Junge Triebe: Roman

Part 10

Chapter 103,571 wordsPublic domain

Fritz geht mit der Schwester durch den Wald, und aus tausend Erinnerungen weht Kindheit und Heimatsgefühl: hier stand die Zwergenhütte, und das hier war Falkos Stall -- weißt du noch? In beiden erwacht die Lust, alles Wissen abzutun, wieder gläubig zu spielen. Doch scheue Verlegenheit hält sie ab. Sie sind erwachsen! --

Wieder empfindet Fritz quälend den Abschnitt in seinem Leben. Vorbei die Kindheit -- und war so kurz, kaum gelebt. Vorbei das unbefangene Hinnehmen; nun steht das Leben da und fordert ein Tun, ein Wollen zumindest. „Was bin ich und was soll ich?“ Die alte Frage hat plötzlich schreckhaft neuen Sinn. Die Bäume rauschen Antwort. Doch der Junge versteht ihre Sprache nicht.

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Immer häufiger beginnt der Vater von seinem nahen Ende zu sprechen. Zwar ist er unverändert rüstig, und dem straffen, aufrechten Körper merkt niemand die vollen siebzig Jahre an. Noch waidwerkt er ungehemmt auf den Brunfthirsch in steilen Waldbergen, keine Frühpirsch, kein Nachtansitz, keine winterliche Treibjagd wird ihm zu sauer. Vielleicht ist es nur eine Redensart, um von den Zuhörern immer wieder die Versicherung zu erhalten, wie so gar kein Anlaß zu solcher Befürchtung gegeben sei. Eine späte Koketterie also, wie sie manchen rüstigen Greis befällt? Oder fühlt er innerlich, daß die Welt schneller zu laufen beginnt, zu schnell, als daß er lange noch mit ihr Schritt halten könnte? --

Nun hat die Stadt endlich ein Kraftwerk gebaut, und es gehört zum guten Ton, elektrisches Licht zu brennen. Die Einrichtung ist nicht länger mehr zu umgehen. Beim Abendessen kommt einmal das Gespräch darauf. Da sagt der Vater, leise und seltsam müde: „Mein Vater, mein Groß- und Urgroßvater haben Öllampen und Kienspan gebrannt, und an Festtagen Wachskerzen. Und mein Vater hatte noch mit neunzig Jahren Augen wie ein Luchs. Aber jetzt? In den letzten zehn Jahren haben wir viermal die Beleuchtung gewechselt -- erst die neuen Petroleumlampen mit Rundbrenner, dann das offene Gaslicht, dann Auerlicht, jetzt soll Elektrisches kommen, und morgen vielleicht schon wieder was Neues! Man kommt gar nicht mehr zur Ruhe -- die Welt ist verrückt!“ Fritz hat ein unbestimmtes Siegergefühl und beginnt unvermittelt seine Kenntnisse über die neue Erfindung auszukramen: „Die Glühbirne muß luftleer sein, sonst würde der Kohlenfaden verbrennen. Und gegen den Kurzschluß gibt es Sicherungen, das sind ganz dünne Silberdrähte, die in den Stromkreis eingeschaltet werden ...“ Da weist ihn der Vater heftig zur Ruhe: „Halt den Mund und warte, bis du gefragt wirst!“ Und Fritz verstummt, aber er schießt der Schwester einen Triumphblick zu. Und in ihm jubelt es: „Er kann nicht mehr mit -- er kann nicht mehr mit!“

Schließlich werden die elektrischen Leitungen gezogen, aber der Vater weigert sich hartnäckig, in den Schlafzimmern Bettlampen anbringen zu lassen. Der Schalter kommt an die Eingangstür, in die Mitte des Zimmers eine Deckenlampe. Auf den Nachttischen werden nach wie vor Kerzen gebrannt. „Das Gas konnte man ja auch nicht vom Bett aus anzünden oder löschen,“ sagt der Vater. Fritz aber meint spöttisch zur Schwester: „Der glaubt, er hält die Zeit auf, wenn er sich’s ja recht unbequem macht! -- Ist ja lächerlich!“ --

