Josef Dietzgens philosophische Lehren
Part 3
Jedes wirkliche Recht ist ein besonderes. Recht nur unter gewissen Umständen, für gewisse Zeiten, diesem oder jenem Volke. »Du sollst nicht töten« ist Recht im Frieden, Unrecht im Kriege; Recht für die Majorität unserer Gesellschaft, welche ihrem dominierenden Bedürfnis die Mucken der Leidenschaft geopfert wissen will, doch Unrecht dem Wilden, der nicht so weit gekommen, ein friedliches, geselliges Leben zu schätzen, der deshalb das angeführte Recht als unrechte Beschränkung seiner Freiheit empfindet.
Wollte ein Gesetz, eine Lehre, eine Handlung absolut recht, Recht überhaupt sein, so müßte sie dem Wohle aller Menschen, unter allen Verhältnissen, zu allen Zeiten entsprechen. Dieses Wohl ist jedoch so verschieden wie die Menschen, ihre Umstände und die Zeit. Was mir gut, ist einem anderen schlimm, was in der Regel wohl, tut ausnahmsweise leid; was einer Zeit frommt, hemmt eine andere. Das Gesetz, welches Anspruch darauf machen wollte, Recht überhaupt zu sein, dürfte nie und niemanden widersprechen. Keine Moral, keine Pflicht, kein »kategorischer Imperativ«, keine Idee des Guten vermag den Menschen zu lehren, was gut, was böse, was recht, was unrecht sei. Gut ist, was unserem Bedürfnis entspricht, böse, was ihm widerspricht. Aber was ist wohl gut überhaupt?
Der Unterschied zwischen guten und bösen, rechten und schlechten Bedürfnissen findet, wie Wahrheit und Irrtum, wie Vernunft und Unvernunft, seine Auflösung in dem Unterschied des Besonderen und Allgemeinen. Die Vernunft vermag aus sich so wenig positive Rechte, absolut moralische Maximen zu entdecken wie irgend eine andere spekulative Wahrheit. Erst wenn ihr sinnliches Material gegeben ist, wird sie der Zahl nach das Allgemeine und Besondere, dem Grade nach das Wesentliche und Unwesentliche zu ermessen wissen. Die Erkenntnis des Rechten oder Moralischen will, wie die Erkenntnis überhaupt, das Allgemeine.
+Die Moral ist der summarische Inbegriff der verschiedensten einander widersprechenden sittlichen Gesetze, welche den gemeinschaftlichen Zweck haben, die Handlungsweise des Menschen gegen sich und andere derart zu regeln, daß bei der Gegenwart auch die Zukunft, neben dem einen das andere, neben dem Individuum auch die Gattung bedacht sei. Der einzelne Mensch findet sich mangelhaft, unzulänglich, beschränkt. Er bedarf zu seiner Ergänzung des anderen, der Gesellschaft, und muß also, um zu leben, leben lassen. Die Rücksichten, welche aus dieser gegenseitigen Bedürftigkeit hervorgehen, sind es, was sich mit einem Worte Moral nennt.+
Die Unzulänglichkeit des einzelnen, das Bedürfnis der Genossenschaft ist Grund oder Ursache der Berücksichtigung des nächsten, der Moral. So notwendig nun der Träger dieses Bedürfnisses, so notwendig der Mensch immer individuell ist, so notwendig ist auch das Bedürfnis ein individuelles, bald mehr und bald minder intensiv. So notwendig der nächste verschieden ist, so notwendig sind die erforderlichen Rücksichten verschieden ...
In diesem Satze ist eine so bündig überzeugende Klärung des Pflichtbegriffes enthalten, wie sie vor Dietzgen keinem Denker erkenntniskritisch gelungen ist.
Besagt sie doch, daß es namentlich die Berücksichtigung der Gebote der beiden uns regierenden Hauptmächte ist, solche der Gesellschaft und Natur, die das Pflichtverhalten des Menschen bedeuten und bestimmen, und zwar aus dessen wohlverstandenem Eigeninteresse heraus, sobald er seine organische Abhängigkeit von Gesellschaft und Natur einsieht.
