Josef Dietzgens philosophische Lehren
Part 4
Dietzgen sagt: Wir sahen die Sozialdemokratie in ihrer Tendenz nach Erlösung darin weiter gehen als die Religion, daß sie die Erlösung nicht im Geiste, sondern nur mittels des menschlichen Geistes recht eigentlich im Fleische, in der fleischlichen, materiellen Wirklichkeit sucht. Das Bedürfnis der Erlösung, die erbärmliche Not des anfänglichen unkultivierten Menschen ist der Urschleim der Tiefe, aus dem sich die Religion erzeugte. Die unbeholfene Rat- und Hilflosigkeit in einer Welt von Drangsal treibt den Menschen, anderwärts Allmacht und Vollkommenheit zu suchen, treibt zur Verehrung von Tieren, Gestirnen, Bäumen, Blitz, Wind, einzelnen Menschen usw. Die nachfolgende unvermeidliche Erfahrung, daß alle diese Dinge selbst macht- und hilflos sind, veranlaßte den Fortschritt, das höchste Wesen, statt in einem nahen, greifbaren, demnach in einem geistigen Wesen zu suchen, das weitab über den Wolken thront. Von dieser, also der Erfahrung entrückten Gottheit sich näher zu unterrichten, war schwieriger. Die neuere Wissenschaft jedoch, welche hinter so manches verborgene Mysterium gekommen ist, hat endlich auch das Geheimnis der Religion offenbart.
Es ist die Natur der Materie, welche sie, ohne Ansehen der Zeit, zu stetiger +Entwicklung+ getrieben hat und forttreibt; durch Feuer- und Wasserepochen hindurch zur Bildung des ersten Lebens, das mit den geringsten Pflanzen, mit den niedrigsten Tieren begonnen hat und weiter hinaufsteigt in unaufhörlicher Veränderung und Erweiterung der Formen, bis zur selbsttätigen Zeugung des Menschengeschlechts. Und derselbe Naturinstinkt, der die Welt, hat dann auch sein höchstes Produkt, das mit Vernunft begabte ~genus homo~, +geschichtlich entwickelt+. Was immer nun in diesem geschichtlichen Prozeß zeitweilig eine hervorragende Stelle eingenommen, sei es Tier, Pflanze, Gestirn, Mensch oder Gesetz, wurde von dem religiösen Gefühl schwärmerisch +vergöttert+. Gott, das ist der Inhalt der Religion, hatte also keinen bleibenden, ewigen, sondern einen veränderlichen, zeitlichen Charakter.
Die Religiösen pochen darauf, daß alle Völker, wilde wie zahme, Religion haben, an Gott glauben. Sie halten deshalb dafür, daß der Glaube dem Menschen angeboren sei, und wollen darin einen Beweis seiner Wahrheit finden. Aber wahr ist nur, daß der Unerfahrene leichtgläubig und um so leicht- und vielgläubiger, je unerfahrener und unkultivierter er ist. Ein Blick belehrt, daß nicht eine, sondern viele Religionen da sind, nicht Gott, sondern Götter geglaubt werden. Weil nur nach und nach dem Menschen die Welt verständlich wird, vergöttert er das Mannigfaltigste, heute die Sonne und morgen den Mond, bald den Hund, wie die Perser, bald die Katze, wie die Ägypter.
Die Essenz der Religion besteht darin, diejenige Erscheinung des Natur- und Menschenlebens, welche je nach Zeit und Umständen von eminenter Bedeutung ist, zu personifizieren und im Glauben auf eine so hohe Säule zu stellen, daß sie über alle Zeit und Umstände hinwegsieht.
