Part 3
Leonore mußte annehmen, die Cousine verstand wirklich die deutsche Sprache nicht so genau oder ihre Kunstbegeisterung war so groß: denn die bisher so gemessene Clemence redete jetzt unablässig davon, daß der Tierarzt ein reizender Mensch sei. Jeden Abend kam so sicher wie der Tageswechsel der reizende Mensch, rannte in ~full dress~ mit Clemence im Schloßhof umher, roch nach Chypre, lachte, zog Drähte von Baum zu Baum, schleppte Steine in die Mitte und plauderte unablässig mit Clemence.
Leonore hatte ein unklares Mißfallen an der Art der beiden. Zugleich aber war es doch eine große Lockung, auch bei den Vorbereitungen zu helfen. Nur Dankmar Kurtzen beteiligte sich nicht. An ihn kamen jetzt immer geheimnisvolle Sendungen, mit denen er sich ganze Abende lang einschloß.
Mittags benutzte Margarete Wachenhusen, geborene von Blumauer, die Drähte zu einem schrecklichen Zweck: sie trocknete an ihnen die gelblichen Leinwandfetzen, mit denen sie ihr krankes Bein verband.
Nun endlich -- die Preziosa kam in den Schloßhof, die Großeltern bewunderten die Kostüme, die Frau Wachenhusen aus bei ihnen gesammelten Kleidern entworfen hatte, die Großeltern bewunderten die Lichter und das Geschrei und die einsame Okarina.
Die geladenen Honoratioren waren bemüht, das Gratisvergnügen schön zu finden, und Leonore beschloß, der sentimentalischen Tauben, die, weil Frau Demetrius die Preziosa spielte, einen Zigeuner darstellen mußte, demnächst ein anonymes Geschenk zu machen.
Der Tierarzt wich keinen Augenblick von Clemences Seite. Graf Kurtzen schien über alles, was um ihn vorging, erbittert zu sein.
Als die Schauspieler fort waren, trank man unten noch ein Glas Waldmeisterwein. Leonore fühlte sich sehr angeregt und wähnte, mit Rittern und Edelfrauen in alten, unnennbaren Tagen auf einem Schloß der Normandie des Lebens Feste zu feiern. Man trennte sich nur schwer, als endlich der letzte Lampion erlosch.
Dieser Tag würde allen noch lange in Erinnerung bleiben, sagte der Pfarrer zu Oberförsters, denn er war ein wohlerzogener Mann und wußte, was sich schickt.
Doch die Preziosa kam um ihre Erinnerung. Denn am Tage nach der Aufführung starb der alte Einwaldt, Leonores pantheistischer Freund. Sie war von Herzen traurig darüber und ging in den Wald, holte Immergrün, flocht einen Kranz daraus und dachte an die Vergänglichkeit des Lebens.
Dann kam der Sohn aus Berlin und brachte einen Freund mit, der am Grabe des alten Mannes von der Sterblichkeit des Einzelnen und der Ewigkeit des Gesamten redete.
Das war eine große Sensation in Kapellendorf, niemand hatte ja geahnt, daß der alte Einwaldt so schauderhaft schändlich von dem Menschen dachte: sie wären wie Blätter am Baume, die herunter fielen und dann hin seien.
Leonore war in ihrem Konfirmationskleid auf den Kirchhof gegangen, an der Seite des Großvaters. Die Totenrede gefiel ihr nicht -- sie war so klar wie ein Rechenexempel, so trostlos wie eine Rechenaufgabe. Was hat es denn Sinn, jemand zu sagen, daß zweimal zwei vier ist? Was nutzt es, zu hören, daß ein alter Einwaldt nimmermehr unsterblich sein sollte? Auch den Sohn schien das nicht zu erbauen, er stand ganz müde und armselig im blendenden Sonnenlicht. Freilich, man hat auch noch nie gesehen, daß pfarrerliche Grabreden jemand glücklich stimmten.