Solche Berücksichtigung mag gewiß häufig genug mit unseren momentanen Wünschen kollidieren, aber sie ist es, die unser dauerndes Interesse fördert, zumal wenn wir freiwillig und bewußt das besondere und flüchtigere Bedürfnis dem allgemeinen und dauernderen Wohlergehen unterordnen. Kein mystisches »inneres Gefühl«, auch kein »kategorischer Imperativ« klärt uns über unsere Pflicht auf, wohl aber Einsicht in das »Allgemeine«, das heißt in die Zusammenhänge und Gesetze der Gesellschaft und Natur, deren Anordnungen wir nicht einmal unbewußt ohne empfindliche Strafe verletzen können, während bewußtes Zuwiderhandeln uns außerdem notwendig Einbuße an Selbstachtung bringt, sofern wir Gebote übertreten, welche der jeweiligen sozialen Entwicklungsstufe entsprechen.
Dietzgens Ethik entspricht offenbar den Anschauungen vieler Vertreter der modernen Intelligenz und speziell der allermeisten wissenschaftlichen Sozialisten -- mit Ausnahme der auf den Kantschen »kategorischen Imperativ«[8] eingeschworenen Revisionisten --, wenn auch der philosophische Weg, auf dem unserem Autor seine Schlüsse sich ergaben, einem großen Teile derselben fremd geblieben ist. Bekannt ist, daß man vor langer Zeit schon in Deutschland durch das Wort »+Mitleid+« die Ethik auf den Egoismus zurückführte: »Wir haben Mitgefühl mit dem Elenden, weil wir beim Anblick seiner Leiden +mitleiden+ -- durch die Reflexion, daß auch wir in seine Lage geraten könnten.«
In starrer Opposition gegen diese utilitarische oder Zweckmäßigkeitsmoral finden wir die kantische Ethik (Pflicht) und die des religiösen Idealismus (Liebe).
In Wirklichkeit aber stellen Zweckmäßigkeit (rationeller, begrenzter Egoismus oder legitimes, persönliches Interesse), Pflicht, Liebe +zusammen+ das Moralgebilde dar. Indem (nach Dietzgen) die Moral so beschaffen sein soll, daß »neben dem Individuum auch die Gattung bedacht ist«, betätigt, wer dieser Morallehre nachlebt, die von Kant verlangte »Pflicht«, und indem er ihr dauernd und gern nachkommt, nimmt sie ganz automatisch den Charakter der »Liebe« an.
Ich erlaube mir daher zu sagen:
Für die Moral ist die Zweckmäßigkeit die Wurzel, die Pflicht der Baum und die Liebe die Frucht.
Am deutlichsten läßt sich der Dreistufenpfad der Moral »Egoismus, Pflicht, Liebe« im Verhältnis der Eltern zum Kinde erkennen: Ursprung der Freude am Kinde ist die natürliche, elterliche Eigenliebe, der gewiß niemand sich zu schämen braucht; sofort tritt das Pflichtgefühl an die Eltern heran, und bei Ausübung der Pflicht verwandelt sich die Eigenliebe der Eltern in wahre Liebe. So vermag überall -- wenn auch nicht so rasch wie in diesem Falle -- die in Zweckmäßigkeit wurzelnde Moral durch das Medium der Pflicht sich zu hehrer Sittlichkeit, zur Tugend, zur Güte, zur Liebe auszuwachsen.
Es ist keine beleidigende Insinuation, wenn dem Schönsten und Erhabensten -- das bisher der Urzeugung in Engelsregionen glaubte sich rühmen zu dürfen -- Abkunft aus niederem Stande aufgezeigt wird; daß es in zweckmäßigem Egoismus, im Eigeninteresse des Menschen seine Wurzel hat und dem Mutualismus, der Gegenseitigkeitspflicht, sein Höhendasein verdankt.
