Josef Dietzgens philosophische Lehren

Part 13

Chapter 133,571 wordsPublic domain

Hoffentlich sind bei Ankunft dieses die Gemütsmucken so ziemlich überwunden und die Seele wieder frisch. Ohne alles Weh kann so etwas nicht hergehen. Gefühle hat und muß der Mensch haben, aber sie müssen dem Verstand unterworfen werden. Wenn Dir also, lieber Eugen, für den Augenblick die Fremde nicht blitzt und schimmert und wenig Anregung bieten will, wenn Dir die fremden Menschen nicht gefallen wollen und nur immer an die Lieben und Bekannten traurig erinnern, die Du zurückgelassen, dann vertreibe Dir und kannst Du Dir die Traurigkeit recht schnell mit dem Gedanken vertreiben, daß es eben nur Stimmung, vorübergehende Stimmung ist; daß das, was Dir monatelang ein guter Plan geschienen hat, nicht durch eine momentane Gemütsfarbe schlecht werden kann.

Schiffe Dich nur getrost auf meine Verantwortung ein. Wenn Du Dir Land und Leute angesehen und dann zurückverlangst, werde ich jederzeit alles tun, was möglich ist, um Deine Wünsche zu befriedigen. Wenn mich aber meine Hoffnung nicht trügt, wirst Du Quartiermacher für uns alle sein. Sieh her! Der Gedanke, daß Du eine Mission hast, muß Dir Mut machen. Und es ist eine ernste Mission. Was hilft uns alle Schönheit des Vaterlandes, wenn es das tägliche Brot nicht geben will. Mit diesem Gedanken mußt und kannst Du der Fremde, den fremden Menschen, dem fremden Sonnenschein, den fremden Häusern, Zimmern und Eckchen, worin Du Dich kauern mußt, Poesie, Romantik abgewinnen. Ich habe immer viel davon gehabt, und Du hast auch davon, ich weiß es, hast von mir davon geerbt. Poesie und Romantik verklären das Leben unendlich, verklären den Genuß wie die Entbehrung. Nimm sie zur Hilfe, lieber Eugen, und lebe wohl und schreibe oft und ausführlich.

23. Juni 1880.

... Du mußt auch wissen, daß die Leute in den großen Städten und im bewegten Leben ihren Nebenmenschen nicht so sanguinisch entgegenkommen wie die Dorfbewohner. Diese lieben und verehren den Fremden, und jene vermuten einen Gauner, bis er sich +selbst+ ehrsam gemacht hat ... Einen Rat, den ich nicht oft genug wiederholen kann, den Dir aber auch die Verhältnisse jeden Tag predigen: nur möglichst wenig Prätension! Davon bringen alle Grünen zu viel nach Amerika.

... Man muß auch zu genießen verstehen, dann ist das Genuß, was sonst Widerwärtigkeit. Du müßtest nur wissen, wie elende dreijährige Handlangerdienste die Lehrlinge hier in Deutschland leisten müssen, um Dich als Amerikaner glücklich zu fühlen. Ich bin der Meinung, daß Du dort Deine Lehre in der Hälfte der Zeit absolvierst.[15]

4. Juli 1880.

... Daß Du Dich einsam fühlst in diesem interessierten großstädtischen Getriebe, ist sehr natürlich. Ich hoffe aber sehr, daß sich dies auch in kurzer Zeit bessern wird; und bis zur Ankunft dieses, denke ich, wirst Du schon hin und wieder Bekanntschaft machen, die Dein Gemütsleben stärkt und die Trennung von Deinen Lieben in der Heimat erleichtert. Gerade solche Trennung und entferntes Voneinanderleben läßt den gemütvollen Menschen den Wert eines innigen Familienlebens empfinden; es soll uns alle in dem Vorhaben bestärken, dasselbe zu pflegen und recht fest zusammen zu streben. Aber zu diesem Zweck will durchaus die ökonomische Frage -- diesmal die Familienökonomie -- befriedigend gelöst sein. Mit diesem Gedanken, daß Du mir helfen willst dazu, werden wir hoffentlich unseren Zweck und unsere Wiedervereinigung erreichen ...