Wie unsere Zeit so nahe daran ist, die Religion gänzlich aufzugeben, wird augenfällig an den vagen, im höchsten Grade konfusen Ideen, die sie über Gott und seine Eigenschaften hegt. Während von allen anderen Dingen die Menschen nur darum wissen, daß sie sind, weil sie vorher wissen, wie und was sie sind, wollen sie vom Dasein einer göttlichen Persönlichkeit überzeugt sein, ohne irgend zu wissen, welcher Art sie ist, ob menschlicher oder unmenschlicher Gestalt, ob klein oder groß, ob schwarz- oder blauäugig, ob Mann oder Weib. Ist es nun aber nicht schmählich kopflos, von jemand wissen zu wollen, daß er ist, wenn ich zugleich eingestehen muß, gar nichts davon zu wissen, wo, wie und welcher Art er ist? Je weiter die Gottesidee in der Entwicklung zurück ist, um so +leibhaftiger+ ist sie, je moderner die Form der Religion, um so konfuser, um so erbärmlicher sind die religiösen Ideen. Die geschichtliche Entwicklung der Religion besteht in ihrer allmählichen +Auflösung+.
Im vierten Abschnitt wird der zu Beginn der sozialdemokratischen Agitationsära häufig und heute noch von religiösen Anhängern der Arbeitersache manchmal verteidigte Satz, daß »Christus der erste Sozialist gewesen«, einer interessanten Kritik unterzogen:
Sozialismus und Christentum sind so verschieden wie Tag und Nacht. Wohl haben beide übereinstimmendes. Aber was stimmt nicht überein? Was ist unähnlich? Tag und Nacht gleichen sich durchaus darin, daß sowohl das eine wie das andere ein Stück der allgemeinen Zeit ist. Der Teufel und der Erzengel, obgleich der erste eine schwarze und der zweite eine weiße Haut hat, sind doch wieder sehr gleich, indem jeder von ihnen überhaupt in einer Haut steckt. Es ist die spezielle Kapazität unseres Kopfes, +alle+ Mannigfaltigkeit unter einen generellen Hut zu bringen. Ob Christentum und Sozialismus noch so viel Gemeinschaftliches haben, so verdient doch der, der Christus zum Sozialisten macht, den Titel eines gemeinschädlichen Konfusionsrats. Es ist nicht genug, das Gemeinschaftliche der Dinge zu kennen, auch der Unterschied will verstanden sein. Nicht was der Sozialist mit dem Christen gemein, sondern was er eigen hat, was ihn auszeichnet und unterscheidet, sei Gegenstand unserer Beachtung.
Neuerdings ist das Christentum Religion der Knechtseligkeit genannt worden. Das, in der Tat, ist seine treffendste Bezeichnung. Knechtselig ist allerdings alle Religion, aber das Christentum ist die knechtseligste der knechtseligen. Nehmen wir ein christlich Wort von der Straße. An meinem Wege steht ein Kreuz mit der Inschrift: »Barmherzigkeit, huldreichster Jesu! H. Maria bitt für uns.« Da haben wir die unmäßige Demut des Christentums in ihrer vollen Erbärmlichkeit. Denn wer so seine ganze Hoffnung auf Erbarmen baut, ist doch in Wahrheit eine erbärmliche Kreatur. Der Mensch, der vom Glauben an den allmächtigen Gott ausgeht, vor den Schicksalen und Mächten der Natur sich in den Staub wirft und nun im Gefühl der Ohnmacht um Erbarmen winselt, ist kein brauchbares Mitglied unserer heutigen Welt. Wenn die modernen Christen andere Leute sind, wenn sie den Unwettern, die überlegene Mächte herabdonnern, kühn in die Augen sehen und nun durch tatkräftige Arbeit das Unheil zu heilen suchen, so bekunden sie mit solcher Tat ihren Abfall vom Glauben. Obgleich die Christen ihren Namen, ihre Gesangbücher und frommen Gemütsschmerzen beibehalten, sind sie doch in ihrem Tun und Treiben vollendete Antichristen. Wir religionslose Sozialdemokraten wollen das klare Bewußtsein der Sachlage voraus haben. Wir wollen Wissen und Willen, in der Theorie wie in der Praxis tatkräftige Widersacher der lammfrommen, gottseligen Ergebenheit sein. Das Christentum fordert +Entsagung+, während heute rüstige Arbeit zur +Befriedigung+ unserer materiellen Bedürfnisse gefordert ist. Gottvertrauen ist die vornehmlichste Qualität eines Christen, Selbstvertrauen, das gerade Gegenteil, zu einer erfolgreichen +Arbeit+ nötig.
