Kapellendorf

Part 2

Chapter 23,715 wordsPublic domain

Rührend und schrecklich schön umgab das Lied die Cousine, die in Seidenkleidern von seltsam verblaßten Farben durch die Gärten und den Schloßhof von Kapellendorf ging, als wandelte sie zwischen Zypressen und steinernen Malen über ein heiliges Feld --

Da stand der Normannenturm. Leonore hatte sich unterrichtet. Die Kelten, dieses Volk, dessen Heidenaltäre noch heute aus der Erde ragen, dieses Volk, dem die Mistel heilig war und das seltsame Formeln für eine große Trauer hatte, war von der Normandie und der Bretagne aus herüber nach England gekommen, hatte die dänische Herrschaft zerbrochen und seine Wahrzeichen aufgerichtet: die Normannentürme. Leonore war glücklich, so fühlte sich die Cousine doch nicht ganz einsam hier. Leonore wagte kaum ein Wort an die Cousine. Ein Lindenblatt, das sie einmal hatte fallen lassen, lag in Leonores Tabernakel, nebst einem Bleistift von grüner Farbe, den ihr die Cousine erst geliehen, sodann geschenkt hatte.

„Warum ist denn Eure Cousine so still und traurig?“ fragte Dankmar Kurtzen.

Klemens antwortete, sie sei wohl zu stolz, um mit Unerwachsenen zu reden.

O, machte Leonore, und das drückte aus: Ihr könnt sie nie verstehen -- ich allein weiß -- --

„Heimweh kann es nicht sein,“ meinte Kurtzen, „sie war ja ein Jahr in Leipzig mit dem Herrn Warren. Da hat sie sich sehr gut amüsiert.“

Wie -- die Cousine -- die Cousine, durch deren Herz die Melancholie einer sozusagen historischen Trauer zog, hatte sich in Leipzig a--a--müsiert? -- „Wer sagt denn das, Dankmar?“

„Sie selbst.“

Wohl, sie hatte sich amüsiert. Sie wußte nicht, was das Wort hieß -- sie wollte sagen, Leipzig ist eine ganz nette Stadt, sie wollte niemand kränken. -- „Du, Dankmar, du könntest ihr doch ein wenig den Hof machen. So -- so wie ein Page, das ist doch -- das muß doch eigentlich sein.“

Kurtzen lachte laut. „Herrgott, was hast du doch für ein Stilgefühl, Leonore. Du hast übrigens recht, das gehört sich. Ich will’s mal tun.“

„Ja,“ sagte Leonore langsam, „sie kommt aus einem Land, in dem auf den Burgen --“

Leonore konnte nicht ausdrücken, wie sie sich das Leben der Clemence vorstellte -- denn das nie Erlebte geschah, die Cousine kam in das Mauergärtlein um die Kemenate.

Leonore errötete, als die Cousine erschien. Kurtzen sprang auf. Nur Klemens behielt einen schönen Gleichmut.

„O mein gnädigstes Fräulein, welche Freude --“

„Ich wußte nicht, daß Sie hier Ihren geheimen Platz haben!“ sagte Clemence und lächelte ein wenig.

Das Lächeln entflammte Leonore. Sie sagte: „Hier sieht man weit über das Land, und dort steht der Normannenturm. Wir sind oft des Abends da --“

„Ja, man sieht weit,“ fand Clemence, und sie setzte sich auf einen Mauerrand. „Man sagt immer, in Deutschland wird so viel gesungen. Hier höre ich nie jemand singen, warum tun Sie es nicht?“

„Weil wir darauf warten, daß Sie es tun möchten, gnädiges Fräulein.“

Was Dankmar sich traute. Leonore hätte es nie über die Lippen gebracht, und er sagte es in aller Ruhe.

„O, ich habe nur eine kleine Stimme. Verstehen Sie ein englisches Lied?“

„Nein, gnädiges Fräulein. Aber hören, mitempfinden kann ich es wohl.“

„Dann will ich lieber ein deutsches Lied singen, das ich von meiner Mutter weiß. Sie kennen es wohl, denn es ist von hier.“

Nein, niemand kannte, was Clemence sang:

Mein Land liegt still, und hinter den Eichen, Die unsere Liebe sah’n, versinkt im Schweigen Mein letzter Tag. Führe mich du, Führe mich du, die ich einst gekannt Mit sanfter Hand Zur letzten Ruh.

