Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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Kaspar Hauser.
~Beispiel~
eines
Verbrechens
~am~
Seelenleben des Menschen
~von
Anselm Ritter von Feuerbach~.
~Ansbach, bei J. M. Dollfuß.~
~1832.~
Himmel, laß mich Kund' erlangen, Da Du so verfährst mit mir, Welch' Verbrechen ich an Dir Schon mit der Geburt begangen!
Sigismund (in ~Calderon's Leben ein Traum~).
Seiner Herrlichkeit,
Herrn Grafen Stanhope,
Pair von Groß-Brittanien u. s. w.
Niemand hat nähere Ansprüche auf diese Schrift, als ~Eure Herrlichkeit~, in dessen Person die Vorsehung dem Jüngling ohne Kindheit und Jugend, einen väterlichen Freund, einen vielvermögenden Beschützer gesendet hat. Jenseits des Meeres, im schönen Alt-England, haben ~Sie~ ihm eine sichere Freistätte bereitet, bis die aufgehende Sonne der Wahrheit die Nacht verdrängt, welche über dem geheimnißvollen Schicksal dieses Menschen liegt. Vielleicht, daß den Rest seines zur Hälfte gemordeten Lebens noch Tage erwarten, um derentwillen er es nicht mehr beklagen wird, das Licht dieser Welt gesehen zu haben. Für solche That kann nur der Genius der Menschheit ~Ihnen~ vergelten.
In der großen Wüste unsrer Zeit, wo unter den Gluthen eigensüchtiger Leidenschaft die Herzen immer mehr verschrumpfen und verdorren, endlich wieder einem wahren Menschen begegnet zu sein, ist eines der schönsten und unvergeßlichsten Ereignisse meines abendlichen Lebens.
Mit inniger Verehrung und Liebe
~Eurer Herrlichkeit~
gehorsamster Diener
von Feuerbach.
I.
Der zweite Pfingsttag gehört zu Nürnberg zu den vorzüglichsten Belustigungstagen, an welchen der größte Theil der Einwohner sich auf das Land und in die benachbarten Ortschaften zerstreut. Die, im Verhältniß zu ihrer dermaligen spärlichen Bevölkerung, ohnehin sehr weitläufige Stadt, wird dann, zumal bei schönem Frühlingswetter, so still und menschenleer, daß sie beinahe weit eher jener verzauberten Stadt in der Sahara, als einer rührigen Gewerbs- und Handelsstadt zu vergleichen wäre. Besonders in einigen von ihrem Mittelpunkte entfernteren Theilen kann dann leicht manches Geheime öffentlich geschehen, ohne darum aufzuhören geheim zu sein.
So ereignete sich denn am zweiten Pfingsttage (26. Mai) 1828 Abends zwischen 4 und 5 Uhr Folgendes:
Ein Bürger, wohnhaft auf dem sogenannten Unschlittplatze (in der Nähe des wenig besuchten Hallerthörchens) weilte noch vor seinem Hause, um von da vor das sogenannte neue Thor zu gehen, als er, sich umsehend, nicht weit von sich einen als Bauernbursche gekleideten jungen Menschen gewahr wurde, welcher in höchst auffallender Haltung des Körpers da stand, und, einem Betrunkenen ähnlich, sich vorwärts zu bewegen mühte, ohne gehörig aufrecht stehen und seine Füße regieren zu können. Der erwähnte Bürger nahte sich dem Fremdling, der einen Brief ihm entgegen hielt, mit der Aufschrift:
»~An Titl. Hrn. Wohlgebohrner Rittmeister bei~ 4ten ~Esgataron bei~ 6ten ~Schwolische Regiment~
~Nürnberg~.«
Da der bezeichnete Rittmeister in der Nähe des neuen Thors wohnte, so nahm jener Bürger den fremden Burschen dahin mit sich an die Wache, von wo er zu der ganz nahe liegenden Wohnung des damals die 4te Escadron des bezeichneten Regiments befehligenden Rittmeisters von W. gelangte[1].