Du mußt Dir etwas angelegen sein lassen, K.[16] für Dich einzunehmen. Darfst nicht verlangen, daß er entgegenkommen oder sich irgend bequemen soll; nur immer denken: die Reihe ist an mir. Also nähere Dich wiederholt und unablässig; und scheint es Dir, als würdest Du abgewiesen, glaube nicht daran. Aus seinen Briefen hast Du ja ersehen, daß er mir gewogen, und bin ich überzeugt, wenn für irgend einen, tut er auch etwas für Dich, um meinetwillen. Diesen Glauben mußt Du haben, daran nicht kleinmütig werden, dann wirst Du auch reüssieren. Du darfst die Charaktere der Menschen nicht ändern wollen, sondern nur suchen, Deinen eigenen geschmeidig dem notwendigen Bedürfnis zu akkomodieren ...

Dein ganzes Lernen kann zunächst in nichts bestehen wie im Umgang, besonders mit Englisch redenden Menschen. Pflege speziell den Verkehr mit K.s Kindern und den Damen im Hause.

Auch wenn Du zurückkehrst, wird der Amerikanismus sein Gutes haben. Man lernt dort wenigstens gewöhnlich den deutschen Humbug der Vornehmtuerei verachten und sein Glück nicht im Dekorum, sondern in sich selbst suchen. Wenn wir hier nur über das lächerliche Dekorum weg wären, dann könnten wir alle hier und überall leicht und glücklich leben.

Meine Überzeugung ist und bleibt: wenn Du nur kurze Zeit Dich im amerikanischen Geschäft umgesehen, wirst Du Deine Kenntnisse und Lebensstellung nicht mit einem hiesigen Gymnasiallehrer vertauschen wollen.

1. August 1880.

Kommt nun der Herbst, wirst Du drüben auch das schönste Klima der Welt kennen lernen.

Weil Du die antiamerikanischen Reden des Bodenseers so gläubig und antiamerikanisch aufgenommen, glaubte ich schließen zu müssen, daß Deine Stimmung antiamerikanisch geworden. Ich habe vor einigen Jahren eine Reisebeschreibung über die Vereinigten Staaten gelesen, in der alles, was ich selber dort erfahren und das mein Wohlgefallen erregt hatte, ganz wahrheitsgetreu geschildert und doch im abfälligsten Sinne beurteilt wurde. Die Sache hat mich damals königlich amüsiert, und erzähle ich es nur, um zu sagen und zu zeigen, wie natürlich es ist, daß alle Objekte subjektiv angeschaut werden. So ist es auch mit dem Kaufmannsstand: hüben wie drüben. Übrigens solche Leute wie Deine Reisegefährten, die großartig auftreten und nichts hinter sich haben, da ist Europa voll von, und ich bin überzeugt, daß der insoweit ehrenhaftere Charakter des Amerikaners, der die Bläherei nicht kennt, aber auch nichts davon ahnt, daß irgendeine Arbeit oder ein Erwerb unehrenhafter sein könnte wie die gedankenlose Wichtigtuerei, bei näherer Bekanntschaft Dir besser zusagt.

10. August 1880.

Die Welt ist überall schön, und wenn Du Dich ein wenig heimisch in Amerika gemacht, wird es Dir sicherlich dort gefallen. Deine Aufgabe ist gar nicht groß; nur sorgen, daß Du lernst, in irgendeiner Weise Dein Brot verdienen, dann habe ich die Kraft, Dir das weitere Verdienen leicht zu machen, und da ich Dich nun bis dahin unterstütze, so ist ja gar keine Ursache zum Zagen. Von ein paar Wochen der Einsamkeit im Menschenmeer von New York mußt Du Dich nicht unterkriegen lassen. Mit Mut und Sparsamkeit haben wir beide zusammen alle Mittel, um die Verhältnisse zu bändigen.[17] Leiste Dir etwas mehr Zerstreuung, benutze die Abende, um Bekannte aus der hiesigen Gegend, deren es genug dort gibt, aufzusuchen. Nimm Anteil an allem und an allen, an der Welt und nicht nur an Siegburg oder an irgendeinem anderen Krähwinkel.

