Schnauze der andern Rosse naß werde, doch nicht ihre Form verändere. Der Gefangenwärter, dem er weinend sein Unglück mit dem Gypspferdchen vorzeigte, gab ihm zu seiner Beruhigung zu verstehen: »dieses Pferdchen möge kein Wasser;« worauf er es denn zu tränken unterließ, indem er glaubte, es zeige ihm durch die am Mund sichtbare Verunstaltung seine Abneigung gegen das Trinken an. -- Der Gefangenwärter, welcher oft sah, wie Kaspar sich abmühte, die Pferde mit seinem Brod zu füttern, suchte ihm begreiflich zu machen, diese Pferde könnten nicht fressen. Allein Kaspar meinte ihn damit zu widerlegen, daß er auf die Brodkrumen deutete, die an der Schnauze seiner Pferde hängen geblieben waren. -- Das eine seiner Rosse hatte einen Zaum in dem weitgeöffneten Maul; er verfertigte nun auch seinem andern Pferde einen Zaum aus zusammenhängenden Goldflittern, und bemühte sich dieses auf allerlei Weise zu bewegen, seinen Mund zu öffnen, damit er ihm den Zaum hineinlege, -- ein Versuch, womit er sich zwei Tage lang unermüdlich plagte. Einst schlief er auf einem Schauckel-Pferde ein, fiel herab und quetschte sich am Finger; da beklagte er sich, daß ihn das Pferd gebissen habe. -- Als er eines Tags mit einem andern seiner Pferde über den Boden fuhr und dieses mit den Hinterfüßen in eine Lücke des Bodens gerieth und vorne aufstieg, bezeigte er darüber die größte Freude, und wiederholte dann beständig dieses ihm so merkwürdige Schauspiel, das er allen seinen Besuchern zum Besten gab. Da ihm der Gefangenwärter seinen Unwillen darüber bezeigte, daß er allen Leuten immer dasselbe vormache, unterließ er dieses zwar, weinte aber, daß er sein steigendes Pferd nicht mehr zeigen solle. Einmal fiel dieses beim Aufsteigen um; da kam er ihm mit eiliger Zärtlichkeit zu Hülfe und äußerte sein Leid darüber, daß es sich wehe gethan. Er war vollends untröstlich, als er einmal den Gefangenwärter einem dieser Pferde einen Nagel einschlagen sah.
Hieraus und aus vielen andern Umständen ließ sich vermuthen, was nicht lange nachher zu voller Gewißheit wurde: daß die Vorstellung von Lebendigem und Todtem, Beseeltem und Unbeseeltem, von Organischem und Unorganischem, von Naturgegenständen und Kunsterzeugnissen sich in seiner Kinderseele noch seltsam durch einander mische.
Thiere unterschied er von Menschen blos an ihrer Gestalt, Männer und Frauen an der Kleidung, die ihm, wegen der mannichfaltigen, in die Augen stechenden Farben, am weiblichen Geschlecht besser als am männlichen gefiel; weshalb er auch späterhin noch öfters den Wunsch äußerte, ein Mädchen zu werden, d. h. Frauenkleider zu tragen. --
Daß aus den Kindern große Leute würden, wollte ihm durchaus nicht einleuchten, und am hartnäckigsten widersprach er, wenn man ihm versicherte, daß er doch auch einmal ein Kind gewesen, und daß er wahrscheinlich noch bedeutend werde größer werden, als er jetzt schon sei. Erst einige Monate später überzeugte er sich davon, als er an einem an die Wand gezeichneten Maß, nach wiederholten Proben, die eigne Erfahrung von seinem, noch dazu schnellen Wachsthum gemacht hatte.
Von Religion war nicht ein Fünkchen, von einer Dogmatik auch nicht das kleinste Stäubchen in seiner Seele zu finden, so sehr sich einige Geistliche, gleich in den ersten Wochen nach seinem Erscheinen zu Nürnberg, die unzeitige Mühe gaben, es in ihm zu suchen und aufzuregen. Von allen ihren Fragen, Reden und Predigen hätte jedes Thier nicht weniger verstanden und begriffen als Kaspar. Was er an Religion mitbrachte, bestand -- wenn es ohne Lästerung dieses Namens so genannt werden darf -- lediglich in demjenigen, was ihm dummfromme Bosheit bei seiner Aussetzung zu Nürnberg in die Tasche mitgegeben hatte.