Dem die Hausthür öffnenden Bedienten des von W. trat er, den Hut auf dem Kopf, seinen Brief in der Hand haltend, mit den Worten entgegen: »ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is.« Der Bediente fragte ihn: was er wolle? wer er sei? woher er komme? Aber der Fremde schien von allen Fragen keine zu verstehen, und es erfolgten immer nur die Worte: »ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is,« oder »woas nit!« Er war, wie der Bediente des Rittmeisters in seinem Verhör als Zeuge aussagt, so ermattet, daß er nicht sowohl ging als »herumschweifte.« Weinend, mit dem Ausdruck heftigen Schmerzes, deutete er auf seine unter ihm brechende Füße, und schien an Hunger und Durst zu leiden. Man reichte ihm ein Stückchen Fleisch; doch kaum hatte der erste Bissen seinen Mund berührt, als er ihn, sich schüttelnd, unter heftigen Zuckungen seiner Gesichtsmuskeln, mit sichtbarem Entsetzen wieder von sich spie. Dieselben Zeichen des Abscheus, als man ihm ein Glas Bier gebracht und er davon einige Tropfen gekostet hatte. Ein Stück schwarzen Brodes und ein Glas frischen Wassers verschlang er mit heißer Begier und äußerstem Wohlbehagen. Was man unterdessen mit ihm noch versuchte, um über seine Person und sein Hieherkommen etwas zu erfahren, war vergebliche Mühe. Er schien zu hören, ohne zu verstehen, zu sehen, ohne etwas zu bemerken, sich mit den Füßen zu bewegen, ohne sie zum Gehen gebrauchen zu können. Seine Sprache waren meistens Thränen, Schmerzenslaute, unverständliche Töne oder die häufig wiederkehrenden Worte: »Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is.« Im Hause des Rittmeisters hielt man ihn bald nur für einen wilden Menschen, und führte ihn, bis zur Heimkunft des Hausherrn, in den Pferdestall, wo er sogleich auf dem Stroh sich ausstreckte und in tiefen Schlaf versank. --
Er hatte schon mehre Stunden fortgeschlafen, als der Rittmeister nach Hause kam und sogleich in seinen Pferdestall ging, um den wilden Menschen zu sehen, von dem seine Kinder ihm, beim Willkommen, so viel Seltsames erzählt hatten. Noch lag dieser im tiefsten Schlaf. Man suchte ihn zu erwecken, man rüttelte, schüttelte, stieß ihn; aber vergebens. Man riß ihn vom Boden auf und suchte ihn auf die Füße zu stellen; aber er schlief fort, ähnlich einem Scheintodten, der nur noch durch seine Lebenswärme von dem wirklich Todten sich unterscheidet. Endlich, nach vielen, dem Schlafenden fühlbaren Mühen, schlug er die Augen auf, ermunterte sich, sah den Rittmeister in seiner bunten glänzenden Uniform, die er, wie es schien, mit kindischem Wohlgefallen betrachtete, und stöhnte dann sein: Reutä &c. &c.