Leonore ging mit dem Großvater wieder hinaus. Da trat ein Schuster, den Neugier und Teilnahme hergelockt hatten, auf den Oberförster zu. Er sagte: „Der war ein Addeist. Was hat er nun dadervon?“
Der Großvater fühlte sich nicht verantwortlich. Er erwiderte ruhig: „Gott schenke seiner Seele Frieden,“ und ging an dem Schuster vorbei.
Am weitern Nachmittag wußte Leonore nichts Rechtes anzufangen. Klemens war still, er ehrte ihre Freundschaft für den Toten. Er kam am Abend nicht auf das Mauergärtlein. Dort saß Leonore allein: sie dachte, niemand hat um den alten Einwaldt geweint, und dabei kamen ihr unversehens die Tränen.
Und wie sie so weinte, sah sie plötzlich drüben auf der Mauer um den Normannenturm Dankmar Kurtzen hin- und hergehen. Er machte wunderliche Gesten, und man hörte unverständliche Worte von ihm kommen. Dankmar würde doch nicht ein Schauspieler werden wollen? -- --
* * * * *
O nein -- es konnte nicht wahr sein. Clemence, die Herrliche, Zarte, sie, die um den Normannenturm gewandelt war und sich nach Altengland sehnte -- sie, die Beatrice, Laura, Julia war, Unerreichbares in einem Wort: Nein -- nein -- aber Leonore hatte es gesehen, gedruckt, unwiderleglich:
„Meine Verlobung mit Miß Clemence Warren, Tochter des Großhändlers Mr. Humphrey Warren in London und seiner verstorbenen Gemahlin Klementine geb. Wolfferstorff aus Kapellendorf, beehre ich mich anzuzeigen.
~Dr.~ Robert Zorn, Großherzogl. sächs. Gestütsdirektor in Allstedt.“
Der Tierarzt küßte die herbe Clemence. Sie küßte den Tierarzt. Ja, kam man unversehens ins Zimmer, so saß sie auf seinem Schoß. Und nächste Woche würde sie nach London reisen und bald sollte dort die Hochzeit sein.
Klemens sagte: „Du meintest wohl, ein Prinz sollte kommen? Er ist Doktor der Philosophie. Er ist ein Gentleman. Er ist Gestütsdirektor in Allstedt. Wie furchtbar hübsch, wir kommen hin, um die Remonten zuzureiten. Fein, sage ich dir.“
Leonore schwieg. Den ganzen Tag redete sie nicht.
Und dann, am nächsten Morgen, stand Dankmar Kurtzen vor ihr. Und die Tränen liefen über Dankmars runde Wangen. „Adieu, liebe Leonore, ich werde dich nie vergessen,“ sagte er.
„Aber Dankmar, du solltest doch bis zum Herbst bleiben. Was ist denn nur?“
„Ich gehe nach Hohenheim -- ich habe eine plötzliche Nachricht“ --
„Aber weshalb denn? Dankmar, so sprich doch -- du darfst doch nicht weg von uns.“
Dankmar stand schon an dem Tor, das zu den Pappeln hinausführte und zu der Landstraße. Er beugte sich zu Leonore herunter. „Niemand soll es wissen als du -- mir ist es gegangen wie jenem Kaspar Mühlfund -- sie hat mich geküßt, und nun heiratet sie den Tierarzt. Adieu, liebe Leonore, ich werde dich nie vergessen.“
Und da war er fort, der gute Kamerad. Fort war er und trug sein achtzehnjähriges Herzeleid in die Welt.
Von Dankmar Graf Kurtzen war nichts mehr da als die Erinnerung und acht Flaschen Bartwuchsmittel. Die hob Klemens pietätvoll auf, obwohl sie nicht geholfen hatten, den Tierarzt mit seinem Kaiserbart auszustechen.
Es flog ein Lindenblatt in die Lüfte. Ein Bleistift von grüner Farbe wurde zerbrochen. Von der, die den Dankmar betrogen hatte, trug man kein Memento mehr im Tabernakel. Ja, ein Lindenblatt flog in die Lüfte. Ein Bleistift von grüner Farbe wurde zerbrochen ...
