Part 10
Der Herr Lehrer verbeugte sich nach hinten über durch heftiges Zurückwerfen des Kopfes. Dies tat er nicht etwa wie der deutsche Adel, um seine hohe Geburt zu bekunden, sondern seine körperliche Kleinheit schien ihm in diesem Augenblick, da er den einzigen Gebildeten einer Siedlung darzustellen hatte, noch unangenehmer als sonst. „Ja,“ sagte er in einem trockenen Ton, der Erfreutsein verbarg, „nun, man hat seine Herren Kollegen in der Nähe.“
„Sie haben ja auch Familie,“ sprach Leonore weiter, denn ein schmutziger Junge näherte sich eben, Zeichen machend, dem Lehrer. Doch hinter dessen Brillengläsern schoß ein harter Schulmonarchenblick auf den kleinen Schmutzfinken hervor, so daß dieser aufhörte, seinen Vater zu kompromittieren, und davonlief, als fühlte er schon das traditionelle Erziehungsmittel auf sich.
Da Richard sich noch ein Steinmetzzeichen kopierte und der Lehrer, neuer Ansprachen gewärtig, stehen blieb, fragte ihn Leonore, ob er auch Bienen hielte. Bienenzucht und Obstbau zu lehren sei ja der soziale Beruf des Landlehrers. Und das fände sie schön, es brächte den Volkserzieher dem Volke näher. Sie hatte einen Bienenstand gesehen, darum redete sie also.
Jawohl, der Herr Lehrer hatte sieben Stöcke.
„O, da verkaufen Sie gewiß auch Honig?“
„Eine Mark das Pfund, prima Qualität.“
Die Besichtigung der Kirche endete mit einer Honigbestellung, mit einer Einladung der werten Familie nach Kapellendorf, mit dem Versprechen, dem Herrn Lehrer ein Buch zu leihen, nach dem er sich schon lange sehnte, und mit des Herrn Lehrers tiefsten Verbeugungen nach vorn.
„Leonore,“ sagte der Mann, als sie wieder allein waren -- „wie fängst du es nur mit den Leuten an? Alle geraten sie in Ergebenheit, sobald du mit ihnen sprichst. Sogar dieser spröde Schullehrer!“
Sie lachte. „Ich bin so froh, nun kann ich alle Menschen ansprechen, wenn ich mag. Weißt du, ich habe ihm auch gesagt, sein Junge sei ein hübscher Junge, dann sorgt er gewiß dafür, daß ihn die Frau öfters wäscht, und er braucht sich seiner nicht mehr vor Fremden zu schämen. Ach du, was tätest du, wenn du auf einem solchen Dorfe Schulmeister sein müßtest?“
„Ich machte es vielleicht wie Franz Schubert, der aus Zorn über seine Lage den ganzen Tag die Kinder prügelte.“
„Nun wieder wie ein anderer! Meinst du nicht es müßte ganz schön sein, sich so als der Verantwortliche über alle zu fühlen? So wie ein kleiner Souverän?“
„Du liefest gewiß recht bald aus dem Schulhause fort in blaue Fernen.“
„Tun wir es jetzt,“ sagte sie, „aber nein, wir müssen nach Hause.“ --
Immer wieder konnte sie das alte Haus begrüßen, als käme sie von weiten Fernen heim. Sie führte den Mann durch die Stuben, die er noch nicht alle kannte. Immer wieder war wo ein verborgenes Treppchen, das in ein kleines Zellengemach oder auf einen verborgenen Korridor hinunterführte. Stuben voll alter Geräte waren da, mit verblaßten Malereien oder kunstvollen Türschlössern.
„Was machen wir nun mit dem allem?“ fragte der Mann.