29. August 1880.

Der Schritt, den wir beide getan, war in Anbetracht unserer Verhältnisse +notwendig+. Wenn Du Dir das zu Herzen nimmst, kannst Du sehr leicht sentimentale »Gedanken« -- wäre ich da oder dort, hätte ich dies oder das ergriffen -- aus dem Sinn schlagen. Die Welt ist überall schön und poetisch, und die Erwerbsverhältnisse sind in Amerika weit schöner wie hier; sie aber bilden die +Grundlage+ alles Hohen und Schönen.

5. September 1880.

Noch ist unser Vermögen so viel, daß, wenn wir uns als +Proletarier+ betrachten, es leicht wird, uns eine ganz erträgliche Proletarierexistenz zu schaffen. Wenn wir uns aber zur begüterten Klasse zählen und danach wirtschaften wollen, geraten wir in eine Lage, aus der es keine Rettung gibt. Meine Kinder sind für diese Erkenntnis zu kurzsichtig, darum habe ich die Pflicht, entsprechend zu handeln. Du sollst mir helfen, lieber Eugen, und wenn Du die Vereinigten Staaten kennen gelernt hast, wirst Du sagen, daß Du kannst ... Auch was Ohm Philipp vorgeschlagen, wäre nicht gänzlich verfehlt. Wenn Du dort in ein paar Monaten die Schriftsetzerei erlerntest, könnten wir uns ganz leicht irgendwo ein Zeitungsunternehmen erwerben. Kurz, Mannigfaltiges sehen und lernen laß nur Deine Aufgabe sein; dann wirst Du nach zwei bis drei Jahren selber sagen, daß Du besser daran bist wie ein deutscher Gymnasiallehrer. Das sind ja doch meist arme, höchst einseitige, geknechtete Menschen, die über ihre erbärmliche Gelehrsamkeit kaum hinaussehen.

26. September 1880.

... Sehe mit Vergnügen, daß Du Dich daran gemacht, praktisch anzugreifen (in K.s Fabrikgeschäft). Daß Dir die Handarbeit für den Anfang schwer wird und Energie kostet, kann ich mir lebhaft denken. Nur Mut und Ausdauer! Wenn Du die rechte Einsicht hast, wie wertvoll es für das Leben der Zukunft ist, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Hand und Arm in die Räder der Volkswirtschaft eingreifen zu können, wie solche mannigfaltige Übung für die verschiedensten Lebenslagen geschickt macht, eine wie große Unabhängigkeit daraus resultiert, dann muß Dir das die Pein versüßen. Du hast ein gutes Beispiel an Haug. Wenn der nur im Polytechnikum und nicht auch in der Werkstätte gebildet wäre, würde es ihm nicht so leicht werden, von Siegburg nach Philadelphia überzusiedeln. Du sollst gewiß nicht das Taglöhnern lernen, sondern nur die Fähigkeit, ein halbes Handtagewerk zu leisten; das macht geschickt, hundert Dinge anzugreifen, denen der beste Federfuchser wie ein Tölpel gegenübersteht ...

3. Oktober 1880.

Laß Dir nur ja recht angelegen sein, K. in jeder Beziehung zu befriedigen und ihn und seine Angehörigen[18] möglichst für Dich einzunehmen. In solchen Verhältnissen mußt Du etwaige Widerwärtigkeiten und Antipathien durch ernsten Willen zu überwinden suchen mit dem Gedanken, daß alles Unangenehme wenigstens ebensoviel subjektiv als objektiv ist. Man kann ja sowenig die Verhältnisse als die Menschen nach +Wunsch+ ändern, sondern muß sie nehmen, wie sie eben sind, und aus allem das Beste zu machen streben ...