Herr von W. kannte den fremden Burschen eben so wenig, als er dem ihm mitgebrachten Brief irgend eine auf ihn bezügliche Deutung zu geben wußte. Da nun auch mit Fragen nichts aus ihm herauszubringen war, als: »Reutä wähn« &c. &c. oder »woas nit:« so blieb nichts anders übrig, als die Lösung des Räthsels, so wie die Sorge für die Person des fremden Unbekannten der städtischen Polizei zu überlassen. Somit wurde derselbe dahin abgeführt. »Was ich,« sagte Herr von W. in seiner spätern gerichtlichen Vernehmung, »bezüglich der geistigen Bildung dieses Menschen wahrzunehmen im Stande war, so verrieth er den Zustand gänzlicher Verwahrlosung oder einer Kindheit, die mit seiner Größe contrastirte.«
Gegen 8 Uhr Abends war der Weg zur Polizei -- für seinen Zustand, ein Marterweg -- zurückgelegt. In der Wachtstube befanden sich, ausser einigen Unterbeamten, mehre Polizeisoldaten. Allen hier Anwesenden fiel der fremde Bursche ebenfalls als eine seltsame Erscheinung auf, bei der man nicht sogleich mit sich einig werden konnte, unter welche der gangbaren Polizei-Rubriken sie zu stellen sein möchte. Die an ihn gerichteten polizeilichen Amtsfragen: wie heißt er? weß Standes und Gewerbs? woher kommt er? warum ist er hier? wo ist sein Reisepaß? und dergl. wollten durchaus nicht an ihm verfangen. »Ä Reutä wähn, wie mei Votä wähn is,« oder: »woas nit« oder, was er ebenfalls in weinerlichem Ton öfters wiederholte: »hoam weissa!« waren die einzigen Worte, die er bei den verschiedensten Veranlassungen vorbrachte[2]. Wo er sei, schien er nicht zu wissen oder zu ahnen. Er verrieth weder Furcht, noch Befremden, noch Verlegenheit, vielmehr eine fast thierische Stumpfheit, welche die Aussendinge entweder gar nicht bemerkt, oder gedankenlos anstarrt und an sich vorübergehen läßt, ohne von ihnen berührt zu werden. Seine Thränen, sein Wimmern, wobei er immer auf seine wankenden Füße deutete, sein unbeholfenes und dabei kindlich kindisches Wesen gewannen ihm bald das Mitgefühl der Anwesenden. Ein Soldat brachte ihm ein Stück Fleisch und ein Glas Bier; aber, wie im W**schen Hause, wieß er beides mit Grauen von sich, und aß nur Brod zu frischem Wasser. Ein anderer gab ihm eine Münze; er zeigte darüber die Freude eines kleinen Kindes, spielte damit und schien, indem er mehrmals: Roß! Roß! sagte und mit der Hand gewisse Bewegungen machte, das Verlangen auszudrücken, diese Münze einem »Roße« anzuhängen. Sein ganzes Wesen und Benehmen zeigte an ihm ein kaum zwei- bis dreijähriges Kind in einem Jünglingskörper. Die meisten dieser Polizei-Männer waren nur darüber getheilt, ob man ihn für einen Blöd- oder Wahnsinnigen oder für einen Halbwilden halten solle. Der eine und andere meinte jedoch: es wäre wohl möglich, daß in diesem Buben ein feiner Betrüger stecke, eine Meinung, welche durch folgenden Umstand einen nicht geringen Schein für sich gewann. Man kam auf den Einfall, zu versuchen, ob er vielleicht schreiben könne, gab ihm eine Feder mit Tinte, legte einen Bogen Papier vor ihm hin und forderte ihn auf, zu schreiben. Er schien darüber Freude zu bezeigen, nahm die Feder nichts weniger als ungeschickt zwischen seine Finger und schrieb, zu aller Anwesenden Erstaunen, in festen, leserlichen Zügen, den Namen:
Kaspar Hauser.
Er wurde jetzt weiter aufgefordert, auch den Namen des Ortes beizusetzen, von welchem er herkomme. Aber er that hierauf nichts weiter, als daß er wieder sein: »Reutä wähn« &c. &c., sein: »hoam weissä,« sein: »woas nit« hervorstöhnte.
Da vor der Hand nichts weiter mit ihm anzufangen war, überließ man das Uebrige der Zeit und übergab ihn einem Polizeidiener, der ihn auf den, für Polizeisträflinge, Vagabunden &c. &c. bestimmten Thurm des Vestner Thors brachte. Auf diesem verhältnißmäßig kurzen Weg, sank er fast bei jedem Schritt -- wenn sein Tappen ein Schreiten genannt werden konnte -- ächzend zusammen. In dem Arreststübchen angekommen -- wo er einen andern Polizeigefangenen zum Gesellschafter hatte -- verfiel er auf seinem Strohsack sogleich in den tiefsten Schlaf.
II.
