Kapellendorf

Part 9

Chapter 93,935 wordsPublic domain

Vielleicht hätte unter andern Verhältnissen Leonore dem Richard Freyer am andern Tage gesagt, es wäre doch alles ein Traum gewesen und sie wollte immer sein guter Kamerad bleiben -- aber er möge sie doch nicht heiraten wollen. Vielleicht hätte Leonore unter andern Verhältnissen das gesagt. Aber er war ihr in der langen, bangen Nacht in dem vereinsamten Hause Freund und Hüter gewesen. Den großen Schmerz hatte er mit ihr getragen.

Während der Zeit der Einsamkeit und der Trauer verließ er sie nicht.

Wen hatte sie denn noch, seit die Großmutter tot war? Alle andern lebten ihr eigenes Leben, sie fühlte das plötzlich stark. Und so sagte sie nur ein stilles Ja, als nicht viele Wochen, nachdem die Großmutter begraben war, an einem Nachmittag Richard Freyer sie fragte, ob sie mit ihm auf das Standesamt gehen wollte. Es sei der Menschen wegen besser, nicht länger damit zu warten.

Der Oberförster und sein Sohn Paul, der noch vom Begräbnis her da war, gingen mit ihnen. Der Handlung war alles Feierliche, alles Ungewöhnliche genommen. Die Einsetzung eines Vormundes fiel dadurch fort. Der Bürgermeister sagte ein paar gutgemeinte Worte, daß die Großmutter noch die Freude erlebt habe, und wie es begreiflich sei, daß man kein Fest feiere, sondern nur in aller Stille den einander vor der nun Toten gegebenen Verspruch vollziehe.

Leonore kamen die Tränen, wie immer, wenn man von der Großmutter sprach -- sie sah den kahlen Amtsraum -- die vier Männer -- sie schrieb ganz mechanisch Leonore Freyer, geborene Wolfferstorff, unter die Urkunde und ging an Richards Arm nach Hause.

Dort war die Cousine Klothilde und weinte, und die Tante Charlottchen weinte, und alles kam Leonore so unwirklich vor wie der Tod. Richard wollte nun bald abreisen -- um in Kapellendorf alles Nötige zu besorgen.

Es war nicht ihre Tischstunde, als man vom Standesamt nach Hause kam -- so zwischen fünf und sechs Uhr am Nachmittag. Freyer bat Leonore, mit ihm spazieren zu gehen. Das schien allen eine Erleichterung.

Sie ging mit ihm -- sehr still gingen sie dem kommenden Abend entgegen, über die Höhe dem Walde zu. Ihr war es beklommen, sonderbar zumute. Vor der Trauung waren sie alle auf dem Kirchhof gewesen. Freyer hatte geweint. War er denn so arg unglücklich? Sie wußte nicht, daß er sich seiner Eile fast schämte. Daß er das Gefühl nicht los bekam, Leonores Stimmung mißbraucht zu haben.

Sie kamen in den Wald. Da war es schon ein wenig dämmerig, und rasch stieg Leonore hügelan, um auf die freie Höhe zu kommen. Da oben stand noch rostrotes Gras vom gewesenen Jahr, rostrotes Laub hing noch im Eichenknick. Und zwischen dem Gras waren grüne Flecken -- da blühten die ersten Maiblumen.

Sie lief darauf zu; sie bog die grünen Blätter auseinander und suchte nach Blütenstengeln. „Richard, sieh doch auch -- wer am meisten findet!“

Und sie wurde sehr eifrig und lief beim sinkenden Licht des Tages durch das rostrote Gras und an den versunkenen Mauerwällen einer alten Burg hin über Steine und durch Dornen nach den grünen Flecken, wo Maiblumen standen. Und das alte Pangefühl des Kindes, die Freude an wilden Blumen, die man gleich Schätzen aus verschwiegenen Wäldern holt, kam über sie. Aus dem kleinen Erinnerungswollen kam eine neue, starke Freude.

O, was hatte sie soviel geweint all die Zeit? Warum sollte sie nicht denken, die Großmutter war in einem Land, dem jeder Tag des Frühlings Süße brachte. So fest hatte doch die Großmutter daran geglaubt. Was wir glauben, ist unser. Warum wollte denn sie, Leonore, nicht glauben, dieser Frühling war ein Erstling und brachte ihr die Verheißungen des Lebens?