„Ja, hast du so viel Geld, daß wir den charaktervollen Maurer lange behalten können?“
„Aber gewiß.“
„Dann wollen wir alles schön machen lassen -- frisch tünchen und ausbessern --, und dann stellen wir deine Sammlungen auf und bekommen das allerschönste Schloß der Welt. Aber jetzt müssen wir uns zu Tisch zurechtmachen. Du hast jemand mitgebracht, der sagt: ~Madame est servie~, da muß Madame auch ein langes Kleid anziehen, ein feierliches, langes Kleid.“
Richard Freyer hatte Leonore gefragt gehabt, wo sie schlafen wolle in Kapellendorf. Da hatte sie ihr Mädchenzimmer genannt und naiv befohlen, er solle doch auch das haben, was er als Junge bewohnte. So war es gemacht worden, und der Mann ging darauf ein, als sei es das Natürlichste. So waren sie durch eine Zimmerflucht getrennt, aber die Türen standen immer offen, und des Morgens riefen sie einander zu, ob sie noch schliefen.
Als Leonore das stolze Kleid anhatte, kam Freyer herüber, sie abzuholen.
Sehr feierlich saß Leonore an dem Tisch, den ein männliches Wesen bediente, das ~Madame est servie~ sagen konnte und bei Professor Freyer schon lange in Diensten gewesen war. Sie dachte, das männliche Wesen, das soviel von guter Sitte versteht, soll nicht denken, sein Herr hat nur ein Wald- und Wiesenmädchen geheiratet. Es würde ihn doch zu heftig enttäuschen. Später, wenn er einsieht, daß ich seinen Sitten gewachsen bin, später vereinfachen wir uns ein wenig.
Nach Tisch mußte man in den Garten hinuntergehen, denn Richard protestierte heftig, daß er mittags etwa gar schliefe. Nein, so alt wäre er denn doch noch nicht, und von schwerer Arbeit müsse er sich auch nicht erholen.
Nun machte Leonore allerlei Gartenpläne. Auch war manches da im Hofe doch im Laufe der Jahre unschön, verwahrlost gelassen. Im Garten standen die Malven voll Knospen -- und Leonore beschrieb, wie schön es wäre, wenn sie alle errötend standen. Und dann kam es als heiße Freude über sie: das alles gehört nun mir, das alles ist annehmbar unser. Und sie liebte den dafür, der ihr alles geschenkt hatte.
Ob man nun am Nachmittag Besuche im Dorfe machen sollte oder einen Spaziergang?
Sie überlegten das noch sehr, als sie schon weit über die Heidenhügel hinausgekommen waren. Nun, da lag der Wald, wacholderumsäumt lag die Halde vor ihnen. Hier müssen wir erst Grüß Gott sagen -- dann später kommen die Menschen. Die Wacholdersäulen sind viel älter und ehrwürdiger als die Einwohner von Kapellendorf. Es schickt sich nur, daß wir zuerst zu ihnen kamen.
Doch sie saßen kaum an den Wacholdersäulen, als ein Trupp Mädchen aus dem Wald kam. Sie trugen, so klein sie waren, Holzbündelchen, ob rechtlich oder frei erworben, kümmerte sie nicht. Es kümmerte sie auch nicht, daß niemand sie aufforderte, zu verweilen. Sie blieben stehen, schwiegen eine Weile, dann kritisierten sie unbefangen Leonores Kleid, ihren kleinen Hut und die Uhrkette, die Freyer anhatte.
„Heute ist wohl Holztag?“ fragte Leonore.
Ein munterer Braunkopf mit den glitzernden prächtigen und nicht allzu treuen Augen der Thüringerin nahm sogleich das Wort: „Mir gähn immer Sunnabend ins Hulze, meine Mutter spricht: dazu ist keene Schule.“
„Da hat die Mutter sehr recht.“
„Sie,“ sagte darauf die Rednerin entschlossen, „Sie, warum därfen mir denn nicht mehr in den Bassäng baden, seit Sie gekummen sin? Mir haben immer in den Bassäng baden därfen.“
„Weil ihr so schwarze Fische seid -- Tintenfische seid ihr.“
Die Kinder schrien: „Da derfier gähn mir doch nein, werd sich doch keener baden, wo reine is.“
„So, wißt ihr das so genau? Warum sagt ihr aber nicht Weiher oder Teich, sondern Bassäng?“
„So spricht der Lehrer, das ist ein Bassäng, spricht er.“
„Nun wir wollen sehen, vielleicht dürft ihr wieder hinein.“
„Aber balde -- es macht so heeß itze. Kumm, meine, mir machen itze furt.“
Die Rednerin ergriff ein ganz kleines Mädchen am Arm. Aber das war noch immer in den Anblick der Uhrkette versunken, wehrte sich und sagte: „Ich bin nich deine, ich bin meiner Mutter seine.“
„Na du, ich soll doch aufpassen auf dir.“
Leonore fragte: „Sagt einmal, wer ist denn die Brävste von euch?“
Die Rednerin besann sich gar nicht, sie zeigte auf ein abseits stehendes, sanftes, blondes Kind. Und die bisher so schweigsamen Genossinnen stimmten zu: ja, das war die Brävste.