Führe mich du Durch Nacht und Traum In unserer Jugend Land zurück. Gib mir den letzten, letzten Blick, Gib mir die Hände, Wir wissen’s kaum, Was einst uns trennte.

Führe mich du, Führe mich du, die ich einst geliebt, Zu jener Ruhe, die kein Schmerz mehr trübt. Führe mich du, Führe mich du.

Es war eine leise, klagende Melodie, die sich hinzog wie ein Volkslied, das weit und schwermütig sich dehnt wie die weiten Wiesen im Abendscheine -- eine kunstlose Melodie, die sich bei dem letzten „Führe mich du“ erhob und in Sehnsucht stehen zu bleiben schien, und die Wiederholung wie ein vertieftes, verklingendes Echo gab.

Nie hätte Leonore vor halbfremden Menschen so gesungen. Nie hätte Leonore ihre Stimme vor Menschen weinen lassen. Aber sie liebte die Cousine. Sie dachte sich nichts dabei, daß die Cousine den Grafen Kurtzen aufforderte, mit ihr ins Zimmer zu gehen und sie auf dem Klavier zu begleiten.

Für Leonore und Klemens war keine Aufforderung erlassen. Leonore saß still und dachte an ferne Dinge. Klemens aber plauderte: „Das Lied ist natürlich von dem Studenten. Wenn ich doch seinen Namen wüßte. Er war ein Findelkind -- sie nannten ihn Mühlfund, weil man ihn droben neben der alten Windmühle ausgesetzt fand. Der Vater meinte, er wird seinen Namen später geändert haben.“

Was kümmerte das Leonore. Sie dachte nur: die Cousine ist unglücklich -- sie hat etwas Schweres erlebt -- ein Schicksal. Und sie ist so schön.

* * * * *

Leonore hatte gerade mit dem alten Einwaldt eine wichtige Unterredung über Tod und Unsterblichkeit gehabt und kam angeregt und ein wenig eilig über die Gemüsegärten nach dem Schlosse zu. Man brauchte nicht zu wissen, wo sie gewesen war -- es könnte die Großeltern kränken, denn sie hielten den alten Einwaldt für einen Spötter. Diese Meinung wollte Leonore gewiß bald berichtigen, aber vorerst ging sie doch zu dem alten Einwaldt wie Nikodemus zum Herrn.

Sie kam an der Gartenfrau vorüber, die raufte das Unkraut auf den Gemüsebeeten aus. Dabei seufzte sie so vernehmlich, daß Leonore stehen blieb und sagte: „Ja, Frau Zeine, was haben Sie denn?“

Frau Zeine war eine echte Thüringerin, darum hatte sie das Bedürfnis, es mit Gesten und Seufzen kundzutun, daß sie ein Kummer drücke. Das kannte Leonore an den Leuten. Aber Frau Zeine war sonst eine freundliche Frau, die den Kopf oben behielt, und so fragte Leonore noch einmal.

Frau Zeine rang sichtlich mit Entschlüssen. Sie warf die Unkrautstauden leidenschaftlich heftig nach dem Haufen, zog ihr Kopftuch zurecht, richtete sich auf und sah Leonore an.

„Nun, was ist es denn?“

Frau Zeine sprach: „Ich muß mei Herze erleichtern. Wenn ich so die Arde hacke, sprach ich for mich, die Leite habens in Mitteln, die kenn was tun. Sprach ich for mich, was die alten Leite sin, die derfen das nicht erfahren. Hat doch ihr Herze an den seligen Freilein, was nune gestor’m is, gehang. Das fremde Freilein verstaht unsereens nich, wo die zu Hause is, da kenn sie nich ordentlich sprache. Und was der Herr Klemens is, so is er e Spaßvogel, immer voll Bossen. Mit denn kann’ch nichts Arnsthaftes sprache. Das Freilein Leonore hat e Herze für unsereens, zu der kunnt’ch sprache, aber sie is so jung, joe -- ich waß nich --“

