Jenny

Part 24

Chapter 243,944 wordsPublic domain

Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir sind; jedenfalls sehne +ich+ mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter zeigen -- sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.

Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin -- unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb gehabt habe.

Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß Du es mir so herzlich gönnst.

Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!

Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen Freundin

Cesca.

~PS.~ Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte übrigens von ihm grüßen.“

Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.

„Ich +bin+ froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen, den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit -- wenn es auch das Einzige ist.“

* * * * *

Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den Petersplatz, der Kirche zu.

Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.

Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln und abzutropfen.

Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des Säulenganges.

„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und alltäglich. „Willst du mich heiraten?“

„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.

„Es ist mein Ernst.“

„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“

„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“

„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. „Sondern ich habe -- dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir zu helfen -- natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist plötzlich klar geworden -- wenn es mit dir ein böses Ende nähme -- ich weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen -- weil ich dir so gut bin, verstehst du?“

„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm auf.

„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es so sicher -- weil ich dich so lieb habe!“

„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“

„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese -- Geschichtchen erleben würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe --.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“

Sie stand stumm und still.

„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein -- in dies oder jenes an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte -- das unbewußt Raffinierte an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. -- Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“

Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:

„Verstehst du mich, Jenny -- ich liebe dich so, daß ich finde, alles andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde -- es schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.

Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. -- Jetzt ist mir, als sei es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf der Landstraße, als du dastandst und weintest -- auch das gehört mit dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, Jenny, auch der Vater des Knaben -- o ich weiß, wie es gewesen ist. Du hattest mit ihnen geredet und geredet -- über all deine Gedanken, und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in Warnemünde sagtest, und auch heute, das -- du weißt, daß du darüber nur mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen kann. Ist es nicht so?“

Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.

„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst -- ich würde glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im Rinnstein fände -- du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst du? Kannst du nicht mein werden -- nur mir gehören, dich in meine Arme legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund und glücklich werden. -- Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? -- Ach, laß mich dich mein nennen -- ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, wir Beide können gar nicht ohne einander leben. -- Hörst du mich, Jenny -- du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund -- ach, ich weiß, daß ich es kann.“

Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:

„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen können.“

„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen umsponnen warst.“

Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:

„Tu es nicht, Gunnar -- sei lieb.“

Er ließ sie zögernd fahren:

„Warum darf ich es nicht tun?“

„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig gewesen wäre -- dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten mögen.“

Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und ab gingen.

„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn -- nach all dem Sinnlosen. Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest überflüssig.“

Jenny nickte:

„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber +ich+ vermag ihnen weder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft -- es wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man dabei empfindet, ist ja die eigene -- und die kann man mit niemanden teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was ich wirklich war. -- Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich war. -- Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“

„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich glücklich gemacht.“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan -- dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch -- eines Tages wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur unglücklich.“

„Wie es auch endet -- niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du stürzest -- in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu lieben.“

* * * * *

Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre Hände:

„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist -- und wenn du morgen so erwachtest?“

Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der Wachskerze:

„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“

„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht -- ich täte damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn -- du mein würdest. Wirst du böse -- wirst du traurig, wenn ich komme?“

„Ich glaube, ich würde traurig werden -- hinterher. Deinetwegen. -- Ach nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte --“

Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:

„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest -- ich kann warten. -- Aber riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.

XI.

Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.

Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. Es war nichts daraus geworden -- sie hatte nur auf der großen Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen Grase leuchteten.

Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit Kalkstaub gepudert.

Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit einem wandernden Mosaikkrämer.

Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.

Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im Arme trug sie ein kleines Kind.

Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen war krank.

Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.

Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich und zahnlos.

Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.

Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. Es war Helge Gram.

Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren Körper raste.

Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.

Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen -- aber sie wartete, noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.

Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er ihr hier begegnen könnte.

Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.

Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, wurde sie ruhiger.

+Wenn+ sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es natürlich peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten vermeiden. Aber wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine so sinnlose Furcht zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; für das, was geschehen war, nachdem sie auseinander gegangen waren, hatte er sie nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam ihm kein Recht dafür zu. Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, sie wußte ja selbst, was sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft ablegen müssen -- was war alles andere dagegen!

Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.

Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.

Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach halblaut mit sich selbst.

Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.

Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach hinaus, aber auch dort war niemand.

Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.

Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch Gunnar käme und nur der andere nicht! -- Aber er wußte ja nicht, wo sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach Gunnar, Gunnar, komm!

Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn bitten, sie hinzunehmen.

Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, was sie abzulehnen sich einbildete. -- Und sie sah sich wieder, wie sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen --.

Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. Der Sohn und der Vater --. Und was nachfolgte -- ihr eigenes inneres Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie löste sich innerlich auf.