Und da ist das Telephon, das endlich auch seinen Einzug erzwungen hat. Mein Gott, da hängt nun so ein dunkelpolierter Holzkasten an der Wand, der mit Drahtwerk, Hartgummi- und Nickelteilen geradezu medizinisch anmutet. Das schrille Läutwerk bringt jedesmal das Haus in Aufruhr. Der Vater geht an den Apparat, hebt den Hörer ab, ruft „Halloh“ in die Sprechmuschel, alles mit gemessener, wenn auch etwas krampfhafter Würde. Dabei läßt er kein Auge von der breitgedruckten Gebrauchsanweisung, die daneben an der Wand hängt. Und nachher versäumt er es nie, den Inhalt des Gesprächs der aufhorchenden Gattin kurz zu wiederholen. „Der Direktor Keil bittet, ich soll gegen fünf Uhr nachmittags hinkommen, und ich habe ihm geantwortet ...“ -- „Wie Moses nach der Rückkehr vom Berge Sinai, als er mit Gott geplaudert hatte,“ sagt Fritz zur Schwester. Ihm ist übrigens die Benützung des Telephons verboten. „Das ist ein sehr kostspieliger und komplizierter Apparat, den ich beruflich brauche, aber kein Spielzeug für die Kinder!“ So sagt der Vater. Und Fritz trägt, wie gewöhnlich, seinen Ärger zu Gretl: „Wenn er telephoniert, dann spricht er selbst und hört den anderen sprechen -- aber deswegen glaubt er doch nicht, daß es so was überhaupt gibt! Ich bin überzeugt, er hat im Grunde Angst! Und wenn er telephonisch wohin gerufen wird, dann geht er zwar, aber bis zum letzten Augenblick ist er nicht sicher, ob es nicht nur ein dummer Witz war! Und deswegen darf ich nicht telephonieren, weil ich mich eben auskenne! Eifersucht, nichts weiter!“ Gretl lächelt gequält und sagt: „Laß ihn, du änderst ihn nicht mehr! Er ist alt!“

* * * * *

Es geht dem Herbst zu, und noch ist über Fritzens nächste Zukunft nicht entschieden. Gegen die Rückkehr an die Universität, in die Großstadt, sprechen gewichtige gesundheitliche Gründe: „Jetzt hat man den Buben ein Jahr lang mühsam herausgefüttert,“ sagt der Vater, „und in der staubigen Großstadt geht der Tanz nach ein paar Wochen wieder los! Dazu habe ich wenig Lust! -- Und überhaupt die Universität! Bei deiner notorischen Faulheit brauchst du sicher fünf, sechs Jahre bis zum Doktor, und selbst dann kannst du dich noch lange nicht selbst erhalten. Und wenn ich heute oder morgen einmal nicht mehr da bin, dann möchte ich nicht, daß du etwa Jahrzehnte lang der armen Mama auf der Tasche liegst! -- Es gibt ja auch praktische Berufe, in denen man viel schneller zum Verdienen kommt! Was sagst du dazu?“ -- Und Fritz schweigt, hauptsächlich, weil er weiß, daß er den Vater damit ärgern kann. Teils aber auch aus wirklicher Ratlosigkeit. Das freie Studentenleben schreckt ihn nach den ersten Erfahrungen mehr, als es ihn reizt. Und wirklich studieren, die elende Schulpaukerei gleich wieder fortsetzen? -- Aber ein praktischer Beruf? Schlosser vielleicht? -- Der Vater hat wohl schon einen festen Plan, und will jetzt nur sein Einverständnis erlisten, um später einmal sagen zu können: „Du hast’s ja selbst gewollt -- man hat dir ja die Wahl gelassen!“ -- Wie kläglich war das! Früher einmal, da hieß es: Biegen oder brechen! Der Vater befahl, und die „Kinder“ hatten zu gehorchen. Kein schöner Zustand, bei Gott, aber einfach und klar. Jetzt aber, die Jesuitenkünste! Dem alten Löwen wackelten die Zähne!