Frau Zeine hielt inne und sah ratlos auf Leonore. Leonore aber sah ratlos auf Frau Zeine. „Ich verstehe nicht recht, Frau Zeine, was wollen Sie mir denn sagen?“

„Ich waß nicht, ich ferchte, Sie sin zu jung da derfier.“

Leonore machte eine Geste. Diese Bewegung drückte aus: ich kenne das Leben. Ich weiß alles. Ich bin jung, ja -- ich bin deshalb dazu vorhanden, die Großeltern und die Cousine zu schützen. „Nun reden Sie ordentlich, Frau Zeine. Was haben Sie?“

„Ich ho nichts. Aber ich bin doch der Milda seine leibliche Tante. -- Ach, was sich das Mächen härmt, das is nicht zu sprachen.“

„O die Milda? Was fehlt denn der Milda?“

„A Hamführer fehlt der Milda,“ sagte Frau Zeine mit Entschluß.

Leonore setzte sich auf den Rain. Sie lachte. „Auf einen Heimführer kann sie mit ihren siebzehn Jahren schon noch warten.“

Die Zeine richtete sich gerade auf. „Der Milda hat ma ein Malöhr angetan, der Milda hat ma ihr Kränzche genumme, die Milda kummt in Schimpf und Schande.“

Leonore mißfiel diese Offenbarung sehr. „Davon will ich nichts wissen, davon schweigen Sie nur.“

„Hätt’ch schune. Aber wo es der Herr Onkel aus den Auslande is -- da därf ich sprache.“

„Mein Onkel?“

„Ich schweere. So wahr ein Gott im Himmel lebt, joe!“

„Ist das wahr?“

„Ich schweere.“

„Warten Sie, Frau Zeine, ich schicke Ihnen meinen Vetter. Das sind Männerangelegenheiten.“

„Ja, leider Gott’s,“ sprach Frau Zeine und begann wieder die Erde zu hacken.

Leonore durchquerte den Gemüsegarten, die Straße, den Ökonomiehof. Klemens war gerade beim Heuabladen. Sie rief ihn an: „Klemens, geh in den Garten zu der Zeine. Und dann komm zu mir ins Mauergärtlein. Geh rasch, ~c’est une affaire bien terrible~.“

„Mit der Zeine?“

„Ja, mit der Zeine.“

Klemens sah in Leonores verstörtes Gesicht. „Ja, ich komme dann gleich zu dir in den Garten --“

Dort wartete Leonore. Das sind Männerangelegenheiten, hatte sie zu der Zeine gesagt -- sie wußte nicht, woher ihr das Wort eingefallen war. Sie dachte flüchtig: über so etwas redet man doch nicht mit einem Jungen. Doch nein -- die Großeltern, die durften das nicht erfahren.

Klemens kam. „Du weißt wohl, was es ist?“

„Ja, die Zeine schwört, es sei wahr.“

Klemens sagte: „Ich werde an den Onkel schreiben. Die Zeine bringt morgen einen Brief von der Milda, denn die weiß nicht, wo sich der Mann aufhält. Ich will es einmal niederschreiben, was ihm zu sagen ist.“ Klemens Steingruben kritzelte in seinem Taschenbuch; Leonore wartete in Geduld.

„Ich übersende hiermit ein Schreiben, das mir anvertraut wurde. Ich hoffe trotz allem, was vorgefallen ist, daß jemand, der mit meiner Familie verwandt ist (wenn auch nicht wirklich), sich als Gentleman benehmen wird. Ich erwarte das, um wieder mit Achtung sein zu können

Ihr Verwandter

Klemens Steingruben.

~P. S.~ Ich sorge dafür, daß weder die Großeltern noch die verehrte Cousine von dieser undiskutierbaren Affäre erfahren.“

Diese Zuschrift bekam Leonore zu lesen. „Sehr gewandt hast du dich ausgedrückt, Klemens.“

„Ja, nun müssen wir eben abwarten.“

Was sie von dem Onkel erwarteten, ahnten sie nicht recht. Jedenfalls aber eine Tat. Über seine erste verloren sie kein Wort. Nur war es ausgemacht, bis die Erwiderung des Onkels eintraf, mußte man dafür sorgen, daß kein Gerücht ins Haus kam. Frau Zeine schwor, die einzige Mitwisserin „seiner Milda“ zu sein -- und „seine Milda farchte den Vater wie das Feier“.