Entrüste man sich nicht über diese neue Ethikformel, die Moraltrilogie »Egoismus, Pflicht, Liebe«!
Auch der Brotfrucht Wurzeln stecken nicht in balsamisch gedüngtem Boden.
Mit dieser einfachen Korrektur der Kantschen und der religiösen Moralbegründung dürfen wir uns hier begnügen, da die letztere, als eine theologische, unserer gegenwärtigen Betrachtung allzu fern liegt, und der Nachweis von Kants teils fehlerhafter, teils widerspruchsvoller Argumentierung seines Sittengesetzes längst von kompetenten Autoren (auch in Kautskys »Ethik«) geliefert worden ist.
Nur aus des Monistenführers Ostwald »Sonntagspredigt« vom 20. Dezember 1913 »Die wissenschaftlichen Grundlagen der Ethik« möchte ich einige Zeilen hier anführen, weil sie eine wohlbegründete +Entschuldigung für Kants Irrtum+ enthalten:
»Kant glaubte auch die Quelle der Ethik in einem inneren Sittengesetz zu finden, welches dem Menschen ~a priori~ eigen ist, und hat damit allerdings in etwas versteckter Weise diese Quelle gleichfalls in einen irrationalen, der wissenschaftlichen Forschung nicht zugänglichen Punkt gelegt. Es läßt sich darum erklären, daß jenem großen Denker das +Entwicklungsgesetz+ der Lebewesen nicht nur nicht bekannt war, sondern daß er sogar eine ausgesprochene Abneigung dagegen hatte, das menschliche Denken unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung zu betrachten. So behauptete er das absolute Vorhandensein des inneren Sittengesetzes bei dem Menschen und begnügte sich mit diesem Vorhandensein, ohne weitere Nachforschungen darüber anzustellen, woher es stammte.«
Unsere Revisionisten aber +kennen+ das Entwicklungsgesetz.
V.
Die Religion der Sozialdemokratie.
»Die Religion der Sozialdemokratie« betitelt sich eine Reihe von durch Gedankenfülle und vielfach durch Schönheit der Sprache sich auszeichnenden sieben Artikeln, sogenannten »Kanzelreden«, die zuerst in dem von Liebknecht redigierten Leipziger »Volksstaat« 1870 bis 1875 erschienen und seitdem Verbreitung in Zehntausenden von Exemplaren gefunden haben. Das auf fünf Jahre verteilte Entstehen dieser Abhandlungen schließt naturgemäß Anlage nach einem systematischen Plane aus; es sind daher in ihren Fortsetzungen teilweise Ergänzungen des Früheren und zu diesem Zwecke Exkurse auf verwandtes Nebengebiet enthalten. »Die Religion der Sozialdemokratie« wird dem Leser um so mehr Vorteil und Genuß gewähren, je tiefer die Ideen des Sozialismus bereits Wurzel in ihm geschlagen haben und je emanzipierter er sich vom sogenannten »positiven Glauben« weiß. Denn er begegnet in diesen »Kanzelreden« Gedanken, die zum Teil im Unterbewußtsein jedes freidenkerischen und geschulten Sozialisten schlummern und nur der Erweckung durch den Laut eines Zauberworts bedürfen, das aus dem Munde eines philosophischen Hellsehers kommt. Darin liegt der wesentliche Reiz von Dietzgens »Kanzelreden« für die Massen der sozialistischen Arbeiter; um Dietzgen aber in allen seinen Gedankengängen gründlich zu verstehen, sollten Sozialisten unbedingt mit seiner im »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« niedergelegten Denklehre sich vertraut machen -- wenn auch die populären Schriften unseres Autors als Einführung in das genannte Hauptwerk benutzt werden dürfen.