Und Fritz schweigt, der Vater aber wird pünktlich böse: „Da hat man’s ja, da steht der ellenlange Kerl wie ein Stück Holz, und sagt nicht ~A~ noch ~B~! -- Aber ich werde mich nicht mit dir herumärgern und mir die Lunge aus dem Leib reden! -- Du gehst heute nachmittag zum Herrn Rat, der wird dich vielleicht eher zum Sprechen bringen!“

Der Herr Rat empfängt den Jungen in seinem prunkvollen Wohnzimmer, weist ihm einen der üppigen, weichen Lehnstühle an, hüstelt ein wenig, saugt passend an seiner dicken Zigarre und beginnt endlich sichtbar verlegen eine vorbedachte Rede. Fritz fühlt sich geschmeichelt von dem großen Apparat, der seinetwegen in Bewegung gesetzt wird, ist aber auch gespannt auf die kommenden Enthüllungen. Das Bewußtsein augenblicklicher Wichtigkeit und der eifrige Wunsch, die dadurch bedingte Überlegenheit zu wahren und nötigenfalls auszunützen, beschäftigen ihn so stark, daß er der gutmütigen, leicht kurzatmigen Stimme des Herrn Rats zunächst nur wohlig lauscht, ohne auf den Sinn der Worte zu achten. Erst ein stark geräuspertes „Verstehst du mich auch?“ reißt ihn aus seinen Träumen.

Ja, also: Der Papa ist alt ... zwar außergewöhnlich rüstig ... aber immerhin -- siebzig Jahre ... hat den begreiflichen Wunsch, die Kinder versorgt zu sehen. Bei Felix und Max sei das wohl erreicht, und Gretl, na ja, für die würde sich wohl ein braver Mann finden, ein so prächtiges Mädel, keine Frage ... Ja, aber (hm, hrrr, pschitt), Fritz! Ja! Da sei wohl reiflichste Überlegung am Platze! -- Der Geldpunkt allein dürfe keinesfalls ausschlaggebend sein ... Obwohl natürlich ... das lange Studium und die Anfangsjahre in jedem akademischen Beruf, ohne oder fast ohne Gehalt ... immerhin recht weitgehende materielle Opfer ... aber diese Opfer würden ohne weiteres gebracht werden -- im Vertrauen: des Vaters Vermögenslage sei durchaus nicht ungünstig, wenn er selbst sich auch als armen Mann hinzustellen liebe; durchaus nicht ungünstig, im Gegenteil, hm, hrr! Aber der Kernpunkt: Ob ausgesprochene Neigung zum Universitätsstudium vorhanden sei, ausgesprochene Neigung und der feste Wille, es darin rasch vorwärts zu bringen ... Darauf komme es wesentlich an ... denn sonst allerdings ... Obwohl von Zwang keine Rede sein solle ... aber immerhin -- wie? Hm? --

Fritz beginnt Mitleid zu empfinden für den verlegen hüstelnden alten Freund und bricht mit einer Frage ein: „Um welchen praktischen Beruf handelt es sich?“

Der Herr Rat beantwortet diesen knabenhaften Entwirrungsversuch feingesponnener diplomatischer Fäden zunächst mit einem mißbilligenden Funkeln aus runden Brillengläsern und mit verstärktem Hüsteln. Dann entschließt er sich, in wesentlich trocknerem Ton, zu der sachlichen Mitteilung, er habe einen befreundeten Bankdirektor in Mailand, der bereit wäre, Fritz als Volontär einzustellen. Und er will sich über die Vorzüge und Nachteile des Bankfaches weiter auslassen. Fritz aber unterbricht ihn atemlos: „In Mailand? Wann könnte das sein?“ „Morgen, wenn du willst!“ gibt der Herr Rat gemessen zurück. „Oh ja, oh, bitte, ja, das will ich! Ich gehe nach Mailand!“ Fritz jubelt fast. Umsonst versucht der Herr Rat ihn zum Nachdenken zu bringen ... der endgültige Verzicht auf den akademischen Grad dürfe nicht der Entschluß eines Augenblickes sein, später, im Leben, hänge die gesellschaftliche Stellung nicht unwesentlich davon ab ... dann sei es aber zu spät zur Umkehr ...