Leonore wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Sie hatte eine alte Nähdecke hervorgezogen. Gut, da saß Leonore und nähte. Die Großmutter, Charlottchen, die Cousine, sie durfte man als geborgen vor gräßlichen Mitteilungen erachten. Der Großvater ging wohl einmal in den Wald; aber da war keine Sorge. Dem Oberförster nahte sich keine Zeine, keine Milda, kein Ungefragter. Klemens besorgte den Außendienst, den er sehr wichtig nahm, obwohl man nicht recht klar wußte, worin er bestand. Wenn um fünf Uhr nachmittags Leonore zur Posthilfsstelle ging, die Sachen abzuholen, fand er sich ein und wich und wankte nicht.

Es war ja schlimm, aber Opfer mußten gebracht werden. Leonore und Klemens konnten nicht mehr des Abends in das Mauergärtlein und von herrlichen Zukünften reden. Dafür ging jetzt Dankmar zur Zeit der Dämmerung mit der Cousine Clemence ins Freie. Wunderlich blieb es, daß er seine Freunde nie fragte, warum sie nicht mitkämen.

Tage voll der äußersten Spannung vergingen. Leonore befand sich zu jeder Poststunde im Posthause bei dem ehemaligen „Freund“ Arno Heyne und wartete der Dinge, die dem Postsack entsteigen sollten.

Indessen kam nie ein Brief, der den Verwandten die Achtung vor dem Onkel wiedergab, sondern eines Sommertages ging Milda Wolgezogen, umgeben von Linda und Lydia, geführt von Herrn Wolgezogen über die Flur hin nach Kötschau -- nach Groß-Schwabhausen.

„Sie macht nach Leipzig in eine feine Stelle. Der Herr Onkel hat sie ihr verschafft. Achtzig Dahler -- joe, da muß ma zugreifen, sprech’ ich,“ sagte Herr Wolgezogen.

Milda schwieg und sah an Leonore vorüber.

Eine solche Lösung war in jedem Sinne unbefriedigend. Leonore dachte an ein zweites Schreiben. Doch fand Klemens, bei aller Humanität könne man Milda nicht gänzlich freisprechen. Immerhin, sozusagen, wäre es Milda möglich gewesen, dieser Sache zu entgehen. Selbstverständlich -- den Onkel würde man nur mehr Sie nennen und Herr Warren, und überhaupt aus seiner Mißachtung kein Hehl machen. Hoffentlich aber sah man ihn in diesem Erdendasein nicht wieder.

Wenn die Tragödie der Milda Wolgezogen einen in jedem Sinn unbefriedigenden Ausgang genommen hatte, so traten jetzt in Kapellendorf Zustände ein, welche die Lust an Tragödien gänzlich zu befriedigen imstande waren. Es erschien eines Tages ein Mann namens Demetrius Schrutz, ein man konnte sagen in jeder Beziehung wohlgebildeter Mann, der das Kätchen von Heilbronn für die moderne Bühne bearbeitet hatte und auf vielen Bänden als Verfasser stand.

Wenn Leonore und ihre Freunde vielleicht geglaubt hatten, daß Verfasser von so viel Büchern herrlich und in Freuden lebten, so entriß sie Demetrius Schrutz diesem Wahne. Denn Demetrius Schrutz hatte eine Gefolgschaft von sehr ärmlichen Personen und gedachte mit diesen in Kapellendorf ohne Rücksicht auf den nahen Wettbewerb der Weimarer Hofbühne ein Sommertheater zu errichten. Demetrius besaß auch eine schöne Frau und ein kleines Kind. Diese waren, wie er selbst, mit Geschmack, ja mit Genie gekleidet, und wenn Demetrius nur Stücke für zwei Personen aufgeführt hätte, würde Herrliches zu erwarten gewesen sein. Indessen -- auch die ärmliche Gefolgschaft tat mit. Sie bestand aus einer sentimentalischen Liebhaberin für verzweifelte Fälle, welche taub war und die rührenden Augen der Tauben hatte. Ein verwitterter junger Liebhaber war bereit, Marquis, Grafen, Hausbesitzer, Lebemänner und Intriganten darzustellen, ein jugendlicher Held übte sich einstweilen im Ausfahren des Demetriusschen Kindes. Der Komiker der Truppe hatte sechzig Jahre hindurch Zeit gehabt, den Humor des Lebens auszukosten, und litt an der Gicht. Es gab noch ein Wesen mit einem bleichen Kartoffelgesicht, das man stets häkelnd sah, und endlich fehlte nicht die „Anstandsdame und das Fach der Mütter,“ Frau Margarete Wachenhusen, geborene Freiin von Blumauer, Enkelin eines Grafen aus altfranzösischem Geschlecht, ja aus dem königlichen Blut der Valois oder Bourbonen, genau wußte sie es nicht mehr.

