Josef Dietzgens philosophische Lehren

Part 14

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Du schreibst, daß Du gern an das ideale Leben zurückdenkst, das Du hier geführt. Es wäre schade, wenn es anders wäre, doch auch schade, wenn eine krankhafte Sehnsucht Dir den Reiz der Gegenwart verkümmerte und Dein Streben erschlaffte. Muß gestehen, ich habe in diesem Punkte so etwas Furcht und Sorge um Dich und freue mich deshalb ungemein, wenn ich aus Deinen Briefen zuweilen sehen kann, daß Dein Gemüt heiter und Deine Stimmung durchgehends energisch ist. Sentimentale Augenblicke hat jeder. Du mußt Dir einmal klar vorstellen, worin der Reiz des hiesigen Lebens denn eigentlich besteht. Von den Leuten nach Herkommen, Stand und Aufführung gekannt zu sein und dadurch Achtung, Vorzug, Teilnahme und Entgegenkommen zu genießen, das ist gleichsam eine Würze des Lebens, die einen Pulsschlag hineinbringt, der gewiß nicht zu verachten ist. Aber solche Ingredienzien sind auch nur wirksam, wenn der +Stoff+ gut ist, dem sie beigemischt werden. Um diesen Stoff zu erhalten -- erhalten im Sinne von konservieren +und+ erwerben -- bist Du hinausgegangen, und wenn Du nun auch von der Würze einstweilen viel entbehren mußt, so sollst Du doch nicht verkennen, daß man, wenn nur der Lebens+stoff+ gegeben ist, sich das andere auch anderswo leicht verschaffen kann.

25. November 1881.

Vivat der Stadtreisende! Soeben die briefliche Nachricht empfangen, daß sich Deine Andeutungen per Postkarte bestätigt haben.

Jetzt, lieber Junge, sind wir wieder alle auf dem Damm. Wenn man weiß zu erwerben, ist dies mehr wert als Vermögen.

Über den neuen Wirkungskreis, den Du errungen, freue ich mich noch mehr wie über die Gehaltsaufbesserung, doch ist auch letztere ganz erfreulich.

Was wird das für eine Freude sein, wenn Du einmal heimkehrst und wir uns alle wiedersehen! Das Schönste aber, was ich mir denken kann, ist, wenn Du uns alle mitnehmen kannst, ohne daß wir beladen sind mit einer ängstlichen Sorge um die Zukunft. Aber auch jetzt bin ich schon froh. Das Glück haben nicht viele Familien, daß sie stets zusammenbleiben können.

Unser Gehilfe Knöfel ist nach der Heimat gewesen. Hat von dort geschrieben, ob er zurückkehren könne. Ich habe ihm dann einen annehmbaren Vorschlag gemacht. Er ist wiedergekommen, hat vier Tage gesoffen und zwei gearbeitet, und sich nun entschlossen, nach Amerika zu gehen. Wahrscheinlich wird er nach sechs oder acht Tagen von hier abreisen. Wenn er nach New York kommt, wird er Dich jedenfalls aufsuchen. Sein Geist ist stark, aber das Fleisch ist schwach. Ich glaube, daß er drüben seine paar hundert Mark verduseln und dann ein guter Arbeiter sein wird.

22. Dezember 1881.

... Daß die Amerikaner angespannter arbeiten wie die Leute hier, weiß ich wohl aus eigener Erfahrung; aber was die Entschädigung durch Vergnügen anbelangt, dünkt mir doch, daß diese Sucht hier noch schlimmer ist. Die Bierbank und öde Gesellschaft ist wohl nirgends mehr gepflegt wie in unserem deutschen Philisterium. New York und die Großstädte machen eine Ausnahme, sonst im Innern des Landes ist nach meiner Erfahrung der Amerikaner ein sehr ernster Mann, der mehr die Einsamkeit liebt und pflegt wie irgendeine andere Nation.