Dietzgen führt in den »Kanzelreden« aus, sagt sein Sohn im Geleitwort von 1906, »daß die Religion ein geschichtlich notwendiges Gedankenbild ist, welches aus dem menschlichen Bedürfnis nach materieller und geistiger Befriedigung und nach einer diesem Glücksstreben entsprechenden Gesellschaft und Welt entstehen mußte, und zwar auf jeder Kulturstufe, auf der der Mensch in Ermanglung von hinreichendem, erfahrungsmäßigem Wissen und Können gegenüber den natürlichen Zusammenhängen sich nicht anders als mit phantastischer Spekulation helfen konnte. Er weist an der natürlichen Begrenzung des Denkvermögens nach, daß alle Religion und jeder Glaube an Übernatürliches auf phantastischer Spekulation beruhen, die ihrerseits wiederum in ihrer Eigenart bestimmt wird durch den Entwicklungsgrad der sozialen Produktivkräfte und Lebensbedingungen.«
Das Wort »Religion« in Verbindung mit »Sozialdemokratie« ist natürlich nicht im landläufigen Sinne desselben zu verstehen; denn die Tendenzen der Sozialdemokratie enthalten, wie Dietzgens einleitende Worte lauten, den Stoff zu einer +neuen+ Religion, die nicht, wie alle bisherige, nur mit dem Gemüt oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem Organ der Wissenschaft, erfaßt sein will.
Und die Moral dieser neuen Religion faßt er am Schluß des zweiten Artikels in folgenden Satz zusammen: Sie verlangt, und ihr ganzes Wesen beruht auf diesem Verlangen, daß wir die Gegensätze der Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnen, daß sich die Gesellschaft aus dieser Versöhnung konstituiere, daß der Mensch dem Menschen die Hand reiche, um mit vereinter Kraft und Arbeit die Natur zur reichlichen Hergabe unserer Lebensmittel zu zwingen.
Da die Sozialdemokratie eine »neue Religion« ist, bedient sie sich zur Erreichung ihres Zweckes naturgemäß anderer Methoden als die alte Religion. Dies führt unser Autor in folgendem aus:
Die Religion, ganz im allgemeinen, hat den Zweck, das bedrängte Menschenherz vom Jammer dieses irdischen Lebens zu erlösen. Sie hat das bisher nur in idealer, träumerischer Weise vermocht, durch Anweisung an einen unsichtbaren Gott und an ein Reich, das nur von Toten bewohnt ist. Das Evangelium der Gegenwart verspricht, unser Jammertal endlich in realer, wirklicher, greifbarer Weise zu erlösen. »Gott«, das ist das Gute, Schöne, Heilige, soll Mensch werden, aus dem Himmel auf die Erde kommen, aber nicht wie einst, auf religiöse, wunderbare Art, sondern auf natürlichem, irdischem Wege. Wir verlangen den Heiland, wir verlangen, daß unser Evangelium, das Wort Gottes, Fleisch werde. Doch nicht in einem Individuum, nicht in einer bestimmten Person soll es sich verkörpern, sondern wir +alle+ wollen, das +Volk+ will -- +Sohn Gottes+ sein.
Die Religion war bisher Sache des Proletariats. Jetzt, umgekehrt, fängt die Sache des Proletariats an, religiös zu werden, das heißt eine Sache, welche die Gläubigen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüt ergreift.
Im alten Glauben diente der Mensch dem Evangelium, im neuen Glauben ist das Evangelium dazu da, der Menschheit zu dienen. Das Evangelium der Neuzeit fordert eine Umkehr unserer ganzen Denkweise. Nach der alten Offenbarung war das Gesetz das Erste, Höchste, Ewige und der Mensch das Zweite. Nach der neuen Offenbarung ist der Mensch das Erste, Höchste, Ewige und sein Gesetz, das Zweite, zeitlich und wandelbar.
Wir sind heute nicht dazu da, dem Gesetze zu dienen, sondern das Gesetz hat den Zweck, uns zu dienen, nach unseren Bedürfnissen modifiziert zu werden. Der Alte Bund verlangte Geduld und Ergebung in unsere Leiden; der Neue Bund fordert Energie und Tatkraft. An die Stelle der Gnade setzt er die bewußte Werktätigkeit. Das alte Buch nannte sich »Autoritätsglaube«, das neue setzt die Wissenschaft, die revolutionäre, auf sein Titelblatt.