Fritz aber hält ihm froh entgegen: „Sie sind ja auch nicht Doktor, und verkehren doch überall!“ Darauf hat der Herr Rat, leise verletzt, nichts mehr zu erwidern. Er fragt nur, etwas förmlich: „Es ist also dein freier und fester Wille?“ Und Fritz schmettert ein begeistertes Ja! Er hat nur +Mailand+ erfaßt, die Weite, die Fremde, die Freiheit! Dorthin reichte die Zuchtrute nicht -- dort mochte das Leben beginnen. Bankvolontär? Mein Gott, man konnte auch Kuhhirte sein -- in Mailand! Er springt auf, will nach Hause laufen, einpacken ... da hält ihn der Herr Rat zurück: „Ich werde also meinem Freunde schreiben, daß du die Stellung, sagen wir, Mitte September antreten wirst!“ -- „Mitte September, noch drei Wochen, warum so lang?“ fragt Fritz enttäuscht. „Bei der großen Entfernung ist an ein Nachhausekommen vor einem Jahre nicht zu denken, wahrscheinlich werden sogar zwei, vielleicht auch drei Jahre vergehen.“ Der Herr Rat spricht mit eindringlicher Würde, mit etwas Schärfe sogar. „Da ist nicht nur Verschiedenes vorzubereiten, an Wäsche, Kleidern und so fort, sondern,“ und die runden Brillengläser blitzen Ermahnungen, „deine Eltern werden dich vor der langen Trennung noch einige Zeit bei sich haben wollen!“ -- „Wirklich!“ murmelt Fritz, und verzieht höhnisch den Mund. „Ich dächte, ich bin nun lange genug erzogen worden!“ -- Aber der Herr Rat belächelt die Frechheit nicht. Er bleibt ernst und gemessen: „Du begehst ein großes Unrecht! Deine Eltern haben sicher immer nur dein Bestes gewollt! Du hast dir nur nicht die Mühe genommen, sie zu verstehen! Du bist vielleicht auch noch zu jung ...“ -- „Sagen Sie lieber, mein Vater ist zu alt, fünfzig Jahre älter als ich, und die Mama dreißig, da ist es schwer mit dem Verstehen! Und mein Vater hat nie daran gedacht, etwa mich verstehen zu wollen ...“ -- „Er ist dein +Vater+,“ sagt der Herr Rat mit Strenge. Und in Fritz erwacht der wilde Trotz seiner Jungenjahre: „Ich habe ihn nicht darum gebeten -- und keinesfalls ist das so, daß der Vater nur Rechte hat und der Sohn nur Pflichten -- und schließlich ist immer der Knüppel der einzige Dolmetsch! Mein Vater hat mich in die Welt gesetzt -- aber darum bin ich noch nicht seine Sache!“

Der Herr Rat winkt peinlich berührt ab: „Lassen wir das ... Du wirst älter werden und über all das ruhiger denken lernen! Da du aber gerade hier bist, hätte ich gerne noch etwas mit dir besprochen ... um so mehr, da du ja jetzt weit fort in die Fremde gehen sollst ... Ja! Hm!“ Und das Räuspern und Hüsteln setzt verstärkt wieder ein ... „Dein Vater findet es sehr schwer, sich mit dir zu verständigen -- du tust ja auch tatsächlich nichts, um es ihm irgendwie leichter zu machen -- ja! Hm! ... Und so hat er mich gebeten ... Es gibt gewisse Fragen, über die du schwerlich bisher nachgedacht hast, du bist wohl auch zu jung dazu ...; nun handelt es sich darum, dich vor Torheiten zu bewahren! Die Beziehungen des Mannes zum Weibe ... Hm! Hrr! Hrrr!“ Der Herr Rat versteckt sich zeitweilig hinter einem Hustenanfall. In Fritz aber knallt die vorherige Spannung zu der jähen Erkenntnis auseinander: „Er soll mich aufklären!“ Grell wie im Blitzlicht liegt die unerhörte, weltfremde Ahnungslosigkeit der alten Leute vor ihm: die meinen etwa, er glaube noch an den Storch, weil man es ihm vor Jahren einmal so eingeprügelt und seither nicht widerrufen hat! Und der Vater findet es unter seiner Würde, eine frühere Erziehungslüge zuzugeben, darum muß der Herr Rat an die Front! Und der gibt sich dazu her, ahnt nicht, oder will es nicht wahrhaben, daß ein junger Mensch mit neunzehn Jahren sich selbständig Gedanken gemacht, Erkenntnisse verschafft haben könnte! Oh, altes Eisen, altes Eisen! -- Und eine entsetzliche, giftige Lachsucht, auf deren Grunde Tränen lauern mögen, erstickt den Jungen fast. Doch er bezwingt sich; Wissen zu zeigen, könnte gefährlich sein. Und dann: dem alten Herrn fällt es ersichtlich schwer, die heiklen Dinge zu erörtern. Mag er sich plagen -- die beste Rache!