Sie war es, die der Stimme ihrer Herkunft folgend, in Kapellendorf das +Schloß+ aufgesucht hatte. Das heißt, Waldhüters im Erdgeschoß vermieteten einen melancholischen Raum an diese darstellende Künstlerin, die mit wenig Gepäck und großer Beredsamkeit eingezogen war.

Die geborene Freiin von Blumauer, durch Mesalliance zu einer Frau Wachenhusen geworden, hatte zwischen Treppe und Türangel der Frau Oberförster Wolfferstorff einen Antrittsbesuch abgestattet, ihre Lebensgeschichte erzählt und um ein wenig altes Leinen gebeten, zur Vervollkommnung ihres Kostüms als Grillparzers Ahnfrau. Zugleich bot sie drei Sperrsitze an, und ehe Frau Wolfferstorff noch Einsprüche erheben konnte oder nur eine Ansicht äußern, war die geborene von Blumauer nebst der Leinwand unter Zurücklassung von drei fettigen Pappstückchen verschwunden.

Im Wohnzimmer wurde beredet. War nicht die Ahnfrau ein klassisches Stück? War nicht ihre Darstellerin eine geborene Freiin von Blumauer? Sah man etwa täglich den Adel für die Öffentlichkeit Theater spielen?

Nein, wenn Charlottchen schon Schaubühnen dieser Art nicht liebte, Leonore und Klemens konnten ja dies eine Mal hin. Der lieben Enkelin Clemence dürfte man natürlich die dritte Pappkarte nicht anbieten? Aber Fräulein Clemence wollte nichts außer acht lassen, was sie in der deutschen Sprache vervollkommnen konnte. Damit die Großeltern aber doch auch etwas von dem Genuß hätten, lief Leonore in die Bibliothek und holte den Band Grillparzer mit der Ahnfrau, um sie vorzulesen.

Dann ging man endlich ins Theater. In der zur Zeit noch leeren Scheuer des obern Gasthauses hatten unter der Direktion von Demetrius der Komiker, welcher seit sechzig Jahren den Humor des Lebens studierte, der zu allem brauchbare Jüngling, der verwitterte Liebhaber und ein Zimmermann aus dem Ort die Bühne errichtet. Mehrere Petroleumlampen verbreiteten einen gar übeln Geruch, so daß es vorläufig draußen an der Kasse, die unter einem blühenden Lindenbaum stand, ein angenehmerer Aufenthalt war.

Der Graf Kurtzen bot der schönen Clemence den Arm. Er sagte einen Satz, den er sicher irgendwo gelesen hatte: „Zwar ist diese Anhöhe mit dem Lindenbaum und der Scheuer nicht der heilige Hügel von Baireuth, aber Ihre Anwesenheit, mein allergnädigstes Fräulein, erhebt ihn über alle Gralsburgen.“

Dies sagte der achtzehnjährige, pausbackige Graf Dankmar ungefähr so, wie Kinder reden, wenn sie Erwachsene spielen. Die Cousine Clemence aber errötete, und als nun das Zeichen zum Anfang gegeben wurde, schritt sie voll Würde an Kurtzens Arm in den Saal.