Leider lebt in aller Welt die Volksmasse noch immer in einer geistigen Wüste. Mit der Tatsache, daß Du an Deiner inneren Ausbildung mehr arbeiten möchtest, als Dir die Stellung vergönnt, mußt Du Dich eben abfinden, so gut es angeht. Es ist das ein Weltleiden. Darum war bisher auch alle geistige Entwicklung hauptsächlich das Werk der bevorzugten Klassen, und fand die aristokratische Konstitution der Gesellschaft früher auch ihre Berechtigung darin, daß die Masse arbeiten mußte, damit die wenigen Muße hatten zur Förderung der Kultur. Jetzt darf auch die Masse Muße fordern, weil eben die Kultur so weit gediehen ist, daß der nötige Proviant in einem Viertel der alten Zeit beschafft werden kann.

Das Reisen im Staate New York muß Dir doch Vergnügen machen. Die Natur ist da ja wirklich besonders schön, namentlich zwischen Albany und Buffalo sind sehr schöne felsige Gebirgspartien. Aber auch die Gegend am Hudson hat mir gefallen. Empfehle Dir, Washington Irvings »Sketchbook« zu lesen, und wenn Du etwas Ernstes studieren willst, rate Dir sehr an, Dich mit der Literaturgeschichte aller Zeiten und Völker zu beschäftigen. Die englische Literatur, die Dir am leichtesten zugänglich, ist wohl die schönste von allen; aber natürlich hat jedes Volk seine besonderen reizvollen Eigentümlichkeiten. Mit Zeitungen und dergleichen rate ich Dir nicht, die schöne gute Zeit zu vertrödeln.

1. Januar 1882.

Lege auch einen Abschnitt aus der »Kölnischen Zeitung« bei, aus dem Du lernst, wie überfüllt alles und wie schwer hier das Fortkommen für die jungen Leute ist.

Du kannst Dir kaum denken, wie deprimierend das auf den Charakter der jungen Leute wirkt, so bis an die dreißig Jahre herumzulungern, äußerlich den hoffnungsvollen Mann spielen zu müssen, und inwendig einen Placken an den anderen setzen, um nur die Blöße decken zu können. So sind viele Siegburger Apotheker geworden und finden sich nicht besonders wohl dabei. Ohne die Fonds, eine eigene Apotheke erwerben zu können, soll das Fach sehr schlechte Stellungen bieten.

»~Homo sum~«[19] habe in den Weihnachtstagen gelesen und mich recht dabei amüsiert. Verstand dadurch auch um so viel besser die Philosophie Deines letzten Briefes. Es ist mir sehr lieb, wenn Du Dich derart über Deine innersten Gedanken öfters aussprichst. Dergleichen vermindert den Raum, der zwischen uns liegt.

Der Anachoret Paulus hat mir viel Vergnügen gemacht, aber auch die Episode zwischen Polykarp und Vater und Mutter.

Die freiwillige Armut und Abstinenz hat gewiß ihre gute Seite, nur mußt Du Dich erinnern, daß sie aus der heidnischen Völlerei hervorgegangen, und daß die Armut so einseitig ist wie die Völlerei, die Wahrheit oder Vernunft nun aber die Umfassung beider Extreme erfordert, nicht: entweder -- oder, sondern: sowohl -- als auch. Sowohl reich wie arm. Wir wollen unsere Begierden mäßigen, unsere Lebensart auf das einfachste reduzieren, ohne zu vergessen, daß solche Reduktion den Zweck hat, uns reicher zu machen, reicher sowohl an materiellen wie an geistigen Gütern. Beide Güterarten gehören durchaus zusammen und sind nur Formen oder Arten eines Guts, des Guten schlechthin.

16. Januar 1882.

Ich wünschte besonders, daß der Eindruck, den »~Homo sum~« auf Dich gemacht, etwas haften bliebe, das heißt die Erkenntnis, daß eine gewisse Abstinenz zur Erreichung einer befriedigenden Seelenstimmung unumgänglich ist. Du sollst die Welt und das Vergnügen nicht meiden, aber auch die Einsamkeit nicht. Der Wechsel zwischen beiden gewährt den +höchsten+ Genuß.