Eine Charakterisierung der Würde geistiger wie körperlicher +Arbeit+ gibt unser Autor im zweiten Teil dieses vierten Abschnitts:
Nachdem von der Wissenschaft alles Himmlische materialisiert wurde, blieb den Professoren übrig, ihre Profession, die Wissenschaft zu verhimmeln. Die akademische soll anderer Qualität, anderer Natur sein, wie zum Beispiel die Wissenschaft des Bauern, des Färbers oder Nagelschmieds. Die wissenschaftliche Agrikultur zeichnet sich von der gewöhnlichen Bauernwirtschaft nur dadurch aus, daß ihre Regeln, ihre Kenntnisse der sogenannten Naturgesetze genereller oder umfassender sind.
Das sozialistische Bedürfnis nach gerechter, volkstümlicher Verteilung der wirtschaftlichen Produkte verlangt die Demokratie, verlangt die politische Herrschaft des Volkes und duldet nicht die Herrschaft einer Sippe, die mit der Prätension des Geistes nach dem Löwenanteil schnappt. Um diesen anmaßlichen Eigennutz in vernünftige Schranken zurückweisen zu können, ist es geboten, das Verhältnis des Geistes zur Materie klar zu verstehen. Der eminente Wert der Kopfarbeit wird von den Handarbeitern noch vielfach verkannt. Ein unfehlbarer Instinkt bezeichnet ihnen die tonangebenden Federfuchser unserer bürgerlichen Zeit als natürliche Widersacher. Sie sehen, wie das Handwerk der Beutelschneiderei unter dem Rechtstitel der geistigen Arbeit betrieben wird. Daher die leicht erklärliche Neigung, die geistige Arbeit zu unter- und die körperliche zu überschätzen. Diesem brutalen Materialismus ist entgegenzuwirken. Physische Kraft, materielle Überlegenheit war von jeher das Vorrecht der arbeitenden Volksklassen. Mangels geistiger Ausbildung haben sie bisher sich übertölpeln lassen. Die Emanzipation der Arbeiterklasse fordert, daß letztere der Wissenschaft unseres Jahrhunderts sich ganz bemächtige. Das Gefühl der Entrüstung über die Ungerechtigkeiten, welche wir erleiden, reicht trotz unserer Überlegenheit an Zahl und Körperkraft zur Befreiung nicht aus. Die Waffen des Geistes müssen Hilfe leisten. Unser Körper ist mit seinem Geist derart verbunden, daß physische Arbeit absolut unmöglich ist ohne geistige Zutat. Der simpelste Handlangerdienst erfordert die Mitbeteiligung des Verstandes. Andererseits ist der Glaube an die Unkörperlichkeit der geistigen Arbeit eine Gedankenlosigkeit. Auch die reinste Forschung ist unleugbar eine Anstrengung des Körpers. Alle menschliche Arbeit ist geistig und körperlich zumal. Am Produkt der Arbeit läßt sich nie ermitteln, wieviel davon der Geist und wieviel der Körper geschaffen hat; sie schaffen in solidarischer Gemeinschaft, einer nicht ohne den anderen. Mag sich eine Arbeit als geistig oder körperlich charakterisieren, das Produkt, ich wiederhole, ist von Geist und Körper zumal geschaffen. Da läßt sich der Beitrag der Idee nicht separieren vom Beitrag des Materials. Wer könnte in einem Gemüsegarten die Teile bestimmen, die der Spaten, der Arm des Gärtners, der Boden, der Regen und der Dünger gefördert hat?