Es wurde dunkler. Richard mühte sich fern von ihr noch um Blumen. Sie aber stand -- stand auf dem alten Berg und hob die Arme in die Frühlingsabenddämmerung. -- O, warum hatte sie soviel geweint?

Sie rief ihn. „Lieber!“ rief sie ihn. Und er kam -- scheu, wie er jetzt immer war, kam er -- da lächelte sie -- lächelte sie -- und sie steckte ihm ihre Blumen in seine Brusttasche und sagte: „Lieber -- es ist ja Frühling -- es ist Frühling. Komm, wir wollen den Frühling umarmen!“

Sie stand da, und ihr ausdrucksvoller großer, geschweifter Mund drückte die Sehnsucht aus. Und ihre dichten goldbraunen Knabenlocken schienen sich stolz zu heben wie sich kräuselnde Lippen und in den Linien ihres jungen Leibes lag Gesundheit, frohes Wollen, stürmisches Vorwärtsschreiten.

Der Mann war betört. Er nahm sie fest in den Arm und ging mit ihr weiter durch den schweigenden Wald, durch die sinkende Nacht.

Sie kamen heim über den Ruinenberg, auf dem an allen Hecken der Flieder blühte, sie gingen unter dem Frühlingshimmel, an dem schon die Gestirne standen, die wohlvertrauten, und sie sprachen miteinander vom Frühling -- vom Frühling.

In dem grünen Saal war festlich gedeckt, mit trüben Gesichtern warteten die Verwandten.

Da kam Leonore -- kam Leonore mit einem sanften, ansteckenden Lächeln -- und sie legte ihre, Richards Blumen auf den Stuhl der Großmutter in der Ecke unter den Blattpflanzen, und dann sagte sie, wie jemand, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, der sich ihrethalben verpflichtet fühlt, frei, ohne Zwang: „Es ist doch Frühling -- und es ist unser Hochzeitstag. Wir wollen heute froh sein, alle wollen wir froh sein.“

V.

Sommerstunden.

„An einem Sommermorgen ward ich jung.“

Novalis.

Sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte. Denn er war gänzlich hülflos. Wohl -- er hatte ihr oft gesagt, daß er sie liebe. Er hatte ihr Kapellendorf geschenkt. Und nun stand er da und wußte sich nicht zu helfen. Wie ein Kind stand er da; man hat ihm alles gebracht, das Haus zu erbauen: behauene Steine, Balken, Türen, Fenster, Sand, Kalk und alles Geräte. Aber das Kind kann das Haus nicht aufrichten. Wie ein Kind, das spielen will und es doch nur mit einem leitenden Gefährten vermag, kam er ihr vor.

Sie dachte: der Kaspar Mühlfund hat keine Jugend gehabt. Unter den Bauern wurde er herumgestoßen, bis ihn die Großeltern aufnahmen. Und dann war er ehrgeizig und lernte in Eile die Schule durch. Dann betrog man ihn, stieß ihn wieder in den Kampf. Später ist er ein angesehener Mann geworden -- und jetzt möchte er gut zu mir sein, möchte jung sein, und er weiß doch nicht, wie er es anfangen soll.

Ein mütterliches Gefühl kam über Leonore. Sie wollte ihm die Jugend, die er nie gehabt hatte, neu schenken. Man mußte nicht an das Glück denken, das stolz und glühend war, wie ein Jahrtausend voll großer Taten. Nicht jetzt.

Das Leben -- Kapellendorf -- Leonore hatten dem Kaspar Mühlfund eine alte Schuld zurückzugeben: die leichte, frohe, spielende Jugend.