Der Kunstsinn liegt bei Euch drüben in Amerika noch im argen; hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch sehr gehoben und wird voraussichtlich in den nächsten Jahrzehnten riesig steigen, weil nirgends der Reichtum so zunimmt wie dort. Und Reichtum muß und wird immer danach streben, seinen Genuß durch die Kunst zu erhöhen. Deshalb glaube ich, daß eine kunsthandwerkmäßige Ausbildung für eine amerikanische Zukunft zweckmäßig sein könnte ...

20. Februar 1882.

Möchte jetzt gern einmal von Dir hören, ob Du auch schon das erworben hast, was ich immer als mein bestes Akquisit von meiner ersten amerikanischen Tour betrachtet habe: das Gefühl, mit einem Lande und mit Verhältnissen bekannt geworden zu sein, wo man die hier allgemein so schwer drückenden Sorgen für das tägliche Brot auf die leichte Schulter nehmen kann. Wenn das ist, dann hast Du viel, unendlich viel, etwas gewonnen, was ein Vermögen wert ist.

3. April 1882.

Deine letzten Nachrichten haben mir nicht nur viel Sorge gemacht, sondern waren mir besonders unerfreulich, weil ich sehe, daß Du einen so großen Leichtsinn hast, wie ich nie vermutet habe. Die zwölf Dollar pro Woche, die Du errungen, waren nötig zur Existenz, und so das Notwendige aufs Spiel setzen, um ein übriges zu gewinnen, ist unverantwortlich. Ich wünsche nur, daß die Sache sich besser gestaltet, wie meine Liebe zu Dir mich fürchten läßt. Also fünfzig Dollar Schulden hast Du schon bei Sorge und zehrst wahrscheinlich auf Kredit! Das kann nur gut enden, wenn Du nicht manchen Tag nach einem neuen Unterkommen zu suchen brauchst. Denke und hoffe optimistisch, aber handle pessimistisch. Wenn Du etwas von meiner Kraft hättest, dann würdest Du sofort Deine Ausgaben auf das Allernotwendigste einschränken, buchstäblich von Brot und Wasser leben und möglichst schnell in Arbeit treten, gleichviel ob man zwanzig oder nur drei Dollar dafür zahlt. Solche Handlungsweise würde von Verstand zeugen, aber große Ansprüche machen, die man nicht zu erringen und zu bestreiten weiß, ist eine törichte, eitle Kaprice. Weißt Du auch, daß ich froh wäre, wenn ich den Wert von zwölf Dollar wöchentlich nicht nur für mich, sondern für uns alle hier zu verzehren hätte? Solange Du mir nicht sagen kannst: »ich habe hundert Dollar für einen Notpfennig zurückgelegt«, so lange schelte ich dich leichtfertig.

18. April 1882.

... In solchen Lebenslagen wie gegenwärtig mußt Du auf die gewohnheitsmäßige Befriedigung Deiner Lebensbedürfnisse verzichten können, nach Pittsburg und dem Westen per Emigrantenzug fahren und aus der Tasche von Wurst und Brot zehren. Ich habe das xmal wochenlang getan und bin dabei so heiter geblieben, als wenn ich an der Table d'hote gespeist hätte. Im Gegenteil. Die Kraft der Entsagung ist ein wirksames Gegenmittel gegen die Bedrückung des Gemüts, welche die sorgenvolle, prekäre Lage notwendig mitbringt.

26. April 1882.

Wir haben die Karte empfangen, worin Du Dein neues Engagement anzeigst. Es hat also gut gegangen; aber doch wünschte ich, daß Du so viel Freiheit über Dich selbst gewönnest, um einzusehen, daß man zeitweise seinen Gefühlen mehr Zwang antun muß.

... Dein stolzer, unabhängiger Sinn ist mir sehr lieb und wert, aber um ihn zu realisieren, um wahrhaft unabhängig zu werden, mußt Du auch das dialektische Gegenteil, den unterwürfigen Sinn üben und pflegen. Es ist das wohl ein Widerspruch, aber ein durchaus sinniger, wie das reale Leben ihn überall fordert.