Große Männer, die die Leuchte der Erkenntnis vorantragen, mögen wir ehren, aber nur so lange und so weit auf ihre Sprüche bauen, als dieselben materiell in der Wirklichkeit begründet sind.
So weit 1 bis 4 der Kanzelreden.
Die Stücke 5 und 6 sind weniger »populär« gehalten, weil wesentlich philosophischen Charakters; sie behandeln der »neuen Religion«, der Sozialdemokratie +Denkweise+, im Gegensatz zur altreligiösen, der »primitiven Weltweisheit«:
Wer das phantastische, das religiöse System der Welterklärung absetzen will, der muß doch wieder ein System, diesmal ein rationelles, an die Stelle setzen.
Wir nennen uns Materialisten. Wie die Religion ein genereller Name ist für mannigfache Konfessionen, so ist auch der Materialismus ein dehnbarer Begriff.
Philosophische Materialisten kennzeichnen sich dadurch, daß sie die leibhaftige Welt an den Anfang, an die Spitze und die Idee oder den Geist als Folge setzen, während die Gegner nach religiöser Art die Sache vom Wort (»Gott sprach, und es ward«), die materielle Welt von der Idee ableiten. Wir dürften uns ebenso füglich auch Idealisten nennen, weil unser System auf dem Gesamtresultat der Philosophie fußt, auf der wissenschaftlichen Erforschung der Idee, auf der klaren Einsicht in die Natur des Geistes. Wie wenig die Gegner kapabel sind, uns zu begreifen, bezeugen denn auch die widerspruchsvollen Namen, die man uns gibt. Bald sind wir grobtastige Materialisten, die nur nach Hab und Gut ausgehen, bald, wenn von der kommunistischen Zukunft die Rede ist, werden wir unverbesserliche Idealisten genannt. In der Tat sind wir beides zugleich. Sinnliche, wahrhaftige Wirklichkeit ist unser Ideal, das Ideal der Sozialdemokratie ist materiell.
Dietzgen reklamiert nun als Bedingung sozialdemokratischer Denkweise dreierlei: die von Bacon gelehrte »+induktive+ Methode« der Forschung -- des Schlusses vom Besonderen aufs Allgemeine; ferner Gedankenaufbau auf Grundlage sinnlichen Materials; drittens die Voraussetzung +gegebenen+ Anfangs der Welt -- unter Abweisung der metaphysischen Frage Kants nach »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«, und unter Ablehnung der transzendentalen Deduktion, das heißt apriorischer Grundlegung der objektiven Erfahrung durch den reinen Geist. Dietzgen sagt:
Anwendung der induktiven Methode auf alle Probleme vom Anfang bis zum Ende der Welt, also die systematische Anwendung der Induktion macht die sozialdemokratische Weltanschauung zu einem System. »Du sollst«, lautet das Gesetz, »nicht anfangen zu grübeln ohne Material, du darfst deine Schlüsse, Regeln, Erkenntnisse nur auf Tatsachen, auf sinnliche Wahrheit bauen. Zum Denken gehört ein gegebener Anfang.« Wir also fangen wohl an zu grübeln, aber grübeln nie über den Anfang. Wir wissen ein für allemal, daß alles Denken mit einem Stück der weltlichen Erscheinung, mit +gegebenem+ Anfang anfangen muß, daß also die Frage nach dem Anfang des Anfangs eine gedankenlose Frage ist, die dem allgemeinen Denkgesetz widerspricht. Wer vom Anfang der Welt redet, setzt den Weltanfang in die Zeit. Da darf man fragen, was war vor der Welt? »Nichts war«, sind zwei Wörter, von denen eines das andere ausschließt. Daß jemals etwas gewesen sei, was nicht war, kann nur ein schlauer Tollpatsch sagen, der viereckige Kreise zieht. Nichts kann nur heißen: nicht dies oder jenes.