O, nun wußte sie es. Nun brauchte sie nicht mehr zu bangen, nicht mehr zu denken, ob denn das auch eine richtige Ehe war, wie sie ehrliche Menschen hatten. Nun wußte sie es: darum hatte sie nicht nein sagen können in dem alten Gartenhaus, als ihr Herz nach einer Antwort irrte. Und darum hatte sie seinen Trost genommen in der bangen Nacht des einsamen Hauses, in dem ein Toter lag. Darum war sie mit ihm gegangen und nannte sich Leonore Freyer; sie wollte ihm, der ihr ein lieber Kamerad war, der so hülflos vor ihr stand, die nie gelebte frohe, erste Jugend schaffen. Wie konnte er etwas vom Glück wissen, das wir leuchten sehen durch die ferne Dämmerung verheißungsvoller Frühlingsnächte -- wie konnte er es wissen, er, dem man seine Jugend gemordet hatte? O, nun war alles gut. Nun wußte sie alles. Nun lag kein Kummer und kein Bangen mehr in ihrem Herzen.

* * * * *

So früh war es noch, daß das Land still lag, als erwartete es den Tag der Pfingsten. Die Luft war voll von blauem Nebel, der wogte wie Schleier um die Sonne und putzte sie so blank und hell, daß es schien, als sei sie etwas ganz Neues, Junges, das dem ersten Morgen entsteigt.

Der Mann und das Kind traten aus dem Tor. „Nun wandern wir ins Abenteuerland,“ sagte sie und lief voll Freude in den goldenen Dunst des Morgens hinein. „Siehst du mich noch, Richard?“

Er eilte hinter ihr her. O ja, er sah sie schon, er konnte lange Schritte machen und blieb nicht weit zurück. -- „Wohin gehen wir?“ fragte er, als er sie wieder erreicht hatte.

„Wohin wir gehen? O, das wollen wir nicht wissen, das werden wir schon finden.“

Das Dorf lag bald hinter ihnen. Der Hohlweg führte hinauf zur freien Höhe.

„Siehst du, Richard, da schlafen alle Blumen noch. Die blauen Glocken haben sich geschlossen, und die Erdbeerblüten ruhen noch ein wenig von ihren Pflichten aus. Sie müssen sich ja so schrecklich eilen: kaum haben sie ihr goldenes Pelzherzchen, da soll es schon grün sein: kaum ist es grün, so sieht es der Wanderer an, ob es das Erröten noch nicht lernt. Und erst muß es doch weiß werden --“

Sie hatte sich herunter gebeugt zu den Erdbeerblüten am Wegrand. „Adieu, kleine Blumen, und eilt euch nicht so sehr. Seid klug wie sparsame Menschen, die sich zwölfmal besinnen, ehe sie sich verschenken.“

„Es muß an sonnigen Stellen doch jetzt schon Erdbeeren geben,“ meinte der Mann.

„Wir wollen ihnen nichts tun. Wir wollen sie alle das Fest des Sommers feiern lassen. Komm doch, komm -- hier sind wir oben, und alles ist voll Sonne. Nun müssen wir tapfer laufen -- dem Wind nach. Fühlst du, wohin er streicht?“

Sie nahm den kleinen Hut ab und wartete, der Wind möchte über ihre Knabenhaare weggehen und sie ein wenig zausen.

Aber es war ganz still, ganz morgendlich klar lag die Luft, und die alte Mühle oben stand ernsthaft und stumm und sah gleich einem grollend zur Untätigkeit verdammten rüstigen Alten, dem man sein Amt genommen hat, ins Weite. „Komm, Richard, wir wollen der Mühle einen guten Morgen sagen. Ach, du mußt nicht auch ein Gesicht machen, so ernst wie die Mühle. Heut ist doch Feiertag.“

Sie standen dort, wo man einst den Kaspar Mühlfund aufgelesen hatte. Leonore setzte sich ins Gras -- sie sagte halb singend, halb horchend vor sich hin:

All’, was vergangen, Will Wiedererlangen, All’, was gewesen, Sei neu erlesen, All’, was betrübte, Sei nun das Geliebte, All’, was gut und gestorben, Neu sei es erworben, Und allen lieben Toten in der Erde In uns heut Auferstehung werde --

„Was ist das für ein Lied?“ fragte er.