Es wird vielleicht nicht uninteressant sein, über Kaspar Hausers Benehmen, während seines Aufenthalts auf dem Thurm, die Aeußerung eines einfachen, aber verständigen Mannes zu vernehmen, des Gefangenwärters ~Hiltel~, der ihn mehre Wochen unter seiner Aufsicht gehabt hatte. Dieser äußert sich zum Protokoll unter andern wie folgt: »Bald nachdem ich den angeblichen Kaspar Hauser einige Zeit im Stillen beobachtet hatte, erlangte ich die Ueberzeugung, daß derselbe nichts weniger als simpelhaft und von der Natur verwahrlost, sondern vielmehr auf unbegreifliche Weise von aller Ausbildung und geistigen Entwicklung zurückgehalten worden sein müsse. Die unendlich vielen Belege und Erscheinungen anzuführen, welche sich mir aus den mit Hauser angestellten Beobachtungen hierüber unzweifelhaft ergaben, würde hier zu weit führen. Er hat sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts bei mir gerade wie ein kleines Kind benommen und allenthalben die größte Natürlichkeit und Unschuld zu erkennen gegeben. Am 4ten oder 5ten Tage wurde er von dem obern, engern Verwahrungsort des Gefängnißthurms in die tiefere Etage desselben, in welcher ich mit meiner Familie wohne, in ein kleines Zimmerchen gebracht, welches Vorrichtungen hatte, mittelst deren ich ihn stets beobachten konnte, ohne daß er es wahrzunehmen vermochte. Hier habe ich ihn, dem mir vom Herrn Bürgermeister gegebenen Befehl gemäß, unbemerkt zum öftern beobachtet und sein Benehmen, wenn er allein war, ganz unverändert gefunden. Er ergözte sich an seinem Spielzeug für sich allein eben so, als wie er dies in meiner Gegenwart natürlich, unbefangen that; denn wenn er in der ersten Zeit mit seinen Spielsachen ernstlich beschäftigt war, so mochte um ihn her vorgehen was da wollte, er nahm davon keine Notiz. Doch muß ich bemerken, daß dieses Vergnügen an kindischem Spielzeug nur von kurzer Dauer war. So wie seine Sinne auf ernstere und nützlichere Gegenstände gerichtet und dafür empfänglich gemacht worden waren, hatte er am Spielen keine Freude mehr. -- Sein ganzes Benehmen war, so zu sagen, ein reiner Spiegel kindlicher Unschuld; er hatte nichts Falsches an sich; wie es ihm um's Herz war, so sprach er sich aus, so weit es nämlich seine dürftige Sprache zuließ. Einen sicheren Beleg seiner Unschuld und Unwissenheit gab er auch bei Gelegenheit, als ich und meine Frau ihn das erste Mal entkleideten und seinen Körper reinigten; sein Benehmen hiebei war das eines Kindes, ganz natürlich und ungenirt[9]. -- Nachdem er das Spielzeug bekommen hatte, und auch andere Personen zu ihm gelassen wurden, habe ich bisweilen meinen 11jährigen Sohn Julius zu ihm gelassen, der ihn denn gleichsam das Sprechen lernte, Buchstaben vormachte, und ihm Begriffe, so weit er selbst sie hatte, mitzutheilen suchte. Zugleich ließ ich manchmal mein dreijähriges Mädchen, Margaretha, auf seine Stube kommen, mit der er Anfangs sehr gerne spielte und die ihn Glasperlen an eine Schnur zu reihen lehrte. An dieser Unterhaltung fand er sobald keine Befriedigung mehr, als er sein todtes Spielzeug satt hatte. In der letzten Zeit seines Aufenthalts bei mir, hatte er seine größte Freude und Unterhaltung an Zeichnungen und Kupferstichen, die er in seinem Zimmerchen an die Wände klebte.«
IV.
Kaspar wurde auf dem Thurm, schon nach den ersten Tagen, nicht als Gefangener, sondern als ein verlassenes, verwahrlostes, der Pflege und Erziehung bedürftiges Kind behandelt. Der Gefangenwärter nahm ihn mit sich an seinen Familientisch, wo er zwar am Essen nicht Theil nahm, doch gehörig sitzen, seine Hände auf menschliche Weise gebrauchen und manche andere Sitte gebildeter Menschen kennen und nachahmen lernte. Gern spielte er mit den Kindern seines Wärters, welche sich ebenfalls nicht ungern mit dem gutmüthigen, durch seine große Unwissenheit, selbst Kindern possirlichen Jüngling unterhielten und von welchen das älteste, der 11jährige Julius -- den Kaspar besonders liebgewonnen hatte -- sich das, seiner kleinen Eitelkeit nicht wenig schmeichelnde Geschäft machte, diesem jungen rüstigen Burschen, dem schon der Anfang eines Barts um das Kinn sproßte, -- das Sprechen zu lehren.