Leonore griff ihrem Mann lachend in die Tasche und holte ein wenig Geld heraus: „Was mögt ihr denn am liebsten? Na, ich muß es nicht wissen. Aber weil ihr so fleißig wart, soll euch die Brävste was kaufen. Und du mußt auch dafür sorgen, Brävste, daß jeder sein Teil kriegt.“
Die Kinder stürmten davon. Sie purzelten und kollerten den Hügel hinunter. Ein wenig schuldbewußt sagte Leonore: „Es ist nur heute, Richard, ich werde sie nicht zu Bettelkindern machen. Ausnahmen dürfen einmal sein.“
* * * * *
Leonore und Richard gingen weiter -- gingen in den Wald hinein. Da war Sommermittagsstille. Nur von fern hörte man das Hämmern der Spechte, hörte man vereinsamten Vogelruf.
„Weißt du, Lieber, wie wir am Abend unseres Hochzeitstages oben auf der freien Höhe standen, und es war so still im Wald, so unnennbar still, als sei alles Leben in den Gründen verdämmert, als hätte die Zeit aufgehört zu gehen. Da fühlte ich auf einmal, wie gut es war, daß ich dich wußte -- daß ich nicht mehr allein zu sein brauchte. Da rief ich dich, und du kamst -- ja, dort im stillen Wald war unsere Hochzeit, da wußte ich, daß ich mit dir gehen wollte.“
Und sie gingen mit einander durch den stillen Wald -- sie hörten nichts als fern das Hämmern der Spechte, hörten nichts als ihrer beider Atemzüge, die von dem Lebenswillen zueinander sprachen. --
Der Tag neigte sich schon, als sie auf einem andern Weg, durch die Flur her, sich Kapellendorf wieder näherten.
Da begegnete ihnen ein alter Mann, der hatte eine prächtig lackierte, rötliche Brummbaßgeige auf dem Rücken. Und er redete sie an: „Morgen ist Kirmes in Isserstedt. Machen Sie auch hin?“
Sie hatte ein Scherzwort für ihn -- und sie sah ihm noch nach, bis die bunte Geige nur noch ein kleiner, rötlicher Fleck war. Sie seufzte halb, als sei ihr ein dunkler Gedanke gekommen -- sie wußte nicht, woher --
Durch das Kornfeld geht ein Alter, Trägt den Brummbaß auf dem Rücken, In der Tasche seinen Psalter, Schelmerei in seinen Blicken.
„Spiel euch wohl ein lustig Liedel, Meine lieben Jungfräulein, Spiel euch wohl auf meiner Fiedel Liebe in das Herz hinein.“
Alter Bursch, mit deiner Geigen Wirst du dir kein Herz erweichen, Wirst du nur zum Liebesreigen Andre sehn sich niederneigen.
„Tanzen all nach meiner Fiedel, Tanzen all nach meinem Liedel Bis zum letzten Morgenrot -- Denn ich bin der Fiedler Tod.“
Seinen Brummbaß umgehangen, Geiger geht zum Kirmesboden, Nur ein Weilchen -- und voll Bangen Tanzen wir den Tanz der Toten.