Glauben und Wissen, das sind die beiden Gegensätze, welche den Alten und Neuen Bund trennen. Einen weiteren Unterschied zwischen der alten und der neuen Religion konstatiert Dietzgen wie folgt:
Beten und Fasten sind die Heilmittel, welche das Christentum empfiehlt wider die angeborene Hilflosigkeit des Menschen ... +Arbeit+ heißt der Heiland der neueren Zeit.
Wie Christus schon eine große Anzahl Proselyten gemacht hatte, bevor sich seine Kirche organisierte, so hat auch der neue Prophet, die Arbeit, schon seit Jahrhunderten gewirkt, bevor sie in der Gegenwart daran denken kann, sich auf den Thron zu setzen und das Zepter in die Hand zu nehmen.
Mit den Attributen der Gottheit, mit Macht und Wissenschaft, ist sie nunmehr ausgerüstet. Aber nicht auf unbefleckte, wunderbare Weise ist sie dazu gekommen. Sie ist unter Schmerzen geboren, unter Kampf und Qual und Sorgen groß gewachsen. Obgleich sie es ist, welche den Menschen so weit kultiviert hat, welche jetzt mit der Verheißung kommt, ihn vollständig aus aller Knechtschaft zu erlösen, und ihn das ersehnte Land Kanaan wirklich schon aus der Ferne mit Augen sehen läßt, so liegt doch heute noch die Dornenkrone des Elends auf ihrem Haupte, das Kreuz der Verachtung auf ihren Schultern.
Doch unsere Hoffnung auf Erlösung ist nicht auf ein religiöses Ideal, sondern auf einen massiven materiellen Grundstein gebaut.
Was das Volk berechtigt, an die Erlösung von tausendjähriger Qual nicht nur zu glauben, sondern sie tatkräftig zu erstreben, das ist die feenhaft produktive Kraft, die wunderbare Ergiebigkeit seiner Arbeit.
+Die Befreiung vom Joche sklavischer Arbeit, die Befreiung von Not, Elend und Sorge, von Hunger, Kummer und Unwissenheit, die Befreiung von der Plage, Lasttier der »höheren Gesellschaft« zu sein, -- diese Freiheit, und zwar für die Masse, für das Volk+, das ist der heilige Zweck, den zu erfüllen die so unendlich reich gewordene menschliche Arbeitskraft den Beruf hat.
Vom Beten und Dulden sind wir übergegangen zum +Denken+ und +Schaffen+. Das Resultat dieser veränderten Methode steht vor Augen in den Errungenschaften der Industrie, deren Seele die produktive Kraft unserer Arbeit ist.
Das Volk verlangt nach der realen Erlösung, weil endlich die Bedingungen dazu vorhanden sind. Armut, Hunger und Elend der Vergangenheit waren vielfach durch Mangel an Lebensmitteln verursacht. Gegenwärtig, und seit Dezennien schon, ist es umgekehrt überschüssiger Reichtum, wie er sich in Geld-, Handels- oder Industriekrisen offenbart, der die Arbeitskraft des Volkes brachlegt. Mögen dann die Speicher noch so gefüllt und die Magazine mit Waren gepfropft sein, das Volk hungert und friert, weil die besitzenden Klassen, mit Produkten übersättigt, seine Arbeitskraft nicht kaufen oder unterkaufen.
Die Kultur war bisher Zweck und der Mensch Mittel. Jetzt gilt es die Dinge umzukehren, den Menschen zum Zweck und die Kultur zum Mittel zu machen. Die erste Bedingung, das Werk der Entwicklung fortzusetzen, ist die Freiheit des Volkes, seine Teilnahme am Konsum.