So senkt der Junge die Augen, um ihr Glitzern zu verbergen, klemmt schmerzhaft das Wangenfleisch zwischen die Backenzähne, damit nicht das Gesicht in breitem Grinsen zergehe, und knetet fieberhaft die Finger ineinander. Der Herr Rat nimmt es für schamhafte Verlegenheit, wird dadurch selbst noch befangener und räuspert, hustet, stottert linkische Erklärungen, Andeutungen, Warnungen ... -- Alimente ... Erpressung ... Krankheit ... Zwangsehe ... Das Geheimnis der Menschwerdung wird in dem Greisenmund zur gefahrdrohenden Klippe, zum häßlichen Schattenfleck. Fritz fühlt seine Erinnerungen, seine Triebe sich regen, unrein und doch unwiderstehlich lockend; lastend, wie ein süßer Fluch. -- Die niedergepreßten Augenlider erzeugen rotglühende Bilder, in deren Schauern es sich verliert -- Weiber mit geil prunkenden Geschlechtsmerkmalen, Busen, Hüften, Schenkel, dunkles Kraushaar auf weißem Fleisch, Weiber, lüstig hingestreckt, kniend, kauernd, breitbeinig stehend -- Weiber -- +doch keine hat ein Gesicht+. Nur +ihr Geschlecht+ lockt aus dem roten Nebel ... Weiber ...

Da klingt die Stimme des Herrn Rats, väterlich, mit ernster Rührung geladen: „Versprich mir das, mein lieber Junge!“ „Ja, ich verspreche es,“ sagt Fritz mechanisch und gibt eine bebende Hand. Er weiß nicht, was er versprochen hat. Die Erregung sitzt ihm an der Kehle wie eine würgende Hand. So tappt er heim.

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Ein Frühzug gleitet aus dem Kleinstadtbahnhof. Der Morgennebel läßt den Kohlenrauch nicht verfliegen. Es riecht nach Reise und Abschied. Die müde Herbstsonne malt Perlmutterglanz auf Dächer und Türme. Sie grüßen von weither, wie seliges Land. Ist das die Heimat?

Fritz beugt sich ein letztesmal zum Fenster hinaus. Da sieht er weit weg, verschwimmend schon, ein weißes Tüchlein wehen. Das ist die Schwester -- und wütende Sehnsucht überfällt ihn, nach den guten, dunklen Augen, die nur Treue kennen. Was könnte ihm die Fremde bieten, das besser wäre? -- Angst schleicht sich an. -- Und der Vater -- wie müde und weich war der Abschied! „Wir sehen uns wohl nicht mehr, mein lieber Junge,“ hat er gesagt. „Halt dich brav -- vielleicht geht’s jetzt!“ Das klang wie Eingeständnis eigener Ohnmacht -- und quälend hatte der Junge die Härte vermißt, die er am Vater, bei allem Trotz und Haß, doch immer geliebt hat. Immer geliebt hat. --

Die Kleinbahn bleibt zurück -- der Schnellzug auf der Hauptstrecke klirrt durch weites Land. Die große Stadt wird im Wagen von Bahnhof zu Bahnhof durchquert. Die Universität dort. -- Student? -- Halber Pennäler!

Und wieder ein Schnellzug mit riesenhafter, kegelspitzer Maschine, stiernackig, und langgestreckten Wagen, die lautlos aus der weiten Halle schwimmen. Und was sich nun zu beiden Seiten im Abenddämmern dehnt, Felder, Büsche und ferne Waldberge, das ist Neuland, ist die Fremde. Die Nacht bringt zerrissenen Schlaf.

Im Frühlicht flammen Schneeberge auf, mit Almen an ihrem Fuß und Dörfern von nie gesehener Bauart. Und Menschen, die ihrem Tagewerk nachgehen, unbekümmert. Kann diese Natur Alltag werden?