„Es ist kein Lied, man sagt doch manchmal, was einem gerade einfällt, vor sich hin. Das hat man doch oft, man hört irgendwo etwas, in der Luft, im Wald, man sagt es dann. Denk doch nur, was der Wind alles hört, was er alles mitnimmt von Lippen, die flüstern, oder lachen, oder weinen. Und wenn er dann an unsern Ohren vorbeikommt, fangen sie irgendeinen Ton auf, wie eine Melodie von Worten, und dann muß man es sagen. Hörst du denn nie auf den Wind? Du -- komm doch -- komm doch zu mir, Käsperlein Mühlfund, weißt du noch, wie es damals war in ferner Zeit? Der Wind ist dein Pate gewesen hier oben -- der Wind hatte dich lieb -- o, der erzählt mir hier wunderschöne Sachen von dir, wie du klein warst und ganz winzig jung. Bist solange in der Welt herumgelaufen und hast einen schwarzen Bart gekriegt und ganz messertiefe Striche um den Mund. Warte nur, die nimmt dir der Wind im weimarischen Land wieder fort, bis du wieder ein kleines Käsperlein bist, das so schön lachen kann. Ich weiß schon, wie du bist, der Wind hat mir alles verraten. Er geht ja nur ganz leise, die alte, schwere Windmühle streichelt er bloß, aber weil sie so alt und dumm ist, merkt sie es gar nicht.“

Der Mann saß neben dem Kind, und er hielt ihre Hand, und sie ließ sie ihm. Er fragte mit der scheuen Neugier eines Menschen, der es ganz entwöhnt war, daß jemand mit Zärtlichkeit seinem Leben nachspürt: „Leonore, was sagt dir der Wind von mir?“

Sie lächelte sanft, weich und antwortete langsam: „Er sagt mir, daß da ein kleines Büblein war, ein braunes, kleines Jungchen, das ist in die Welt gekommen und wußte nicht woher. Oft lag es draußen und dachte, andere kleine Käsperlein die haben Brüder und Schwestern, und ich bin so allein. Aber immer, wenn es traurige Sachen denken wollte, dann ist der Wind gekommen, der frohe, warme Sommerwind, und hat ihn eingeschläfert, und die Blumen haben dazu genickt, die haben Ja und Amen dazu gesagt und ihn von schönen Gärten träumen lassen, in denen ein kleines Hündlein auf ihn zusprang, das hatte das allerschönste Fell und bellte so freundlich; das hieß: Ich bin dein Hündlein und gehöre dir! Später, als der Kaspar schon größer war, da hat ihm der Wind erzählt, daß er ein Freigeborner ist, einer, den nichts bindet, nichts hält, nichts verpflichtet, einer, der rechtlos ist und darum sich alles rauben darf; einer, dem +nichts+ gehört oder +die ganze Welt+ -- ein Freier, ein Selbstgewordener, nach dem niemand fragt und der kein lastendes Erinnern zu tragen hat, einer, für den die Welt neu geschaffen wurde.“

Das halb verlegene, halb glückliche Lächeln auf Freyers Gesicht verschwand. Die scharfen Striche um den Mund traten schärfer hervor. „Ich habe meine Kompromisse mit der Welt gemacht!“

„O, das war eine andere Welt als die, über die der Wind, dein Pate, geht. Die ist ganz versunken und verloren, die ist böse, und die lassen wir nicht in uns neu werden. Die tun wir fort -- hörst du mich, das ist alles vorüber, Richard.“

Sie beugte sich über ihn, der im Grase lag. „Quält dich noch etwas, das fern ist? Quält es dich? Dann wollen wir es dem Wind erzählen, und der trägt es weit fort, zu seinem Ursprung zurück -- und alles ist vergangen und beendet.“

„Du,“ sagte er, „Liebe, du, wenn ich bei dir bin, ist nichts.“

„Wir sind ja immer beieinander.“ Sie strich mit ihrer leichten Hand über sein Haar. „Komm, nun sagen wir der Mühle wieder adieu. Nun gehen wir mit dem Wind ins Land.“

Sie streckte die Arme aus, als wollte sie den Morgen umfangen. Und dann nahm sie raschen Schrittes den nächstliegenden Weg auf.