* * * * *
War nicht alles wie einst? Die Kinder saßen wieder auf dem Mauergärtlein, wie ehe Dankmar, ehe Clemence kam, ehe Demetrius Tragödien aufgeführt hatte. Nur der alte Einwaldt war tot. Aber muß man eigentlich mit fünfzehn Jahren schon so viel an Tod und Unsterblichkeit denken? Es gab doch Zukünfte in blauen Fernen. Lachende, lockende Geschehnisse gab es da.
Aber als Klemens und Leonore die alten Zeiten wieder lebendig machen wollten und von Erobererzügen durch grüne Täler redeten, fanden sie, es ging nicht mehr recht, sie waren schon zu alt und weise geworden.
Da erzählte Klemens, wenn seine landwirtschaftliche Ausbildung sich in Hohenheim vollendet habe, wolle er nach Posen gehen und dort neues Land bebauen. Ja, in zwanzig Jahren konnte er ein großer Gutsbesitzer sein.
Auch Leonore wußte etwas, wahrer als grüne Jägergeschichten. Sie wollte als Schwester vom Roten Kreuz nach Afrika und dort Matrosen und Schwarze pflegen. Und dann -- einst -- auch in zwanzig Jahren, wollte sie Klemens besuchen, und sie würden in seiner Jagdstube sitzen und draußen ging der Novembersturm. Und denn erzählte Leonore, wie sie in heißen Nächten dort unten am Äquator gesessen habe, in einer Baracke voll kranker Männer, fern von der Heimat, fern -- fern -- Und hinter der Stille der Nacht hörte man die Meeresbrandung, hörte man das Heulen der Schakale.
Sie waren beide sehr gerührt von diesem Wiedersehen nach zwanzig Jahren.
Klemens mußte jetzt den ganzen Tag draußen bei der Ernte sein; den Grafen Kurtzen vermißte man doch jetzt sehr bei der Aufsicht.
Leonore war viel allein. Nun ging sie oft zu dem Heidenhügel hinter dem Dorf. Ein hoher Erdwall war es, mit alten Buchen bestanden. Und sie dachte manchmal an den Kaspar Mühlfund, der hier draußen Glück und Unglück gehabt hatte. O, sie begriff nun so viel. Die schönen Frauen aus diesem Hause, Mutter und Tochter, hatten ihre junge Liebe betrogen. Was Dankmar noch so lustig gelesen, war ihm eigenes Erleben geworden. Und Leonore lag auf den Heidengräbern und sah über die weiten Kornfelder, die sich dehnten im Sonnenbrand.
* * * * *
An den Mauern rötete sich der wilde Wein; die Grillen hatten aufgehört zu zirpen, im Garten blühten Astern, und der Wind, der über die Hochebene ging, hatte etwas sonderbar Lockendes, Schmerzliches. Da war es, daß Klemens und Leonore stumm und bedrückt miteinander im Garten standen, und mit ängstlichen Augen auf die bunten Blumen sahen -- und daß ihnen keine Abenteuer mehr einfielen und keine Erobererhistorien.
Sie sprachen nichts miteinander, und verlangten doch nacheinander. Sie gingen wortlos, und jedes erwartete vom andern ein Wort. Das kam nicht. Nur der Wind kam zu ihnen und erzählte ihnen von fernen Ländern und von weiten Geschehnissen, und sie dachten beide, wir sind ja Ausgeschlossene, ausgeschlossen von Freude und Hoffnung.
Die Gemeindeschwester ging über den Hof. Die Kinder wechselten einen Blick. Sie konnten nicht sprechen.
Droben in seiner Stube lag der Großvater auf dem Bett. Er war im Wald gefallen. Darüber hatte er erst gelacht, es sei ja nichts gebrochen, sagte er. Aber ein paar Tage später konnte er morgens nicht mehr aufstehen. Da wäre eine innere Verletzung, fand der Arzt. Und nun lag der Großvater und redete nichts mehr als: lasset mich allein. Die Großmutter saß neben seinem Bett und schwieg. Und Tante Charlotte ging mit tränenlosen Augen umher, und manchmal stand der Arzt bei ihr auf dem Korridor und sagte: „Liebes Fräulein Charlotte“ zu ihr, oder: „Sie müssen die Tapfere sein.“ Der Großvater redete nichts. Wußte er, daß er sterben mußte? Er sagte kein Wort. Aber hinter seinem müden Gesicht lag eine Trauer, die den Kindern das Herz zerriß.