Dann die Grenze, fremde Uniformen, unverständliches Wortgewirr. Der Junge fühlt sich sehr einsam, und doch dem Neuem fiebernd hingegeben. Beschämt fast gedenkt er der Vaterstadt -- ein Backsteinhaufen inmitten flacher Rübenfelder, zwecksüchtig dem nüchternen +Heute+ untertan: die alten Gräben eingeebnet, Wälle und Basteien geschleift, die alten Häuser niedergelegt oder zu Mietskasernen entwürdigt. Zerstört, erstickt, in Zweckformen gepreßt alles, was von der Altvordern behäbiger Lebensfreude künden könnte. Geschichte? Eine trockene Wissenschaft!

Hier aber lebt ein reiches Gestern, lebt fort, noch in des letzten Bettlers Haltung und Gebärde! Verwittertes Mauerwerk übt im Verfall noch Herrenrecht, fordert Ehrfurcht. Und wucherndes Leben in jedem Blatt, und Sonne, Sonne in nie geahnter Glut.

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Ein alter Palast an einem stillen, kleinen Platz -- das ist die Bank. Die edle Nacktheit der Fassade wird schreiend von einer Inschrift in breiten Goldbuchstaben überklettert. In das Portal ist ein wuchtiges Gitter neuer Arbeit eingefügt. Der Innenhof, ehemals offen und mit Springbrunnen und blühenden Büschen eine kühle Insel in dem Steinmeer, ist nun mit stahlgerahmten Mattscheiben überdacht. Die zierlichen Säulenbogen rundum sind mit blitzendem Gitterwerk ausgefüllt, davor sich die Menge der Kunden staut. Die Gesichter schimmern grünlich in dem bleichen Licht. Lautgerufene Zahlen durchzucken den gedämpften Stimmenlärm, Gold und Silber klingeln auf den marmornen Zahltischen, Papier raschelt, wie Schlangenschuppen auf hartem Kies. -- Der Kassenraum.

Fritz wird vor den Direktor geführt, der in einem hochgewölbten Gemach mit wuchtigen Möbeln und reichen Teppichen einsam thront. Eine kurze Musterung aus scharfen Augen unter seltsam müden Lidern, zwei, drei knappe Fragen, dann ein gnädiger Entlassungswink und ein Befehl an den begleitenden Diener: „Korrespondenz!“ Und Fritz wird hinausgeführt. Bald hört der Teppichbelag auf, die Gänge werden kahl und düster, dann enge Steintreppen ...

In Fritz regt sich ängstliches Verlassensein: so empfing ihn der Freund des Herrn Rats, kalt, gleichgültig, wie ein Sklavenhändler? Ahnte der aufgeschwemmte Despot denn nicht, wen er vor sich hatte? -- Da bricht das Klappern zahlloser Schreibmaschinen in seine Gedanken, der Diener schiebt ihn durch eine schmale Tür, vor einen riesigen Schreibtisch, hinter dem ein bleicher, überarbeiteter Mann sitzt, macht eine unverständliche Meldung und geht. Der bleiche Mann zwinkert ihn an, hüstelt: „Ich bin der Korrespondenzchef -- Sie sind mir zugeteilt ... ich werde Ihnen einen Platz anweisen!“ Und sie gehen durch neue und immer neue Räume, die durchwegs kahl und härtestem Gebrauch angepaßt sind. Die alte Pracht verleugnet sich nicht: Mächtige Fenster reichen bis zum Boden; ihr unteres Drittel ist durch zierlich geschmiedete Außengitter abgeschlossen. Da sind auch noch die fein gemusterten Eichenböden und die alten Stuckdecken, beide willkürlich zerrissen durch eingebaute Zwischenwände. Deckenhohe Regale an den Wänden, zwischen denen da und dort ein Stück der alten Tapete hervorglüht. Rohe Holztische mit handfesten Stühlen. Und überall Menschen, hastig, reizbar, über klappernde Maschinen oder blanke Briefbogen geneigt. Zahleneifer in allen Mienen.