Ein Wandersmann kam ihnen entgegen. Es war ein Jüngling, der sich den ersten Bart um Lippen und Wangen wachsen ließ und aussah wie ein Krähenküken. Er hatte den Hut mit einer Metallzwecke am Rock befestigt, er trug Sandalen an den strumpflosen Füßen, und seine Brust zierte ein Wollhemd, das eine rote Krawatte noch besonders zum Ansehen aufforderte. Also ausgerüstet, dokumentierte der Vielhaarige, daß er beschlossen habe, sich mit seinen Gewohnheiten, soweit dies in einem zivilisierten Staat möglich ist, der Natur zu nähern.

„Herr Wandersmann,“ redete ihn Leonore an, „wo ist denn der schönste Weg? Wir möchten es gern wissen!“

Diese unerwartete, ungewohnte Ansprache nötigte den Jüngling, um seine Fassung bewahren zu können, sich für einen Augenblick in die Schranken der Konvenienz zurückzubegeben. Er stammelte: „Mein Name ist S--treckhorn, ich bin hier leider zu fremd, um ihnen Beis--tand leisten zu können. Doch s--teht nicht weit von hier ein Wegweiser!“

Leonore lachte ihn an. „Steht denn auf dem Wegweiser, wohin der schönste Weg führt?“

„O, Verzeihung, ich dachte, Sie s--prächen von dem Namen eines Dorfes.“

Sie sah auf den Jüngling, der mit der Uhr in der Hand seinen ausgerechneten Morgengang machte. „Sie können uns also nicht helfen, Herr Wandersmann? Nun, dann leben Sie wohl!“

„Verzeihung,“ stammelte der junge Mann, machte eine Verbeugung und kehrte dann zur Natur zurück.

Sie sahen ihn noch eine Weile eifrig, pflichtgemäß die S--trecke gehen, die er für diesen Tag sich ausgerechnet hatte. Leonore sagte: „Herr S--treckhorn trinkt nur Wasser und Limonade. Er s--teht mit dem Morgengrauen auf und läuft seine S--trecke ab. Und er lebt der Natur. Mit dem Wollhemd von brauner Farbe nähert er sich dem schuldlosen Tier, und die rote Krawatte verkündet seine Freude, ein Bekehrter zu sein. Es ist sein Manness--tolz, mit bloßen Füßen eine Gesellschaft von Unnatürlichen zu s--trafen. Er sieht schon fast aus wie ein Alldeutscher, aber niemandem würde er je ein Leid tun. Er sieht in Gedanken schon das Neuland, wo alle in Wollhemden Feste der Natur feiern. In Wollhemden und in Schönheit. Ach, du, Richard, wie gut ist es doch, daß du von selbst weißt, wie man sich anziehen muß.“

Wieder lächelte der Mann verlegen erfreut. „Tu ich das?“

„Ja, du weißt, was zu dir paßt. Du hast jenes Stilgefühl für das eigene Aussehen, das angeboren sein muß oder erst nach langem Nachdenken erworben wird.“

„Du hast es auch, Leonore.“

„Das werden nicht alle Menschen finden. Ich sehe doch immer jungenhaft aus. Wenn ich mich aber so richtig damenhaft anziehen wollte, weißt du, so wie die Durchschnittsdame mit Seidenfetzchen am Kleid und Spitzenstückchen und Schmucksachen, dann wäre ich gerade wie ein Osterhase auf Ansichtskarten, dem man ein Mäntelein umgetan und einen Zylinderhut aufgesetzt hat.“

„Gibt es solche Ansichtskarten?“ fragte er.

„Wenn wir uns mal getrennt haben, schicke ich dir eine.“

„Will mein Osterhäslein fortlaufen?“

„Das mußt du am besten wissen,“ antwortete sie lachend. „Wenn du dir schon einen Osterhasen als Lebensgefährtin ausgesucht hast, dann mußt du auch wissen, wie diese Tiere beschaffen sind. Ja, das mußt du.“

Sie gingen durch die Felder. Die standen grün und bekamen schon Ähren. Und schon blühten vereinzelt am Rand die lieberoten Blumen des wilden Mohns. Und die Lerchen stiegen auf in den Himmel -- stiegen, jubelten, stiegen höher -- und taumelten dann, von Lust trunken, wie Blüten, die von unsichtbaren Bäumen fallen, wieder herunter in das grüne Feld.