Bald führte ihm die Neugier, täglich, stündlich eine Menge von Menschen zu, von denen die Wenigsten sich blos mit dem Angaffen des zahmen Wilden begnügten. Die Meisten machten sich auf mancherlei Weise, jeder auf seine Art, mit ihm zu schaffen. Manchem war er wohl nur Gegenstand der Belustigung, oder nichts weniger als wissenschaftlicher Experimente. Doch gab es auch Viele, die sich ihm vernünftig mitzutheilen, ihn geistig zu wecken und zur Mittheilung anzuregen suchten. Der Eine sagte ihm Worte und Redensarten vor, die er ihn nachsprechen ließ, der Andere suchte ihm durch Zeichen und Pantomimen, oder wie es sonst ging, Unbekanntes bekannt, Unverständliches verständlich zu machen. An jeder Sache, an jedem Spielzeug, womit die menschliche Theilnahme der guten Nürnberger dem armen Jüngling nahte, gewann er neue Gedankenstoffe, wurde er um einige Begriffe und um mehre Wortlaute reicher. Vorzüglich aber wurde in diesem lebhaften Menschenverkehr seine allmählig zu hellerem Bewußtsein erwachende Seele mannichfaltig zum Aufmerken, Reflectiren und Denken angeregt, und durch das zunehmende, von Tag zu Tag höher gesteigerte Bedürfniß nach Mittheilung, der bekannte, in dem menschlichen Geist instinktmäßig arbeitende, erfinderische Sprachmeister in immer reger Beschäftigung erhalten.
Ungefähr 14 Tage nach Kaspars Ankunft zu Nürnberg führte sein günstiges Geschick ihm noch den würdigen Professor ~Daumer~ zu, einen jungen, denkenden Gelehrten, der in seinem menschlichen Herzen den Beruf fand, sich der geistigen Entwickelung, Bildung und Unterweisung dieses Unglücklichen anzunehmen, -- so weit der ungestüme Zudrang der Neugierigen und andere hemmende, störende Umstände dieses nur immer gestatten mochten. Und so müßte denn Kaspar weit weniger Regsamkeit des Geistes, keinen so heißen Eifer, alles ihm Neue aufzufassen, kein so lebendiges, jugendlich kräftiges Gedächtniß zum treuen Festhalten des einmal Aufgefaßten besessen haben, als er zu allgemeiner Verwunderung wirklich zeigte, wenn er nicht in Kurzem wenigstens so viel sprechen gelernt hätte, um nothdürftig seine Gedanken auszudrücken. Freilich aber waren seine Sprechversuche geraume Zeit ein so lückenhaftes, dürftiges, kindisch unbehülfliches Wortgehäcksel, daß man selten bestimmt wissen konnte, was er mit seinen durcheinander geworfenen Redebruchstücken ausdrücken wolle; immer blieb dem Hörenden Vieles zu errathen und durch Vermuthungen zu ergänzen übrig. An ein zusammenhängendes Reden und Erzählen war bei ihm vollends gar noch nicht zu denken.
Dem ersten Bürgermeister der Stadt, Herrn ~Binder~, als Chef der städtischen Polizei, mußte Kaspar, nicht blos von Seite des menschlichen Interesse's, sondern auch hauptsächlich in amtlicher Beziehung, nahe am Herzen liegen; und er widmete diesem wunderseltenen Polizei-Gegenstande seine besondere Aufmerksamkeit und Theilnahme. Es war wohl von selbst einleuchtend, daß die alltäglichen Amtsformen für diesen nichts weniger als alltäglichen Fall nicht gemacht sein konnten[10] und, um einigermaßen hinter das Geheimniß zu kommen, mit förmlichen Vernehmungen, Verhören und dergleichen amtlichen Proceduren wenigstens vor der Hand nichts ausgerichtet werden könne. Herr Binder wählte daher, gewiß mit vollem Recht, einstweilen den Weg des freieren, ausseramtlichen Wirkens. Er ließ Kaspar fast täglich in seine Wohnung bringen, machte ihn bei sich und in seiner Familie gleichsam einheimisch, sprach mit ihm und ließ ihn sprechen, so gut oder übel dieses gehen mochte, und bemühte sich, durch vielfältiges, wiederholtes Hin- und Herfragen, Auskunft über sein Leben und Hieherkommen zu erhalten. Auch gelang es endlich, nach vieler Mühe, Herrn Binder -- oder er glaubte es ihm gelungen -- aus den einzelnen Antworten und Aeußerungen Kaspars den Stoff zu einer Geschichte herauszusaugen, welche bereits am 7ten Juli desselben Jahrs in einer öffentlichen Bekanntmachung[11] der Welt mitgetheilt wurde.