Immer in der Gegenwart an alle Möglichkeiten der Zukunft denken, aber doch die Gegenwart und +dreimal+ die Gegenwart warm halten ...

Offenheit und Zutraulichkeit im Verkehr mit K. glaube ich Dir nicht genug empfehlen zu können. Niemals verschlossene Zurückhaltung; die führt zu nichts Gutem; lieber Bruch.

16. Oktober 1880.

Dein Gedanke, eventuell auch Anstreicher und Dekorateur werden zu können, hat mich froh gemacht. Der Reichtum aller Länder entwickelt sich stark und der Amerikas doppelt schnell; das sichert dem dekorativen Bedürfnis eine steigende Zukunft. Die Kunst soll dem Menschen dienen, mithin praktische Verwendung finden. Wenn Du Dich auf solchem gleichsam handwerkmäßigem Wege zum Künstler ausbilden kannst, das wäre ein rechter Weg. Aber nur ja nicht voreilig! Der kaufmännische Weg, auf dem Du gegenwärtig wandelst, gehört mit dazu und würde auch dazu später unberechenbare Vorteile gewähren. Ebenso der Umgang mit der Färberei in K.s Fabrik.

Versäume nichts, wo es etwas zu lernen gibt. Auch den mechanischen, maschinellen Teil betrachte nicht als außerhalb der Sphäre. In der modernen Industrie hängt alles mit den Maschinen zusammen. Denke nicht, ich mute Dir zuviel zu. Nur ein paar Handtäste, eben wissen, wie man eine Sache angreift, ist oft von großem Wert.

Nun möchte ich Dir noch warm empfehlen, unter allen Umständen wahre Bildung, nicht die mit Gänsefüßchen, nicht die »Bildung«, hochzuhalten und besonders in Amerika nicht zu vergessen, daß man schachern soll für das Leben, aber nicht leben für den Schacher. Auch im Urteil gegen und über Deine Umgebung nie hart, sondern stets human zu sein. Um liebenswürdig zu handeln, muß man liebenswürdig denken; Tugenden und Fehler stecken immer ineinander; auch der Bösewicht ist ein guter Kerl, und der Gerechte sündigt des Tages siebenmal.

Mich verfolgt seit früher Jugend ein logisches Problem, »die letzten Fragen alles Wissens«. Das sitzt mir wie ein Stein im Kopf. Wenn im Laufe meiner vergangenen Jahre die Not herantrat, konnte ich es auf ein paar Jahre verlieren; aber nach hergestellter Ordnung der Dinge kam es immer wieder, und immer verstärkter und klarer, so daß mir erst in den letzten Jahren die Überzeugung gewachsen ist, es sei meine Lebensaufgabe, sowohl innerer Seelenfriede wie die sittliche Pflicht fordern Hingabe und Arbeit für dasselbe. Daher kommt es auch, daß ich immer danach strebe, einen Associé zu finden, der mir helfen soll, die ökonomische Bürde zu tragen. Daher meine Unfähigkeit, das Detailgeschäft hier ohne Hilfe zu betreiben. Mein Sinnen geht überall dahin, den Kopf leer zu halten, damit ich dem Problem nachhängen kann. Seit den letzten Jahren bin ich gar übel daran, es steht mit mir auf und geht mit mir schlafen, und die leiblichen Sorgen gestatten mir doch keine Ruhe, um viel daran zu tun.