„d’Annunzio beendet den ersten Akt seines Dramas ‚Die tote Stadt‘ mit den Worten einer Blinden: Irgendwo muß eine tote Lerche sein. Der, den sie liebte, hatte sie ihr heimgebracht -- die kleine, tote Lerche, die sich die Brust zersprengt hatte vor Jubel.“

Leonore antwortete ernsthaft: „Professor Freyer, ein Herr von großer Rednergabe, wenn Sie ihn vielleicht kennen, pflegt seine junge Frau auf Spaziergängen durch den Morgen von italienischen Dramen zu unterhalten. Es ist dies ebenso lehrreich als bildend, denn es ist ganz rückständig, in einer Lerche eine Lerche zu sehen, nachdem doch Gabriele d’Annunzio die Lerche zum Symbol einer toten Stadt gemacht hat.“

Der Mann wurde ganz verlegen über diese Standrede. „Magst du es nicht hören, wenn man von Büchern spricht?“

„Sehr gern mag ich das. Aber die Lerche des Gabriele ist ja schon lange tot. Und hier um uns fliegen ganz neue. Die ersten Lerchen der Welt.“

Sie kamen zum Waldrand -- und Leonore setzte sich an der sonnigen Halde nieder. Der Mann kam zu ihr und war zärtlich. Er küßte ihre jungen Haare und küßte ihren freien Hals und die Hände, die braun und stark und weich waren.

Sie konnte sich aber darein immer nicht recht finden. Ihr fielen Worte leichter als Geberden. Und so kam sie zu ihm mit Worten einer ritterlichen Zärtlichkeit -- mit Worten, die alles auslöschen sollten, was seine Jugend trübe gemacht hatte -- mit Worten, die vielleicht nach Liebe klangen und die ihr doch nur die Gerechtigkeit des Lebens schienen.

„Du bist so gesund, du,“ sagte sie, „ich freue mich immer daran, wenn ich dich ansehe. So einen festen, schwarzen Pelz hast du auf deinem Kopf, und dein Bart könnte gewiß so lang wachsen, daß du mich an ihm aus einem tiefen Brunnen ziehen könntest, wenn ich hineinfiele.“

„Möchtest du mich denn noch, wenn ich einen so grauslichen Bart hätte?“

„Probier’s doch!“

Plötzlich war sie fort von ihm. Sie lief einer Eidechse nach, die durch das storre Gras geraschelt war. Und dann kam sie wieder und hatte das Tierlein auf ihrer braunen Hand.

„Siehst du, dem jungen Sommer zu Ehren hat es sich ganz smaragdgrün angezogen, daß es nicht vom Grase absticht. Und die armen Mücken meinen dann, es ist ein freundliches, grünes Blatt, auf das sie sich setzen -- sieh doch, wie es guckt! Ja, du Eidechsin, du junge, was willst denn du? Sei froh, daß ich nicht so böse bin wie ich aussehe, sonst nähme ich dich mit heim und sperrte dich in einen Glaskasten, und du müßtest ein Familientier sein! Lauf’ doch, adieu, geh fort!“

Aber die Eidechsin wollte bleiben; sie lief in Leonores Ärmel hinein, kam beim Hals wieder heraus, und es gefiel ihr da auf der warmen Haut so gut, daß sie sich ruhig niederließ.

„Mögen dich alle Tiere so gern leiden?“

„Die merken es schon, wenn man sie lieb hat.“

Nach einer Weile sagte Leonore: „Wenn du erlaubst, bin ich jetzt recht hungrig. Da drüben ist eine Kirche, folglich gibt es auch eine Schenke. Führst du mich hin und bestellst du auch das Wunderschönste zum Essen?“

Er war bereit. Im Dorf herrschte schon volle Tagesgeschäftigkeit. In der Schenke stand eine Frau am Herde, mit der begann Freyer eine Beratung. Das dauerte gar lange, und als er endlich die Gaststube betrat, fand er Leonore in eifrigem Gespräch mit einem alten Handwerksburschen.