Ja, das war oben in der stillen Stube, und die Kinder waren im Garten bei den Blumen.
Da bückte sich Leonore und pflückte die schönsten von den roten Astern. Sie sagte: „Ich will sie dem Großvater bringen.“ Und Klemens merkte, daß sie Tränen in den Augen hatte.
Der Junge sah starr vor sich hin. Er wollte doch ein Mann sein. Aber er und die Freundin waren dem Menschentum noch näher, als sie Mann und Weib nahe waren. Der Junge preßte heraus: „Nun muß er fort von seinem Wald, er hat ihn so sehr geliebt. Ich will ihm Eichenreiser holen.“
Leonore meinte, auch sie müsse tapfer sein, sie müsse zeigen, daß auch die Traurigkeit und die Furcht nicht Macht hatten, sie zu bezwingen. „Geh,“ sagte sie, „ich will bei der Großmutter bleiben.“
Und sie überwand eine rätselhafte und grauenvolle Scheu und ging hinein in das Zimmer, das so still, so unnennbar still war. Sie überwand die Scheu und lächelte und gab dem Großvater die Astern und gab auch eine davon der Großmutter in die bleichen, mühsamen Hände.
„Die blühen noch,“ sagte der Großvater. Das klang Leonore, als hieße es: die Blumen blühen noch und ich bin bald tot.
Sie biß sich ganz tief in die Lippen, daß sie einen scharfen Schmerz spürte, dann sagte sie: „Der Garten ist jetzt so schön. Wenn du wieder heraus kommst, Großvater, wirst du dich freuen. Alles steht voll Sonnenblumen, und die Anna sagt immer: meine Sonnenrosen sind die schönsten. Weil sie sie begossen hat, sagt sie, +meine+ Sonnenrosen.“
Leonore stockte einen Augenblick, dann redete sie weiter: „Vorgestern haben wir die Kassiopeia durch den Turm gesehen. Nachmittags um drei Uhr. Das ist doch wunderlich, noch nie ist es uns geglückt, als vorgestern. Das kommt wohl, weil jetzt die Sonne nicht mehr so nah und mächtig wirkt als im Sommer? Die Anna wollte es aber gar nicht glauben, sie sagte: da hat höchstens der Herr Klemens oben am Turm einen Lampion aufgehängt. So dumm ist die Anna. In der Schule hat sie wohl etwas von mathematischer Geographie gelernt, aber das glaubt sie nicht. Sie sagt, das wäre nur ausgedacht, daß die Kinder was zu lernen hätten.“
„Es ist wohl schon lang her, daß die Anna zur Schule ging,“ sagte der Großvater und lächelte ein klein wenig.
Der alte Mann, der wußte, daß er bald sterben mußte, lächelte ein klein wenig, weil das junge Mädchen, in dessen Augen die Angst lag, ihm zeigen wollte: da war keine Angst, da war nichts, was man fürchten müsse.