Ist nun gleich in dieser amtlich bekannt gemachten Geschichte -- wenn man sie so nennen will -- Manches Unglaubliche und Widersprechende, ist bei manchen, nur allzu ausführlich und zuversichtlich gegebenen, Einzelheiten nicht wohl auszumitteln, wie viel davon dem Antwortenden oder dem Fragenden gehören möge, und was davon wirklich aus Kaspars trüber Erinnerung geflossen, oder ihm durch vieles Fragen unwillkührlich aufgeredet und eingefragt, oder durch Vermuthungen ergänzt und ausgemalt, oder auch auf blos mißverstandenen Aeußerungen dieses an Begriffen bettelarmen, mit den alltäglichsten Gegenständen der Natur und des Lebens damals noch unbekannten halb-stummen Thiermenschen gegründet sei: so stimmt doch die erwähnte Geschichtserzählung im Ganzen und Allgemeinen d. h. was die ~wesentlichsten Hauptumstände~ betrifft, mit Demjenigen überein, was Hauser in einem späterhin von ihm selbst verfaßten schriftlichen Aufsatze niedergelegt, bei den im Jahr 1829 mit ihm gepflogenen gerichtlichen Verhandlungen eidlich betheuert, und dem Verf., so wie vielen andern Personen, bei verschiedenen Gelegenheiten, immer mit sich selbst übereinstimmend erzählt hat.
Diese seine Angaben sind im Kurzen folgende:
»Er wisse nicht, wer er selbst und wo seine Heimath sei. Erst zu Nürnberg sei er auf »die Welt gekommen«[12]; hier erst habe er erfahren, daß es, ausser ihm und »dem Manne, bei dem er immer gewesen,« auch noch andere Menschen und Geschöpfe gebe. So lange er sich entsinnen könne, habe er immer nur in einem Loch (kleinem, niedrigem Gemach, das er zuweilen auch ~Käfich~ nennt) gelebt, wo er, blos mit einem Hemd und ledernen, hinten aufgeschlitzten, Hosen bekleidet und barfuß, auf dem Boden gesessen sei[13]. Er habe in seinem Gemach nie einen Laut gehört, weder von Menschen, noch von Thieren, noch von sonst Etwas. Den Himmel habe er nie gesehen, noch habe er je eine Hellung (Sonnenlicht), wie zu Nürnberg, wahrgenommen. Einen Unterschied zwischen Tag und Nacht habe er nie erfahren, noch weniger habe er die schönen Lichter am Himmel jemals zu sehen bekommen. Neben ihm habe sich in dem Boden ein Loch (wahrscheinlich mit einem Topf) befunden, in welchem er seine Nothdurft verrichtet habe. So oft er vom Schlafe erwacht, sei ein Brod neben ihm gelegen und ein Krug mit Wasser gestanden. Zuweilen habe das Wasser einen sehr bösen Geschmack gehabt; dann habe er, bald nach dessen Genuß, seine Augen nicht mehr offenhalten können und habe einschlafen müssen[14]; wenn er hierauf wieder erwacht sei, habe er wahrgenommen, daß er ein reines Hemd anhabe und seine Nägel beschnitten seien[15]. Den Mann, der ihm Essen und Trinken gebracht, habe er nie im Gesicht gesehen. In seinem Loch habe er zwei hölzerne Pferde gehabt, und verschiedene Bänder dabei. Mit jenen Rossen habe er sich, so lange er gewacht, zu jeder Zeit unterhalten; seine einzige Beschäftigung sei gewesen, sie neben sich herlaufen zu lassen, und die Bänder, die er gehabt, ihnen bald so, bald anders aufzulegen, oder umzuknüpfen. So sei ihm ein Tag wie der andere vergangen; er habe aber nichts vermißt, sei nicht krank gewesen, habe -- ein einzigmal ausgenommen -- nichts von Schmerz empfunden, und überhaupt sei es ihm da viel besser gegangen als auf der Welt, wo er so viel zu leiden habe. Wie lange er in dieser Lage gelebt, wisse er nicht, weil er keine Zeit gekannt. Er könne nicht angeben, wann und wie er hineingekommen; habe auch keine Erinnerung, daß er jemals in seinem Leben sich in einem andern Zustand und anderswo als in jenem Ort befunden habe. Der Mann, bei dem er immer gewesen, habe ihm nichts zu leid gethan. Eines Tages aber -- was nicht lange vor seinem Wegbringen geschehen sein könne -- als er mit seinen Rossen zu stark gefahren und zu viel Lärm gemacht habe, sei der Mann gekommen und habe ihn mit einem Stock (oder Scheit Holz) auf den Arm geschlagen; dies sei die Wunde, die er nach Nürnberg mitgebracht.«