* * * * *
Leonore hatte die alte Gewohnheit wieder aufgenommen, nach Tisch des Abends wieder auf das Mauergärtlein zu gehen, dorthin, wo man im Dämmern so weit, weit ins Land sehen konnte -- bis zu dem weißen Schloß am Ettersberge. Alte Blumen blühten auf dem steinigen Erdreich: wilde Königskerzen, stolzer Heinrich; Erdbeeren wuchsen unter den Steinen und mußten sich so hohe Stengel schaffen, daß sie aus dem Gras hervorsehen konnten. Die Waldrebe umspann das Gemäuer, und der Dornbusch grünte. Eine einsame Wacholdersäule stand wie ein Schatten an die Mauer gelehnt.
„Sprich zu mir,“ sagte Leonore. „Ich weiß so wenig mehr von dir, als daß ich dich lieb habe.“
„Ist das nicht genug, Leonore?“
„Ich möchte alles von dir wissen -- verstehst du, um es lieb zu haben. Es ist doch nicht, daß man Worte redet und alles, was vergangen ist, damit umbildet. Du sollst mir doch nicht eine Phantasiegestalt bleiben. Ich glaube, die Wirklichkeit kann schöner sein als alle Gedanken und Vorstellungen. Lieber, man sieht es dir doch an, daß du viel erlebt hast.“
Er fuhr unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er die Spuren von Leben, Sorgen, Kämpfen und Genießen verwischen.
Sie lächelte: „Du willst mir etwas forttun? Aber wir sind doch zusammengekommen, um immer beieinander zu bleiben, Richard. Willst du denn, daß da fremde Dinge sind, die ich nicht weiß? Ich will doch alles zu verstehen suchen -- ach nein, verstehen ist nicht das richtige Wort -- deine frühere Zeit soll bei mir zu Hause sein, ich will deine Erinnerungen hüten und bei mir lebendig sein lassen.“
Der Mann antwortete: „Wie sehr liebst du mich.“
Ihre Seele starrte das Wort an. Was sollte sie damit machen? Nie hätte sie es sprechen mögen. +Ich liebe dich+ -- ja, tausendmal. Aber +du+ liebst +mich+ so sehr -- als positive Aussprache, als Ausdruck von Zufriedenheit -- oder war es Anerkennung einer Kraft, die man selbst nicht mehr stark besaß? Sie dachte, das ist wohl Mannesart -- vielleicht soll es gar etwas wie ein Lob sein.
„Sprich nur von dir,“ wiederholte sie.
Doch er antwortete: „Nicht heute -- nicht jetzt. Ich will meine trüben Vergangenheiten ein wenig vergessen. Ich will nicht das alte Kapellendorf des Kaspar Mühlfund, sondern das neue von dir, das neue von uns.“
„Ich weiß nicht, wie du es wollen wirst,“ sagte sie ein wenig unsicher. „Ich habe heute den Lehrer eingeladen, dann fiel mir ein, vielleicht möchtest du es nicht, obwohl du nichts dawider sagtest. Siehst du, bei den Großeltern war es so: sie hatten immer viele Menschen um sich. Wer im Lande wohnte, konnte zu ihnen kommen. Ich meine, sie fragten nicht zuerst nach der Bildung der Menschen, noch viel weniger nach ihrem Stand. Aber wenn die Menschen in Großmutters Stube kamen, waren sie anders als draußen. Die Großmutter sprach gar nicht viel und gab doch immer den Ton. Niemand nannte sie hochmütig, und sie war doch eine stolze Frau, und nie ist ihr eine unziemliche Vertraulichkeit begegnet. Ich bin ja nun nicht wie die Großmutter. Aber ich bin so unter den Leuten aufgewachsen, ich könnte nie eine Dame werden, wie viele in den Städten sind, und von denen man das Gefühl hat, sie müßten sich fortwährend verschanzen und nur mit genau denselben Ständen verkehren, damit niemand denkt, sie seien weniger als sie sind. Du bist doch nicht böse, daß ich Lehrers eingeladen habe. Weißt du, alle Leute, die sich unfrei, subaltern fühlen, sind so leicht verletzt, und nur gegen Gleichstehende darf man rücksichtslos sein.“