23. November 1880.

Du hast sicher noch zuviel des verkehrten europäischen Spleens im Kopf. Eugen! Eugen! sei klug! Ich helfe gern, doch hilf Du auch. Verschiedenen Arbeiten einen verschiedenen Rang beilegen und nicht das für das Höchste halten, was just der Zweck erfordert -- ohne weitere Rücksicht --, das ist ein heilloser europäischer Spleen, der noch von der alten Gewohnheit herrührt, das Volk in Herren und Knechte einzuteilen. Ich merke, Du bist unwillig und räsonierst in Dir über Dinge, die doch gar natürlich sind und nicht anders sein können. Daß K. seinen Sohn protegiert und ihm mehr glaubt wie Dir, auch dessen Fehler leichter übersieht wie die Deinigen, ist gar zu natürlich. Du läßt Dich zuviel von Deinen Sympathien und Antipathien mitnehmen. Dem muß man widerstehen. Wenn K.s Sohn auch mürrisch und launisch ist, laß ihn sein; es ist nicht Deine Aufgabe, ihn zu ändern, sondern zu ertragen und das möglichst Beste daraus zu machen.

Du scheinst auch überempfindlich zu sein. Denke doch, daß die Leute uns nichts schuldig sind und es immerhin für den Anfang angenehmer für Dich ist, unter Bekannten als unter Wildfremden zu sein. Ist K. einsilbig und verschlossen, nun, das ist eben seine Weise; die legt er ja nicht an, Dich zu verletzen, und kannst nicht verlangen, daß er sie um Deinetwillen ablegt. Ich weiß, die Amerikaner sind übermäßig von sich eingenommen und sehen auf Europa und speziell auf die Deutschen übermütig herab. Das kränkt anfangs, aber Du mußt überwinden und das Heilmittel in Dir, nicht an anderen suchen. Stolz und selbstbewußt, das ist recht und dabei doch zart sein. Dir selber nichts vergeben und anderen alles.

Das kleine mobile Vermögen, das ich noch besitze, sind Blutstropfen, die wohl müssen zu Rat gehalten werden. Wenn Du von K. aufbrichst, darf es nicht im Trotz geschehen; nicht Dich überwerfen mit K., kein unartiges Wort: ~suaviter in modo, fortiter in re~! Wenn Du so handelst, bin ich bei Dir bis zum letzten Cent. Aber nur nicht rappelig! Versuch es noch ernstlicher mit dem jungen K. als bisher. Nimm Dir vor, durch ein hartes Wort Dich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Ist er unartig, die Unartigkeit fällt auf ihn zurück -- sei Du deshalb doppelt artiger. Zeige Dich immer unabhängig, dabei nie beleidigt; Du mußt Deinen Stolz demütigen um der Sache willen, und ihn doch behalten und ihn gebrauchen, +wenn Du die Macht hast+; aber nie etwas wollen, was man nicht kann. Das Recht ist nur ein Begriff, aber das Faktum die Wahrheit -- also immer nach dem Faktischen handeln, nie nach Gefühlen und Reizbarkeiten. Sprich Dich mit K. aus. Sage ihm alles, was Du auf dem Herzen hast, mit Abwälzung alles Kleinlichen. Strebe unabhängig und selbständig nach Deinem Zweck, welcher vorerst nur dahin geht, eine Stellung zu haben, worin Du 6 oder 8 Dollar wöchentlich verdienst; kannst Du das nicht beim jetzigen Prinzipal, bei K. erreichen, dann gebe Dir wohl den Anschein der Geduld, aber strebe ungeduldig danach, anderweitig Dein Heil zu versuchen, und benachrichtige mich zur rechten Zeit, daß ich Dir Geld schicke.

5. Februar 1881.

Bemühe Dich nur, Deinen Prinzipalen gegenüber und bei Deinen Mitgehilfen alle etwaigen Antipathien zu überwinden. Lasse Dir angelegen sein, nicht nur durch Leistungen, sondern auch durch artige Worte Dich festzusetzen in Deiner Stellung. Wenn letzteres zu guten Leistungen hinzukommt, ist es ungemein wirksam. Wenn Du nach höherem Lohn strebst, so tue das nur, insofern alle anderen Verhältnisse zusagen, mit der größten Delikatesse. Wenn Du die deutsche Demut mit der amerikanischen Independenz in geschickter Weise zu verbinden weißt, das macht den Kapitalkerl!