Kaspar Hauser -- diesen Namen hat er bis jetzt beibehalten -- trug als er nach Nürnberg kam, auf dem Kopf einen runden, mit gelber ~Seide~ gefütterten, mit rothem Leder besetzten, etwas groben Filzhut, von ~städtischer~ Form, in welchem das halbausgekrazte Bild der Stadt ~München~ zu sehen ist. Die Zehen seiner nackten Füße sahen aus ganz zerrissenen, ihm nicht anpassenden, mit Hufeisen und Nägeln beschlagenen Halbstiefeln mit ~hohen Absätzen~ hervor. Um seinen Hals war eine schwarz seidene Halsbinde geschlungen. Ueber einem groben Hemde[3] und einer schon ausgewaschenen, rothgetupften, zeuchenen Weste trug er eine grautuchene ~Jacke~, welche die Bauersleute Janker oder Schalk zu nennen pflegen, welche aber, wie sich erst später bei genauerer Betrachtung und nach Untersuchung von Sachverständigen ergab, der Schneider ursprünglich zu keiner Bauernjacke zugeschnitten hatte; sie war ehemals, wie schon der liegende Kragen zeigt, ein ~Frack~, dem man die Hintertheile abgeschnitten und dessen obere Hälfte eine der Schneiderei unkundige Hand mit groben Stichen wieder zusammen geheftet hatte. Auch die etwas feineren, gleichfalls grautuchenen ~Pantalons~, wie ~Reithosen~ zwischen den Beinen mit demselben Tuche besetzt, gehörten wohl ursprünglich eher einem Bedienten, Reitknecht oder Förster und dergl., als einem Bauern. Kaspar trug ein weißes rothgegittertes Schnupftüchlein bei sich, mit den Buchstaben =K. H.= roth gezeichnet. Außer einigen blau und weiß geblumten Lappen, einem deutschen Schlüssel und einem Papier mit etwas ~Goldsand~ -- den wohl Niemand in Bauernhütten sucht -- fand sich in seiner Tasche ein kleiner hörnener Rosenkranz und ein ziemlicher Vorrath geistlichen Segens; nämlich, außer geschriebenen katholischen Gebeten, mehre geistliche Druckschriften, wie sie häufig im südlichen Deutschland, zumal an Wallfahrtsorten, der gläubigen Menge für gutes Geld geboten werden, -- einige ohne Druckort, andere mit den Druckorten: ~Altöttingen~, ~Burghausen~, ~Salzburg~, ~Prag~. Ihre auferbaulichen Titel heißen z. B. »~Geistliche Schildwacht~,« -- »~Geistliches Vergißmeinnicht~,« -- »~Ein sehr kräftiges Gebet, wodurch man sich aller heiligen Messen &c. theilhaftig machen kann~,« -- »~Gebet zum heiligen Schutzengel~,« -- »~Gebet zum heiligen Blut~« u. s. w. Eines dieser köstlichen Geisteswerklein, betitelt: ~Kunst, die verlorne Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen~ (ohne Jahrzahl) scheint auf das bisherige Leben dieses Jünglings, wie er es späterhin erzählte, höhnend anzuspielen. Daß nicht blos weltliche Hände bei dieser Begebenheit mit im Spiele seien, ließ sich, nach den mitgebrachten geistlichen Gaben, nicht wohl bezweifeln.
Der an den ungenannten Rittmeister der 4ten Escadron des 6ten Chevauxlegers-Regiments adressirte Brief, mit welchem in der Hand Kaspar zu Nürnberg auftrat, war nach Form und Inhalt folgender:
»Von der Bayerschen Gränz daß Orte ist unbenannt 1828.
Hochwohlgebohner Hr. Rittmeister!