Dafür, daß Du mich so fleißig über die Einzelheiten Deiner Krisis unterrichtet hast, bin ich Dir noch besonders dankbar. Es hat mich das wohl für einzelne Tage und Stunden recht besorgt gemacht, auch wohl eine schlaflose Nacht verschuldet, aber im ganzen sehe ich doch, daß die Situation nicht so schlimm ist, daß Deine Aussichten mannigfaltiger sind, wie ich sie mir anfangs vorstellte. Laß uns nur recht fest zusammenhalten, und wir werden alle Hindernisse überwinden ...

14. Juni 1882.

Herrschaft über die Natur ist der Adel des Menschen. Ursprünglich Tier, wird er Mensch und Herr erst dadurch, daß er dem Naturwalten hinter die Schliche kommt. Der Zweck aller Kultur geht dahin, die natürliche Abhängigkeit zu besiegen und Herr zu werden. Nur innerhalb gewisser Schranken kann das gelingen. Auch wenn die Menschheit das Errungene in der Zukunft verzehnfacht und verhundertfacht, verbleibt sie in natürlicher Abhängigkeit. Die menschliche Herrschaft kann immer nur eine vernünftig beschränkte sein.

Was also die Aufgabe des ganzen Geschlechts, ist auch Deine persönliche, individuelle Aufgabe: Du willst und sollst Herr Deines Geschicks werden. Obgleich Du Momente hast, wo Du Dich jetzt schon als solcher fühlst, wirst Du auch Momente haben, wo Du Deine Untertänigkeit empfindlich merkst. Also bist Du soviel Knecht wie Herr, jedes relativ, das heißt einer, der sich emporarbeiten will, der dies Streben als hoch und hehr erkennt, ohne zu verkennen, daß er nie einen absoluten Gipfel erreichen kann.

Wenn nun die Menschheit des geistigen Scharfsinns zum Kulturfortschritt bedarf, so kannst Du im Verkehr mit den Widerwärtigkeiten der List nicht entraten. Weder der Wunsch, frei, noch das empfindliche Gefühl, Knecht zu sein, kann Dich aus Stricken und Banden erlösen: es gehört die »kluge« Tat dazu.

Die Sklaverei (im wörtlichsten Sinne) nennt Hegel eine »List der Vernunft« und meint damit, sie sei notwendig gewesen, um die Menschen mit der Peitsche zur Arbeit anzuhalten, weil sie ursprünglich eben Tiere sind, die der Zuchtrute bedürfen. Und Aristoteles erklärt bekanntlich, daß erst, wenn die Weberschiffchen ohne Menschenhand und von selbst hin und her schnellten, an Abschaffung der Sklaverei zu denken sei. Jetzt erst, wo die Weberschiffchen angefangen haben, von selbst zu laufen, und die Ziegelsteine fast ohne Arbeit gebacken werden, heute also, wo der Reichtum überhandnehmen will und die tierische Plackerei immer mehr durch die Kultur beseitigt werden kann, ist die Forderung nach allgemeiner Freiheit berechtigt.

Ich halte diesen breiten Sermon, weil ich Dir eindringlich zureden möchte, in der jetzigen Periode Deines individuellen Lebens List, Klugheit und Verschlagenheit nicht gering zu achten. Nur dadurch kannst Du ein »freier Mann« werden, der seine Absicht jedem offen und ehrlich ins Gesicht sagen darf. Um eben die Geradheit zu erreichen, ist Dir einstweilen die Hinterlist eine sittliche Notwendigkeit. Ich fürchte immer, Dein Naturell möchte Dich verleiten, im Freiheitsdrang die Notwendigkeit der Beschränkung und Abstinenz zu übersehen.