„Du hast recht. Meinst du aber, es wäre gerade rücksichtslos gewesen, den Lehrer +nicht+ einzuladen?“
„Er hat uns doch aus Freundlichkeit aus dem Buch vorgelesen. Und wenn er zu uns kommt, kann er die vielen schönen Sachen aus deinen Kunstsammlungen sehen, das kennt er gewiß noch gar nicht, und uns schadet es nichts.“
„Nein, kleines Liebchen, uns schadet es nichts. Ich freue mich, dich zu sehen, wie du mit den Leuten bist. Aber erzähle mir doch noch von dir -- vom alten Kapellendorf.“
„Ja, weißt du, viele, viele Sommerabende bin ich hier gewesen -- und sah, wie das Land dunkel wurde, wie die Farben sich vertieften, so wie man es gar nie würde malen können, weil es nur ein Übergang ist und darum zwischen den Wirklichkeiten. All diese Übergänge kennen die Menschen meist nicht, sie wollen nicht das Tastende, Suchende, sie wollen und glauben immer nur das, was auf festen Füßen steht ... Aber mit dem Tastenden, Übergehenden in solchen Sommerabenden, wo alle Farben im Ersterben so unwirklich wunderschön werden, gehen unsere Wünsche. Aus dem Augenblick die Dauer schaffen zu können, sehnen wir uns. Weißt du -- siehst du es jetzt --, der Ettersberg ist indigoblau, man erkennt keinen Baum mehr, keine Unebenheit. Alles ist so vereinfacht. Das Land hinten wird grün wie ein edler Stein, am Himmel kommen die Gestirne. Und durch die Dämmerung glänzt das weiße Schloß. Alles ist stark und erwartungsvoll. Da dachte ich mir oft, durch dieses Land der Dunkelheiten weithin, fernhin möchte ich ziehen -- Und man müßte dabei so viel erfahren, was man noch nicht weiß. Die Erde müßte sprechen können -- und man müßte alles vergessen, was klein und müde war, und alles Traurige müßte Stärke werden. Und dann, ja dann kam das weiße Schloß. Weißt du -- das lange geliebte. Weißt du, jemand, der uns ganz kennt. Der uns erlöst ... Ich habe dich -- du warst mir immer der, von Anfang an, der von mir weiß. Und nun bin ich bei dir. Aber ich weiß so wenig von deinem Letzten. Ich quäle dich nicht -- es wird schon kommen, du brauchst Zeit, Lieber. Und das muß wohl sein, denn wir wollen ja die Ewigkeit haben.“
„Du bist schön,“ antwortete der Mann -- „ja, die Ewigkeit der Treue werden wir haben. Eine Burg --“
„Du bist wie ein Heidenaltar, der aus der Erde ragt, und den Menschenhände nicht stürzen können. Unser Kapellendorf -- unsere alte Heimat, die du uns neu geschenkt hast.“
Sie lächelte ihn mit ihren guten Augen an und nahm seine Hand und küßte sie ganz leise. In ihr war es ruhig. Fern, hinter den Dämmerungen glänzte das weiße Schloß am Ettersberg.
Einst, ja einst, war alle Sehnsucht Erfüllung. Einst blieb kein Rest mehr zu wünschen ...
Das war ein Tag von einem ganzen Sommer. Das war ein Korn aus der vollen Ähre, die sie ihm reichte. Das war ein grünes Blatt von dem Maibaum, den sie ihm pflanzte.
VI.
Dämmerungen.
Sie gingen heim durch die Felder. Reif und schwer, leuchtend weiß standen sie. Darüber war der Himmel wie blauer Stahl, und nur zuweilen riß ein Sonnenglanz das Gewölk auseinander und warf ein grelles, erschreckendes Licht über ein Stück Feld.
„Wir müssen eilen,“ sagte Freyer, „fast eine Stunde sind wir von jedem Dorf fort, komm doch rascher, du.“
Aber sie eilte nicht. Sie starrte nach dem düster-schweren Himmel -- sie sah über die Felder mit den vereinzelten, gespensterhaft weißen Flecken, und sie fühlte ihr Herz schlagen in Qual und Lust. „Es kommt der Sturm,“ sagte sie, und das klang, als spräche sie: es kommt das Glück.