Ich schücke ihner ein Knaben der möchte seinen König getreu dienen verlangte Er, dieser Knabe ist mir gelegt worden, 1812 den 7. Ocktober, und ich selber ein armer Taglöhner, ich habe auch selber 10 Kinder, ich habe selber genug zu thun daß ich mich fortbringe, und seine Mutter hat nur um die erziehung daß Kind gelegt, aber ich habe sein Mutter nicht erfragen können, jezt habe ich auch nichts gesagt, daß mir der Knabe gelegt ist worden, auf den Landgericht. Ich habe mir gedenkt ich müßte ihm für mein Sohn haben, ich habe ihm Christlichen Erzogen, und habe ihn Zeit 1812 Keinen Schrit weit aus den Haus gelassen daß Kein Mensch nicht weiß davon wo Er auf erzogen ist worden, und Er selber weiß nichts wie mein Hauß Heißt und daß ort weiß er auch nicht, sie derfen ihm schon fragen er kann es aber nicht sagen, daß lessen und schreiben habe ich ihm schon gelehrt er kann auch mein Schrift schreiben wie ich schreibe, und wan wir ihm fragen was er werde, so sagte er will auch ein Schwolische werden waß sein Vater gewesen ist, Will er auch werden, wen er Eltern häte wir er keine hate wer er ein gelehrter bursche worden. Sie derfen im nur was zeigen so kan er es schon,
»Ich habe im nur bis Neumark geweißt da hat er selber zu ihnen hingehen müssen ich habe zu ihm gesagt wenn er einmal ein Soldat ist, kome ich gleich und suche ihm heim sonst häte ich mich von mein Hals gebracht,
»Bester Hr. Rittmeister sie derfen ihm gar nicht tragtiren er weiß mein Orte nicht wo ich bin, ich habe im mitten bei der nacht fort gefürth er weiß nicht mehr zu Hauß,
»Ich empfehle mich gehorsamt Ich mache mein Namen nicht Kentbar den ich Konte gestraft werden,
»Und er hat Kein Kreuzer Geld nicht bey ihm weil ich selber nichts habe wen Sie im nicht Kalten (behalten) so müssen Sie im abschlagen oder in Raufang auf henggen.«
Es lag diesem Briefe zugleich folgender mit lateinischen Buchstaben, jedoch wahrscheinlich von derselben Hand, geschriebener Zettel bei:
==»Das Kind ist schon getauft Sie heist Kasper in== (d. h. einen) ==Schreibname misen Sie im Selber geben das Kind moechten Sie auf ziehen Sein Vater ist ein Schwolische gewesen wen er 17 Jahr alt ist so schicken==
=Sie im nach Nirnberg zu 6^{ten} Schwolische Regiment da ist auch sein Vater gewesen jch bitte um die erziehung bis 17. Jahre gebohren ist er im 30. Aperil 1812 im Jaher ich bin ein armes Mägdlein ich kan das Kind nicht ernehren sein Vater ist gestorben.«=
~Kaspar Hauser~[4] war bei seinem Erscheinen zu Nürnberg 4 Schuhe, 9 Zolle groß, und mochte damals vielleicht in seinem 16-17. Jahre stehen. Ein ganz dünner Flaum überzog Kinn und Lippen, die sogenannten Weisheitszähne fehlten noch und sind erst im Jahr 1831 hervorgebrochen. Seine hellbraunen, sehr feinen Haare, bäuerlich zugeschnitten, kräuselten sich in kleine Locken. Sein Körperbau, untersetzt und breitschulterig, zeigte ein vollkommenes Ebenmaß, ohne irgend ein sichtbares Gebrechen. Seine Haut war sehr weiß und fein; seine Gesichtsfarbe nicht eben blühend, doch auch nicht krankhaft; seine Glieder zart gebaut; die kleinen Hände schön geformt; eben so die Füße, welche keine Spur zeigten, daß früher ein Schuh sie beengt oder gedrückt habe. Die Fußsohlen waren ohne Hornhaut, so weich wie das Innere einer Hand, und über und über mit frischen Blutblasen bedeckt, deren Spuren noch mehre Monate später zu sehen waren. An beiden Armen zeigten sich die Narben der Impfung; an seinem rechten Arm fiel eine noch mit frischem Schorf bedeckte Wunde auf, die, wie Kaspar späterhin erzählte, von einem Schlag mit einem Stock (oder Stück Holz) herrührte, welchen der Mann, »bei dem er immer gewesen,« ihm gegeben, als er einmal zu viel Lärm gemacht habe. Sein Gesicht war damals sehr gemein und, wenn es in Ruhe war, fast ohne Ausdruck; die untern Theile desselben traten etwas vor, was ihm ein thierisches Ansehen gab. Auch der stiere Blick seiner bläulichen, übrigens klaren, hellen Augen hatte den Ausdruck thierischer Stumpfheit.