23. August 1882.

Ich für meinen Teil bin zwar eingenommen für das Land (der Vereinigten Staaten), aber nicht, weil ich die dortigen Verhältnisse so sympathisch finde, sondern weil mir die hiesigen schändlich versumpft und beengt vorkommen. Dort hat man der absoluten Gewalt der Natur, der eisernen Notwendigkeit in die Augen zu sehen und mit ihr zu kämpfen, hier sind es Schrullen und Vorurteile, feudale und chinesische Zöpfe und anerzogene Nichtswürdigkeiten, die den Geist versklaven. Doch daraus, daß so viele verfehlte Existenzen dort herumlaufen, sollst Du Dir kein Vorurteil wider das Land und seine Verhältnisse bilden. Was meinst Du wohl, wie viele unbefriedigte Leute es denn hier gibt? Den prekären Zuständen, wie sie dort herrschen und wie sie die Großindustrie mitbringt, gehen wir hier eiligen Schrittes entgegen. Amerika ist uns darin wohl sehr voraus. Dafür hat es aber auch durch den Reichtum seiner Natur und primitiven Kultur viel mehr Zwischenräume für den Mittelstand, dem wir angehören und in dem wir uns möglichst lange erhalten wollen. Mit der Zeit muß derselbe allerdings ~nolens volens~ hier wie dort ins Proletariat hinabsteigen. Aber unterdessen haben auch die untersten Volksklassen so viel gewonnen, daß die Sache weniger betrübt ist. Wir gehören deshalb praktisch zur Mittelklasse und theoretisch zum Proletariat. Soll ich mich hier tatenlos hinuntersinken lassen, wenn ich vorsehe, daß drüben die Kampfverhältnisse günstiger sind?

Ich möchte Dir gern meine Überzeugung übertragen, damit Du wo mit dem Leibe auch mit der Seele stehest. Das Staatsproletariat ist eine erbärmliche Sklaverei. Zwar ist das sicherste hier wohl der Staatsdienst, aber ich fürchte, Du siehst ihn mit zu idealen Augen. Wenn Du als Gymnasiallehrer hier Deinem Herrn und Meister so viel Opposition gezeigt hättest wie bei K. & E., dann wärst Du am Ende Deines Lateins, aber gründlicher am Ende wie dort, wenn Du auch vollkommen mit den New-Yorker Herren zerfällst. Zudem ist es viel leichter, einen herrischen Privatmann mit einem schmeichelhaften Worte zu befriedigen, als ein herrisches System, das nur mit Deiner völligen Unterwerfung auf Lebensdauer zufrieden ist. Lieber Eugen, besieh Dir Dein Verhältnis genau, und dann wirst Du -- nach meiner Ansicht der Sache von hier aus -- jubeln, daß Du so weit vorgerückt bist ...

25. November 1882.

... Richte Deine Aufmerksamkeit weit mehr auf den sicheren, steten Gang als auf großen Erfolg. Auch sitzt in dem vielen Hab und Gut gar nicht das Glück; eine bescheidene Existenz ist alles, wonach wir streben wollen. Im Hinblick auf den Reichtum, welchen die menschliche Entwicklung uns ganz von selbst in den Schoß wirft, dürfen wir dem Gang der Dinge mit der größten Genügsamkeit zusehen. Ich meine damit die Produktivkraft der Arbeit, welche sich durch die industriellen Fortschritte stetig mehrt; damit mehrt sich also auch das lebendige Vermögen des einzelnen, mittels seiner Arbeit die Bedürfnisse zu befriedigen, wenn auch sein totes Vermögen, sein »Kapital« sich nicht mehrt. Weil man aber durch die Abhängigkeit vom Kapitalisten sehr leicht aufs Trockene und ins Elend versetzt werden kann, darum ist es von allerhöchster Bedeutung, so viel Stock (Vorrat. D. H.) zu besitzen, um unter allen Umständen seine Arbeitskraft in Gang erhalten zu können. Deshalb ist es für uns jetzt so überaus wichtig, sorgsam zu wachen, daß unser kleiner Fonds erhalten bleibt. Ich freue mich ungemein auf Deine Herkunft im nächsten Sommer, damit wir uns gründlich verständigen ...

9. März 1883.

... Eine besondere Freude macht es mir, daß ich es fertig gebracht, gemäß Deinen Auslassungen, Dich für meine heiligsten Gedanken, für meine neue und hohe Weltanschauung zu interessieren. Dadurch hat uns die Trennung und Entfernung nicht entfremdet, sondern im höchsten Grade genähert. Bleibe, lieber Eugen, der Wissenschaft anhänglich! Werde kein Bücherwurm, aber ein Liebhaber der Bücher zum Zweck ihrer praktischen Anwendung im Leben!