Unsere Dränger, die Mächtigen und Besitzenden, »Kulturkämpfer« und Fortschrittsmänner, Liberale und Freimaurer sind auch Fürsprecher der Induktion -- nur soweit sie ihnen zum Kram paßt. Sie teilen alles: Die Leute in Herren und Diener, das Leben in Dies- und Jenseits, die Person in Leib und Seele und die Wissenschaft in Induktives und Deduktives.
Das Teilen ist gut und recht, wenn dabei System, wenn das Geteilte unter einem Hut gehalten, wenn die Verschiedenheit als eine nur graduelle bekannt ist. Auch die Sozialdemokraten haben Leib und Seele. Unser Leib ist die Summe der leiblichen und die Seele Summe der seelischen oder geistigen Eigenschaften. Aber, wohlgemerkt! die empirische Erscheinung ist das einhellige Material, die gemeinsame Rubrik für Leib und Seele, für Körper und Geist. Seele oder Geist ist uns ein Attribut der Welt und nicht, wie umgekehrt der Pfaff will, die Welt ein Attribut oder Machwerk des Geistes.
Nach religiösem System ist der liebe Gott »letzter Grund«. Idealistische Freimaurer glauben alles mit der Vernunft begründen zu können. Befangene Materialisten suchen in heimlichen Atomen den Grund alles Bestehenden, während die Sozialdemokraten alles +induktiv+ begründen. Wir besitzen die prinzipielle Induktion, das heißt wir wissen, daß nicht rein deduktiv, aus der bloßen Vernunft irgendeine Belehrung zu schöpfen, sondern nur +mittels Vernunft aus der Erfahrung+ Kenntnisse zu holen sind.
An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie systematische Weltweisheit.
Diese Weisheit findet ihre Begründung, ihren »letzten Grund« in den +faktischen Verhältnissen+. Die Erfahrung, daß sowohl die feudale wie die liberale und klerikale Gerechtigkeit und Freiheit und politische Wahrheit und Weisheit nach dem leiblichen Interesse der betreffenden Parteien modelliert ist, hat uns das Verständnis nahegelegt, daß sich überhaupt die Weisheit nicht aus dem Kopfe, sondern nur mittels des Kopfes aus empirischem Material ziehen läßt.
Zufolge dessen modellieren wir mit +Bewußtsein+, mit systematischer Konsequenz unsere Begriffe über Gerechtigkeit und Freiheit nach unseren leiblichen Bedürfnissen, ~nota bene~ sind es die Bedürfnisse des Proletariats, der großen Volksmasse. Das faktische leibliche Bedürfnis einer »menschenwürdigen« Existenz ist der »letzte Grund«, womit wir die Rechtmäßigkeit, Wahrheit, Vernünftigkeit der sozialdemokratischen Bestrebungen erweisen. Im System der Induktion geht der Leib dem Geiste, das Faktum dem Begriffe voran. Wie die Wärme kalt und die Kälte warm, beides sich nur dem Grade nach unterscheidet, so relativ ist das Gute bös und das Böse gut. Alles sind Relationen desselben Stoffes, Formen oder Arten der physischen Empirie (Erfahrung).
Mancher möchte fragen: Wie ist es möglich, empirisches Material als Grundbestandteil aller Objekte der Wissenschaft nachzuweisen? Gibt es denn da keine Dinge, wie das Wesen Gottes, reine Vernunft, sittliche Weltordnung usw.?
Gott, reine Vernunft, sittliche Weltordnung und viele andere Dinge bestehen nicht aus empirischem Material, es sind keine Formen der physischen Erscheinung, wir leugnen deshalb auch ihr Dasein. Jedoch die Begriffe dieser Gedankendinge sind faktisch vorhanden; sie mögen wir sehr wohl unserer induktiven Forschung als Material unterbreiten.