[5] Seine Gesichtsbildung änderte sich nach einigen Monaten gänzlich; der Blick gewann Ausdruck und Leben, die hervorragenden untern Theile des Gesichts traten mehr zurück, und die frühere Physiognomie war kaum wieder zu erkennen. Sein Weinen bestand in der ersten Zeit in einem häßlichen Verzerren des Mundes; bewegte aber irgend etwas Angenehmes sein Gemüth, so verbreitete sich über seine Miene eine lieblich lächelnde, alle Herzen gewinnende Freundlichkeit, der unwiderstehliche Reiz der Freude eines unschuldigen Kindes. Seine Hände und Finger wußte er so gut wie gar nicht zu gebrauchen. Die Finger spreizte er steif und gerade hin weit auseinander, mit Ausnahme des Zeigefingers und Daumens, deren Spitzen er gewöhnlich auf die Weise zusammenhielt, daß sie einen Zirkel bildeten. Wo andere Menschen nur einige Finger brauchen, bediente er sich der ganzen Hand, die auf die ungeschickteste, verkehrteste Weise ihr Geschäft verrichtete. Sein Gang, ähnlich dem eines Kindes, das am Laufband seine ersten Versuche macht, war nicht sowohl ein Gehen, als ein watschelndes, schwankendes Tappen, eine peinliche Mittelbewegung zwischen Fallen und Aufrechtstehen. Statt beim Gehen mit der Ferse zuerst aufzutreten, setzte er mit gehobenen Beinen Ferse und Vorderfuß zugleich auf den Boden und stolperte, die Füße einwärts gekehrt, mit überhängendem Oberleib und weit von sich hinweggestreckten Armen, die er als Balanzirstange zu gebrauchen schien, langsam schwerfällig vor sich hin. Oefters fiel er in seinem Zimmerchen, bei geringem Hinderniß oder Anstoß, der Länge nach zu Boden. Beim Auf- und Absteigen von Treppen mußte er, noch lange nach seiner Ankunft, immer geführt werden. Und noch jetzt ist es ihm, ohne zu fallen, nicht möglich auf dem einen Fuß zu stehen, den andern zu heben, zu biegen oder auszustrecken.
Bei einer erst noch im Jahre 1830 vorgenommenen gerichtsärztlichen Besichtigung der Leibesbeschaffenheit Kaspar Hausers ergaben sich, unter andern, folgende höchst merkwürdige Eigenthümlichkeiten, die auf sein Leben und sein Schicksal ein helles Licht zurückwerfen. »Das ~Knie~,« sagt das Gutachten des =Dr.= Osterhausen, »hat eine besondere regelwidrige Bildung. Bei Streckung des Unterschenkels tritt in der Regel die Kniescheibe hervor; bei Hauser aber liegt sie in einer beträchtlichen Vertiefung. Regelmäßig heften sich die vier Streckmuskeln des Unterschenkels, als der äußere und innere große, der gerade und tiefe Unterschenkelstrecker =(musculus vastus externus et internus, m. femoris et cruralis)= mit einer gemeinschaftlichen Sehne, nachdem sie sich mit der Kniescheibe verwebt hat, an den Höcker des Schienbeins an; hier aber ist die Sehne getrennt, und die Sehne des äußern und innern großen Schenkelstreckers =(m. vastus externus et internus)= gehen an der äußern und innern Seite des Schienbeinknorrens herab, heften sich unter diesem an das Schienbein an, und zwischen ihnen liegt die Kniescheibe. Hiedurch, und da diese Sehnen ungewöhnlich stark ausgewirkt sind, entsteht jene Vertiefung.« »Wenn er mit ausgestrecktem Ober- und Unterschenkel, in horizontaler Lage auf dem Boden sitzt; so bildet der Rücken mit der Beugung des Oberschenkels einen rechten Winkel, und das Kniegelenk liegt in gerader Streckung so fest auf dem Boden, daß am Kniebug nicht die geringste Höhlung zu bemerken und kaum ein Kartenblatt unter die Kniekehle zu schieben ist.«
III.