15. März 1883.

... Der Familienzusammenhang ist mir wie Dir teuer und wert und möchte ich uns allen gewiß die Freude des Wiedersehens gönnen. Jedoch geht das materielle Gedeihen allen Gemütsbedürfnissen vor. Besser, wir sind in fünf Weltteile zerstreut, wenn es jedem gut geht, als im Elend vereinigt. Bedenke wohl und ernstlich, wie der Unbemittelte, besonders im alten Europa, ein elender Sklave ist. Du lebst an einer Stelle, wo der Pulsschlag der Welt recht fühlbar ist, und begreifst meine Vorsicht leicht; Deine Geschwister hier leben idyllisch, sanguinisch wie die Kinder der Welt vor dem Jüngsten Tage. Ich kann ihnen keine Angst anpredigen, weil ich realiter zu nachgiebig bin, und weil ihre Umgebung, die Siegburger Dorfgemütlichkeit, die wahre Not des Lebens zu sehr verhüllt.

19. September 1883.

In Ermangelung eines sozialen Staates wollen wir (Vater und Kinder) wenigstens unter uns Kommunisten sein in beschränktem Maße, für den Notfall, und nicht utopistisch. Du sollst -- nach meiner Denkart -- im allgemeinen, im großen ganzen egoistisch für Dich und Deine Zukunft sorgen, aber nebenbei auch der allgemeinen Menschenliebe Rechnung tragen. Die faktischen Weltverhältnisse beruhen noch auf dem Egoismus gar ausschließlich, und über das Faktische darf sich auch kein Idealist hinwegsetzen, sonst ist er Utopist ...

16. November 1883.

Du sprichst von dem unmoralischen Ton in der Familie M., der Dich und auch Eduard S. chokierte. Ich kann mir dabei nichts anderes denken, als daß die Ablösung der Bande, welche Bürgermeister, Pastor und Nachbarschaft dem Dorfmenschen auflegen, verstärkt durch die Fesseln ökonomischer Dürftigkeit und das Gefühl niedriger sozialer Stellung, daß der Wegfall dieser Banden die Emporkömmlinge dort drüben außer Rand und Band bringt. Ob sie sich da nun mit äußerem Flitter behangen, bleibt ihnen doch das Gefühl der Niedrigkeit, welches sie sich durch Anmaßung ausreden möchten. Ist es so? Nun, das sollte Dich nicht antipathisch stimmen. »Alles erklären, heißt alles verzeihen.« Wenn Du von Dir ein höheres Bewußtsein hegen kannst, so freue Dich dessen, aber halte auch gewärtig, daß Du in dieser so sehr verbesserungsbedürftigen Welt immer Resignation üben und Dein Licht in etwa unter den Scheffel halten mußt.

6. Dezember 1883.

... Wenn ich nicht gerade dem Elend ins Auge sehen muß, und +nur eben+, +wenn noch so arm+, leben kann, bin ich durch mein heiteres Gemüt ungemein reich und besitze eine unverwüstliche Munterkeit.

Auch Deine entschiedene Sprache, mit der Du von neuen Geschäftsunternehmungen abrätst, hat mir wohl getan. Mir tut nichts wohler, als wenn Ihr alle mitratet bei Gestaltung der Zukunft; nur muß es kein Rat sein, wie ihn Deine Schwestern gewöhnlich im Vorrat haben, die alles abweisen, aber nichts Neues an die Stelle setzen; immer bleiben wollen, wie sie sind, ohne der Zukunft Rechnung zu tragen. Sie raten nur negativ: »Tu nicht! Tu nicht!«

Im Briefe vom 22. November sagst Du: »Bin schlimmsten Falls niemals um mein Brot verlegen.« Dies Wort hat mich sehr erfreut. Wenn Du Dich etwas mit der politischen Ökonomie bekannt gemacht hast, wirst Du einsehen: was heute ein Kapital ist, ist morgen keins mehr. Ich bin Kleinbürger von Geburt und Stand. Wenn ich kein Betriebskapital habe, bin ich am Ende meines Lateins. Darum möchte ich sehen, daß meine Kinder sich nicht auf ein kleines und unzulängliches Kapitälchen, das mit der Entwicklung der Dinge immer noch unzulänglicher wird, stützen sollten, sondern auf ihre Arbeitskraft. Im Anschluß an konkurrenzfähiges Kapital sich eine günstige Lohnstellung suchen, ist zeitgemäßer als die kleine unzulängliche Selbständigkeit. Ich spreche Dir ja meine Gedanken in den »Logischen Briefen« aus.