Im Schlußartikel, dem siebten, befaßt sich unser Autor mit dem viel ventilierten Religionsthema der »sittlichen Weltordnung«:
Sitte und Ordnung muß sein, nicht weil, wie der Pastor sagt, diese Dinge vom Himmel stammen, sondern weil sie ein allgemeines, lebhaftes Bedürfnis sind. Da wir Sozialdemokraten alle unsere Gedanken mit leibhaftigen oder empirischen Tatsachen begründen, soll auch das Sittengesetz nicht weiter gelten, als es sich materialistisch fundiert findet.
Die Sittlichkeit beruht auf dem sozialen Trieb des Menschengeschlechts, auf der materiellen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens. Weil die Tendenz der Sozialdemokratie vornehmlich auf ein soziales, auf ein gesellschaftliches Leben in höherem Grade gerichtet ist, darum kann sie nicht anders, als ganz wahrhaftig eine moralische Tendenz sein. Sacken und Packen und der dazu benötigte juristische Apparat nennt sich »sittliche Weltordnung«. Menschen, die über Nacht reich werden, haben ein anderes Sittengesetz als solche, die noch das Brot kümmerlich im Schweiße des Angesichts kneten. Heute weiß man nicht, ob fünf, fünfundzwanzig, hundert oder fünfhundert Prozent ein »ehrlicher Verdienst« ist. Die kapitalistische Wirtschaft wirkt zersetzend auf die Moral und das Vermögen. Wie in der Türkei kauft man in höheren Ständen sich der Frauen, soviel man Geld hat. Vielweiberei und Mätressenwirtschaft werden Sitte, sind ein sittliches Faktum. Und in der Tat und in der Wahrheit ist die »freie Liebe« nicht minder sittlich wie auch die christliche Beschränkung auf nur ein einziges Ehegesponst. Was uns an der Vielweiberei empört, ist nicht so sehr die reiche Mannigfaltigkeit der Liebe, als die Käuflichkeit des Weibes, die Degradation des Menschen, die schandbare Herrschaft des Mammons.
In der Weltgeschichte, liebe Mitbürger, geht es mit der Moral wie in der Natur mit dem Stoff: die Formen ändern sich, aber das Wesen bleibt.
Hier muß ich kurz und bündig auseinandersetzen, was das eigentliche Wesen der Sittlichkeit, was wahre Moral ist. Die Feinde schlachten, braten und verspeisen, heißt dort moralisch, und hier: sie lieben und ihnen Gutes tun. Wie sollen wir nun unter solchen Widersprüchen die Kastanien der Wahrheit aus dem Feuer holen? Einfach, indem wir aus dem Verschiedenen das Allgemeine, indem wir extrahieren, was +unter allen Umständen+ moralisch, sittlich oder recht ist. Es kann das nichts Spezielles, es muß das Generelle, das Abstrakte des gesamten moralischen Materials sein. Mittels eines solchen induktiven Verfahrens findet sich, daß die sittliche Weltordnung im allgemeinen aus den Rücksichten besteht, verschieden je nach Zeit und Umständen, welche das gesellschaftliche Bedürfnis der Menschen erheischt. Ferner findet sich die unleugbare Tatsache, daß dieses Bedürfnis mit der Kultur sich entwickelt, daß der soziale Trieb des Menschen wächst, daß die menschliche Assoziation breiter und inniger, daß die Moral moralischer wird.
Kein Orakel des Himmels, kein Gewissen der Brust und keine Deduktion des Kopfes darf uns die sittliche oder irgend eine andere Wahrheit dozieren. Auf diesen idealen Wegen findet sich nur die bekannte Schnapperei nach »dem wahren Jakob«. Das einhellige wissenschaftliche Resultat wird induktiv gewonnen; es gründet sich immer auf empirische Tatsachen, hier auf das exakte Faktum, daß Menschen einander dienstlich sind. So ewig wie einer des anderen bedarf, so ewig ist dem einen recht, was dem andern billig. Je mehr sich die gegenseitige Bedürftigkeit der Menschen entwickelt, um so extensiver und intensiver wird ihre Verbindung, um so rücksichtsvoller die Moral, um so größer und wahrer die Moral.