Ein ordentliches Salär ist eine schöne Sache, jedoch rate ich, lasse Dir noch mehr angelegen sein, in das Geschäft, das Du da gefunden, nun auch richtig hineinzukommen: vom Verkäufer im Innern auch zum Verkäufer nach außen zu gelangen, Waren, Kundschaft und Buchführung kennen zu lernen. Aber Eile mit Weile!

30. März 1881.

... Mit dem Gedanken, daß der erste Verkäufer nicht mehr versteht und tut wie Du und doch ein vierfaches Salär erhält, darfst Du Dir Deine Stellung nicht verleiden lassen. Wie mancher Sekondeleutnant ist ein ebenso tüchtiger und noch viel kapablerer Militär wie der General, und muß doch seine Zeit abwarten. Wenn auch noch etwas Geld draufgeht, laß Dich nicht kümmern, der sichere Gang ist der vorzüglichere. Du solltest der Prinzipalität in Bescheidenheit die Vorstellung machen, daß Du Dir gerne gerade bei ihr eine Zukunft erarbeiten möchtest, daß sie Dir aber wenigstens genug zahlen möchte für Dein notdürftiges Auskommen, denn es sei Dir peinlich, jetzt noch um Geld nach Hause zu schreiben, und Deine Kasse sei zur Neige. Wenn Du es dann bis zu 15 Dollar wöchentlich gebracht hast und findest die Vorrückung zu langsam, so wirst Du leichter bei irgendeinem Konkurrenten der Firma ankommen. Das längere Fungieren aber scheint mir erste Bedingung. Bist Du einmal außer Stellung, so ist es zehnfach schwerer ankommen.

25. April 1881.

... Das Schwerste ist jetzt überwunden. Nach drei Monaten trägst Du nochmals auf Gehaltserhöhung an, und schon nach zwei, wenn Du fühlst, daß Du an Fähigkeiten und Leistungen Fortschritte machst, würde ich die Prinzipale in bescheidenster Weise bitten, Dein ernstes Streben mit ein paar Dollars wöchentlich zu encouragieren. Aber es so machen wie diesmal, mußt Du künftig vermeiden. Ich merke schon, Du hast von mir geerbt; mir wird es auch schwer, den Stolz zu beugen und mit guten Worten und Bitten das zu erbetteln, was ich für mein Recht halte. Aber der richtige, der erfolgreiche Weg ist es nicht, wenn man -- so wie Du getan -- und ich habe es auch schon mehr so gemacht -- dem guten Freunde die Pistole auf die Brust setzt. Nimm Dir ernstlich vor, solche delikate Fragen nächstens weniger ernst und dringlich, sondern mit lächelnder Lippe und jüdischer Zähigkeit zum Austrag zu bringen.

15. Juli 1881.

Strebe möglichst mit Behaglichkeit. Ein beruhigtes, wenn auch frugales Unterkommen, welches Interesse für alles Schöne, Wahre und Gute übrig läßt, ist jeder auch noch so fruchtbaren Jagd nach Geld und Gut vorzuziehen. Ich hoffe wohl und freue mich, wenn das amerikanische Klima Dich so weit ansteckt, daß Du erwerbslustig und -fähig wirst, weil das Erwerben das ~Sine qua non~ von allem ist; aber ich hoffe, daß Du Dein besseres Sein darin nicht aufgehen läßt.

3. August 1881.

Du mußt vor allem streben, Dich und Deine subjektiven Anschauungen beherrschen zu lernen und Deiner Zukunft oder Vernunft -- wie man es nennen will -- die momentanen Gefühle zu opfern. Die Klugheit erfordert durchaus, sich der Kunst zu bemeistern, allen Persönlichkeiten, auf deren Umgang Du angewiesen bist, liebenswürdig zu erscheinen, ohne deshalb auf den eigenen Charakter und die eigenen Rechte zu verzichten. Dabei halte immer fest, daß ein Recht, wozu die Macht fehlt, Dich in Besitz zu setzen, nur ein ideales Recht ist, dem die »Wirklichkeit« fehlt, das man also nicht hat oder doch nur im Kopfe hat, aber erst durch zweckmäßige Handlung verwirklichen kann.