„Liebst du den Sturm?“
Sie antwortete aus ihren Gedanken heraus: „Ich kenne ihn nicht, aber es muß schön sein, ich kenne ihn nicht, und will ihn erleben.“ Etwas Fremdes lag auf ihrem Gesicht, etwas von schmerzhaftem Willen. Alles war Sanftheit -- so viel, zu viel. „Laß uns doch hier bleiben und den Sturm fühlen.“
Aber er war voll Angst. Voll Angst um sie. „Komm doch, komm doch.“
Da klang schon ferner Donner. Und sie lachte. „Hörst du,“ sagte sie, „wie alles erbebt? Wie die Erde zittert! O, das ist nicht Angst, das ist Freude. Wiedergeburt. Erneuerung. Die Erde hat einen wilden Freund, das ist der Sturm. Er kommt nicht mit sanften Händen. Er zerbricht sie schier, und er weiß doch, sie ist stark. Sie kämpfen miteinander und immer siegt die Erde und zwingt den Sturm, ein freundlicher Wind zu werden, der allem wohltut.“
Leonore blieb stehen. Ihr ganzes Wesen drückte Enthusiasmus, willenlose, trunkene Begeisterung aus: ein Augenblick, der vielleicht einmal im Leben über einen starken Menschen kommen kann. Ein Augenblick, in dem alles Wollen begraben ist -- nicht aus Machtlosigkeit, nicht aus mangelnder Schöpferfähigkeit -- nicht aus Hingabe. Es ist der Augenblick, in dem der Stärkste bereit sein kann, nichts mehr zu wollen -- zu stehen -- zu warten --
So reif und weiß stand das Feld. O, war sie nicht reif, das Leben zu leben -- war sie nicht reif wie ein blühendes Sommerfeld, den Sturm zu empfangen? Ja, die Erde bebte. Der stahldunkle Himmel beschattete das Land. Sollte nicht das Unerhörte kommen? -- Der Mann konnte sie nicht bewegen, heimzugehen. Sie blieb und hörte auf den Sturm.
Aber das Gewitter zog zu Tal. Hinunter zog es und verlor sich in den Gründen. Von den Bergen hallte noch der Donner wieder, und nur ein leiser Regen grüßte die Flur. Lag Enttäuschung um Leonores Mund?
Nun wollte sie heim. -- Sie gingen.
Sobald der Regen aufhörte, waren sie noch in dem alten Mauergärtlein. Ja, und da leuchtete durch die stillgewordene Luft des Sommerabends das weiße Schloß am Ettersberg. Man sah es noch von den Fenstern des Zimmers aus, als sie hinein gegangen waren.
Plötzlich sprach Leonore: „Siehst du das Schloß durch die Dämmerung leuchten? O, ich liebe es lange, lange. Über meiner ganzen Jugend hat es gestanden wie ein Gruß von den Toren der ewigen Stadt. Warum führst du mich nicht? Was weiß ich denn von deiner Seele? Sie wohnt in einem tiefen Bronnen, in den ich nicht hinabsehen kann. Du -- ich sehne mich so sehr -- ich sehne mich so sehr. Du müßtest kommen und mir deine Seele schenken -- dann erst kann es gut sein --“
Der Mann sagte mit verhaltener Stimme: „Ich wußte ja nicht, ob ich durfte.“
„Ob du dürftest, du? O, ich wollte alles mit dir. Siehst du, wir haben gescherzt und gelacht wie Kinder. Ich kann nicht immer nur lachen, du -- ich muß den Freund haben, von dem ich alles weiß -- sonst war alles -- eine Lüge.“
Sie stand vor ihm, und auf ihrem jungen Mund lag der Ausdruck einer stürmischen, einer todesernsten Sehnsucht. Sie hob den Arm -- bog sich damit die Stirn zurück. „Bin ich denn ganz allein? Können wir nie Freunde werden? Kannst du nicht sein, daß ich dich liebe wie Gott?“
Der Mann taumelte. Er küßte sie ...
Und Richard Freyer gab Leonore, was seit den Tagen des Paradieses der Mann als Heilmittel für alle Frauennot hält. In dem Augenblick, da eine Jugendinbrunst nach einer andern Seele rief, hatte er nur das eine zu geben, was von ihm schon oft verschenkt war. Es war in dieser Stunde ein Bettelpfennig -- ein unbegehrter Bettelpfennig.