Das Befremdende an K. H. bei seinem ersten Erscheinen zu Nürnberg gestaltete sich in den nächsten Tagen und Wochen zu einem dunkeln, grauenhaften Räthsel, zu dessen Lösung man in mancherlei Vermuthungen vergebens den Schlüssel suchte. Nichts weniger als blöd- oder wahnsinnig, dabei so sanft, folgsam und gutartig, daß Niemand versucht werden konnte, diesen Fremdling für einen Wilden oder unter den Thieren des Waldes aufgewachsenen Knaben zu halten, zeigte sich an ihm -- jene stets wiederkehrende Redensarten ausgenommen -- ein so vollständiger, nur dem Zustand eines Pescherä vergleichbarer, Mangel an Worten und Begriffen, eine so gänzliche Unbekanntschaft mit den gemeinsten Gegenständen und den alltäglichsten Erscheinungen der Natur, solch eine Gleichgültigkeit, solch ein Abscheu gegen alle Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens, dabei so ausserordentliche Eigenthümlichkeiten in seinem ganzen geistigen, sittlichen und physischen Wesen, daß man sich in die Wahl versetzt glauben konnte, ob man ihn für einen durch irgend ein Wunder auf die Erde herabversetzten Bürger eines andern Planeten, oder für jenen Menschen des Plato nehmen solle, der, unter der Erde gebohren und aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt zum Licht der Sonne heraufgestiegen.
Kaspar zeigte beständig gegen alle Speisen und Getränke, ausser trocknem Brod und Wasser, den heftigsten Widerwillen. Nicht nur der Genuß, sondern auch der bloße Geruch unsrer gewöhnlichen Speisen erregte ihm Schauder oder noch mehr; ein Tröpfchen Wein, Kaffe und dergl., heimlich unter sein Wasser gemischt, verursachte ihm Angstschweiß, Erbrechen und heftiges Kopfweh[6]. -- Es versuchte Jemand irgendwo, ihm etwas Brandwein, unter dem Vorwand es sei Wasser, aufzudringen. Als man ihm das Glas an den Mund brachte, sank er erbleichend um, und wäre rückwärts in eine Glasthüre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen hätte. -- Als er einmal von dem Gefangenwärter war genöthigt worden, etwas Kaffe in den Mund zu nehmen, wovon er kaum einen Tropfen verschluckt haben mochte, bekam er mehrmaligen Durchfall. -- Von einigen Tropfen stark mit Wasser vermischten Waizenbiers bekam er heftige Schmerzen im Magen und Hitze im ganzen Körper, wobei er über und über von Schweiß triefte, dann Frostschauder, mit Kopfweh und starkem Aufstoßen. -- Sogar Milch, gesottene wie ungesottene, mundete ihm nicht und erregte ihm widerliches Aufstoßen. -- Man hatte ihm einst in sein Brod etwas Fleisch versteckt; er roch dieses sogleich und bezeigte dagegen seinen lebhaften Abscheu; gleichwohl nöthigte man ihn es zu essen, worauf er äusserst leidend wurde.
Bei Nacht, die für ihn regelmäßig mit Untergang der Sonne anfing und mit ihrem Aufgang endigte, lag er auf seinem Strohsacke; bei Tag saß er, die Füße gerade vor sich ausgestreckt, auf dem Boden.