Deine Gedanken hängen wohl immer noch mehr und lieber an der Vergangenheit wie an der Zukunft? Das kommt aber daher, daß Du in der Heimat ganz und gar ein nur ideales Leben geführt hast. Du hast die Menschen und Verhältnisse hier nur von der schönen, gemütlichen Seite gesehen.

Ich würde bedauern, wenn es anders wäre, aber auch wenn Du den Revers zu spät sähest. Was in Amerika so offen zutage liegt: der abgöttische Tanz um das eigene Ich, das ist hier noch mehr verbrämt mit Sitten und Phrasen, mit Überbleibseln der Vergangenheit. Aber unter der Maske der Verwandtschaft, Freundschaft, der Lieb und Treu kommt doch auch hier immer nackter und nackter das wahre Gesicht des Eigennutzes zum Vorschein. Die Bande der Familie, der Freundschaft und Liebe werden täglich mehr zu losen Bändchen, zu Flitter an der Frage nach »barer Zahlung«. Ich bin kein Pessimist. Die bösen Erfahrungen, die ich mit Geschwistern, Verwandten und Freunden gemacht, haben mir nie die Liebe rauben können, -- aber nur darum nicht, weil ich weiß, daß es so kommen muß, daß die einzelnen Menschen keine Schuld tragen, sondern nur die bösen Verhältnisse, daß nur die kapitalistische Produktion das Gift bringt. Darum ist denn auch mein Haß nicht gegen die Eigennützigen gerichtet, sondern gegen den Eigennutz; darum erwarte ich keine Besserung von der Moralpredigt, sondern von der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse. Der handgreifliche, fortwährende Aufschwung der Produktion erlöst die Menschen von der Armut, von der Erbsünde und vom Teufel.

17. September 1881.

... Was Dich für das Geschäft (in dem Du jetzt arbeitest: Instrumente für Ingenieure und Architekten) schätzenswert macht, sind besonders -- denke ich -- die guten Vorkenntnisse, welche Dich befähigen, leichter mit den mathematischen Instrumenten Dich bekannt zu machen; und ohne eingehende Bekanntschaft mit dem Gebrauch und Zweck der Dinge kann man unmöglich ein +guter+ Verkäufer werden. Ich erinnere mich aus meinem früheren Geschäft in Winterscheid, daß die Reisenden kamen und Kaffee verkauften. Wenn ich dann fragte, wo der Kaffee herkommt, dann wußten sie nur, daß er in Amsterdam gekauft war und Cheribon, Java und Menado genannt wurde; aber wie die Holländer dazu gekommen, ob er privatim aufgekauft wurde an den Produktionsplätzen, oder ob es eine Aktiengesellschaft sei, welche die Auktionen in Holland veranstaltete, oder ob die Sache Regierungsangelegenheit, davon wußten die Pomadenhengste nie etwas. Und ich habe mich damals schon sehr über solche Unwissenheit mokiert, da sich die Leute doch gerade diese und keine andere Sache zum Geschäft machten. Möchte Dir deshalb anraten, Dich eingehend nach dem Gebrauch, nach Herkommen, Geschichte und allem, was Du über Deine Geschäftsartikel erfahren kannst, angelegentlichst zu erkundigen. Nur wenn man etwas weiß, kann man auch etwas sprechen, das nicht fade und trivial ist ...

22. September 1881.

So angenehm, wie unter guten Umständen das Leben in einem kleinen deutschen Landstädtchen ist, so heillos verpestet ist die Luft darin, wenn der »Kampf ums Dasein« gefordert wird.