* * * * *
Draußen ging der Winter. Ein langer, stiller Winter. Müde, sonderbar müde war Leonore in all der Zeit. Und Richard saß über Büchern, über unendlichen Notizen, Manuskripten und Abbildungen. Er wollte das wissenschaftliche Werk schreiben, zu dem er lange Jahre schon Vorarbeiten gemacht hatte.
Sie war dessen fast froh. Seit jener Nacht nach dem Gewittertag hatte sich etwas zwischen ihnen geändert. Der Mann sprach zu ihr -- ja wirklich, sie könnten nicht immer nur lachen und durch das Land gehen, sie hätten nun lange genug gespielt, nun müsse der Ernst des Lebens, die schwere Verantwortlichkeit des Lebens über sie kommen. War es „über sie kommen?“ Er konnte sich auch anders ausgedrückt haben, der Sinn blieb es jedenfalls.
Ein Spiel nannte er das, worein sie allen Willen gelegt hatte. Gut -- mochte es ein Spiel gewesen sein, daß sie ihm die Jugend schenken wollte, daß sie seine Freundschaft begehrte. Er sprach ja so viel von Freundschaft. Er meinte wohl etwas anderes damit, als sie. -- Von der Treue, von der Ewigkeit der Treue sprach er oft. Wie kann man dem, was sich nicht zu erschließen vermochte, treu bleiben? Treu bleiben -- einem Wort? Einem leeren Wort?
Sie ging umher, und alles, was einst in ihr geglüht hatte, schien erloschen. Trug sie die Schuld? Hatte jemand Schuld? Sie zerquälte sich; sie dachte: was ging wohl in dem fremden Manne vor, der neben ihr hinlebte und von dem sie nichts wußte, als daß er sie wohl einmal schön gefunden hatte wie ein Schmuckstück, das man nach seinem Willen anlegt und abtut. Was ging wohl in dem Manne vor, der ihr so fremd war?
Sie fand einmal irgendwo Verse von jemand, den sie nicht kannte. In irgendeinem Buch, das mit andern aus der Stadt geschickt worden war. „Revenants“ stand darüber -- Heimkehrende, Wiederkommende, Gespenster, wie man es deuten wollte. Gedankenlos hatte sie es gelesen -- und sie las es, aufmerksam geworden, noch einmal:
Revenants.
Spürst du, wie der Tag entgleitet Über sommerschönem Land? Fühlst du, wie mit sanfter Hand Sich das Dunkel um uns breitet?
Weißt du, daß wir lange starben, Daß wir untergehen mußten, Bis wir uns das Jetzt erwarben, Bis wir neu das Leben wußten?
Kam nicht das Leben als taumelnder Tanz Von trunkenen Füßen geschritten? War nicht das Leben ein grüner Kranz Vom Schicksal erstritten?
Lust -- Lust -- Überschwang, sterbend In Überschwang -- Lust -- Lust -- Liebe, die werbend Wie Flötenklang --
Vorbei -- Weißt du, daß wir langsam starben, Daß wir lange untergingen, Bis wir wieder um uns warben, Bis wir neu uns dann umfingen?
Wohl weißt du es. Dein Mund ist rot Von vielem Wissen, Von tausend Küssen, Die er andern bot.
Du gibst mir deine Hand -- sie ist so weich, Sie war zuerst von mir geküßt -- Du gibst mir deinen jungen Leib -- er ist so reich, Er war zuerst von mir begrüßt.
Kamst wieder heim -- mein Herz, mein Kind, Dorthin, wo vereint wir nun immer sind, Und unsere Augen haben ausgeweint.
Ja, alle Lebensnot Und aller fremde Lebenswille ruht nun aus. Ein junger Dornstrauch wächst um unser Haus Und blüht so lieberot.
Der Abend umschattet den Raum, Still ist alles. Du bist ja da. Und nur durch eine lange Nacht Ging einst ein ferner Traum, Geliebteste, der Umkreis ist vollbracht: +Zu ihrem Ursprung kommt die Liebe heim+.