„Gestern ist die Anna vom Markt gekommen und war ganz verstört. Alles war teurer, schrie sie und tanzte dabei vor Aufregung in der Küche umher: Alles wird teurer, fünf Pfennig hab ich mehr für das Pfund Fleisch müßt geben -- die Menschen, sprech’ch, die Menschen kenn’ sich nicht mehr lang behaupten, was nicht ein Geschäfte hat, das kann bald betteln. Und Krieg gibt es -- ja, das hat mir ein sehr anständiger Mann, der mich unterwegs gefragt hat, ob er mich begleiten derfte, erzählt. Und drunten in Bayern hat man Menschen erschlagen, und Soldaten sind verhungert. Aber wie sie nun mitten im Klagen war, ist ihr eingefallen, daß sie die Karpfen aus dem Teich so teuer verkauft hat. Und da fing sie auf einmal an, Freudensprünge zu machen, und erzählte von dem Fischhändler. Der hätte ein Bassin, das wäre eine Sehenswürdigkeit. Großartig. Da schwämmen die Fische wie in einem See -- Karpfen und Forellen und Hechte, so stattlich wie Mannsleute. Da bin ich weggelaufen. Ich denke mir oft, wie es wohl in so einer Anna aussieht. Die weiß keine Zusammenhänge, obwohl sie denkt. Die nimmt lauter Bilder auf, und was sie erfassen kann, prägt sich fest -- aber dann kommt es wie Schrecken und Entsetzen über sie, wenn sie daran erinnert wird. Was ist das eigentlich für eine Fähigkeit, die uns die Zusammenhänge erkennen läßt, Großvater?“
„Weil wir den Ursachen der Geschehnisse nachgehen können, und weil wir so viel gelernt haben, daß wir an dem Bleibenden des Lebens und an der Erfahrung die Dinge messen, vergleichen und bewerten können, ist uns das Einzelereignis begreiflich und weniger belangvoll.“
Leonore dachte nach. Dann sagte sie: „So viel Furcht haben diese Menschen in sich. In ihnen spuken noch die alten Märchen und alte Geschichten von Krieg und Teuerung. Sie wissen gar nicht, daß man sich sein Schicksal machen kann.“
„Ja, woher weißt denn du das, kleine Leonore?“
„Ich meine, man muß es nur wollen.“
„Hat dir das jemand gesagt?“
Sie war verwirrt. „Nein, ich denke nur so.“
Da sagte der alte Mann zu seiner Frau: „Mir scheint, unsere kleine Leonore ist ein Fräulein geworden. Wie sie plaudern gelernt hat!“
In jedem andern Augenblick würde dieses Wort Leonore zum Verstummen gebracht haben. Jetzt dachte sie nur, der Großvater soll nicht immer glauben, daß er sterben muß. Wenn nur der Pastor nicht kommt, was kann der helfen? Der Großvater hat immer seine Sachen allein gemacht. Und alle Redefähigkeit, die sie draußen mit Frau Zeine, mit Klemens und Graf Kurtzen gehabt hatte, stellte sich ein.
Als später Klemens mit scheuen Augen kam und seine Eichenzweige brachte, fand er, daß man in der Krankenstube geradezu vergnügt war.
Leonore saß da -- sie zitterte, und Kälte stieg in ihr auf und ab, aber sie erzählte. Sie erzählte von ihren Taten und Träumen mit Klemens. Dabei kam verhalten zutage, wie sehr sie alles hier liebten, das Schloß, die Gärten, das Land, die Großeltern.
Der alte Mann, der bald sterben mußte, konnte wissen: noch in manchem fernen Jahr würden seine Enkel mit heißem Herzen an die Heimat denken, die er ihnen hatte geben können.
Und es kam, daß die Kinder sich nicht mehr fürchteten. Sie waren um den Großvater, und er wurde ihnen zu ihresgleichen. Ja, es kam, daß er selbst redete, daß er selbst zurückging in die Zeit, als er so jung gewesen war wie die Kinder. --
Der Arzt ging ab und zu. Er hatte nicht viel zu sagen. Der Großvater war so alt. An einem Abend sagte er zu den Kindern: „Kommt mir nur morgen bald, Ihr seid jetzt meine Hofkavaliere, die mich unterhalten.“
Am andern Morgen war der Großvater tot. Und die Kinder fürchteten sich nicht. Sie waren bei ihm -- und sie weinten. Es war ihnen wie eine Erlösung, daß sie weinen durften und nicht mehr gefaßt und tapfer sein mußten.
Draußen im Garten blühten noch immer die Blumen. In grellen, fröhlichen Farben standen sie da bestrahlt von der Herbstsonne. Die Kinder gingen nebeneinander -- und holten Blumen für den Großvater. Leonore sagte: „daß es alles nicht mehr sein kann, das ist“ -- sie wandte sich ab. Sie sah nicht, daß in den Zügen des Freundes ein Kummer lag, der ihr galt.