Die religiöse Wahrheit ist eine ideale Phantasterei. Sie hat die Nächstenliebe auf Gottesglauben und sittliche Freiheit gründen wollen. Und was haben wir davon? Den sozialen Krieg. Wir wollen umgekehrt den ewigen Frieden bezwecken mittels einer brüderlichen Gestaltung der politischen Ökonomie. Wie in der Familie, wo der Mann den Kohl baut, die Frau ihn kocht und die Kinder das Reisig herbeiholen, wie da die häusliche Liebe gegründet ist auf die häusliche Wirtschaft, die geistige auf die materielle Eintracht, so wird sich auch bei uns die wahre Nächstenliebe erst einfinden, nachdem die Erwerbsverhältnisse sozialistisch gestaltet sind. Gewiß hat die Natur schon dem Menschen die Nächstenliebe ins Herz gepflanzt. Aber dies Herz ist ein durchaus unzuverlässiger Kompaß, und Wille und Erkenntnis, überhaupt der ganze ideale Apparat ist ohne materielle Basis ein sehr niedriger Wegweiser. Es müßte sonst besser stehen mit der Nächstenliebe unserer herrschenden Klassen.
Mit der faktischen Welt stimmt die sozialdemokratische Moraltheorie überein, sie anerkennt im politischen Staate den berechtigten Wächter und Hüter der Sittlichkeit, aber fühlt sich auch berufen, dem Staat auf die Finger zu sehen, daß er nicht aus einer vergänglichen und veränderlichen Institution einen ewigen und heiligen Popanz mache, daß er nicht statt dem sittlichen Fortschritt eine unsittliche Reaktion, statt kommunistischer Moral egoistische Laster treibe. Indem die Sozialdemokratie alle Privatinteressen dem Allgemeinen, der sozialistischen Organisation unterordnet, bekundet sie wahre, echte Moral.
(Dieses Schlußkapitel der Kanzelreden ist beiläufig als eine populäre Erweiterung des Schlußkapitels vom »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« zu betrachten.)
VI.
Sozialdemokratische Philosophie.
»Sozialdemokratische Philosophie« betitelt sich die nun folgende Artikelserie (aus dem »Volksstaat« von 1876), der sich drei Aufsätze (aus dem »Vorwärts« von 1877 bis 1878) anschließen.
Unter »sozialdemokratischer Philosophie« versteht Dietzgen die auf sinnlicher Erfahrung beruhende Erkenntnis -- im Gegensatz zur spekulativen Philosophie, zur Metaphysik, zum Übersinnlichen und auch zur Ideologie, wie zur »phantastischen Projektmacherei« der frühen französischen und englischen Sozialisten zu Ende des achtzehnten und im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts.
Erst unserem Marx und Engels hatte -- sagt Dietzgen -- die Philosophie das Fundamentalprinzip offenbart, daß in letzter Instanz sich die Welt nicht nach Ideen, sondern umgekehrt die Ideen sich nach der Welt zu richten haben. Marx war der erste, welcher erkannte, daß das Menschenheil im großen und ganzen nicht von irgendwelchem erleuchteten Politiker, sondern von der Produktivität der sozialen Arbeit abhängt.
Da diese teils mechanischer, teils geistiger Art ist, fragt es sich: wer von beiden ist Primus?
Wir erkennen in Wissenschaft und Bildung überaus wertvolle Mittel, aber nur Mittel, während die Ergiebigkeit der leiblichen Arbeit der höhere Zweck ist. Die Bildung wirkt dann allerdings sehr erheblich zurück auf die produktive Verwendung der Arbeit.