Die Sozialdemokratie unterscheidet sich von der bisherigen kopflosen Wirtschaft, welche ohne Ziel und Maß produziert, gerade dadurch, daß sie den Volkshaushalt mit Bewußtsein organisiert. +Bewußte planmäßige Organisation der sozialen Arbeit nennt sich der ersehnte Heiland der neueren Zeit+.
Die dreieinige Gottheit des Christentums hat die Not des Volkes nur dadurch lindern können, daß sie gelehrt hat, daraus eine Tugend zu machen. Daß diese Lehre zu ihrer Zeit heilsam war, sei nicht verkannt. Wo der Mensch noch die Fähigkeit und Mittel nicht besitzt, sein Kreuz abzuwerfen, ist der Geist ergebener Resignation nicht nur ein göttlicher Balsam, sondern auch eine triftige Zuchtrute, die wohl vermag, ihn vorzubereiten für die sinnige Verstandesarbeit der Kultur.
Wirklich und leibhaftig aber wird der Zweck der Religion erst durch materielle Kultur, durch Kultur der Materie erreicht. +Arbeit+ nannten wir den Heiland, den Erlöser des Menschengeschlechts. Wissenschaft und Handwerk, Kopf- und Handarbeit sind nur zwei verschiedene Gestalten derselben Wesenheit. Wissenschaft und Handwerk sind wie Gott-Vater und -Sohn, zwei Dinge und doch nur +eine+ Sache.
Das im letzten Satze enthaltene Thema wird in nachstehendem weiter behandelt:
Ähnlich wie unkultivierte Völker das politische und soziale Gesetz als ein übernatürliches Gnadengeschenk abgöttisch verehren und damit sich der Macht begeben, es dem Laufe der Entwicklung nach zu gestalten, ähnlich betrachtet heute eine verehrungssüchtige, untertänige, knechtische Anschauungsweise die Kopfarbeit der Wissenschaft als ein höheres Wesen, nicht als den Diener, sondern als den Götzen der Kultur. Die Menschen sollen nicht zur Wissenschaft hinaufsehen, sondern sie zu sich herabziehen. Wir sollen die geistige zu einem Instrument der materiellen Arbeit machen. Die erfahrungsmäßige Resultatlosigkeit der spekulativen Forschung, die erwiesene Unfruchtbarkeit der reinen Vernunft belehre die Gelehrtenzunft, daß leibliche Sinnentätigkeit zur Wissenschaft erfordert ist. Umgekehrt lerne der Handwerker an den bewunderten Resultaten der modernen Industrie, daß nur der Verbindung mit der Wissenschaft die Wunder der Arbeit zu danken sind.
Die gegenseitige Durchdringung der beiden Arbeitsformen hat im Verlauf der Jahrhunderte endlich die Menschheit auf den Punkt gebracht, wo nunmehr der Grundstein zum Tempel der Sozialdemokratie niedergelegt ist. Alle unsere +materiellen+ Reichtümer haben, ebenso wie alle in der Literatur deponierten geistigen Errungenschaften, nur mittels +gemeinschaftlicher Arbeit+ der verschiedensten Generationen, Geschlechter, Länder und Völker produziert werden können. Sie sind also, wenn auch individuelles Eigentum, doch ein generelles, ein gemeinschaftliches, ein kollektives Produkt.