In einem engen Raum macht der Chef halt: „Herr Kurz, Herr Schmitt ..., hier ein neuer Kollege!“ Zwei Schreibmaschinen brechen klirrend ab, zwei dürftige Menschen erheben sich halb, nicken zerstreut, sinken zurück und klappern weiter. Der Chef weist auf einen kleinen Nebentisch: „Hier wird Ihr Platz sein! -- Heute ist übrigens die Arbeit schon ausgeteilt -- treten Sie morgen früh an! Pünktlich um halb neun, bitte!“ Dann geht er. Fritz will ihm folgen, da sieht er, wie Herr Kurz ihm zuwinkt, und bleibt stehen. Kaum hat sich die Tür hinter dem Vorgesetzten geschlossen, da klappern die Maschinen langsamer, verstummen, und Herr Kurz lacht unvermutet dröhnend auf: „Volontär sind Sie? Na, zu arbeiten werden Sie hier kriegen, daß Ihnen der Schopf raucht! Aber dafür wenig Gehalt und gelegentlich einen Anpfiff, damit sich’s ausgleicht!“ Herr Schmitt bemeckert den Witz verkniffen. Und Fritz denkt an die Kinderstube daheim, wenn der Vater aus dem Zimmer war ... die Brüder ...

Da fragt Herr Kurz: „Haben Sie schon ein Zimmer? Nein? Meine Wirtin hat eins frei -- kommen Sie mittags mit mir! In zehn Minuten gehe ich!“ Als Fritz freudig zusagt, grinst ihn hinter des anderen Rücken Herr Schmitt höhnisch und schadenfroh an. Gedrückte Bosheit liegt in der Luft -- aber die Stimmung mutet Fritz vertraut an, und er beschließt, wehrhaft auf der Hut zu sein.

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Das Zimmer ist gemietet und einen Monat im voraus bezahlt. Doch es erweist sich als schlimmer Hereinfall: Schmutz, Lärm und kleine Diebereien; das Essen schlecht und unpünktlich aufgetragen: wie konnte das ein Landsmann empfehlen? Die Erklärung ergibt sich bald: Herr Kurz steht in zarten Beziehungen zu der Wirtin, einer etwas abgebrauchten Witwe auf der Kippe des Altwerdens. Er fährt nicht schlecht dabei -- nimmt die Mahlzeiten in ihrem Zimmer, und die kleine Magd muß ihnen auftragen, was gut und teuer ist. Sie besorgt Theaterkarten; jeden Abend sieht man sie in bunter Pracht aus dem Hause segeln. Herr Kurz steuert auf seine Art zum Haushalt bei, indem er gelegentlich einen grünen Landsmann oder sonstigen Bekannten als Zimmerherrn anschleppt. Fritz ist wütend über den listigen Betrug, dabei nicht frei von ehrfürchtigem Neid: das war immerhin ein Stück großes Leben -- ein Verhältnis mit einer Witwe! Ein Schuft dieser Kurz, aber doch ein Teufelskerl! -- Und der bezahlte Monat mußte abgesessen werden. --

Einmal in der Bank, als sie eben allein in dem engen Zimmer sind, fragt Herr Schmitt mit offenem Hohn: „Na, sind Sie recht zufrieden mit Ihrem Quartier?“ Und als Fritz errötend schweigt, fährt er spöttisch fort: „Mir können Sie’s ruhig sagen -- mich hat er ja auch hingeschleppt, als ich neu ankam! Ich weiß Bescheid!“ Fritz fährt giftig auf: „Warum haben Sie mir nichts gesagt?“ Doch der andere zuckt gleichmütig die Achseln: „Ich werde mich wohl hüten, mich einzumengen! Jeder hat das Recht auf seine eigenen Dummheiten!“ Fritz ist sprachlos vor soviel Niedertracht. „Was habe ich Ihnen getan?“ stammelt er endlich. -- „Getan? Gar nichts!“ gähnt Herr Schmitt. „Aber warum sollte ich mir Ihretwegen den Kurz zum Feind machen? -- Seit gestern trägt er übrigens einen neuen Ring -- zu dem werden Sie wohl unbewußt beigesteuert haben!“ Ein schadenfrohes Kichern geht schleunig in wütendem Maschinenklappern unter. Denn aus dem Nebenzimmer klingt die Stimme des Chefs.