Klemens wußte -- sein Vater, der gekommen war, hatte es ihm gesagt -- bald nach dem Großvater würden auch Leonore und sie alle von Kapellendorf fortgehen -- freilich einen andern Weg. --
Der Großvater wurde begraben -- in heimatlicher Erde bestattet, in heimatlicher Erde, die Kinder und Enkeln teuer bleiben wird, sagte der Pfarrer. Er war ein Freund des Großvaters, von weit hergekommen.
II.
An der Fossa Carolina.
Der Abschied von Kapellendorf wurde Leonore unsagbar schwer. Diese wehe Bitternis, die Stätte der ersten Jugend verlassen zu müssen:
Hier läuteten in jedem jungen Jahr die Osterglocken Dir froh das hohe Fest des Frühlings ein. Hier warst in jedem jungen Jahr du bald erschrocken Von allem Blumenglück am Waldesrain.
Du taumeltest gleich einem trunk’nen Falter Durch Maienpracht, durch Maiennacht; Du träumtest von dem ew’gen Erhalter, Der Pan heißt, dem dein Herz erwacht.
Hier grüßt dich nun der Herbst, baut gold’ne Brücken Von der geliebten Erde auf zum Himmelsrand. Hier grüßt dich wie ein letztes, jubelndes Entzücken Das Bild der Heimat, deiner Jugend Land.
Und du mußt geh’n. Kein Abschied ist so schwer Als der des jungen Herzens von der Heimaterde -- Nimmermehr, nimmermehr, Was einst dir ewig währte.
Alles dir teuer -- jeder Meilenstein im Lande, Der Busch im Feld, der Eichenknick, Durch tausend Bande An dich gefesselt, bleibt es nun zurück.
Alles dir teuer, in dem alten Haus Das letzte Fenster, alles konnte zu dir sprechen, Nur du mußt geh’n -- du mußt hinaus In fernes Land und fühlst, dir wird dein Herz zerbrechen.
* * * * *
Im Kronengarten wohnten sie nun. Das war ein altes Haus, am Hügel gelegen, vor dem Tor der Stadt, unter den Mauern und Türmen der Ruine von Pappenheim.
Ach, sie war nicht Kapellendorf. Der Saal mit alten Büchern und Bildern war nicht der Saal von Kapellendorf. Das weitläufige Haus schien Leonore klein -- die Möbel aus Kapellendorf kamen ihr vor wie im Exil. Alles war anders. Hügel schlossen die Landschaft ein. Schlossen sie ein wie Grabesmauern. Sie war den Blick in weite Fernen gewohnt. Hinter dem Ettersberg war die Sonne untergegangen; vom Ettersberg herüber hatte ein weißes Schloß durch die Dämmerungen geleuchtet. Ueber weite, weite Felder war der Herbstwind gekommen -- wie ein Lied der Ewigkeit. Hier zankte er nur mit der Wetterfahne auf dem Römerturm.
Die hülflose Qual heimatloser Nächte -- diese grauen, kalten Morgen, die das Unvertraute noch böser machten. Tatenlose Tage. Alles, was man tut, ist ja nur ein Abfall. Sich einrichten, sich einleben, alles ist nur ein Abfall.
So merkwürdig leicht fanden sich die Großmutter und ihre Tochter in das Neue. Sie schlossen sich an den Schwiegersohn, Klemens’ Vater an. Er war lange schon verwitwet und nun froh, wieder sorgende Frauen um sich zu haben. Jeden Tag sprachen sie es aus. Und sie lebten für ihn, als wäre der Großvater schon ganz vergessen. Er hatte auch ähnliche Gewohnheiten wie dieser, das kam wohl von demselben Beruf.
Die Großmutter fühlte sich hier wohl. Sie stammte aus dem Städtchen. Sie war einfach dorthin zurückgekehrt, wo sie den Ausgang genommen hatte. Und wie so viele alte Menschen, schien sie auch innerlich sich zurückzuneigen, zurückzugehen zu dem, was ihre Jugend gewesen war. Der Großmutter war alles hier heimisch. Die Menschen, ihre Sprache, das Haus, der Garten.