„Junges Fräulein,“ sagte der Handwerksbursch von verwittertem Aussehen, „ich darf sagen, daß ich die Welt kenne. Ich bin im Preißischen gewest und im Welschland und im Elsaß, und überall war ich g’ehrt und g’acht.“

„Und hab’ es doch zu nichts gebracht,“ reimte Leonore, aber sie sah den Verwitterten so freundlich dazu an, daß der gar nicht beleidigt war, sondern in ihr Lachen einstimmte.

„Junges Fräulein -- ah, da ist der Herr Papa, ich hab’ die Ehre --“

„’s ist doch mein Hochzeiter, Wandersmann.“

Der Wandersmann hatte Takt und Bildung und bemäntelte den begreiflichen Irrtum. Er sagte: „Hab mich nur rewantschiert, junge gnädige Frau, für das ‚zu nix bracht haben‘.

Blüte und Apfel an einem Baum, Das ist der schönste Lebenstraum,

sagt man bei uns.“

„Woher sind Sie denn, Wandersmann?“

„Geltens, das heert man niche! Ich spreche eine internationalische Sprache. Wenn man in der Welt g’ehrt und g’acht sein will, da därf man seine Mundart nich reden. Also, ich bin ein g’lernter Maurer, die Stadt Närrnberg blickte auf meine Wiege. An der hat man mir auch nicht gesungen, daß ich als alter Mann noch ein reisender Etranschär im fremden Lande wäre.“

„Wissen Sie denn noch, was man an Ihrer Wiege gesungen hat?“

Der Mann lachte: „Es ist allerdings a weng lang her.“

Freyer mischte sich in das Gespräch. „Wenn Sie Papiere haben und Arbeit suchen -- ich hätte welche zu vergeben.“

„Nach mir därf man sich überall erkundigen,“ sagte der Wandersmann stolz. „Nur aus Charakter hab’ ich meine Stellen wieder aufgegeben -- nur aus Charakter.“ Und er zog seine schmutzigen Papiere heraus.

Man vereinbarte bald, der charaktervolle Mann solle in dem Ruinenteil von Kapellendorf mit Beton und Zement dem Verfall Einhalt tun. In die weitern Verhandlungen wollte Leonore nicht eingreifen -- so ging sie voraus, die Kirche des Dorfes anzusehen, denn sie galt als berühmt.

Die Schule lag dem Kirchplatz gegenüber. Und es war gerade Entlassungsstunde. Die Wissenschaft schwieg für den Tag, nachdem von sechs bis neun Uhr ihre Zeit gewesen war. Die Dorfkinder kamen heraus, bestaunten die fremde Erscheinung, und als Leonore fragte, wer den Schlüssel zur Kirche habe, rannte ein Junge davon und kam in Gesellschaft eines rundköpfigen, knasterbärtigen Brillenträgers wieder.

Der Brillenträger zupfte an seinen Rockärmeln, die etwas kurz waren und das Fehlen von Manschetten nicht verbergen konnten. Er hielt ein kleines Buch in der Hand und kam auf Leonore zu. Zu dieser hatte sich unterdessen ihr Mann gesellt.

„Sie sind der Herr Lehrer, wenn ich richtig rate,“ begann Leonore die Annäherung, „und Sie wollen so freundlich sein, uns die Kirche zu zeigen.“

Der Herr Lehrer reckte seine untersetzte Gestalt, nicht bedenkend, daß seine Hosen dadurch noch kürzer wurden, als sie schon waren -- sein Gesicht zeigte noch mehr Würde, und er entschuldigte im voraus, daß die Kirche nicht schöner sei, als sie eben war; das Innere sei ganz leer, die Einrichtung auf Reparatur fort, man könne sich also nur an dem Äußeren ergötzen. Und der Herr Lehrer begann in wundervoller Aussprache aus dem Buch die Daten und Motive und angebrachten Inschriften des Kirchenbaues vorzulesen. Richard suchte nach Steinmetzzeichen an dem Bauwerk.

Unterdessen plauderte Leonore mit dem Apostel der Bildung des Dorfes. „Wohnt auch der Pfarrer hier?“

„Nein, wir sind nur eine Filialgemeinde.“

„Da sind Sie also der einzige Gebildete hier?“