Da stand eine Reihe von Holzstühlen, dicht vor den Petroleumlampen der Rampe, das waren die Sperrsitze, und wer sich darauf befand, brauchte nur zwei Schritte zu machen, dann war er mitten unter den Schauspielern. Leonore und Klemens unterhielten sich zunächst damit, daß sie sich umwandten und auf die Ränge hinter sich sahen. Da waren die Frau Lehrer, die Frau Gutsverwalter usw., und im Dämmer des Saales verschwindend die Freundinnen und Freunde Leonores aus der Schule; auch einige Burschen und Männer.

Nun setzte die Ouvertüre ein. Das heißt, der Jüngling, der zu allem brauchbar war, saß zur Seite der Bühne auf einer großen Theaterkiste und blies auf einer Okarina grell und schwermütig das Lied an den Abendstern. Niemand von den Zuhörern wußte das recht zu würdigen. Wenn man auf der in ~A-dur~ gestimmten Okarina ein Stück in einer andern Tonart spielen muß, so gehört dazu ein Raffinement. Es ist eine Leistung, die nur wenige schätzen können. Als das Lied an den Abendstern aus war, erfolgte eine lange Pause. Es galt nun, zu warten, ob nicht noch jemand käme. Und wirklich, das Warten wurde belohnt. Der Tierarzt aus Weimar, dem es nicht darauf ankam, durch eine Nacht heimwärts zu wandeln, wollte sich nach einer an einer Kuh vollzogenen Operation noch dem Erhabenen hingeben und nahm einen Sperrsitz ein, den Platz neben Leonore.

Sogleich ertönte eine neue Ouvertüre. Da ein Herr gekommen war, der lustig aussah, spielte der junge Mann munter und vergnügt Lützows wilde, verwegene Jagd. Der Tierarzt bezog die Ovation sogleich auf sich. Und beim zweiten Vers sang er herzhaft in einem wohlgeschulten Männergesangsbariton den Text mit.

Leonore mußte wider Willen lachen, und der wohlbekannte Tierarzt meinte, eigentlich müßten die Leute draußen um den Baum spielen, die Preziosa zum Beispiel und dazu Okarina blasen. Ob Fräulein Leonore das gefiele? Ja, dann konnte man es sich mal leisten. Wie? Ja gewiß, wenn Fräulein Leonore nur wolle.

Leonore erschrak vor den Anträgen des Tierarztes. Was würden die Damen zu Hause sagen, wenn sie den Tierarzt zu solchen Exzessen veranlaßte?

Demetrius fürchtete unterdessen, der Herr auf dem Sperrsitz möchte der Kunst Thaliens noch weiter Konkurrenz durch die Kunst des Gesanges machen, und da es nun schon eine halbe Stunde über der festgesetzten Zeit war, ging der Vorhang auf. Leonore fand nicht sogleich Zusammenhänge zwischen dem gelesenen und dem dargestellten Stück. Doch war im weitern Verlauf des Abends noch einige Ähnlichkeit zu finden. Es schien dann alles sehr rührend, obzwar die Taube mit den schmerzlichen Augen einen Räuber vorstellen mußte und das Auftreten der geborenen von Blumauer sehr kurz war.

In den Pausen ging man um den Lindenbaum, der Tierarzt folgte Kurtzens Beispiel und bot Leonore den Arm. Sie dachte: muß ich schon ein Frauenzimmer vorstellen, so will ich es auch richtig machen; und der Tierarzt staunte über die verwegene Konversation, die Fräulein Wolfferstorff hervorbrachte.

Sie erzählte ihm von der gebotenen Freiin von Blumauer, daß diese ein Bastard von Orleans sei, wie sie sagte, daß Demetrius Schrutz ein Genie wäre, das nur zum Vergnügen mit einer so elenden Truppe zöge.

Der erschrockene Tierarzt kaute noch an dem Bastard von Orleans. Er wußte nicht, daß Leonore darunter das Ergebnis einer Mesalliance verstand. Doch nach und nach begann er zu ahnen, daß Leonore ihn nicht in unaussprechbare Dinge hatte einweihen wollen.