Dann zu seinem eigentlichen Thema zurückkehrend, sagt Dietzgen:
Die Lehre unserer sozialdemokratischen Kirche betrachtet den aufgehäuften Reichtum, den materiellen sowohl wie den geistigen, als ihren Grundstein und lehrt, zu glauben, daß dieser schwere Stein wohl nicht ohne, aber auch nicht durch einzelne Herren oder vornehme Geschlechter, sondern mit überaus angestrengter Kopf- und Handarbeit des gesamten Volkes zutage gefördert ist. Schelme und Narren nennen dies Evangelium rohe Gleichmacherei. Nein! Die Gleichheit der Sozialdemokratie ist keine phantastische Gleichheit, welche ihren Gegensatz, die Verschiedenheit, ausschließt. Unsere menschliche Natur hat uns allen das gleiche Bedürfnis gegeben, auf diesem Erdboden unseren Hunger zu stillen, unseren Leib zu kleiden, alle unsere verschiedenen Kräfte zu entwickeln. Die Menschenkinder haben von Natur +alle das gleiche+ Verlangen, ihr Leben zu verbringen in tätiger Lust, ohne Elend und Knechtschaft. Die Gleichheit des Verlangens ändert die Verschiedenheit nicht, welche jeden von uns mit Kräften und Talenten eigener Art ausgerüstet hat. Wie also der Gegensatz zwischen Gleichheit und Mannigfaltigkeit in der Natur der Dinge +faktisch+ vereint und überwunden ist, so soll auch das soziale Leben der Zukunft die Menschen +gleich+ machen an gesellschaftlichem Rang und Wert, ihnen den +gleichen+ Anspruch geben auf Genuß des individuellen Lebens, ohne deshalb die Verschiedenheit aufzuheben, welche jedem seine besondere Aufgabe zuteilt, jedem gestattet, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden.
Solange die Natur als unbezwingbares Verhängnis, als allmächtige Gottheit gewaltet hat und die Menschheit mit Armut knechtete, durfte einzelnen oder einzelnen Klassen die Herrschaft gestattet sein, um als Führer zu dienen. Nun aber ist das Volk durch die errungene reiche Ergiebigkeit seiner Arbeit auf dem Punkte angekommen, wo es verlangt, daß alle Herrschaft endige. Es fühlt sich berufen, die geschichtliche Entwicklung der Dinge fortzusetzen, ohne Beihilfe unumschränkter Führer.
Wir fordern von der Gesellschaft, und vermöge des geschichtlich erworbenen Reichtums können wir es fordern, daß sie uns nicht nur die Arbeit, sondern das »tägliche Brot« garantiere, daß sie die Hungrigen speise, die Nackten kleide, die Kranken pflege, kurz, alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit übe. Wir verlangen von der Gesellschaft, daß sie nicht nur menschlich heiße, sondern menschlich sei. An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie +Humanität+, welche fortan nicht mehr auf einer moralischen Satzung, sondern auf der Erkenntnis ruhen wird, daß nur in der sozialen brüderlichen Arbeit, in der +ökonomischen Gemeinschaft+ der Erlöser lebt, der uns vom leibhaftigen Bösen befreien kann. Die wahre Erbsünde, an der das Menschengeschlecht bisheran leidet, ist die Selbstsucht. Moses und die Propheten, alle Gesetzgeber und Moralprediger haben zusammen nicht vermocht, es davon zu befreien. »Die Sünde sitzt im Fleische, wie der Nagel in der Mauer«, sagt die Bibel. Keine schöne Redensart, keine Theorie und Satzung konnte sie ausmerzen, weil die Konstitution der ganzen Gesellschaft an diesem Nagel hängt. Die bürgerliche Gesellschaft fußt auf dem selbstsüchtigen Unterschiede von +Mein+ und +Dein+, fußt auf dem sozialen Krieg, auf der Konkurrenz, auf der Überlistung und Ausbeutung des einen durch den anderen.
Hieraus ergibt sich der oben bereits zitierte Moralsatz, daß die Gesellschaft sich auf einer neuen Grundlage konstituieren muß, welche die Gegensätze von Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnt und die Gemeinsamkeit der Arbeit wie des Genusses involviert.
Hiermit schließt der zweite Abschnitt; der dritte nimmt das zu Beginn des ersten behandelte Thema wieder auf, daß die Religion wie die Sozialdemokratie die Tendenz nach +Erlösung+ hat, um einen neuen Gesichtspunkt zu eröffnen: wie die Sehnsucht nach Erlösung die +Ursache+ der Religion war, so hat sie auch im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, durch die neue Auffassung von »Erlösung« im Sinne der Sozialdemokratie, zur +Auflösung+ der Religion geführt.