Im Garten stand ein altes Steinhaus ganz schief über der Mauer. Fast schien es, als hielten es nur die Arme blutroten Weins vor dem Hinabstürzen. Drunten im Tal floß ein träger, mühseliger Fluß.
In Kapellendorf war der wilde Wein lieberot gewesen. Die stillen Wasser waren herangekommen bis zu den Mauern. Von Kapellendorf aus ging man jetzt in die Wälder, die reifen Beeren des Wachholders zu sammeln. Und jetzt hörte man in Kapellendorf die Windmühle oben von der Höhe her rauschen, immerzu, Stunde für Stunde, weil ihr der Novembersturm, der über das Land brauste, keine Rast ließ. Und bald konnte man in Kapellendorf auf den Schloßgräben Schlittschuh laufen und über die weite Flur im Schlitten dahinjagen.
Hier kam nur der tote Winter.
Leonore ging durch das öde Land. Stumpf und traurig, im Gefühl des Verlassenseins, im Gefühl unwiederbringlichen Verlustes ging sie. -- Aber schon war es, daß dieser Schmerz ihr das einzige Gute schien, das sie besaß. Dieser Schmerz um die verlorene Heimat, der ihr noch immer die Tränen in die Augen trieb, wenn sie allein war. Sie ging und wußte nicht einmal, daß sie weinte.
Da kam durch die Lindenallee eine junge Dame auf Leonore zu. Diese Fremde war schon öfters bei der Großmutter gewesen. Sie hatte eine tiefe, weiche Stimme und wirres, dunkles Haar. Sie wohnte ganz allein in der Stadt in einem ererbten Hause.
Leonore gedachte, sich zu verkriechen. Aber schon begrüßte sie Fräulein Reisland. „Sie sollten nicht so allein gehen, Leonore,“ sagte sie, „ich begleite Sie ein wenig.“
Leonore genierte sich. Sie hatte bunte Handschuhe an, die man Tigerpfoten nannte, und die Dame wildlederne. Ja, fast der alten Sackjacke aus Kapellendorf schämte sich Leonore.
„Wohin wollen Sie denn gehen?“
„Ich wollte nur ein wenig hinaus -- ich weiß nicht wohin -- es ist alles so grau und trübe hier“, antwortete Leonore.
„Sie haben immer noch Heimweh, Kind? und Sie wissen doch, wenn Sie einmal erwachsen sind, können Sie wieder in die alte Heimat kommen.“
„Jetzt“ -- sagte Leonore nur.
„Ja, jetzt leben Sie hier. Jetzt müssen Sie es überwinden. Ich weiß ein Wort, das hilft ein wenig, soll ich es Ihnen sagen?“
Leonore nickte.
„Es ist ein kleines Gedicht. Es heißt:
Weiche, lieber Schatten, weiche, Störe nicht des Tages Leben. Ist dir doch der Traum ergeben, Daß dein Bild mir nicht erbleiche.[1]
[1] Von Margarete v. Bülow.
Verstehen Sie, Leonore: was wir lieben, das behalten wir immer. Es ist unser zweites Leben im Traum. Wir müssen nur die Kraft erringen, auch etwas Neues zu erobern.“
„Ich habe das Gedicht nicht ganz merken können. Würden Sie es mir noch einmal sagen?“
Und die Dame wiederholte diese sanften, zärtlichen Worte der Abwehr eines geliebten Bildes:
Weiche, lieber Schatten, weiche ...
Leonore dachte: da war jemand, der hatte etwas so lieb gehabt und mußte doch den Schmerz überleben. Sie ging neben Fräulein Reisland her und zermarterte sich den Kopf, was sie wohl sprechen sollte. Aber die Dame redete schon von selbst.
„Alles ist jetzt düster und trübe. Aber warten Sie nur, Leonore, Sie werden es noch erleben, daß in Franken die Veilchen gerade so blau sind wie in Thüringen, und oben, auf dem Plateau, das die Römerstraße durchzieht, gibt es weite, weite Kornfelder. Durch den Winter müssen Sie eben nun sich kämpfen. Sie sind doch ein tapferes, kleines Mädchen. --“