Als die Vorstellung aus war, bat er den Direktor heraus. Jaromir-Demetrius sah freundlich auf den wohlgekleideten Gönner. „Mein Herr,“ sagte der Tierarzt, „Ihr Spiel entzückt uns. Daß Graf Kurtzen getreu der Tradition seines hohen Hauses ein eifriger Beschützer der freien Künste ist, dürfte Ihnen bekannt sein. (Demetrius verbeugte sich vor dem errötenden Dankmar). Miß Warren, der vorgestellt zu werden Sie hiermit die Ehre haben, wünscht ein Stück deutscher Romantik zu sehen. Fräulein Wolfferstorff fände es sehr hübsch, wenn das im Freien dargestellt würde. Die Preziosa verstehen Sie. Also, wenn es Ihnen gefällig ist, kommen Sie in die Schenke zu einer Flasche Wein nachher -- ich begleite nur erst die Damen heim, dann besprechen wir das Geschäftliche.“

Wohl, Demetrius würde in die Schenke kommen. Das weimarsche Land hielt seine Tradition, es war den Künsten ein Gönner.

Leonore besann sich ängstlich, wie sie den Doktor Zorn, den Tierarzt, von diesem Aufsehen erregenden Plan abbringen konnte. Aber die Cousine Clemence kam ihr zuvor: „Es ist ein charmanter Plan, Herr Doktor,“ sagte sie eifrig. „Ich freue mich sehr, sehr.“ Leonore wunderte sich; sie hatte gar nicht gewußt, daß die beiden einander kannten.

Der Tierarzt bot Clemence den Arm, nun hatte Leonore ihre beiden Freunde wieder.

Kurtzen fragte: „Du, Leonore, hast du auch dem Tierarzt gesagt, daß er deiner Cousine den Hof machen soll?“

„Aber Dankmar -- einem Fremden! Ich bitte dich. Du gehörst doch zu uns, und wir kennen einander. Der Tierarzt ist aber erwachsen, der tut es von selbst.“

„Es ist nicht schicklich, ohne weiteres einer Dame den Arm zu bieten. Der Bursche nimmt sich Frechheiten heraus,“ sagte Graf Kurtzen.

„Aber du hast es doch auch getan, Dankmar?“

„Das ist etwas ganz anderes -- ich bin mit euch allen befreundet.“ --

Am andern Tag erschien der Tierarzt im Schloß. In ~full dress~ erschien der Tierarzt, im schönsten ~five o’clook tea~-Rock -- man mußte unwillkürlich in Modeworten denken, wenn man ihn so ansah. Der Tierarzt erfüllte das Zimmer mit Lustigkeit und Lachen. Auch roch er nach Chypre. Und Clemence wurde angesteckt von der Heiterkeit des Tierarztes. Sie roch nach ~White rose~. Dieser Zusammenklang von Düften erweckte in Leonore ein unbestimmtes Mißtrauen.

„Ich hoffe, das gnädige Fräulein unterstützt meine Bitte,“ sagte der Tierarzt und machte zu Leonores Ergötzen im Sitzen nach vier Seiten hin kleine Verbeugungen. „Es ist, wir wollen durch die hiesigen Schauspieler die Preziosa von Pius Alexander Wolff mit der Musik von Karl Maria von Weber aufführen lassen. Ich habe schon alles geordnet. Nun wäre meine Bitte: Kein geeigneterer Platz dürfte sich finden, als unten der Schloßhof. Die Bäume, die alten Mauern, alles ist vortrefflich geeignet. Wir würden wegen der Feuersgefahr von Pechfackeln absehen. Wir würden --“

Die Anwesenden hörten noch vieles. Alles war schon fertig bedacht. Der Oberförster hatte noch kein Wort sagen können, da stand schon die bisher so stille und scheue Clemence neben ihm und legte ihre Lilienhand auf seinen Rockärmel. „Bitte, bitte, nicht nein sagen, Großpapachen?“

Leonore mißfiel diese Schelmerei aus Modejournalen. Doch der Großvater war von solchen Tönen, welche die schöne Enkelin noch nie angeschlagen hatte, ganz verblüfft. „Macht dir denn das so viel Spaß, Kind?“

Hierauf erwiderte Clemence: „Du hast es erlaubt, Großpapachen. Du bist der netteste Großpapa von der Welt.“

Gut -- also die Preziosa würde im Schloßhof aufgeführt werden. Auch das würde ja mit der Zeit und Gottes Hülfe einmal überstanden sein, sagte der Großvater, der kein Freund von in Flitter gekleideter Armut war. --