25. Januar 1884.

Ich will Dich gewiß nicht abhalten, wenn Du die Gelegenheit hast, ein eigenes Geschäft zu akquirieren, sondern nur anraten, den unvermeidlichen Drang dahin zu mäßigen durch die Erkenntnis, daß das Kleingetriebe dem Untergang gewidmet ist; der dienende Anschluß an eine große Firma ist freier, leichter, lohnender wie die Kleinkrämerei. Solche Selbständigkeit ist doch eine sehr relative, besonders wenn die Konkurrenz ihr das Leben sauer macht. Ich glaube gern, daß Du von meinem Charakter ein gut Stück geerbt hast, wodurch es Dir schwer wird, auf Gleichberechtigung zu verzichten. Indes ist das nun einmal nicht anders in unseren Tagen des Privatbesitzes und daraus folgenden Standesunterschiedes. Wer kein großes Vermögen hat, kein Kapitalist ist, ist unfrei geboren.

Ich glaube, wir, ich, Du und Deine Geschwister, werden am besten fahren, wenn wir in etwa resignieren und uns als das betrachten, was wir auch in der Tat sind, als Proletarier, die der Regel nach nicht imstande sind, sich aus ihrer Klasse herauszuarbeiten, sondern ein hoffnungsvolles Leben nur finden können im politischen Streben nach der Emanzipation der gesamten Arbeiterklasse. Der Mensch tut gut, nicht zu hoch hinauszufliegen und sein Streben mit seinen Mitteln in Einklang zu halten. Demnach schlage ich vor, daß wir unser kleines Vermögen nicht gebrauchen, um Reichtümer zu erwerben -- insofern diese zu den Trauben gehören, die zu hoch hängen --, sondern als Notanker für unabsehbare Unglücksfälle.

Bei solcher Lage der Dinge müssen wir »dienen«. Nun sind nach meiner Erfahrung die Vereinigten Staaten der Ort, wo die Bitterkeiten des Unvermeidlichen noch am leidlichsten sind.

17. März 1884.

Auf Deinen Brief aus Buffalo, worin Du gegen meinen Rat polemisierst, Resignation zu üben wider den Trieb, ein reicher Mann zu werden, hätte ich viel zu sagen, was aber doch überflüssig ist, indem Du, trotz Deiner Polemik, mich doch verstanden hast.

Ich will Dich gewiß nicht veranlassen, +absolut+ zu resignieren, sondern möchte nur, daß der Begriff der ökonomischen Entwicklung diesen Trieb insoweit mäßige, als zu erkennen ist, +daß der Regel nach+ nichts zu holen ist; wenn Dir aber das +Glück+ zwischen die Beine läuft, werde ich gewiß einverstanden sein, wenn Du recht wacker für ein Stück Kapital arbeitest.

Fußnoten

[1] Verlag der Dietzgenschen Philosophie. München 1911.

[2] Siehe hierzu die Abhandlung +Eugen Dietzgens+ »Dietzgen und Kant« im Vorwort (S. 4 bis 40) zu seinem »Dietzgen-Brevier für Naturmonisten«. München 1915, Verlag der Dietzgenschen Philosophie.

[3] Dialektik = Entwicklungslehre durch Aussöhnen aller Gegensätzlichkeit in einer Einheit und durch Fortschreiten im stets neu sich bildenden Gegensatzkampf zur immer höheren Aussöhnung und Einheit.

[4] Die gründlichste philosophische Unterweisung über den »Universalzusammenhang« findet der Leser in den »Logischen Briefen«, 1. Teil, 2. Band, der »Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens«.